Ilan Pappe
Beiträge
Context XXI, Heft 5-6/2002

„Neue Historiker“ schreiben die Geschichte um

November
2002

40 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg trat in Israel eine Generation „neuer Historiker“ auf, die in den arabischen Ländern und von links- und rechtsextremen „Antizionisten“ bejubelt werden. Es sind in der Regel nach 1948 geborene israelische Wissenschaftler, die sich in ihren Arbeiten auf die Jahre (...)

Café Critique, Jahr 2012

Der Günter Grass der Politikwissenschaft

Juni
2012

Der »Nahostexperte« Michael Lüders hat ein Iran-Buch geschrieben, das an Perfidie kaum zu überbieten ist.

Ilan Pappe (2023)

Ilan Pappe (hebräisch אילן פפה, gelegentlich Ilan Pappé oder Ilan Papeh; geboren 1954 in Haifa, Israel) ist ein israelischer Historiker und Autor und Professor an der Universität Exeter.

Pappe wird zu den Neuen israelischen Historikern gezählt. Er gilt als Befürworter einer Einstaatenlösung im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pappes Eltern stammten aus Deutschland und flohen in den 1930er Jahren vor dem Nationalsozialismus aus dem Deutschen Reich. Im Jom-Kippur-Krieg 1973 diente Pappe in der israelischen Armee auf den Golanhöhen. 1978 schloss er sein Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem ab. Seine Doktorarbeit beendete er 1984 an der University of Oxford unter Albert Hourani und Roger Owen. Ab 1984 war er Professor für politische Wissenschaften an der Universität Haifa. 1992 gründete er das Akademische Friedensinstitut in Giw'at-Chawiwa, das er bis 2000 leitete. Von 2000 bis 2006 war er Vorsitzender des Emil-Tuma-Instituts für Palästina-Studien in Haifa.[1]

Politisch engagierte sich Pappé in der kommunistisch geprägten Chadasch-Partei, für die er 1999 bei den Wahlen zur 15. Knesset kandidierte. 2005 unterstützte er den akademischen Boykott israelischer Universitäten, den die britische Gewerkschaft der Universitätslehrer aufgrund Israels Besetzung palästinensischer Gebiete ausgerufen hatte. Betroffen war auch die Universität Haifa, wo Pappe damals angestellt war. Deren Präsident legte ihm daraufhin einen Rücktritt von seinem Lehramt nahe; dies lehnte Pappe jedoch unter Berufung auf das Prinzip der Lehrfreiheit ab.[2] Pappé unterstützt auch die regierungskritische Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions.[3]

Seit 2007 lehrt Pappé an der Universität Exeter und leitet dort das 2009 am Institut für Arabische und Islamische Forschung eingerichtete European Centre for Palestine Studies (CPS),[4][5] das europaweit erste Forschungszentrum, das sich Palästina als multidisziplinärem Forschungsschwerpunkt widmet.[6] Pappé verfasste 2007 mit anderen die „One State Declaration“, die eine Einstaatenlösung, die Abschaffung Israels als religiös begründeter jüdischer Staat und die Errichtung eines gemeinsamen israelisch-palästinensischen Staates statt einer Zweistaatenlösung fordert.[7] Damit greift er Ideen aus der Frühzeit des Zionismus auf, die von Brit Schalom und Ichud vertreten wurden.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Buch Die ethnische Säuberung Palästinas (englisch 2006, deutsch 2007) stellte Pappe, gestützt auf neu zugängliche Armeedokumente, die These auf, die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina habe die „planmäßige Vertreibung“[8] der einheimischen palästinensischen Bevölkerung mit eingeschlossen und die zionistischen Führer, allen voran David Ben Gurion, hätten dieses Ziel nach dem Teilungsbeschluss der UNO 1947 mit politischen und militärischen Mitteln weiter verfolgt. Der Journalist John Pilger bezeichnete Ilan Pappe als den mutigsten, unbestechlichsten und am schärfsten urteilenden Historiker Israels.[9] Kritiker – darunter der gleichfalls den Neuen israelischen Historikern zugerechnete Benny Morris – werfen Pappes Werk Einseitigkeit und methodische Mängel vor, weil er teilweise einen schwarz-weißen Erzählstil pflege und die Quellenangaben unvollständig seien, anders als in seinen früheren Werken.[10][11] Kleinere und größere Verzerrungen, so Morris, fänden sich auf nahezu jeder Seite.[12]

Pappes Buch A History of Modern Palestine: One Land, Two Peoples, das sich ebenfalls mit der Zeit vor Israels Staatsgründung beschäftigt, wurde von Ephraim Karsh mit ähnlich scharfen Worten kritisiert. Er warf ihm „zahllose Fehler und Ungenauigkeiten“ vor; darunter auch, dass Pappe Deir Yasin nach Haifa verortet habe, obwohl es in der Nähe von Jerusalem liegt.[13] Der kanadische Historiker James A. Reilly kommt zu einer positiveren Einschätzung: Pappe argumentiere absichtlich außerhalb der gängigen interpretativen Rahmungen des Nahostkonflikts, die alle dem modernen Nations-Paradigma anhängen. Zwar gehe das Buch allzu sparsam mit Fußnoten um und setze eine Kenntnis der gängigen Narrative voraus, statt sie zu referieren. Wer aber mit ihnen vertraut sei, bekomme von Pappe, ganz unabhängig von den jeweiligen politischen Sympathien, viel Bedenkenswertes geboten.[14]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ilan Pappé – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Professor Ilan Pappé. Lebenslauf auf der Webseite der Universität Exeter; abgerufen am 17. August 2014 (englisch).
  2. Tamara Traubman: University president calls on dissident academic to resign. In: Haaretz, 26. April 2005.
  3. Institute for Middle East Underständing: On Boycott, Divestment, Sanctions (BDS).
  4. Bernd Kastner: Berechtigte Kritik oder Antisemitismus?, Süddeutsche Zeitung, 27. November 2023
  5. The European Centre for Palestine Studies. Webseite der Universität Exeter, abgerufen am 17. August 2014 (englisch).
  6. Europe’s first Centre for Palestine Studies. Meldung der Universität Exeter, 1. Dezember 2009; abgerufen am 17. August 2014 (englisch).
  7. Constance Hilliard: Does Israel Have A Future? The Case for the One-State Solution. Washington, D.C. 2009, ISBN 978-1-59797-234-5, S. 129–132.
  8. Die ethnische Säuberung Palästinas. 3. Auflage. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2007, S. 14.
  9. Die ethnische Säuberung Palästinas. 1. Auflage. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2007, Rückdeckel.
  10. Benny Morris: The Liar as Hero. In: The New Republic. 17. März 2011, abgerufen am 6. Juni 2011 (englisch).
  11. Benny Morris: Politics by Other Means. In: The New Republic online. 22. März 2004, abgerufen am 14. Mai 2018 (PDF, 172 kB; Kritik an Ilan Pappe in einer Besprechung seines Buches A History of Modern Palestine: One Land, Two Peoples).
  12. The Liar as Hero, Benny Morris in The New Republic vom 17. März 2011.
  13. A History of Modern Palestine: One Land, Two Peoples, reviewed by Ephraim Karsh, Middle East Quarterly 2006.
  14. James A. Reilly: A History of Modern Palestine: One Land, Two Peoples. By Ilan Pappé. In: Journal of Interdisciplinary History 37, Heft 2 (2006), S. 333 f.