Alois Brunner
Beitræge
Context XXI, Heft 6-7/2004

„Brecht mit eurem Vater“

Bruch und falsche Versöhnung in der postnazistischen Familie
Oktober
2004

Es ist eine Hommage an einen der außergewöhnlichsten Nachkommen eines deutschen NS-Verbrechers: Hinter dem realen Vorbild Konrad Sachs, eine der zentralen Figuren in Robert Schindels Roman Gebürtig, verbirgt sich niemand anderer als Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, (...)

Context XXI, Heft 6-7/2004

Brief an Claudia Brunner

Oktober
2004

Liebe Claudia Brunner, Vor etwas mehr als einem Jahr sind wir uns bei der psychoanalytischen Großgruppe begegnet. Woche für Woche sind wir abends im grünen Haus gesessen, ein halbes Jahr lang, ich an der Seite mit möglichst viel Distanz zum Gruppengeschehen, Du fast immer mittendrin. Irgendwann (...)

Alois Brunner (* 8. April 1912 in Nádkút, Komitat Vas, Ungarn, Österreich-Ungarn; † zwischen 2001 und 2010 in Damaskus, Syrien[1][2]) war ein österreichischer SS-Hauptsturmführer. Er war einer der wichtigsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns bei der Vernichtung der europäischen Juden, im NS-JargonEndlösung der Judenfrage“. Als Leiter von zu diesem Zweck eingesetzten SS-Sonderkommandos war Brunner zwischen 1939 und 1945 mitverantwortlich für die Deportation von 128.500 Juden aus Wien, Berlin, Griechenland, Frankreich und der Slowakei in die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager.[3] In der Literatur wird für ihn mitunter die Kurzbezeichnung Brunner I verwendet, in Abgrenzung zu Anton Brunner (Brunner II).

Nach Kriegsende lebte Brunner bis 1954 unter falschem Namen in Deutschland. Von französischen Militärgerichten wurde er 1954 in Abwesenheit zweimal zum Tode verurteilt. Kurz vor seiner Enttarnung setzte er sich mit Hilfe von anderen nach Damaskus ab, wo er bis zu seinem Tod lebte. Syriens Regierung hat seinen Aufenthalt gedeckt, aber stets dementiert. Vor einem deutschen Gericht hat sich Brunner nie verantworten müssen. Immer wieder gab es Hinweise darauf, deutsche Geheimdienste würden ihn schützen. 2001 wurde er in Frankreich erneut zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, und 2007 wurden in Österreich für Hinweise zu seiner Ausforschung und Ergreifung 50.000 Euro Belohnung ausgesetzt.

Bei zwei Briefbombenanschlägen 1961 und 1980 verlor er ein Auge und einige Finger. In Interviews Mitte der 1980er Jahre erging sich Brunner in antisemitischen Hasstiraden und gab sich stolz auf seine Taten. Gerüchte verlauteten seinen Tod mehrmals in den 1990ern; im Gegensatz dazu wurde noch 2001 eine Sichtung kolportiert. Spätere Berichte beriefen sich auf Zeugenaussagen, wonach Brunner 2001 oder aber 2009/2010 gestorben sei. Genaue Informationen zu seinem Tod liegen bislang nicht vor. Das Bundesamt für Verfassungsschutz datiert seinen Tod auf das Jahr 2010. Im Februar 2021 wurde Brunner vom österreichischen Bezirksgericht Döbling für tot erklärt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugendjahre und NS-Tätigkeit bis 1938[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brunner wurde in Deutsch-Westungarn als Sohn des Bauern Josef Brunner geboren. Von 1918 bis 1927 besuchte er die Volks- und die Bürgerschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre in Fürstenfeld. Zum 29. Mai 1931 trat der damals 19-Jährige in Fürstenfeld in die NSDAP (Mitgliedsnummer 510.064)[4][5] und etwa ein halbes Jahr später auch in die SA ein. Sein Eintritt in die SA kostete ihn, wie er später in einem Lebenslauf angab, 1932 seine Stelle beim Kaufmann in Fürstenfeld. Nachdem er 1932 in Graz einen dreimonatigen privaten „Kriminalkurs“ besucht hatte, war er ab Anfang 1933 zwei Monate lang Bezirksstellenleiter eines Grazer Darlehensverbandes in Hartberg, danach von Mai bis September 1933 Pächter des Hartberger „Kaffeerestaurants Wien“, wobei seinen Angaben zufolge das väterliche Erbteil und damit sein „gesamtes Vermögen […] verloren“ ging.[6]

Im September 1933 reiste Brunner ins Deutsche Reich aus und meldete sich dort bei der Österreichischen Legion.[6] Als Grund für seine Ausreise aus Österreich gab er 1938 in einem NS-Personalfragebogen an, dass er auf Befehl seines Kreisleiters gehandelt habe, da er in der Schweiz einen Posten habe antreten wollen.[7] Bis Juni 1938 blieb er bei der Österreichischen Legion und brachte es in dieser Zeit zum SA-Obertruppführer (vergleichbar dem Rang eines Oberfeldwebels in der Wehrmacht) im Nachrichtensturmbann. Nach dem Anschluss 1938 kehrte er nach Österreich zurück und war im Sommer 1938 für kurze Zeit Außenstellenleiter der Kreisbauernschaften Eisenstadt und Oberpullendorf beim Reichsnährstand in Eisenstadt. Vermutlich auch angesichts des schwindenden Einflusses der SA gegenüber der SS trat er zum 15. November 1938, wie er in seinem Lebenslauf angab, „freiwillig“ der SS bei.[6](SS-Nummer 342.767).[8]

Im Eichmannreferat (1938–1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt, wo er die Sekretärin Anna Röder kennenlernte, die er 1942 heiratete.[9] Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren.

Von Oktober 1942 bis Jänner 1943 arbeitete er im Berliner Eichmannreferat und sorgte für die Deportation von 56.000 Berliner Juden.

Im Februar 1943 wurden er, Dieter Wisliceny und Alfred Slawik versetzt. Von Eichmann in das nach dem Balkanfeldzug (1941) besetzte Griechenland geschickt, organisierten sie als Mitglieder des „Sonderkommandos der Sicherheitspolizei für Judenangelegenheiten Saloniki-Ägäis“ den Transport von 50.000 Juden aus Saloniki in die Todeslager.

Neben seiner Menschenjagd fand er immer wieder Zeit, sich an dem Hab und Gut der Verfolgten zu bereichern. Der systematische Raub von Wohnungen, Möbeln und Kunstwerken begleitete sein Wirken vom Anfang bis zum Ende. Schon 1938 zog er mit seiner Verlobten in eine beschlagnahmte Villa im Wiener Nobelbezirk Döbling.

Sein nächster Einsatz erfolgte in Paris: Im Juli 1943 wurde er Leiter eines Sonderkommandos der Gestapo im Durchgangs- und Sammellager Drancy. 22 Transporte jüdischer Menschen gingen unter Brunners Kommando nach Auschwitz. In Verhören neuer Ankömmlinge erfuhr er die Namen von weiteren Verwandten der Opfer und ließ ganze Familien verhaften. Er war der Hauptverantwortliche der SS und organisierte den „Nachschub“ für die Vernichtungslager. Brunner leitete die Jagdkommandos, die versteckt lebende Juden aufspürten.

Mit Unterstützung des Vichy-Regimes setzte Brunner im Herbst 1943 seine systematische Verfolgung von Juden im unbesetzten Südfrankreich fort. Pro Jude waren 1000 Franc Belohnung ausgesetzt. Hier war unter anderem auch „Judensachbearbeiter“ und SS-Obersturmführer Heinz Röthke beteiligt. Die Verhaftungen fanden meistens nachts statt, Folter diente zur Erpressung weiterer Namen.

Während die Wehrmacht bereits auf ihrem Rückzug aus Frankreich war, ließ Brunner in der Zeit vom 20. bis 24. Juli 1944 noch 1327 jüdische Kinder in Paris verhaften und deportieren.

Als Brunner am 17. August 1944, eine Woche vor der Befreiung von Paris, im letzten Zug aus dem Durchgangslager Drancy mit einundfünfzig deportierten Personen, darunter Georges André Kohn,[10] (Gedenkstätte Bullenhuser Damm) sowie weiterem deutschen Militärpersonal Frankreich verließ, war beabsichtigt, die Deportierten als potenzielle Geiseln zu verwenden.[11][12][13]

Brunner hatte 23.500 Juden jeglichen Alters aus Frankreich in die Todeslager verschleppen lassen. Von September 1944 bis Februar 1945 sorgte er für die Zerschlagung der jüdischen Untergrundbewegung in der Slowakei und leitete das KZ Sereď, von wo aus er 12.000 Menschen zur Vernichtung nach Auschwitz deportieren ließ.

Außerdem wird vermutet, dass Brunner persönlich Siegmund Bosel während eines Häftlingstransports nach Riga erschossen hat.

Tätigkeit nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Frühjahr 1945 traf sich Brunner ein letztes Mal mit Eichmann und dessen verbliebenen Mitarbeitern in Altaussee. Danach versteckte er sich zeitweise in Lembach im Mühlkreis und geriet dann kurzzeitig in Linz in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.[14] Brunner flüchtete dann von Linz nach München und arbeitete unter falschem Namen als LKW-Fahrer für die US-Besatzungstruppen. Im Dezember 1945 brachte Brunners Ehefrau die gemeinsame Tochter zur Welt.[15]

Ab 1947 arbeitete Brunner in der Zeche Carl Funke in Essen. Als er zum Betriebsrat gewählt werden sollte, drohte seine Identität aufzufliegen. Trotzdem lebte Alois Brunner als „Alois Schmaldienst“ bis 1954 in Essen und war sogar polizeilich gemeldet. Ein Verfahren „wegen falscher Namensführung“ wurde angestrengt.

Nachdem er 1954 von Gerichten in Marseille und Paris wegen seiner Kriegsverbrechen gegen die Résistance[16][17] in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, musste er Europa verlassen.[18]

Der prominenteste Fluchthelfer Brunners war Reinhard Gehlen, Chef der Organisation Gehlen und ab 1956 erster Präsident des BND. Auch der Bundestagsabgeordnete der CDU Rudolf Vogel soll ein Fluchthelfer gewesen sein, was dieser jedoch abstritt.[19] Ein weiterer Fluchthelfer war Georg Fischer, Leibwächter Konrad Adenauers. Mit dessen Pass gelangte er im Frühling 1954 nach Syrien, wo er fortan als Dr. Georg Fischer lebte. Brunner arbeitete dort für den BND als „Experte“ für die Region Naher Osten.[20]

Alois Brunner arbeitete in Syrien kurze Zeit als Vertreter für die Dortmunder Actien-Brauerei. Zudem war er für das Pharmaunternehmen Thameco und Spirituosen-Hersteller Mampe tätig.[21] Brunner hatte enge geschäftliche Kontakte mit Franz Rademacher, dem ehemaligen „Judenreferenten“ des Auswärtigen Amtes.[22] Ebenso war er ein Bekannter des nach Syrien geflüchteten „EuthanasiearztesEmil Gelny.

Nach Erkenntnissen von Simon Wiesenthal arbeitete Brunner eng mit dem syrischen Geheimdienst Muchabarat zusammen und genoss dort mindestens zeitweise auch Personenschutz.[23] Als Leiter einer Import-Export-Firma in Syrien versorgte er zudem arabische Länder mit Waffen und Militärgerät.[17]

Während des Eichmann-Prozesses 1961 in Israel bot Brunner Eichmanns Anwalt Robert Servatius in einem Brief nach Deutschland seine Hilfe an: „Ich würde mich freuen, wenn ich dazu beitragen könnte, die einseitigen Belastungen seiner Gegner zu entwerten.“ Servatius schickte einen Vertrauten zu Brunner, ließ dessen Zeugenaussage im Prozess aber ungenutzt.[22]

1961 verübte der französische Geheimdienst SDECE einen Anschlag auf Brunner. Grund dafür waren seine Waffendeals mit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN, die sich im Kampf gegen die französische Kolonialherrschaft befand. Aufmerksam auf ihn wurde der Geheimdienst, weil Anfang der 1960er Jahre bekannt geworden war, dass Brunner die Entführung eines jüdischen Prominenten plane, um ihn gegen Eichmann auszutauschen. Der deutsche Verfassungsschutz notierte hingegen, dass derartige Pläne „nicht bekannt geworden“ seien.[17][24]

Auf Alois Brunner wurden zudem zwei Briefbombenanschläge verübt. Der erste Anschlag im Jahr 1961 kostete ihn ein Auge. Im Juli 1980 erhielt Alois Brunner alias Georg Fischer in Damaskus Post vom „Verein Freunde der Heilkräuter“ aus Österreich: Die Briefbombe zerfetzte ihm vier Finger der linken Hand. Den Anschlägen folgten keine Bekennerschreiben. 2017 wurden in Israel Dokumente veröffentlicht, die Agenten des Mossad als Absender belegen.[25]

Vorgetragene Erkundigungen der österreichischen Regierung nach Brunner in den 1970er Jahren wurden von den Behörden damit abgetan, der Gesuchte sei nicht in Syrien gewesen. In Wirklichkeit lebte „Dr. Georg Fischer“ unbehelligt in Damaskus. Er lebte so wenig geheim, dass es ohne Weiteres möglich war, ihn telefonisch – auch aus dem Ausland – zu erreichen.

Laut den Akten des Verfassungsschutzes traf Brunner Eichmann noch Ende 1959 in Kuwait, um Waffengeschäfte zu besprechen. Zudem hatte er laut diesen Akten über viele Jahre – vom Ende der 50er Jahre bis mindestens 1984 – auch Kontakt zu dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier und Rechtsextremisten Otto Ernst Remer und traf Ende 1988 in Damaskus den österreichischen Neonazi und Holocaustleugner Gerd Honsik, um mit ihm über dessen Buch „Freispruch für Adolf Hitler“ zu sprechen.[24]

Am 10. Oktober 1985 gab Fischer, alias Brunner, der Zeitschrift Bunte ein Interview, in dem er betonte: „Israel wird mich nie bekommen.“ Das Interview strotzte derart vor mordwütigen antisemitischen Ausfällen, dass die Zeitschrift es nur in Teilen veröffentlichte. Der Journalist, der Brunner interviewt hatte, berichtete einige Jahre später, Brunner sei immer noch stolz auf seine Beteiligung gewesen, dieses – so wörtlich – „Dreckszeug“ wegzuschaffen. Damit meinte er die Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.

1987 führte der Krone-Journalist Kurt Seinitz in Damaskus ein Interview mit Brunner, in dem dieser verkündete: „Seien Sie froh, dass ich das schöne Wien für Sie judenfrei gemacht habe.“[26] Seinitz berichtete, Brunner sei der widerwärtigste Mensch, der ihm je untergekommen sei.[23]

1992 forderte das Bundeskriminalamt von dem Journalisten, der Alois Brunner 1985 interviewt hatte, die Fotos und kam nach langer Zeit zu dem Ergebnis, dass es sich „vermutlich um Aufnahmen von Alois Brunner handelt“. Mehrere Auslieferungsanträge Deutschlands und anderer Staaten sowie ein Interpol-Haftbefehl und Aktivitäten des Simon Wiesenthal Centers blieben erfolglos.

Aus dem Jahr 1993 ist ein weiterer Kontakt zu Brunner überliefert. Er wurde von Touristen in einem Café erkannt, stellte sich mit seinem alten Namen vor und plauderte angeregt. Danach ging er mit seinem Schäferhund und fuhr in sein neues Domizil, ein Gästehaus Hafiz al-Assads in den Bergen nahe Damaskus. 1995 wurde von deutschen Staatsanwälten eine Belohnungssumme von 333.000 US-Dollar für Informationen zur Ergreifung Brunners ausgesetzt.

Im Dezember 1999 kamen Gerüchte auf, Brunner sei seit 1996 verstorben. Dagegen gaben deutsche Journalisten an, sie hätten Brunner lebend im Meridian-Hotel in Damaskus angetroffen, wo er nunmehr ansässig sei. Am 2. März 2001 wurde Brunner von einem französischen Gericht in Abwesenheit wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Die österreichische Justizministerin Maria Berger setzte 2007 erstmals in Österreich eine Belohnung von 50.000 Euro für Hinweise aus, die zur Ausforschung, Ergreifung und Verurteilung Brunners führen.[27] Gegen Brunner besteht ein Haftbefehl des Landesgerichts für Strafsachen Wien.

Nachdem sich über Jahre der Verdacht hielt, Brunner sei BND-Resident[28] in Damaskus gewesen, fand die BND-interne Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“ 2011 heraus, dass in den Jahren 1996 und 2007 insgesamt 253 Personalakten vernichtet worden waren.[29]

Im August 2011 wurde aus Stasi-Akten bekannt, dass die DDR und Syrien auf Initiative von Beate und Serge Klarsfeld Ende der 1980er Jahre über eine Auslieferung Brunners an die DDR verhandelt hatten.[30] Wie wahrscheinlich damals eine Auslieferung war und wie ernsthaft die DDR dies verfolgte, wird noch kontrovers diskutiert.[31]

Einer APA-Meldung vom 30. November 2014 zufolge soll Brunner nach Angaben des Simon Wiesenthal Centers im Jahr 2009 oder 2010 in Damaskus gestorben sein.[2] Das österreichische Justizministerium beließ Brunner allerdings vorerst weiterhin auf der 2007 erstellten Liste von Personen, für die eine Belohnung von 50.000 Euro für zur Ergreifung führende Hinweise ausgelobt wurde.[32]

Nach einem Bericht des französischen Magazins XXI von Januar 2017, der auf Berichten von syrischen Geheimdienstmitarbeitern beruht, soll Brunner ab 1989 unter hausarrestähnlichen Bedingungen im Diplomatenviertel von Damaskus gelebt haben. Ende der 1990er Jahre sei er aus „Sicherheitsgründen“ in einen Kellerraum des Hauses umgezogen, den er dann nicht mehr verlassen habe. Dem Bericht zufolge soll Brunner 2001 gestorben und heimlich nach muslimischer Sitte auf dem Friedhof Al Affif beigesetzt worden sein. Von Serge Klarsfeld wurde der Bericht als sehr glaubhaft eingestuft.[1]

Mitte Juli 2022 wurde der gegen Brunner vorliegende Haftbefehl des Amtsgerichts Köln aufgehoben und damit Verfahren und Fahndung eingestellt. Grundlage dafür ist, dass Brunner inzwischen juristisch als tot gilt, da er, wenn er noch leben würde, 110 Jahre alt wäre.[33] Das Gericht übernimmt damit die Sichtweise, dass Brunner in Syrien verstorben ist.

Akteneinsichtsverweigerung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 2012 beantragte ein deutscher Journalist Einsichtnahme in die beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) vorhandenen Akten über Brunner. Erst nach einer Untätigkeitsklage beschied das BfV den Antrag ablehnend mit der Begründung, nur über Unterlagen aus der Zeit nach 1984 zu verfügen, die damit der archivrechtlichen Schutzfrist von 30 Jahren unterlägen. Das Verwaltungsgericht Köln verurteilte am 25. Juli 2013 das BfV zur Neubescheidung des Antrags, weil über eine mögliche Verkürzung der Schutzfrist eine Ermessensentscheidung zu treffen sei. Der vom BfV gegen das erstinstanzliche Urteil beantragten Zulassung der Berufung wurde am 10. Oktober 2017 vom Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen stattgegeben, der Berufung mit Urteil vom 5. Juli 2018[34] aber nur teilweise. Eine Ermessensentscheidung sei nur über die Einsicht in Unterlagen, die vor mehr als 30 Jahren zu den Akten gelangten, zulässig und erforderlich. Entgegen der Auffassung des BfV entschied das Berufungsgericht, eine Unterlage sei das einzelne, in einer Akte enthaltene Dokument bzw. Schriftstück und ein Vorgang im Geschäftsbereich des BfV eine Teileinheit der Gesamtakte, nicht die Gesamtakte als Ganzes. Die zugelassene Revision legte das BfV ein.[35] Der damalige BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen (CDU) drohte damit, ggf. auf die Änderung des Bundesarchivgesetzes hinwirken zu wollen: „Wenn das Urteil vom OVG Münster in Sachen Brunner vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt wird, werden wir dafür sorgen, dass das (Bundesarchiv-)gesetz geändert wird.“ Abgeordnete von SPD und FDP kritisierten, Maaßen gehe respektlos mit Pressefreiheit und Justiz um. Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Rabanus, erklärte: „Das Bundesamt für den Verfassungsschutz muss unsere Demokratie schützen, nicht Nazis.“[36]

Im Juli 2018 forderten auch Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und das Internationale Auschwitz Komitee die Offenlegung aller Akten zum NS-Kriegsverbrecher Alois Brunner in Deutschland.[37] Im Dezember 2019 verwarf das Bundesverwaltungsgericht die Revision und bestätigte die Auffassung des Oberverwaltungsgerichtes.[38]

Im April 2022 wurde einer Anfrage nach dem BArchG stattgegeben und die Dokumente vom BfV herausgegeben.[24][39]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentarfilme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Akte B. – Alois Brunner: Die Geschichte eines Massenmörders (1998)[40]
  • Nazis im BND – Neuer Dienst und alte Kameraden; Film von Christine Rütten, 2013
  • Alois Brunner, le bourreau de Drancy; ein Dokumentarfilm von Philippe Tourancheau – Frankreich, 2018, Éclectic Production, mit Unterstützung der Fondation pour la Mémoire de la Shoah.[41]
  • Doku zur Serie: Alte Freunde, neue Feinde – Deutschland 2023, WDR (Online bei DasErste.de, Video verfügbar bis 17. Januar 2024)

Spielfilme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Radio[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Bericht über Eichmann-Gehilfen: NS-Verbrecher Brunner starb 2001 in Syrien (Memento vom 20. Juli 2017 im Internet Archive)
  2. a b Österreichischer Nationalsozialist Brunner offenbar 2009 gestorben. In: Der Standard, 30. November 2014.
  3. SS-Hauptsturmführer Brunner starb offenbar 2001 in Damaskus In: Neue Zürcher Zeitung, 11. Januar 2017.
  4. Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/4790161
  5. Die Akte Alois Brunner, ISBN 978-3-499-61316-6
  6. a b c Alle Angaben nach einem handgeschriebenen Lebenslauf Alois Brunners, der dem entsprechenden Akt des Berlin Document Center beigelegt ist. Hier zitiert nach Safrian (1997), S. 53f.
  7. NSDAP-Personalfragebogen, dat. 29. Juni 1938; Personalakte Nr. 340.051 des NSDAP-Gaues Wien. Angaben nach Safrian (1997), S. 54. – Den eigentlichen Grund für die Ausreise ins Deutsche Reich erläuterte er jedoch nicht.
  8. Bundesarchiv R 9361-III/519265
  9. Die Akte B. – Alois Brunner: Die Geschichte eines Massenmörders (1998)
  10. Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V., abgerufen am 20. Januar 2022
  11. The Holocaust, the French, and the Jews by Susan Zuccotti Publisher: University of Nebraska Press; (April 1, 1999) English ISBN 978-0-465-03034-7
  12. The Holocaust encyclopedia By Walter Laqueur, Judith Tydor Baumel Publisher: Yale University Press; First edition first printing. edition (March 1, 2001) English ISBN 978-0-300-08432-0
  13. Swastika over Paris by Jeremy Josephs Publisher: Little Brown & Co (T); 1st U. S. Edition. edition (December 1989) English ISBN 978-0-7475-0335-4
  14. Eintrag zu Brunner auf tenhumbergreinhard.de
  15. Die Akte B. – Alois Brunner: Die Geschichte eines Massenmörders (1998)
  16. Frankreich: SS-Führer Brunner verurteilt. In: FAZ.net. 2. März 2001, abgerufen am 19. Juni 2021.
  17. a b c Bernhard Schmid: Totgesagte leben sicher Abgerufen am 30. November 2022
  18. Oliver Das Gupta: Nazi-Verbrecher: Das elende Ende des Alois Brunner. Abgerufen am 19. Juni 2021.
  19. Michael Martens: Kein Nazi-Preis mehr. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. Februar 2013, abgerufen am 1. Dezember 2014.
  20. Hellmuth Vensky: Der lange Schutz für die Nazi-Täter. In: Die Zeit. 8. Februar 2009, abgerufen am 1. Dezember 2014.
  21. Klaus Wiegrefe: Herzliche Grüße aus Damaskus. Zeitgeschichte. Der SS-Verbrecher Alois Brunner kam nie vor Gericht. Ihm half ein braunes Netzwerk, das bis in das Parlament, das Auswärtige Amt, den BND und in die Medien reichte, in: Der Spiegel Nr. 9/25. Februar 2017, S. 46–50.
  22. a b Bettina Stangneth: Warum tilgte der BND die Akte des Eichmann Helfers? In: WeltN24, 21. Juli 2011.
  23. a b Gerhard Freihofner: Kopf(los)geld nach 62 Jahren (Memento vom 8. Februar 2009 im Internet Archive), Wiener Zeitung, 20. Juli 2007.
  24. a b c Konrad Litschko: Quellenschutz für NS-Schergen. In: Die Tageszeitung, 30. Juni 2023.
  25. Yossi Melman, Dan Raviv: Why the Mossad failed to capture or kill so many fugitive Nazis. washingtonpost.com, 22. September 2017
  26. „Krone“-Journalist Seinitz interviewte Brunner 1986 in Damaskus www.tt.com, 1. Dezember 2014, abgerufen am 30. November 2022
  27. Erstmals in Österreich Ergreiferprämien für mutmaßliche NS-Verbrecher. In: Der Standard, 26. Juli 2007.
  28. Georg Bönisch und Klaus Wiegrefe: BND vernichtete Akten zu SS-Verbrecher Brunner, Der Spiegel, 20. Juli 2011
  29. bnd.bund.de vom 22. Dezember 2011: Kassationen von Personalakten im Bestand des BND-Archivs (Memento vom 20. Juli 2012 im Webarchiv archive.today)
  30. Andreas Förster: Gerichtsstand Ostberlin (Memento vom 25. November 2012 im Internet Archive). Profil Online, 1. August 2011
  31. „Hickhack um einen Kriegsverbrecher“ In: einestages, 9. August 2011.
  32. Brunner bleibt in Österreich vorerst auf NS-Kopfgeldliste. In: Der Standard, 2. Dezember 2014.
  33. Klaus Wiegrefe: Justiz beendet Fahndung nach NS-Verbrecher Alois Brunner. In: Spiegel Online. 15. Juli 2022, abgerufen am 16. Juli 2022.
  34. OVG NRW 15 A 2147/13
  35. Verfassungsschutz geht im Streit um Nazi-Akte in Revision, Die Welt, 3. September 2018
  36. Jörg Köpke: Neue Vorwürfe gegen Maaßen (Memento vom 15. September 2018 im Internet Archive), HAZ, 13. September 2018
  37. Auschwitz-Überlebende fordern die Offenlegung aller Akten zum NS-Kriegsverbrecher Alois Brunner in Deutschland, Internationales Auschwitz Komitee, 4. Juli 2018
  38. Urteil vom 11. Dezember 2019 – BVerwG 6 C 21.18
  39. Akte Alois Brunner. FragDenStaat, 21. April 2022, abgerufen am 23. April 2022.
  40. Die Akte B. bei IMDb
  41. Alois Brunner, le bourreau de Drancy. Un film de Philippe Tourancheau. Abgerufen am 9. Juli 2023 (französisch).
  42. Bonn - Alte Freunde, neue Feinde, Miniserie, 2021–2022 bei crew united, abgerufen am 19. Januar 2023.