Literatur, Sprache
Beiträge
FORVM, WWW-Ausgabe

Über Rilke und die deutsche Ideologie

Zu Poetik. Sept. 48
 
1948

Aus dem Nachlass. Zuerst erschienen in: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik Wien und Freiburg, Heft 7, Herbst 2015, Seite 109–131 Las, wie ich zufällig feststellte, genau 50 Jahre nach seinem Erscheinen wieder einmal den Cornet. Der degout, der mir nach dieser Köstlichkeit im Gaumen (...)

FORVM, No. 18

Über die Machtlosigkeit des Literaten

Juni
1955

Liebe Freunde! Von dem bißchen Unsterblichkeit abgesehen, worauf dieser oder jener unter uns Anspruch erheben mag, sind wir — gestehn wir’s uns doch offen! — eigentlich recht lächerliche Figuren geworden; und das traurigste dran ist, daß wir’s durch eigene Schuld geworden sind. Seit den Tagen, zu (...)

FORVM, No. 45

Das ideologische Gerüst

September
1957

Von Arthur Koestler, der seit einigen Jahren wieder in seiner englischen Wahlheimat lebt und dessen „Sonnenfinsternis“ — eine Dramatisierung des gleichnamigen Romans — demnächst in Wien am Volkstheater zur Aufführung gelangt, erschien in Buchform zuletzt der zweite Band seiner Memoiren: „Pfeil ins (...)

FORVM, No. 125

Über Kritik und über mich selbst

Mai
1964

Im ersten Dezennium dieses Jahrhunderts wurde ein Junger Mensch von schon einigem literarischen Ansehen — er hatte ein Buch geschrieben, das für die militanten Ungläubigen von damals sofort an die Stelle der bisherigen Korane oder Bibeln getreten war, den ersten expressionistischen Roman — als (...)

FORVM, No. 154

Rebell oder Revolutionär?

Zu dem nachgelassenen Roman von Joseph Roth
Oktober
1966

I. Joseph Roth konzipierte den erst vor kurzem veröffentlichten Roman „Der stumme Prophet“ im Jahre 1927 und fixierte während der zwei nachfolgenden Jahre seinen Inhalt im einzelnen. Er sollte jedoch nie dieses Werk endgültig abschließen, denn am 2. Mai 1939 ging der in einem Pariser Armenspital (...)

FORVM, No. 154

Eine nicht gehaltene Rede

Oktober
1966

Als Miroslav Krleža am 8. September in Wien zu einem Vortragsabend der Österreichischen Gesellschaft für Literatur weilte, wurde sein ehemaliger Landsmann, nun schon seit vielen Jahren deutsch schreibender Kollege Milo Dor gebeten, eine kleine Einführungsrede zu halten. Der ungeachtet seiner 70 (...)

FORVM, No. 157

Zum Werk

Januar
1967

Heimito von Doderer ist vor der Vollendung seines großangelegten Projekts „Roman No. 7“ gestorben. Seine Devise, der Romanschriftsteller habe zugunsten der Objektivität und Totalität seiner Figurenwelt „sich selbst unvollendet stehn zu lassen“, erhält damit eine schmerzliche Parallele. Was das (...)

FORVM, No. 158

150 Jahre Germanistik

Jubiläumsbetrachtungen statt eines Nekrologs
Februar
1967

Die Germanistik ist eine sehr junge Wissenschaft, aber sie hat viel Vergangenheit. Im Grunde zählt sie zu den romantischen Parvenus, die sich Traditionen anmaßen. Die Philosophie und die klassische Philologie blicken mit tausendjährigen Rechten auf sie herab; und ihre vielfältigen Organisationen, (...)

FORVM, No. 158

Erinnerung an Robert Musil

Februar
1967

Törleß saß also ganz still und starr, sah unaufhörlich zu Basini hinüber und war ganz in den tollen Wirbeln seines Innern befangen. Und immer wieder tauchte daraus die eine Frage auf: Was ist das für eine besondere Eigenschaft, die ich besitze? Unter Ernst Blochs schönen Geschichten gibt es auch (...)

FORVM, No. 162-163

Geschichte und Literatur

Zur Theorie der ungleichmäßigen Entwicklung bei Marx — II. Teil
Juni
1967

Zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth. In seinen fragmentarischen Bemerkungen am Schluß der Einleitung zum „Rohentwurf“ behandelt Marx vor allem „das unegale Verhältnis“ in der Beziehung zwischen ökonomischer Entwicklung und so wichtigen gesellschaftlichen Objektivationen wie Recht oder, vor (...)

FORVM, No. 164-165

Doderer und die Kritiker

August
1967

Vor nun schon mehr als einem Jahr beklagte sich Heimito von Doderer im Kreise unserer Mitherausgeber temperamentvoll und dezidiert über den katastrophalen Mangel einer Literaturkritik mit diskutablem Niveau. Als Antwort darauf baten wir ihn, seine Ansichten zum Thema „Literaturkritik“ für uns (...)

FORVM, No. 164-165

Mit vorsichtigem Vertrauen

August
1967

Wenn ich Elie Faures wichtiges Werk „Equivalences“ richtig verstanden habe, ist der Autor gerührt angesichts der Verwandtschaft zwischen der ästhetischen Wirkung des Deckengemäldes der Sixtinischen Kapelle und derjenigen einer Maske von der Elfenbeinküste und glaubt, die Kunst sei universell (...)

FORVM, No. 164-165

Der synthetische Kritiker

August
1967

Heimito von Doderers vollendet ironischer Aufsatz über „das Mark der Kritik“ reizt zum Widerspruch, und die Lust daran wird lediglich durch die Einsicht gedämpft, daß er zu fest in beiden „Hemi-Sphären“ der Sprache, der „gestaltenden, darstellungsweisen“ und der „gedanklichen, zerlegungsweisen“ ruht, (...)

FORVM, No. 164-165

Der räsonierende Kritiker

August
1967

Von den Gründen, warum Heimito von Doderer seinen Aufsatz, zu dem zu äußern man mich einlud, mit dem Titel „Das Mark der Kritik“ versieht, erscheint mir nur der als zureichend, daß sein Geschmack Gefallen am Wort „Mark“ findet, welches den Ausführungen von vornherein gesunden Tiefsinn garantiert. Die (...)

FORVM, No. 164-165

Das gläserne Geländer

August
1967

Si calceus convenit, indue. I Gibt es ihn denn eigentlich, den Literaturkritiker, geschweige denn -wissenschaftler? Was es bestimmt gibt, allerdings viel seltener als in der Ökonomie der Literatur vorgesehen, ist der gute Leser. Der immer besser lesende Leser. Der über weite Strecken der (...)

FORVM, No. 164-165

Wirklichkeiten suchen eine Illusion

Rede im Wiener Burgtheater zum 100. Geburtstag Pirandellos
August
1967

Dr. Friedrich Hacker, 1914 in Wien geboren, leitet in Los Angeles die von ihm gegründete „Hacker Clinic and Foundation“, eines der bekanntesten psychiatrischen Forschungsinstitute in den USA. In Wien las er 1958 als Gastprofessor der Universität über „Sozialpsychologie und Ichpsychologie“, lehrte (...)

FORVM, No. 166

Ilja Ehrenburg — Chronist und Kritiker einer Epoche

Oktober
1967

Láco Novomeský, 1904, bedeutendster slowakischer Lyriker der Gegenwart und Doyen der slowakischen Literatur, war in den Fünfzigerjahren im Zusammenhang mit den Prozessen gegen Slanský und Clementis zu einer hohen Kerkerstrafe verurteilt worden und mußte sie bis zu seiner Begnadigung 1959 tatsächlich (...)

FORVM, No. 171-172

Zwischen Sartre und Lévi-Strauss

März
1968

Wir wollen versuchen, die Wurzeln aufzuzeigen, aus denen sich die heutige Auffassung des Terminus Struktur herleitet. Dies ist eine ziemlich undankbare Aufgabe, auf die wir jedoch um so weniger verzichten können, als sie uns ermöglicht, uns nicht im gegenwärtigen, vieldeutigen Gebrauch des Wortes (...)

FORVM, No. 171-172

Kunst als semiotisches Faktum

Eine Skizze zur Ästhetik
März
1968

Es tritt immer klarer zutage, daß das System des individuellen Bewußtseins bis zu seinen innersten Schichten durch Inhalte, die zum kollektiven Bewußtsein gehören, gegeben ist. Die Probleme des Zeichens und seiner Bedeutung werden daher immer dringender, denn jeder Denkinhalt, der die Grenzen des (...)

FORVM, No. 178

Aus dem Büro für Esprit

Marivaux zu seiner Zeit
Oktober
1968

Immer wieder einmal wird Marivaux entdeckt, meistens im Ton des Vorwurfs. Tadel verleiht den Bemühungen um Marivaux den rechten publizistischen Aplomb. Das Verfahren wird dadurch möglich, daß man wenig von Marivaux weiß, noch weniger, als man wissen könnte. Er ist zwischen die Epochen gefallen. Die (...)

FORVM, No. 179-180

Für eine gerechte Doderer-Fama

November
1968

Seine Beisetzung, die einem Staatsbegräbnis glich, war bereits Teil einer entstehenden Legende, war fürstlich, formvoll und fromm. Nie, sagte man, sei einem österreichischen Dichter von den Zeitgenossen so viel Ehre erwiesen worden; an Doderer habe man wieder gutgemacht, was an den vielen (...)

FORVM, No. 182/II

Sade muß erst noch gelesen werden

Februar
1969

... in unserer augenblicklichen Situation sollten wir immer von folgendem Prinzip ausgehen: wenn der Mensch all seine Brüder abgeschätzt hat, wenn sein Auge mit einem kühnen Blick seine Schranken vermißt, wenn er, nach dem Beispiel der Titanen, seine kühne Hand bis zum Himmelsrand auszustrecken wagt (...)

FORVM, No. 182/II

Das Ärgernis Sade

Februar
1969

Bei diesen leidenschaftlichen Geometrien bewegt, wenn die Geometrie selbst nicht mehr überzeugt, immer noch die Leidenschaft oder vielmehr die Darstellung der Leidenschaft ... Hinter matt gewordenen Gründen der Vernunft erkennen wir die Gründe eines Herzens, Tugenden, Laster und die große Mühe, (...)

FORVM, No. 183/II

Kann man Bücher managen?

März
1969

Das Schicksal der deutschen Übersetzungen ist bekannt. Es erscheint ein berühmtes Original in fremder Sprache; alsbald wird der Entschluß gefaßt, es zu übersetzen. Diese Arbeit nun muß so sehr als möglich beschleunigt werden. Auf der einen Seite wünscht sie das neugierige Publikum bald vollendet zu (...)

FORVM, No. 194/I

Österreichs PEN-Stolz

Februar
1970

Zu nachbarlichem Gedankenaustausch hatte der österreichische PEN-Club deutsche PEN-Autoren nach Wien geladen. Einen Vormittag lang diskutierte man die „Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und österreichischen Literatur“, unter dem Vorsitz von Hermann Kesten sprachen deutscherseits (...)

FORVM, No. 194/I

Konsumlektoren

Ergebnis einer Umfrage
Februar
1970

Die vorliegende Untersuchung will keine weitere zu den bereits zahlreich ersonnenen, oft recht vagen Definitionen der Spezies „Verlagslektor“ hinzufügen. Sie hat sich vielmehr zur Aufgabe gesetzt, den Wurzeln der in der Bundesrepublik so plötzlich aufgebrochenen verlagsinternen Auseinandersetzungen (...)

FORVM, No. 195/I

Bürgerliche Träume

II. Teil des Essays „Die Irrtümer meines Lebens“
März
1970

Was ich das Erlebte nenne, bezeichnet weder die Winkel des Vorbewußten noch das Unbewußte noch das Bewußte, sondern den Bereich, in dem das Individuum ständig von sich überrollt wird, von seinem eigenen Reichtum, wo das Bewußtsein so listig ist, sich selbst durch das Vergessen zu determinieren. In (...)

FORVM, No. 195/II

Wertlose Geschichte

Über ein Buch von Ernst Topitsch
März
1970

Am jüngsten Buch von Ernst Topitsch fällt auf, daß soziologische und methodologische Erwägungen fast gänzlich hinter Feststellungen zurücktreten, die sich ausführlich mit der menschlichen „Natur“ und mit dem tierischen Erbe beschäftigen, das in der psychophysischen Ausstattung der Menschen enthalten ist. (...)

FORVM, No. 197/II

Wittgenstein war kein Positivist

Mai
1970

Stephen Toulmin, Philosoph, Wissenschafter und Historiker, unterrichtet gegenwärtig an der Brandeis University in den USA. Er schrieb für die englische Zeitschrift „Encounter“ eine Neubewertung Ludwig Wittgensteins, deren ersten Teil wir in der Übersetzung Karin Achleitner-Macks in dieser Nummer (...)

FORVM, No. 198/I

Der Metaphysiker Wittgenstein

II. Teil
Juni
1970

Besonders in den Briefen an Engelmann gibt es Hinweise, was für Wittgenstein selbst der grundlegenden, uneinschränkbaren Dichotomie von Tatsache und Wert zugrunde gelegen haben mag. Wir können diesen Hinweisen in jede der beiden Richtungen folgen, der psychologischen und der soziologischen, indem (...)

FORVM, No. 198/II/199

Paul Celan

Juli
1970

1947 tauchte in Wien ein junger Mann auf, der sich Paul Celan nannte. Er kam buchstäblich aus dem Nichts. Er wurde als Paul Anczel am 23. November 1920 in Czernowitz geboren, der Hauptstadt der Bukowina, die einmal zu Österreich gehört hatte und deren gebildete Bevölkerung jüdischer Herkunft (...)

FORVM, No. 202/I

Goethe mal Marx

Oktober
1970

Rede zur Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt, 28. August 1970, verlesen in der Paulskirche (da Lukács gesundheitshalber in Budapest bleiben mußte). — Vgl. Günther Nenning, „Georg Lukács oder Die Flucht in die Ästhetik. Zu seinem 85. und zum Goethepreis“, NEUES FORVM, August/September (...)

FORVM, No. 202/II/203/I

Goethe für Fortschrittliche

Lukács-Laudatio, Paulskirche, 28.8.1970
Oktober
1970

I. F., Philosoph, Soziologe, Politologe, Ordinarius der Goethe-Universität Frankfurt, Mitglied der Internationalen Redaktion des NF, befaßte sich — ursprünglich protestantischer Theologe — mit Marxismus schon zu Zeiten, als dieser in Adenauers Reich noch des Teufels war: als Herausgeber der (...)

FORVM, No. 209/I/II

Dialog der Untergründe

Referat bei Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico
April
1971

F. H., Professor für Europäische Geistesgeschichte, Universität Wien, Redaktionsbeirat des NF, hielt nachstehendes Referat (gekürzt wiedergegeben) bei der IDC-Konferenz am CIDOC-Institut von Ivan Illich, Cuernavaca, Mexico. Vgl. den Vorspann zum voranstehenden Beitrag G. N.s. Großes (...)

FORVM, No. 228

Gertrude Stein/Virginia Woolf

Feminismus und Kunst
Januar
1973

1 Von Männlich zu Menschlich „die religion ist der ort, wo ein volk sich die definition dessen gibt, was es für das wahre hält“, sagte Hegel. es sei deshalb erlaubt, diesen ort aufzusuchen, um die gründe der täglichen politik, das „wahre“ unserer kultur zu entdecken. frühe religionen und kulturen, (...)

FORVM, No. 230/231
Kritisches Lexikon

Oswald Wiener

März
1973

Geb. 1935 in Wien. Lebt seit 1969 in Berlin (West). das literarische cabaret der wiener gruppe, in: Gerhard Rühm (Hrsg.), Die Wiener Gruppe, Hamburg 1967. — Gemeinschaftsarbeiten mit Achleitner, Bayer und Rühm. — die verbesserung von mitteleuropa, roman. Hamburg 1969. Neuauflage in (...)

FORVM, No. 230/231
Kritisches Lexikon

Marieluise Fleißer

März
1973

Man kann heute viel von Marieluise Fleißer lesen, aber relativ wenig über sie. Ihren Kritikern wurde der Blick auf ihr Werk durch ihre Biographie weitgehend verstellt — tatsächlich spielen im Werk der Fleißer autobiographische Elemente eine bedeutende Rolle: Am wenigsten noch in ihrem Drama (...)

FORVM, No. 230/231

Sex und Sprache

März
1973

E. B., einer der originellsten Köpfe in unserem Lande, hat ein Wörterbuch über „Sex im Volksmund“ verfaßt (vgl. Rezensionsteil dieses Heftes). Das Vorwort dazu drucken wir ab, da das Buch angesichts seines hohen Preises nur wenige Leser finden wird. Ein Wörterbuch des Verbotenen Manche unserer (...)

FORVM, No. 232

briefmarkengrößen

aus österreichs kulturleben
April
1973

als ich anfang 1969 in warschau eingeladen war und bei dieser gelegenheit mit einer gruppe polnischer studenten diskutierte, wurde ich gefragt, wie ich mich denn als österreicher in deutschland fühle. es ist eine frage, die einem exilösterreicher — wenn ich mich so nennen soll — immer wieder (...)

FORVM, No. 232

Ossi Wieners Putsch im Kaffeehaus

II. Teil von „Oswald Wiener“, NF März 1973
April
1973

In der „verbesserung von mitteleuropa“ wird die technokratische Utopie kritisiert. Es ist ein Stück Gewissenserforschung, wenn Wiener dem Anarchismus vorwirft, daß er „durch das projektierte — zwar vorbehaltliche — zusammengehen mit der wissenschaft den tod in sich hatte“ (XXIX). Diese Verbindung der (...)

FORVM, No. 303/304

Eier-Tänze

Österreichische Autoren diskutieren mit dem ÖVP-Obmann
März
1979

Im Vorfeld der ÖVP-Wahlkampagne machte die Bürger- und Bauernpartei ihre Muckerbrigade mobil. Schwarze Abgeordnete und Lehrer regten sich künstlich über einige Textstellen von Nachwuchsautoren auf, die im Rahmen der Stückereihe „Souffleurkasten“ des Wiener Theaterverlags Thomas Sessler erschienen. (...)

FORVM, No. 309/310

Die rote Blume geht wieder in den Untergrund

Interview mit dem persischen Schriftsteller Nasi Khaksa
September
1979

Wir besuchten den iranischen Schriftsteller Nasi Khaksa in seinem Haus in der Hafenstadt Abadan, einem Zentrum der persischen Ölindustrie. Unter Pahlevi hatte Nasi Khaksa als Dorfschullehrer gearbeitet. Er schrieb Gedichte und Prosa, nach deren Bekanntwerden er von der SAVAK eingesperrt und (...)

FORVM, No. 315/316

Warum schweigt die schweigende Mehrheit?

März
1980

Konrad Wünsche: Die Wirklichkeit des Hauptschülers. Berichte von Kindern der schweigenden Mehrheit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1979, 126 Seiten, DM 4,80, öS 37,50 In einem Ozean von Büchern über Schule, Schüler, Lehrer, Schulreformen, Didaktik und Pädagogik stellte Konrad Wünsches (...)

FORVM, No. 319/320

Der Förster vom Krisenwald

Romantik und Nullwachstum
Juli
1980

I. „Widerspiegelung“ — Sinn und Unsinn Literatur bedarf keiner besonderen Rechtfertigung. Sie hat es nicht nötig, unentwegt in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingeschachtelt zu werden. Schon an und für sich ist sie wichtig. Ein Buch gibt seinem Leser und Genießer höchstpersönliche Gefühle und (...)

FORVM, No. 323/324

Traum & Faulheit

Den Bürger unter der Haut — Sartre contra Flaubert, 1. Teil
November
1980

Die deutschen Ausgabe der voluminösen Flaubert-Biographie, eine Großleistung des Übersetzers Traugott König, ist im richtigen Moment gekommen. Sartre, über den „Heiligen des Romans“ schreibend, trifft unwillkürlich den Geschmack einer Zeit, die sich aus dem gesellschaftlichen Engagement in private (...)

FORVM, Sonne Nr. 2

Folge nur der Natur

Novalis und Marx über das Nichtreaktionäre an der Romantik
März
1981

I. Philosophie ist verirrte Vernunft Aus einem Brief des jungen Novalis an seinen Bruder Erasmus, 1793, wird deutlich, daß der Zwanzigjährige mit der rationalistischen Aufklärungsphilosophie nur mehr sehr wenig zu tun hat. Eher wird man an Rousseau erinnert: Lieber Erasmus, folge der Natur nur (...)

FORVM, Sonne Nr. 2

Pasolini aus Fleisch und Blut

Seine sieben Leben
März
1981

I. Käfig sucht Tiger Ich bin eine lebend verbrannte Katze Zerquetscht vom Riesenreifen eines Lastzugs Gespießt auf einen Feigenbaum von Knaben Jedoch noch mit mindestens sechs Von meinen sieben Leben In den sechs verbleibenden Leben war Pasolini: 1) Linguist, 2) Literaturkritiker, 3) Dichter, (...)

FORVM, No. 327/328

Wir Schamanen

Gespräch* mit Christian Ide Hintze
März
1981

Gutes Geld an schlechte Dichter HINTZE: Wir wollen so etwas wie eine Dichtergewerkschaft, Autorengewerkschaft aufbauen. Irgend etwas in der Art. Weil wir viele Autoren in Österreich haben, die unter großer sozialer Not leben. GINSBERG: Welche Art von Not? Kein Geld? HINTZE: Kein Geld, keine (...)

FORVM, No. 327/328

Fast ein Messias

Über den Film „Zetteldämmerung“* (nach einem Zwiegespräch mit Ernst Jandl)
März
1981

ein Film nicht von Ch. I. Hintze, sondern über ihn, seine Aktivitäten, nämlich das Zettelausteilen, von Alfred Kaiser gemacht / auffallend für mich, dasz H. in Deutschland von jungen Leuten als ein Künstler empfangen wurde, der etwas sehr ungewöhnliches tut / aufgefallen ist mir, dasz während des (...)

FORVM, No. 329/330

Böse Dichter

Rede auf dem 1. österreichischen Schriftstellerkongreß (6. bis 8. März 1981)
Mai
1981

Ich muß hier dazwischentreten, weil ich es nicht erlauben kann, daß heute wieder Ähnliches geschieht wie schon am Freitag bei der Eröffnung: nämlich, daß die so notwendige (Not-Wende!) und so notwendig drastische Selbstdarstellung und Konfrontation der Dichter und Schriftsteller vor der (...)

FORVM, No. 329/330

Sozialpartnerisch statt habsburgerisch

Das Österreichische an der österreichischen Literatur
Mai
1981

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Handke und Bernhard auf der einen und Paritätischer Kommission auf der anderen Seite? Robert Menasse glaubt in seiner Dissertation, auf diese Frage eine Antwort gefunden zu haben. Was das „Österreichische“ an der österreichischen Literatur sei, hat „schon (...)

Wurzelwerk, Wurzelwerk 7

Bemerkungen zur modernen polnischen Literatur

Januar
1982

Die polnische Literatur nimmt seit jeher innerhalb der slawischen Literatur, beziehungsweise innerhalb der Literatur der osteuropäischen Länder eine Sonderstellung ein. Man könnte sagen, sie war, trotz aller slawischen Besonderheiten, stets westlich orientiert, denn sie ist die einzige Literatur (...)

FORVM, No. 337/338

Frauen

L. A.
Februar
1982

AUF SCHREI BEN. Texte österreichischer Frauen, Wiener Frauenverlag, Drachengasse 2, A-1011 Wien, Wien 1981, 189 Seiten, DM 17,90, öS 136 Diese Anthologie von Texten österreichischer Frauen erschien im neugegründeten Wiener Frauenverlag, der keine kommerzielle Firma, sondern ein genossenschaftlich (...)

FORVM, No. 347/348

Mein Schüler Goethe

Der Weg zur Insel der Phantasie
Dezember
1982

Der Weg zur Insel der Phantasie In einem Ozean, den noch kein Mensch gesehen hat, liegt eine kleine Insel. Niemand wird diese Insel jemals finden, denn sie liegt in der Phantasie, und nur einer, der viel Phantasie hat, wird sie entdecken. Die Insel ist zwar klein, aber trotzdem hat noch (...)

FORVM, No. 361/363

Kriemhilds herrlicher Jude

Eine andere Maisse
März
1984

Die germanischen Recken waren zweifellos gewaltige Recken, aber schreiben konnte nicht einmal richtig Karl der Große. Und doch gab es eine Menge von Heldenepossen. Unter den Germanen und zwischen ihnen gab es nun ein sehr literarisches Volk. Seine Leute waren zum Beispiel die Verfasser des (...)

FORVM, No. 375-378

Torberg korr. Schwaiger korr. Schnitzler

Juni
1985

Im November 1976 sagte Friedrich Torberg zu Brigitte Schwaiger, sie solle das lieber sein lassen, Schnitzler zu parodieren. Die damals noch Jungautorin (u.a. FORVM; Torberg: „Ich hab doch nicht gewußt, was der Nenning mit dem FORVM machen wird!“) war desto verblüffter, als Torberg nach der Lektüre (...)

FŒHN, Heft 7/8

Die Aufgabe der Literatur

Juli
1986

„Die Wirklichkeit verrät die Kunst.“ „Nein. Die Kunst verrät die Wirklichkeit.“ „Das sowieso.“ Vom häufigen Umziehen der Kunst / Vom größten Fortschritt des Intellektuellen / Warum die Künstler Künstler sind / Von der Freiheit der Schokolade / Vom Budgetposten der inneren Sicherheit / Von dem, was vorne (...)

FORVM, No. 409/410

Bernhard, Handke & Cie.

Zur Ästhetik der Sozialpartnerschaft
Januar
1988

Im Lauf der siebziger Jahre begann der Geist der Sozialpartnerschaft das kulturelle, also auch literarische Leben in Österreich völlig zu durchsetzen und zu durchdringen. Die Ideologie der Sozialpartnerschaft, zur Staatsideologie geworden, begann Mitte der sechziger Jahre immer deutlicher auch (...)

FORVM, No. 409/410

Killed by Killinger

Januar
1988

Ich habe hier den Killinger eins, das österreichweit verbreitete Sprachlehrbuch. Mit seiner Hilfe gehe ich wie jedes Jahr daran, die Aphasien der in den Bergen aufgewachsenen Kinder zu überwinden: ihr Stammeln, ihr Haarsträuben, den Druck in den Schultern. Es wird im ersten Jahr nur Teilsiege für (...)

FORVM, No. 423/424

Sprache und Endzeit

März
1989

§ 1. Die Apokalypse-Stummheit Für das Enorme war plausiblerweise die normale menschliche Sprache nicht „gemacht“, auf dessen Benennung, Darstellung und Bewältigung nicht vorbereitet. Der Aufgabe, das Maß- und Grenzenlose, mit dem wir uns seit 1945 pausenlos konfrontiert wissen — nein: eben kaum (...)

FORVM, No. 426/427

Sprache und Endzeit (II)

Juni
1989

Teil I erschien in FORVM Nr. 423/424, März 1989. § 3. Das Faktum als Fatum Obwohl Heidegger zu den ersten Denkern gehört hat, die die Großtechnik, namentlich die atomare, als das Problem von heute, nein, als unser möglicherweise endgültiges Verhängnis, durchschaut hatten, hat er es doch niemals (...)

MOZ, Nummer 42

Eurydike und Promethea

Juni
1989

Was soll frau zu einem Buch sagen, in dem es vor narzißtischen Helden und geopferten Frauen wimmelt — Gedanken zu Klaus Theweleits kürzlich erschienenem „Buch der Könige“. Theweleit bedient sich des Mythos von Orpheus und Eurydike, um über männliche Kunstproduktion folgende These aufzustellen: Der (...)

FORVM, No. 428/429

Sprache und Endzeit (III)

Aus dem Manuskript für den dritten Band der „Antiquiertheit des Menschen“
August
1989

Teil I erschien hier im März, Teil II im Juni. § 6 Die Beschränktheit der Experten Arbeitsteilung idiotifiziert Um den Gedanken in Betracht zu ziehen, gegenüber ihrer eigenen Sprache und gegenüber der Weltsituation, die durch ihre Sprache nun einmal entworfen und vorausgesetzt wird, Skepsis (...)

MOZ, Nummer 45

Das Weibliche verschwindet nicht

Oktober
1989

Die Philosophin und Schriftstellerin Eva Meyer lebt in Berlin. Sie ist mit ihren Veröffentlichungen — u.a. „Zählen und Erzählen“, „Versprechen — ein Versuch ins Unreine.“ — eine der Vordenkerinnen für eine Theorie des Weiblichen im deutschsprachigen Raum. Eva Meyer ist neben ihrer internationalen (...)

FORVM, No. 430/431
Salman Rushdie, The

Satanic Verses

November
1989

Werden die Frauen in Mohammeds Harem „Huren“ genannt? Das Teheraner Todesurteil über Salman Rushdie beweist, daß es den Frommen zur „Verletzung religiöser Gefühle“ reicht, ein Buch nicht gelesen zu haben. War es die Absicht, den Ayatollah zu provozieren? Khomeini kommt in „The Satanic Verses“ vor, in (...)

MOZ, Nummer 48
Boris Vian

Das Leben eines Deserteurs

Januar
1990

Vor kurzem war die sensible Verfilmung seiner Erzählung „Die Toten Fische“ bei uns zu sehen. Im Hannibal-Verlag erscheinen seine „Gesammelten Schriften über Jazz“. Und im „Theater Brett“ in Wien hat im März Vians Drama „Die Reichsgründer“ Premiere. Grund genug, einige der vielen Leben Boris Vians zu (...)

MOZ, Nummer 52
Milena Jesenská:

Eine ganze Menge Leben — übrig

Ein Konzept, eine Ausstellung, ein Porträt
Mai
1990

Ein Konzept, eine Ausstellung, ein Porträt. Ich weiß nicht, was in Wien geschehen müßte, damit das Volk darüber keine Witze macht. Einen runden allerliebsten Witz, der schon der Dialekt von selbst hevorbringt ... Anderswo, in jeder anderen Stadt, würde die Regierung mit Schimpfworten überschüttet (...)

FORVM, No. 442/443

Plädoyer für einen Nobel-Preis aus der Flaschenpost

Oktober
1990

Vicki Baum — Sie war Harfenspielerin von Beruf und Boxerin aus Leidenschaft. Aber den Weltmeistertitel erlangte sie in der Literatur. 30 Jahre nach ihrem Tod ist es an der Zeit, die gebürtige Wienerin als das zu würdigen, was sie wirklich gewesen ist: nicht nur die populärste, sondern auch die (...)

FORVM, No. 448-450

Wigalaweia Bucureştina

Mai
1991

Mit Mircea Dinescu, Lyriker, Präsident des rumänischen Schriftstellerverbandes — er war es, der im rumänischen Fernsehen seinerzeit die Botschaft vom Sturz Ceaușescus verkündet hatte — sprachen Ulrike Stadler und Eva Roventa-Gressel, die auch die Übersetzung besorgt hat, am Freitag, dem 29. März, in (...)

FORVM, No. 455

Popanz Provokation

Oktober
1991

Seit seiner Anstiftung zum Weltuntergang, Das Untier, erfreut er uns mit schwarzbrillantenen Büchern — Schwedentrunk, Hirnschlag, Patzer u.v.a.m. Bei den »Münstereifler Literaturgesprächen« verkündete er: „Eine ästethische Kategorie ist ausgereizt“; so hat er damit sich grad „in die sozialkritischen (...)

FORVM, No. 460/461

Verbrennt alle Akten!

Mai
1992

Dieser Tage erschien — als aktuelles Statement zur heutigen Situation — in der Slowakei der nachstehende, leicht gekürzte Diskussionsbeitrag unseres Autors vom »II. Kongreß der tschechoslowakischen Schriftsteller 1956«. »Radio Free Europe« verbreitete bereits eine Stunde nach dem Statement, L. M. sei (...)

FORVM, No. 473-477

Literatur und Revolution in Österreich

Die Tradition von 1968
Juli
1993

Keine Milde bei Tumulten. (ÖVP-Innenminister Soronics) Das Österreich der sechziger Jahre entwickelte sich wie viele der westlichen Industrienationen nach der Phase des Wiederaufbaus zu einer kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft mit ihren typischen Begleiterscheinungen. Die Phase der (...)

FORVM, No. 478/479

Flower-Power Revival

November
1993

A.G., Anti-Waffen-Bruder der 68er-Studentenbewegung, von der anderen, der Aussteiger-Fraktion, war als Gastprofessor der [Schule der Dichtung->https://sfd.at in Wien — die Gelegenheit zu diesem Gespräch nützte Diana Huppert. Wenn Revoluzzer ältere Herren werden. Sorgfältig, elegant gekleidet, immer (...)

FORVM, No. 485/486

Süffisanz statt Sprachkritik

Juni
1994

Wie man konjunkturbewußt der Macht des Bestehenden und der bestehenden Macht huldigt. Die neue Sprachregelung Von allen Seiten verkünden uns Autoren ungefragt ihren Ekel vor dem Typus, den sie die »guten Menschen« nennen. Konrad Liessmann kann die »guten Menschen nicht leiden, die Jörg Haider (...)

FORVM, No. 493/494

Vom Herrschaftsnutzen der Grammatikkunde

Feministische Sprachkritik
Februar
1995

Sehr geehrter Herr Schlesinger, liebe Redaktion, ich stelle mit Verwunderung fest, daß Sie, Herr Schlesinger, sich offensichtlich nur sehr marginal mit feministischer Sprachanalyse beschäftigt haben: man benötigt eben nicht nur ein großes I und/oder einen Schrägstrich, wie Sie im übrigen ja in (...)

Context XXI, ZOOM 1/1996

mail art

Jedejeder eine KünstlerIn, jedejeder ein Kunststück.
Januar
1996

Dieser Idee liegt die Utopie der Überwindung der Trennung zwischen KünstlerIn und sogenanntem Publikum, zwischen Kunst und sogenanntem Leben zugrunde. In der mail art wird nicht nur diesem Anspruch Rechnung getragen, sondern auch der Idee, daß KünstlerInnen ein Netz aufbauen, das von Solidarität, (...)

Context XXI, ZOOM 1/1996

So wie es ist, ist es nicht

Januar
1996

„Muß von zwei einander völlig widersprechenden Aussagen unbedingt die eine wahr und die andere falsch sein?“ (Verschleierungstechniken, in: Wichtig – Kunst von Frauen, Wien 1989) Ein Gesprächsporträt von Liesl Ujvary, Künstlerin in Wien. Was die Welt zusammenhält Harte Zeiten – Weiche Knie Volle (...)

Context XXI, ZOOM 2/1996

Tisch, weiblich

März
1996

Ein Porträt der Autorin Margret Kreidl, zusammengestellt aus Gesprächsnotizen. ZOOM: Von dir ist vor kurzem im Wieser Verlag ein Buch mit dem Titel „Ich bin eine Königin“ erschienen. Beginnen wir damit, daß Du über dieses Buch sprichst? Margret Kreidl: In dem Buch sind einerseits dramatische Texte, (...)

Context XXI, ZOOM 2/1996

Mobile Gedanken

März
1996

abgeschleppt sagen sie mir eins, sagen sie mir eins, was. er wurde abgeschleppt, wie ein ziviler mensch eben abgeschleppt wird, wenn er falsch parkt. denken sie an ihre familie, hat vorher noch so ein idiot zu ihm gesagt, aber nein, er hat sich falsch hingestellt und darum wurde er (...)

Context XXI, ZOOM 2/1996

Der ideologische Charakter von Network

März
1996

Meine ersten Erfahrungen mit mail art stammen ungefähr aus dem Jahr 1967, als Edgardo Antonio Vigo, Guillermo Deisler, Dámaso Ogaz und ich unsere jeweiligen Publikationen austauschten. Von diesen Publikationen ausgehend, montierten wir schließlich unsere künstlerischen Grundsätze. Offiziell begann (...)

Context XXI, CONTEXTXXI Nº 2

Friedrich Torberg und Hans Weigel

Zwei jüdische Schriftsteller im Nachkriegsösterreich
März
1996

Friedrich Torberg und Hans Weigel waren die beiden bekanntesten und wohl auch bedeudendsten jüdischen Schriftsteller in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide waren im deutschen Sprachraum als Verfasser von zahlreichen eigenen literarischen Werken sowie als Publizisten, Herausgeber, (...)

Context XXI, ZOOM 3/1996

Keine Wäscheleinen-Welt

Juni
1996

Porträt der Autorin Petra Ganglbauer: „Ja, und da sind wir wieder dort – ganz am Anfang: Grundsätzlich würde ich sagen ...“ Bevor Sie im Cyberzelt surfen, heißt es: Organe wegwerfen, die Knochen dazu. Verschütten Sie Ihr Blut. Verteilen Sie’s. Verlieren Sie Ihren Kopf an den Chip. Was fortan zählt, (...)

Context XXI, ZOOM 3/1996

Mail art Russia

Rea Nikonova und Serge Segay
Juni
1996

Rea Nikonova: O das O U das O A das O O das A Na sprich sprich sprechen ist leicht aus: Tautologien, Teil II (1965-1985) Rea Nikonova und Serge Segay leben in Eysk (Yesk) in Rußland. Sie befassen sich mit visueller, konkreter Poesie (HerausgeberInnen von über (...)

Context XXI, ZOOM 6/1996

Von langen Reisen und Aufenthalten

Oktober
1996

„Mutter und Sohn sind auf Wanderschaft, begegnen zwei Wanderern, und der Sohn stellt sich vor und sagt: ’Ich bin das Muttersöhnchen.’ Die beiden Männer spotten zuerst, sind irritiert und bekommen dann Angst.“ Ein Gespräch mit der Autorin Ruth Aspöck. ZOOM: Wie siehst Du deine Rolle als schreibende (...)

Context XXI, ZOOM 7/1996

Nicht eindeutig identifizierbar, aber doch vorhanden

Dezember
1996

Ich sage, „das ist experimentelle Literatur“, und sag’ dann immer: „Das ist experimentelle Literatur, weißt eh, unter Anführungszeichen.“ Also „experimentelle“ Literatur. Ein Gespräch mit der Autorin Christine Huber. ZOOM: Du hast schon als Kind den Wunsch gehabt, Schriftstellerin zu werden. Wie waren (...)

Context XXI, ZOOM 7/1996

Decentralized World Wide Networker Congress

Dezember
1996

Looking for a man with postal uniform and rucksack! It could be the net mail man! Am 1. Jänner 1992 starteten die beiden MailArtistInnen Angela und Peter Network (Angela Pähler und Peter Küstermann) aus Minden (Germany) auf Anregung des Aktionskünstlers Hans-Ruedi Fricker diese wohl einzigartige (...)

Context XXI, ZOOM 3/1997

KEEP LEFT!

vom feuer in der hand und dem spatz auf dem dach
Juni
1997

und dann vergebt mir, ich weiß selbst nicht, wie es kam, wir wurden älter und seriöser, wir bekamen einen haushalt und eine karriere, eine magenkrankheit und vielleicht eine auszeichnung, aber im tausch mußten wir die flammen in unseren händen erlöschen lassen. (louis paul boon, eine straße in (...)

Context XXI, ZOOM 6/1997

Warum lesen?

ein bericht von der Mainzer MiniPressenMesse 1997
Oktober
1997

Wieso bücher?, fragt Klaus Wagenbach sich u. andere anläßlich des dreißigjährigen jubiläums des Wagenbach verlages. verschiedene schreibende versuchen darauf eine antwort zu geben (erschienen 1994 bei Wagenbach). wieso bücher, fragen wir uns, halb scherzhaft u. ironisch, aber durchaus an so etwas wie (...)

Context XXI, ZOOM 1/1998

Von der Notwendigkeit des Unnotwendigen

ein text in 11 widmungen
März
1998

widmung 1 diesen text widme ich einem freund, der, als ich ihm eine monatszeitung, die wir zufällig doppelt haben und in der er blättert, mitgeben will, sagt: „nein danke, sonst muß ich das alles lesen“ und der mich daran erinnert, daß es nicht möglich ist, „alles“ zu lesen, über „alles“ bescheid zu (...)

Context XXI, ZOOM 2/1998

Ein Sprung ins eiskalte Wasser!

Mai
1998

Die Zeitschrift Freibord hat ihre hundertste Nummer herausgebracht. Aus diesem Anlaß sprach Ilse Kilic mit dem Herausgeber Gerhard Jaschke. Zoom: Ich frage mal ganz naiv, wie das war, wie Du mit der Zeitschrift angefangen hast, so von den Bedingungen, was war das für eine Situation damals? (...)

Context XXI, ZOOM 2/1998

Gehörlosentheater ARBOS

Mai
1998

In einer Pressekonferenz im Literaturhaus am 19.3.1998 präsentierte sich das Gehörlosentheater ARBOS unter seinem künstlerischen Leiter Herbert Gantschacher der versammelten Presse, um das Programm des ersten Gehörlosentheaterfestivals in Österreich zu präsentieren. Sechs Produktionen wurden ab dem (...)

Context XXI, ZOOM 3/1998

Was zum Teufel mache ich mit meinem Leben?

Ein Gedankensturm mit neun Bildern und zahlreichen Huchs
Juni
1998

Den Titel entlehne ich einem Bild (Abb. 1) aus der ComixSerie mit dem deprimierenden Titel „NO HOPE“ von Jeff LeVine – in beeindruckender Weise und voll düsterschwarzem Humor wird uns hier die Aussichtslosigkeit vor Augen geführt, etwas mehr als „ein kleines bißchen Glück“ zu ergattern. Die Figuren (...)

Context XXI, ZOOM 6-7/1998

Eine Gelegenheit für interessierte Kreise

Die Buchpreisbindung und die Wettbewerbsgesetze der EU
Dezember
1998

Wir interessieren uns für im Wirtschaftswettbewerb erhebliche Vorgänge und nicht für Kulturförderung. Frank Rawlinson, EU-Administrator der Generaldirektion X, Wien, 23.3.1994 Kulturpolitik wird nicht nur innerhalb der Europäischen Union, sondern auch innerhalb Österreichs in aller Regel als Frage (...)

radiX, Nummer 2

Gioconda Belli

V. B.
Juni
1999

Sie entstammt einer vermögenden Familie und wurde 1948 in Managua/Nicaragua geboren. Sie studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie wurde ver­haftet und zu sieben Jahre Haft (...)

radiX, Nummer 3

Von der nationalen Logik zu den „ethnischen Säuberungen“

Mai
2000

Der Zerfall oder die Zerschlagung Jugoslawiens machte einmal mehr deutlich welch mörderische Konsequenzen nationalistische und völkische Logiken auch heute noch haben können. Jugoslawien bildete dabei nach dem zweiten Weltkrieg in seinem Nationenkonzept einen Sonderfall, der neben der Föderation (...)

Context XXI, Heft 3-4/2000

Kant und Hegel vor dem Sexshop

Juni
2000

Zeitversetztes Zerwürfnis zweier Zufrühgekommener. Zusammengestückelt von Königsberg, Mai 1799. Der junge Hegel besucht den alten Kant. Beim Spazierengehen stoßen der abgehende und der angehende Philosoph zufällig auf ein temporär irrtümlich um viele Jahre zu früh plaziertes Pornogeschäft. Mehr als (...)

Context XXI, Heft 5/2000

Arthur Cravan — Die Niedertracht der Tafelrunde

September
2000

Der Boxer, Anarchist, Deserteur, Abenteurer und Herausgeber der Zeitschrift Maintenant beschrieb sich selbst als Hochstapler, Seemann im Pazifik, Mauleseltreiber, Orangenpflücker in Kalifornien, Schlangenbeschwörer, Hoteldieb, Neffe von Oscar Wilde, Holzfäller in den riesigen Wäldern, (...)

Context XXI, Heft 6/2000

Feindbild Political Correctness

Oktober
2000

Es wäre Zeit sich über die Struktur und Funktion des „political-correctness“-Diskurses, der nicht nur von der neuen Rechten und der FPÖ betrieben wird, Gedanken zu machen. Derzeit handelt es sich bei der Meinungsfreiheit wohl um die — von der FPÖ und ihren Regierungsmitgliedern — am meisten in (...)

Context XXI, Heft 7-8/2000

Alptraum ‘pataphysisch

Dezember
2000

Oder die Kunst, die Welt so zu sehen, daß einem dabei lachend schlecht wird. Alle Jahrzehnte einmal bricht sie wieder hervor, die Wissenschaft der erfundenen Lösungen und der Ausnahmen: die ’Pataphysik. Vielleicht genau dann, wenn die Welt ruhig betrachtet am verrücktesten, am brutalsten wirkt, (...)

Context XXI, Heft 2/2001

Großeltern der Interventionskunst oder Intervention in die Form

Rewriting Walter Benjamins „Der Autor als Produzent“
April
2001

Sicherlich erinnern Sie sich nicht mehr daran, wie Plato im Entwurf seines Staates als vollendetes Gemeinwesen mit der Kunst verfährt. Er versagt ihr im Interesse des Gemeinwesens den Aufenthalt darin. Er hatte einen hohen Begriff von der Macht der Kunst. Aber er hielt sie für schädlich. Daß Sie (...)

Context XXI, Heft 2/2002
Wessen Sprache?

Die Überwindung der Sprachlosigkeit

Roma-Literatur und Sprache in Österreich
Mai
2002

Nach der Vernichtung des Großteils der österreichischen Roma durch den Nationalsozialismus dauerte es Jahrzehnte bis die verbliebenen, weitgehend traumatisierten Angehörigen der burgenländischen Roma wieder das Selbstbewusstsein hatten, nicht nur über ihre Verfolgungen zu sprechen, sondern auch (...)

Context XXI, Heft 5-6/2002

Knüppel und Kolben

Hegemoniale Männlichkeitskonstruktionen in schwuler Erotika
November
2002

In diesem Artikel möchte ich Fragen stellen zu einer Problematik bzw. einem Widerspruch schwuler Textpornografie: die Reproduktion heterosexistischer und patriarchaler Motive. Ausganspunkt dieser Reflexion sind Texte aus englisch- und deutschprachigen Anthologien und Romanen, die ich in (...)

Context XXI, Heft 5-6/2002

Sex mit Jod*

November
2002

Im Universum der Social Fiction, das viele Möglichkeiten der Gestaltung sozialer Beziehungen eröffnet, kreisen Geschlechterverhältnisse in sattsam bekannten Bahnen. Ihr Ausdruck in körperlicher Nähe und sexuellen Akten bleibt erstaunlich dichotom, denn die Kreation des Cyborg Jod – der in der (...)

Grundrisse, Nummer 4

Zum Verhältnis von Kommunikation und Gebrauchswert in der mexikanischen Marxismus-Diskussion

Dezember
2002

Die gegenwärtige sozialtheoretische Diskussion ist hierzulande, auch in Zeiten allseits beschworener Globalisierung, weitgehend unbedarft was theoretische Beiträge aus Ländern jenseits des Horizonts der hochindustrialisierten Gebiete betrifft. Der folgende Text stellt einen der relevantesten (...)

Grundrisse, Nummer 7

Der Hase im Pfeffer: Ein fahrender Ritterkäfer aus dem Lankandonischen Urwald

Anmerkungen zu den Fabeln des Subcomandante Marcos
September
2003

Nein, sagt Subcomandante Marcos, die Wahrheit ist, daß sich die Sprache in eine Obsession verwandelt, besonders wenn du explizite, funktionelle Botschaften vermitteln möchtest und suchst, wie du sie am besten formulieren kannst. Manchmal hast du Glück, manchmal Pech. Du kommst immer wieder auf den (...)

Context XXI, Heft 8/2003 — 1/2004

„Wohlsein nach Schandtaten“

Der Antisemitismus der Gruppe 47
Dezember
2003

Wie deutsch waren die Stars der deutschen Nachkriegsliteratur? Als Ingeborg Bachmann 1952 in Niendorf an einer Tagung der Gruppe 47 teilnahm, notierte sie in ihr Tagebuch: „Am zweiten Abend wollte ich abreisen, weil ein Gespräch, dessen Voraussetzungen ich nicht kannte, mich plötzlich denken (...)

Context XXI, Heft 4-5/2004

Die drei Musketiere in der toten Klasse

Gombrowicz, Schulz, Witkacy, Kantor
Juni
2004

In der Traumaforschung gibt es den Begriff Men-made-desaster, er bezeichnet eine durch Menschenhand, bzw. durch vieler Menschen Hand produzierte Katastrophe unter der wiederum (meist andere) Menschen zu leiden, zu sterben haben. Wenn mensch die Shoah als ein durch Menschen verursachtes Desaster (...)

Context XXI, Jahr 2005

Der private Briefwechsel Theodor W. Adorno/Lotte Tobisch

Februar
2005

Das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog lädt in Zusammenarbeit mit Context XXI und dem Republikanischen Club Neues Österreich zur Lesung von Lotte Tobisch und Wolfgang Gasser. Nach einer Idee der Zeitschrift Context XXI. Lotte Tobisch-Labotyn Geboren in Wien. Ab 1943 (...)

Streifzüge, Heft 33
2000 Zeichen abwärts

Ist der „Kinderteller“ politically correct?

März
2005

Kaum ist der Silvesterrausch ausgeschlafen, begibt sich Deutschlands rot-grüne Regierung in den Antidiskriminierungstaumel. „Wir erfüllen mehr als nur die Forderungen aus Brüssel“, wird betont. Das nun eilfertig verabschiedete Gesetz sei besonders „lebensnah“ und „anwenderfreundlich“. Jedoch (...)

Context XXI, Radiosendungen 2005

Stadt aus Glas

Teil 1
Juni
2005

Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.

Context XXI, Radiosendungen 2005

Stadt aus Glas

Teil 2
August
2005

„Stadt aus Glas“ erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Zu Beginn wirkt dieser erste Teil der „New York Triologie“ wie eine Kriminalgeschichte. Paul Austers erster Roman wird in insgesamt sechs Teilen mit musikalischer Untermalung (...) Sie wollen mehr Texte online lesen?
Das ist machbar! Mit der fördernden Mitgliedschaft

Context XXI, Radiosendungen 2005

Stadt aus Glas

Teil 3
August
2005

Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.

Context XXI, Radiosendungen 2005

Stadt aus Glas

Teil 4
August
2005

Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.

Context XXI, Radiosendungen 2005

Stadt aus Glas

Teil 5
September
2005

Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.

Context XXI, Radiosendungen 2005

Stadt aus Glas

Teil 6
September
2005

Stadt aus Glas erschien 1985 als erster Roman von Paul Auster. Der zu Beginn wie eine Kriminalgeschichte wirkende Text wird in sechs Teilen mit musikalischer Untermalung vorgetragen.

Context XXI, Jahr 2006

Wenn Manifeste in Pension geschickt werden (1)

Februar
2006

Eine kurze Geschichte der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, referiert von Alexander Emanuely. Ein erster Teil wird einen Überblick darüber bieten, wie Dadaistinnen, Surrealistinnen, PataphysikerInnen und SituationistInnen sich als Avantgarden verstanden — und wie sie danach trachteten die (...)

Context XXI, Jahr 2006

Wenn Manifeste in Pension geschickt werden (2)

Februar
2006

Eine kurze Geschichte der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, referiert von Alexander Emanuely. Ein erster Teil wird einen Überblick darüber bieten, wie Dadaistinnen, Surrealistinnen, PataphysikerInnen und SituationistInnen sich als Avantgarden verstanden — und wie sie danach trachteten die (...)

Context XXI, Heft 4-5/2006

Vom Aussaugen und Kopfabschlagen

Ergänzende Bemerkungen zu Franz Stelzhamer
März
2006

In Oberösterreich zumindest ist der Name Franz Stelzhamer jedem Kind vertraut. Eines seiner Mundartgedichte dient seit 1952 als offizielle Landeshymne, „wia a Hünderl sein’ Herrn“ soll man, geht es nach dem Franz von Piesenham und den für diese Entscheidung verantwortlichen Landespolitikern, sein (...)

Streifzüge, Heft 44

Wer bitte sind hier die Bildungsfernen?

Oktober
2008

Wer heute schwerwiegende Mängel in den Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens sowie der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat, gehört zu den programmierten Verlierern des Arbeitsmarktes. Denn zum einen haben die technologischen Entwicklungen der letzten (...)

Streifzüge, Heft 44

Der Slang der Versprecher

Oktober
2008

Raffiniert: „Ein heißer Sommer!“ „Fairgeben“ und „Fairsorgen“. Der Kalauer ver-spricht, ohne auszusagen, hat aber weniger mit Satire als mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Die Werbesprache im öffentlichen Raum, der neoliberale Manager-Sprech, hat sich längst für den Kalauer entschieden. Die (...)

Café Critique, Jahr 2009

Postnazistische Anstalt

Lehrjahre zwischen Jargons — am Beispiel der Theaterwissenschaft
Januar
2009

In memoriam Paul Stefanek I Das Institut für Theaterwissenschaft in Wien, wie ich es Ende der siebziger Jahre kennenlernte, erfüllte nicht nur allgemein die Kriterien einer postnazistischen Anstalt. Der familiäre Charakter, der hier den Ton angab; die unabwendbare Nähe und Vertrautheit im Umgang, (...)

Streifzüge, Heft 65

Das fesselnde Spiel und die spielerische Leichtigkeit des Albert Camus

November
2015

Und Jacques’ an der Marne getöteter Vater. Was bleibt von diesem anonymen Leben? Nichts, eine verschwindend kleine Erinnerung – die geringe Asche eines beim Waldbrand verbrannten Schmetterlingsflügels.* Seinen Vater vermisste Jacques zeitlebens. Er war noch kein Jahr alt, als dieser im Herbst (...)

Streifzüge, Jahrgang 2016

Die Wanderratten (1844)

März
2016

Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und satten. Die satten bleiben vergnügt zu Haus, Die hungrigen aber wandern aus. Sie wandern viel tausend Meilen, Ganz ohne Rasten und Weilen, Gradaus in ihrem grimmigen Lauf, Nicht Wind noch Wetter hält sie auf. Sie klimmen wohl über die Höhen, (...)

Streifzüge, Jahrgang 2016

Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters

November
2016

von Dmitrij Kapitelman Hanser Verlag, Berlin 2016, 286 Seiten, ca. 20 Euro. Rezension Vom Judentum ausgeschlossen zu werden ist doch eigentlich ein Geschenk! Wozu will ich einer der allzeit verhasstesten Gruppen angehören?“ Diese Frage ist in Dmitrij Kapitelman – genannt Dima – langsam gekeimt (...)

Streifzüge, Jahrgang 2017

Sprache der Verdinglichung

Januar
2017

Die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten. (Horkheimeer/Adorno, Dialektik der Aufklärung) Was für ein kometenhafter Aufstieg für ein erst kürzlich erfundenes Adjektiv! (...)

Streifzüge, Jahrgang 2018

Ich will nicht!

Bloßstellungen eines vogelfreien Undichters
Mai
2018

I. Ich. Wer bin ich? Oder doch, was? Ich schreibe. Bin ich Schriftsteller? Aber woher denn! Und vor allem auch, wozu? Was ist mit einem, der nicht behaupten will, Schriftsteller zu sein, kann der sich behaupten, wenn er schon die Behauptung verweigert? Soll ich nicht doch noch Schriftsteller (...)

Streifzüge, Heft 74

Vorschule der Dialektik

Dezember
2018

moderiert und dann textlich destilliert von Hermann Engster Das Problem: Ich wollte herausfinden, ob Brechts Kindergedichte auch in der Schulpraxis funktionieren. Die Versuchsanordnung: drei Grundschulen in Göttingen, vier vierte Klassen an jeweiligen Terminen, Buben und Mädchen im Alter von (...)

FORVM, WWW-Ausgabe
Unvereinbar konvergent

Anders und Adorno

Über die Esoterik der philosophischen Sprache et alia
Mai
2020

Wie die ambivalente Beziehung der beiden Philosophen wechselseitig begründete Wertschätzung mit ebensolcher Feindseligkeit, wenn nicht Verachtung mischt, sollen diese Beiträge nachzeichnen. Am Anfang steht der peinlichste Auftritt, den ein philosophisches Seminar je erlebt haben dürfte. Der Block (...)

Streifzüge, Jahrgang 2021

Eidola und logos

April
2021

1. Niemand, außer Bischof Berkeley (und, um uns nicht auf die abendländische Tradition zu beschränken, schon zuvor der islamische Philosoph Al-Ghazzali), wird wohl bezweifeln wollen, dass es eine objektive Realität außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein gibt, und zwar in dem Sinne, dass, (...)

Streifzüge, Jahrgang 2024

Märchenunglück

März
2024

Kinder brauchen Märchen. (Bruno Bettelheim) Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm waren nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene gedacht, als Unterhaltungsbedürfnis für Menschen aus allen sozialen Schichten: für Bauern, Dienstleute und Handwerker bis hinein ins großbürgerliche Milieu. (...)

Lesende Frau (Ölgemälde von Jean-Honoré Fragonard, 1770/72)

Literatur ist seit dem 19. Jahrhundert der Bereich aller mündlich (etwa durch Vers­formen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse. Man spricht in diesem „weiten“ Begriffsverständnis im Hinblick auf die hier gegebene schriftliche Fixierung etwa von „Fachliteratur“ oder, im Bereich der Musik, von „Notenliteratur“ (etwa Partituren) bzw. ganz allgemein von „Literatur“ im Sinne der Gesamtheit oder von Teilen schriftlich notierter Musik.

Die öffentliche Literaturdiskussion und -analyse ist demgegenüber seit dem 19. Jahrhundert auf Werke ausgerichtet, denen besondere Bedeutung als Kunst zugesprochen werden kann, und die man im selben Moment von Trivialliteratur und ähnlichen Werken ohne vergleichbare „literarische“, sprich künstlerische Qualität, abgrenzt. Die Literatur zählt zu den Gattungen der Kunst.

Das Wort Literatur wurde bis in das 19. Jahrhundert hinein regulär für die Wissenschaften verwendet. Mit Literatur sind üblicherweise veröffentlichte Schriften gemeint. Die Gesamtheit der veröffentlichten Schriften eines Fachgebietes bzw. zu einer bestimmten Thematik oder Zielsetzung bildet ein „Schrifttum“. Nur eingeschränkt und nicht über den Buchhandel zugängliche Publikationen werden als graue Literatur zusammengefasst.

Begriffsdifferenzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heutige begriffliche Differenzierung, die im weitesten Sinne alle sprachliche Überlieferung umfasst und dabei ein enges Feld „literarischer“ Kunstwerke konstituiert, richtete sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ein. Das Wort stand zuvor für Gelehrsamkeit, die Wissenschaften, die Produktion der res publica literaria und der frühmodernen scientific community, seltener auch lediglich für Schriften der griechischen und lateinischen Antike.

Die Neudefinition des Wortes geschah im Wesentlichen unter Einfluss neuer Literaturzeitschriften und ihnen folgender Literaturgeschichten, die zwischen 1730 und 1830 sich schrittweise den belles lettres, den schönen Wissenschaften öffneten, dem Bereich modischer und eleganter Bücher des internationalen Marktes und die dabei Werken der Poesie ein zentrales Interesse schenkten.

Es wurde im selben Prozess selbstverständlich, dass Literatur

Besprochen wird in den nationalen Philologien (wie der Germanistik, der Romanistik, der Anglistik), die die Ausgestaltung der nationalen Literaturen im 19. Jahrhundert im Wesentlichen vorantrieben, nahezu ausschließlich „hohe“ Literatur. Welche Werke unter welchen Gesichtspunkten besprochen werden, ist seitdem Gegenstand einer Debatte um die Bedeutung, die Werke in der jeweiligen Gesellschaft gewinnen. Der jeweilige „Kanon“ einer Nationalliteratur wird in der öffentlichen (und angreifbaren) Würdigung der „künstlerischen“ Qualität festgelegt, sowie in kontroversen Textinterpretationen der Fiktionen, die Titeln tiefere Bedeutung zusprechen. In der neuen Ausgestaltung übernahm die Literatur im 19. Jahrhundert in den westlichen säkularen Nationen Funktionen, die zuvor die Religionen und ihre Textgrundlagen als Debatten- und Bildungsgegenstände innehatten.

In neuerer Zeit wurde das Thema der digitalen Schriftlichkeit ein Diskussionsgebiet der Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft. Gerade bei dieser Art von Literatur ist es nicht mehr möglich, nach Kriterien zu beurteilen, die man für Literatur vergangener Jahrhunderte entwickelt hatte. Siehe dazu: Digitale Schriftlichkeit.

Etymologie und Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Literatur ist eine erst in der Frühmoderne in Mode kommende Ableitung des lateinischen littera, der „Buchstabe“. Der Plural litterae gewann bereits in der Antike eigene Bedeutungen als „Geschriebenes“, „Dokumente“, „Briefe“, „Gelehrsamkeit“, „Wissenschaft(en)“. Im Französischen und Englischen blieb diese Bedeutung erhalten in lettres und letters als Synonym für „Wissenschaften“.

Das heutige Sprechen von Literatur entwickelte sich auf einem Umweg über das Deutsche und seine Äquivalente für die französische Wortfügung belles lettres. Im Laufe des 17. Jahrhunderts setzte sich die französische Wortkombination für einen neuen Bereich eleganter Bücher auf dem europäischen Markt durch. Die zeitgenössische deutsche Übersetzung war hierfür „galante Wissenschaften“, was dem Publikumsanspruch Rechnung trug wie dem modischen Geschmack: Leser beiderlei Geschlechts lasen diese Ware und bestanden darauf, dass sie eine ganze eigene Wissenschaft benötigte, keine akademische pedantische. Als mit dem frühen 18. Jahrhundert das Wort galant in Kritik geriet, setzte sich ein Sprechen von „schönen Wissenschaften“ durch, das im späten 18. Jahrhundert an Tragfähigkeit verlor, da es hier zunehmend um Poesie und Romane ging, eine unwissenschaftliche Materie. Das Sprechen von „schöner Literatur“ erlaubte es schließlich das engere im weiteren Begriffsfeld zu benennen. Man sprach ab Mitte des 18. Jahrhunderts von „Literatur“ mit der Option, jeweilige Schwerpunkte legen zu können. Mit dem Adjektiv „schöne“ wurde das Zentrum bezeichnet, das Literatur im engeren Sinn wurde. Je klarer das Zentrum definiert wurde, desto entbehrlicher wurde im 20. Jahrhundert die weitere Verwendung des Adjektivs.

Aus dem Wort belles lettres ging im deutschen Buchhandel das Wort „Belletristik“ hervor, das heute eine Nachbarstellung einnimmt. Der Buchhandel führte die Verengung des Literaturbegriffs auf Dichtung der Nation, wie sie im 19. Jahrhundert geschah, am Ende nicht durch. Für Verlage ist der internationale Markt unterhaltender Titel ein unverzichtbares Geschäftsfeld. Man kann innerhalb der Belletristik ein kleineres Feld der Klassiker der Literatur abgrenzen[1] und dieses wiederum international sortieren.

Das Wort Literatur hat seine zentrale Bedeutung in Literaturgeschichten, Literaturzeitschriften, in der Literaturkritik und Literaturtheorie. In all diesen Bereichen geht es deutlich darum, Kontroversen über Literatur zu erzeugen. Mit der Belletristik wird im Deutschen eher ein unkontroverses, uneingeschränktes Feld ohne eigene Geschichte beibehalten. Es gibt bezeichnenderweise keine „Belletristikgeschichte“, keine „Belletristikkritik“ und keine nationalen „Belletristiken“, dafür jedoch „Literaturgeschichte“, und „Literaturkritik“ wie „Nationalliteraturen“.[2]

Definitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der heutige Literaturbegriff spiegelt den Wortgebrauch der letzten zweihundert Jahre wider. Er zeichnet sich dabei gleichzeitig durch die Aufnahme einer Reihe historischer Kontroversen aus, die den modernen Streit darüber, welche Werke es verdienen sollten, als Literatur besprochen zu werden, fruchtbar in ihrer teilweisen Unvereinbarkeit bestimmen. Literaturstudenten wird seit dem 19. Jahrhundert die Beherrschung eines Handwerkszeugs der Textanalyse nach den verschiedenen Traditionen der Poetik, der Rhetorik, und der Textinterpretation abverlangt, die dem literarischen Text tiefere kulturelle Bedeutung beimessen soll. Moderne Schulen der Literaturtheorie nahmen hier einzelne Fragestellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und divergierenden Wünschen an einen Kanon wichtigster Werke der jeweils zu schreibenden Literaturgeschichte auf.

Ästhetik und kunstvolle Sprachbeherrschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vorstellung, dass Literatur ein Bereich besonders schöner Texte sein sollte, ist Erbmasse der antiken und frühneuzeitlichen Poesiediskussion. Der alternative Blick auf kunstvolle Sprachbeherrschung geht dagegen auf die Diskussion antiker Rhetorik zurück. Während sich die Rhetorik als weitgehend unkontroverse, zweckorientierte Kunst handhaben ließ, bestand über die Frage des Schönen in der Poesie ein langer Streit, der im 18. Jahrhundert im Wesentlichen als Kampf zwischen Regelpoetikern (Verfechtern einer nach Gesetzen schönen Poesie) und Verfechtern eines Geschmacksurteils geführt wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte sich in Auflösung dieser Diskussion eine neue wissenschaftliche Debatte der Ästhetik durch, die – so die Hoffnung – am Ende in allen Bereichen der Kunst gelten würde als eine Konstante menschlicher Wahrnehmung, wie sie Schönheit auch in der Natur entdeckte.

Ende des 19. Jahrhunderts geriet der Blick auf die Ästhetik in grundsätzliche Kritik. Das hatte zum einen mit der kontroversen Begriffsaneignung durch die Ästhetizisten zu tun, zum anderen mit Kunstwerken, die sich provokant von der Konzentration auf Schönheit verabschiedeten und einen eigenen Realismus im Umgang mit sozialer Realität einklagten. Die schonungslose Anerkennung von Missständen sollte ein anerkanntes Ziel werden. Optionen im Umgang mit dem Konflikt bestanden in der Erweiterung der ästhetischen Konzepte wie in der Diskreditierung der Forderung eigener ästhetischer Wahrheit.

Fiktionalität, gesellschaftliche Relevanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dass Literatur sich im gegenwärtigen Begriff durch Fiktionalität und tiefere Bedeutung, eine Relevanz für die Gesellschaft, auszeichnet, ist im Wesentlichen Erbe der Romandiskussion, die Mitte des 18. Jahrhunderts von der Literaturbesprechung aufgenommen wurde. Weder die Aristotelische Poetik noch die Nachfolgepoetiken der frühen Moderne hatten Poesie über Fiktionalität erklärt. Romane hatten sie samt und sonders nicht als Poesie anerkannt.

Der Vorschlag, Romane und womöglich Poesie generell über Fiktionalität zu definieren, findet sich erstmals klarer mit Pierre Daniel Huets Traktat über den Ursprung der Romane (1670) gemacht – als Möglichkeit, den theologischen Umgang mit Gleichnissen auf eine neue Lektüre von Romanen zu übertragen, bei dem es darum gehen soll, zu ermessen, welche kulturelle Bedeutung ein jeweiliger Titel hat.

Beim Aufbau des modernen Besprechungsgegenstands Literatur war die Frage nach tieferer Bedeutung Anfang des 19. Jahrhunderts praktisch, da sie dem Literaturwissenschaftler neue Tätigkeiten abverlangt, vor allem die der Interpretation. Daneben schuf sie neue Möglichkeiten, Texte zu bewerten und sich speziell diskutierbar rätselhaften, fremdartigen Titeln zuzuwenden und über sie die eigene Nation und Geschichte neu zu erklären. Im 19. und 20. Jahrhundert entfaltete die Frage nach der Bedeutung des Textes in der Kultur zudem politische Dynamik, da sich an sie Forderungen nach aktivem Engagement anschließen ließen.

Literarischer Stil und Subjektivität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Frage stilistischen Anspruchs ist im Wesentlichen Erbmasse der Diskussion neuester belles lettres. Poetiken waren davon ausgegangen, dass zwar einzelne Dichter die Kunst unterschiedlich handhabten, dass jedoch das Persönliche selbst nicht zu erstreben war. Schönheit galt es an sich anzustreben, der Künstler rang um die Schönheit. Mit der Romandiskussion wurde die Frage nach kulturellen Hintergründen akut, die Frage des individuellen Autors war dabei wenig das Ziel. Anders war die Debatte in der Belletristik verlaufen. In ihr stand gerade die Frage nach den Titeln im Vordergrund, die den aktuellen Geschmack am besten befriedigten. Es ging im selben Moment um die Frage nach neuen Autoren, die mit eigenen Sichtweisen den Geschmack prägten.

Die belles lettres sollten insgesamt, so ihre Verfechter sich durch Stil auszeichnen – gegenüber den minderwertigen Volksbüchern wie gegenüber der pedantischen Wissenschaftlichkeit. Romane und Memoiren wurden wesentliche Felder der Produktion modernen persönlichen Stils. Die Diskussion jeweiliger Leistungen der individuellen Perspektive ging im frühen 19. Jahrhundert in der heutigen Literaturdiskussion auf – die Frage nach subjektiver Wahrnehmung der Realität, wie sie sich in Literatur abzeichne, prädestinierte den neuen Bereich, der im 19. Jahrhundert aufgebaut wurde, dazu, ein Debattenfeld im Schulunterricht zu werden. Im modernen Literaturunterricht geht es seitdem zentral darum, Schüler zu subjektiven Stellungnahmen zu Literatur zu bewegen, ihre Subjektivität dabei öffentlich wahrzunehmen, Subjektivität behandelter Autoren zu erfassen.

Höhere strukturelle Komplexität und komplexeres Traditionsverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Lauf des 20. Jahrhunderts kam eine eigene, mutmaßlich neutrale, wissenschaftliche Analyse von Komplexität literarischer Werke auf. Auf sie richtete sich vor allem der Strukturalismus der 1960er und 1970er und ihm folgend der Poststrukturalismus der 1980er und 1990er aus. Betrachtet man die Untersuchungen mit historischer Perspektive, so nehmen sie aus allen Debattenfeldern Untersuchungsoptionen auf. Besondere Würdigung erhalten dabei Texte, die komplexer zu analysieren sind, die der Literaturbesprechung mehr Angriffsfläche der auszulotenden Kontexte geben.

Der hochrangige Text ist unter dieser Prämisse der, der reich an – womöglich divergierenden – Bedeutungsebenen ist, sich intensiv mit Traditionen auseinandersetzt, sich komplex auf andere Texte bezieht, erst im Blick auf diese besser verstanden wird. Die Analysen sind insofern wissenschaftlich objektiv, als sie tatsächlich die wissenschaftliche Analysierbarkeit als Eigenschaft von Texten erfassen, die sich dank ihrer Qualitäten in der wissenschaftlichen Analyse halten, uns nachhaltig als Literatur damit beschäftigen.

Hier lag, rückblickend betrachtet gleichzeitig die Option einer Mode von Texten, die sich auf die Literaturbetrachtung ausrichteten. Die Postmoderne ging in Entdeckungen des Trivialen am Ende zunehmend konfrontativ bis ablehnend mit den hier definierten Ansprüchen an Kunst der Literatur um.

Erst ab dem 19. Jahrhundert hat man zur Literatur nicht nur das Wissenschaftliche gezählt, sondern alles, was schriftlich niedergelegt war. Ab dem Jahrhundert unterschied man auch zwischen hoher Literatur, sprich Hochliteratur, und Literatur von wenig künstlerischer Qualität, sprich Trivialliteratur.

Geschichte des Diskussionsfeldes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literature = Learning, Gelehrsamkeit. Titelblatt der Memoirs of Literature (1712)

Der Prozess, in dem im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Dramen, Romane und Gedichte zu „Literatur“ gemacht wurden (sie hingen vorher unter keinem Wort zusammen), muss unter unterschiedlichen Perspektiven gesehen werden. Ganz verschiedene Interessen waren daran beteiligt, die „Literatur“ zum breiten Debattenfeld zu machen. Auf eine einprägsame Formel gebracht, engten die Teilnehmer der Literaturdebatte ihre Diskussion ein und weiteten ihre Debatte damit aus: Seit Jahrhunderten hatten sie erfolgreich wissenschaftliche Schriften als „Literatur“ diskutiert – Poesie und Fiktionen interessierten sie dabei vor 1750 nur am Rande. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rückten sie ausgewählte Felder des populären Randgebiets in das Zentrum ihrer Rezensionen mit dem Effekt, dass ihre eigene Diskussion sich nun mit den freier besprechbaren Gegenständen ausweitete. Die Gründung der universitär verankerten Literaturwissenschaft festigte im 19. Jahrhundert den Prozess dieser Einengung des Debattenfeldes (auf Dramen, Romane und Gedichte) sowie die Ausdehnung der Diskussion selbst (vor allem auf die staatlichen Schulen und die öffentlichen Medien).

18. Jahrhundert: Die Literaturkritik wendet sich „schöner Literatur“ zu[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Literatur gilt heute zwar nicht mehr demselben Gegenstand wie vor 1750, es blieb jedoch kontinuierlich das Wort des sekundären Austauschs über Literatur. Es findet sich auf Titelseiten von Literaturzeitschriften, in den Bezeichnungen von Lehrstühlen und universitären Seminaren der Literaturwissenschaft, in den Titeln von Literaturgeschichten, in Wortfügungen wie Literaturpapst, Literaturkritiker, Literaturhaus, Literaturpreis. Das Wort Literatur ist dabei (anders als Worte wie „Hammer“, die keine Debattengegenstände bezeichnen) vor allem ein Wort des Streits und der Frage: „Was soll eigentlich als Literatur Anerkennung finden?“ Es gibt eine Literaturdiskussion, und sie legt auf der Suche nach neuen Themen, neuer Literatur und neuen Literaturdefinitionen fortwährend neu fest, was gerade für Literatur erachtet wird. Sie tat dies in den letzten 300 Jahren mit solchem Wandel ihres Interesses, dass man für das Wort Literatur eben durchaus keine stabile inhaltliche Definition geben kann.

Das große Thema des Austauschs über Literatur waren bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die Wissenschaften. In der Praxis des Besprechungswesens reduzierte sich der Blick der Literaturrezensenten dabei auf neueste Publikationen, auf Schriften – ein Austausch, der zunehmend Leser außerhalb der Wissenschaften ansprach: Wissenschaftliche Journale erschienen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit spannenden Themen in den Niederlanden auf Französisch. Englische kamen hinzu, deutsche boomten zwischen 1700 und 1730 im Geschäft, das die Universitäten Leipzigs, Halles und Jenas bestimmten. Der Reiz der wissenschaftlichen Journale war ihre Diskussionsfreudigkeit, ihre Offenheit für politische Themen, die Präsenz, die hier einzelne Literaturkritiker mit eigenen, sehr persönlich geführten Journalen (im deutschen etwa den Gundlingiana des Nikolaus Hieronymus Gundling) entwickelten.

Zwischen 1730 und 1770 wandten sich deutsche literarische Journale bahnbrechend der nationalen Dichtung zu – im territorial und konfessionell zersplitterten Sprachraum war die Poesie der Nation ein Thema, das sich überregional und mit größten Freiheiten behandeln ließ. Die Gelehrsamkeit (die res publica literaria) gewann mit Rezensionen der belles lettres, der schönen Wissenschaften, der schönen Literatur (so die Dachbegriffe, die man wählte, um diese Werke ungeniert in wissenschaftlichen Zeitschriften ansprechen zu können), ein wachsendes Publikum. Aus dem modischen Ausnahmefall des Rezensionswesens wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts der Regelfall.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste im Deutschen das Wort Literatur neu definiert werden. Literatur war (hielt man sich vor Augen, was da besprochen wurde) definitiv nicht der Wissenschaftsbetrieb, sondern eine textliche Produktion mit zentralen Feldern in der künstlerischen Produktion. Literatur wurde in der neuen Definition:

  • im „weiten Sinn“ der Bereich aller sprachlichen und schriftlichen Überlieferung (sie umfasst mündlich tradierte Epen ebenso wie gedruckte Noten; siehe Mündliche Überlieferung, Schriftkultur),
  • im „engen Sinn“ der Bereich sprachlicher Kunstwerke.

Nach der neuen Definition war davon auszugehen, dass sich die Literatur in nationalen Traditionssträngen entwickelte: Wenn sie im Kern sprachliche Überlieferung war, dann mussten die Sprachen und die politisch definierten Sprachräume den einzelnen Überlieferungen Grenzen setzen – Grenzen, über die nur ein Kulturaustausch hinweghelfen kann. Ein Sprechen von „Literaturen“ im Plural entfaltete sich. Für die Nationalliteraturen wurden die nationalen Philologien zuständig. Eine eigene Wissenschaft der Komparatistik untersucht die Literaturen heute in Vergleichen.

Die Definition von Literatur als „Gesamt der sprachlichen und schriftlichen Überlieferung“ erlaubt es den verschiedenen Wissenschaften, weiterhin in „Literaturverzeichnissen“ ihre eigenen Arbeiten als „Literatur“ zu listen (Fachliteratur). Die Definition im „engen Sinn“ ist dagegen gezielt arbiträr und zirkulär angelegt. Es blieb und bleibt darüber zu streiten, welche Werke als „künstlerische“ Leistungen anzuerkennen sind.

Dramen, Romane und Poesie werden im 18. Jahrhundert zum Diskussionsfeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das, was Literatur werden sollte, hatte vor 1750 weder einen eigenen Oberbegriff noch größere Marktbedeutung. Poesie und Romane mussten erst unter eine einheitliche Diskussion gebracht werden, wobei gleichzeitig große Bereiche der Poesie- wie der Romanproduktion aus der Literaturdiskussion herausgehalten werden mussten, wenn diese ihr kritisches Gewicht bewahren wollte.

Der Prozess, in dem ausgewählte Dramen, Romane und Gedichte „Literatur“ wurden, fand dabei in einem größeren statt: Seit dem 17. Jahrhundert gab es auf dem Buchmarkt die belles lettres (englisch vor 1750 oft mit polite literature übersetzt, deutsch mit „galante Wissenschaften“ und ab 1750 „schöne Wissenschaften“). Dieses Feld besteht heute im Deutschen mit der Belletristik fort.

Die „belles lettres“ werden zum Sonderfeld der Literaturdiskussion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die belles lettres waren im 17. Jahrhundert unter den lettres, den Wissenschaften, für das Besprechungswesen ein unterhaltsamer Randbereich. Sie erwiesen sich im Lauf des 18. Jahrhunderts als popularisierbares Besprechungsfeld. Ihnen fehlten jedoch entscheidende Voraussetzungen, um staatlichen Schutz erlangen zu können: Die belles lettres waren und sind international und modisch (man kann von „nationalen Literaturen“ sprechen, nicht aber von „nationalen Belletristiken“), sie umfassten Memoires, Reiseberichte, politischen Klatsch, elegante Skandalpublikationen genauso wie Klassiker der antiken Dichter in neuen Übersetzungen (ihnen fehlt mit anderen Worten jede Ausrichtung auf eine Qualitätsdiskussion; man liest die mit Geschmack, es gibt „Literaturkritiker“, aber keine „Belletristikkritiker“). Die Belletristik war und ist vor allem aktuell und das selbst in ihren Klassikern (es gibt keine „Belletristikgeschichte“, wohl aber „Literaturgeschichte“) – das sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Belletristik und Literatur, die aufzeigen, wie die Belletristik umgeformt werden musste, um die Literatur im heutigen Sinn zu schaffen.

Staatliches Interesse – Achtung, mit der sie zum Unterrichtsgegenstand werden konnte – gewann die Belletristik durch die Einrichtung einer nationalen Debatte, in der es um hohe Kunst der nationalen Dichter ging. Romane, Dramen und Gedichte wurden in der Einrichtung dieser Diskussion zum zentralen Feld der belles lettres, zu „schöner Literatur“, dem Kernbereich der literarischen Produktion.

Das kritische Besprechungswesen entskandalisierte die Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die englische Buchproduktion 1600–1800, Titelzählung nach dem English Short Title Catalogue. Die Statistik zeigt deutlich – eine Besonderheit des englischen Marktes – das Aufkommen der aktuellen politischen Berichterstattung mit der Revolution 1641/42. Die Höhepunkte der Presseaktivität liegen vor 1730 jeweils in politisch turbulenten Jahren. Als Phasen zeichnen sich die Bürgerkriegszeit mit abfallender Produktion, die Zeit der Kriege gegen die Niederlande (1670er) und der Großen Allianz (1689–1712) ab. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt ein neues Wachstum ein mit bald exponentieller Kurve, hinter dem entscheidend der Aufstieg der Belletristik steht.

Der Bereich der belles lettres war vor 1750 klein, aber virulent. Unter 1500–3000 Titeln der jährlichen Gesamtproduktion, die um 1700 in den einzelnen großen Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch auf den Markt kam, machten die belles lettres pro Jahr 200–500 Titel aus; 20–50 Romane waren etwa dabei. Der Großteil der Buchproduktion entfiel auf die Bereiche wissenschaftliche Literatur und religiöse Textproduktion von Gebetbüchern bis hoch zu theologischer Fachwissenschaft, sowie, wachsend: auf die politische Auseinandersetzung. Zu den Marktentwicklungen eingehender das Stichwort Buchangebot (Geschichte).

Auf dem Weg zur diskutablen Poesie wird die Oper ausgeschaltet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Literaturkritik, die Kritik der Wissenschaften, ließ sich zwischen 1730 und 1770 gezielt auf die skandalösesten Bereiche des kleinen belletristischen Marktes ein. Dort, wo es die skandalöse Oper und den ebenso skandalösen Roman gab, musste (so die Forderung der Kritiker) in nationalem Interesse Besseres entstehen. Mit größtem Einfluss agierte hier die deutsche Gelehrsamkeit. Die Tragödie in Versen wurde das erste Projekt des neuen, sich der Poesie zuwendenden wissenschaftlichen Rezensionswesens. Frankreich und England hätten eine solche Tragödie zum Ruhm der eigenen Nation, führte Johann Christoph Gottsched in seiner Vorrede zum Sterbenden Cato, 1731 aus, die den Ruf nach jener neuen deutschen Poesie begründete, aus der am Ende die neue hohe deutsche Nationalliteratur wurde. Die Attacke richtete sich (auch wenn Gottsched das nur in Nebensätzen klarstellte, und ansonsten das Theater der Wandertruppen angriff) gegen die Oper, die in der Poesie den Ton angab. Die Oper mochte Musik sein. Die neue, der Oper ferne Tragödie würde, so versprach es Gottsched, auf Aufmerksamkeit (und damit Werbung) des kritischen Rezensionswesens hoffen können, falls sie sich an die poetischen Regeln hielt, die Aristoteles formuliert hatte.

Der Roman wird dagegen Teil der Poesie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rückkehr zur aristotelischen Poetik blieb ein Desiderat der „Gottschedianer“. Mit dem bürgerlichen Trauerspiel gewann Mitte des 18. Jahrhunderts ein ganz anderes Drama – eines in Prosa, das bürgerliche Helden tragödienfähig machte – die Aufmerksamkeit der Literaturkritik. Der Roman, der mit Samuel Richardsons Pamela, or Virtue Rewarded (1740) dem neuen Drama die wichtigsten Vorgaben gemacht hatte, fand im selben Moment das Interesse der Literaturrezension. War der Roman bis dahin eher Teil der dubiosen Historien als Poesie, so wurde nun die Poesiedefinition für den Roman geöffnet, so wie sie gegenüber der Oper, dem Ballett, der Kantate und dem Oratorium verschlossen wurde.

Der neue Poesiebegriff gab dem Fiktionalen und seiner diskutierbaren Bedeutung größeren Raum als Regeln und Konventionen. Die Diskutierbarkeit von Poesie nahm damit zu. Sie steigerte sich weiter damit, dass das Besprechungswesen zum nationalen Wettstreit der Dichter aufrief.

Die Diskussion „hoher Literatur“ und die Entskandalisierung der Öffentlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die poetischen Werke, die mit den 1730ern geschaffen wurden, um von der Literaturkritik besprochen zu werden, verdrängten nicht die bestehende belletristische Produktion. Der gesamte Markt der Belletristik wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Massenmarkt. Die neue, auf die Besprechung zielende Produktion versetzte jedoch die öffentliche Literaturkritik in die Lage, nach Belieben bestimmen zu können, was öffentlicher Beachtung wert sein sollte und was nicht. Das Besprechungswesen sorgte mit seiner Entscheidungsgewalt über das Medienecho für eine Ausdifferenzierung des belletristischen Sektors und für eine Entskandalisierung der Öffentlichkeit:

  • „Hoch“, der Besprechung würdig, stand die „wahre“, die „schöne Literatur“ – „Höhenkammliteratur“ so ein späteres deutsches Wort (die Marktdifferenzierung fiel am härtesten in Deutschland aus, wo der Prozess früh einsetzte, hier gibt es darum auch die klareren Begriffe).
  • Als „niedrig“ wurde die sich kommerziell verkaufende, undiskutierte belletristische Produktion eingestuft – „Trivialliteratur“ das deutsche abwertende Wort.

Für die öffentliche Auseinandersetzung bedeutete die neue Differenzierung eine Wohltat. Im frühen 18. Jahrhundert hatte man Romane, die hochrangigen Politikern Sexskandale andichteten, in wissenschaftlichen Journalen besprochen, falls die politische Bedeutung das erforderte. Man hatte die Informationen schlicht als curieus gehandelt (siehe etwa die Rezension der Atalantis Delarivier Manleys in den Deutschen Acta Eruditorum von 1713).[3] Kein Gespür für die Niedrigkeit der Debatte bestand da – man ging vielmehr davon aus, dass sich solche Informationen nicht anders verbreiten ließen, als in skandalösen Romanen. Mitte des 18. Jahrhunderts – die neue Mode der Empfindsamkeit kam in diesem Geschehen auf – konnte man das „Niedere“ zwar nicht vom Buchmarkt verbannen, aber eben aus der Diskussion nehmen. Es mochte einen skandalösen Journalismus beschäftigen, der eines Tages eine eigene Boulevardpresse entwickelte, nicht aber die gehobenen Debatten der Literatur.

Die Literaturgeschichte wird mit der Wende ins 19. Jahrhundert geschaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Literaturdebatte entwickelte auf dem Weg der von ihr angestrebten Marktreform eine besondere Suche nach Verantwortung für die Gesellschaft – und für die Kunst. Sie fragte nach den Autoren dort, wo der Markt bislang weitgehend unbeachtet und anonym florierte. Sie löste Pseudonyme auf und nannte die Autoren gezielt bei ihren bürgerlichen Namen (das war im 17. und 18. Jahrhundert durchaus unüblich, man sprach vor 1750 von „Menantes“ nicht von „Christian Friedrich Hunold“). Die neue Literaturwissenschaft diskutierte, welche Stellung die Autoren in der Nationalliteratur gewannen und legte damit das höhere Ziel der Verantwortung fest. Sie schuf schließlich besondere Fachdiskussionen wie die psychologische Interpretation, um selbst das noch zu erfassen, was die Autoren nur unbewusst in ihre Texte gebracht hatten, doch eben nicht weniger in der literaturwissenschaftlichen Perspektive verantworteten. Rechtliche Regelungen des Autorstatus und des Urheberschutzes gaben demselben Prozess eine zweite Seite.

Geschichten der deutschen Literatur offenbaren die Einschnitte des hier knapp skizzierten Geschehens, sobald man die besprochenen Werke auf der Zeitachse verteilt: Mit den 1730ern beginnt eine kontinuierliche und wachsende Produktion „deutscher Dichtung“. Die Diskussionen, die seit 1730 geführt wurden, schlagen sich in Wellen von Werken nieder, die in diesen Diskussionen eine Rolle spielten. Vor 1730 liegt dagegen eine Lücke von 40 Jahren – die Lücke des belletristischen Marktes, dem die Gründungsväter der heutigen nationalen Literaturdiskussion als „Niedrigem“ und „Unwürdigen“ ihre Betrachtungen verweigerten. Mit dem „Mittelalter“, der „Renaissance“ und dem „Barock“ schuf die Literaturgeschichtsschreibung des 18. und 19. Jahrhunderts für die Vergangenheit nationale Großepochen, die der Literatur, wie sie heute erscheint, eine (lückenhafte, nachträglich produzierte) Entwicklung geben.

Frenzels Daten deutscher Dichtung, die wohl populärste deutsche Literaturgeschichte, auf die Chronologie der von ihr gelisteten Werke hin befragt (y-Achse = besprochene Werke pro Jahr). Deutlich zeichnet sich mit dem Jahr 1730 das Aufkommen der für die Literaturbesprechung verfassten poetischen und fiktionalen Literatur ab. Debatte um Debatte schlägt sie sich mit einer neuen Epoche nieder. Vor 1730 bleibt die Vergangenheit, mit der die deutsche Literatur seit den 1730ern ausgestattet wurde, bruchstückhaft.[4]

Seit dem 19. Jahrhundert: Literatur im kulturellen Leben der Nation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Streit in der Frage „Was ist Literatur?“, der mit dem 19. Jahrhundert aufkam, und der nach wie vor die Literaturwissenschaft beschäftigt, ist kein Beweis dafür, dass die Literaturwissenschaft nicht einmal dies zuwege brachte: ihren Forschungsgegenstand klar zu definieren. Die Literaturwissenschaft wurde selbst die Anbieterin dieses Streits. Darüber, was Literatur sein soll und wie man sie adäquat betrachtet, muss tatsächlich gesellschaftsweit gestritten werden, wenn Literatur – Dramen, Romane und Gedichte – im Schulunterricht, in universitären Seminaren, im öffentlichen Kulturleben als geistige Leistung der Nation gewürdigt wird. Jede Interessengruppe, die hier nicht eigene Perspektiven und besondere Diskussionen einklagt, verabschiedet sich aus einer der wichtigsten Debatten der modernen Gesellschaft.

Nach dem Vorbild der Literatur (als dem sprachlich fixierten nationalen Diskursgegenstand) wurden mit der Wende ins 19. Jahrhundert die internationaler verfassten Felder der bildenden Kunst und der ernsten Musik definiert – Felder, die zu parallelen Marktdifferenzierungen führten: Auch hier entstanden „hohe“ gegenüber „niedrigen“ Gefilden: Die hohen sollten überall dort liegen, wo gesellschaftsweite Beachtung mit Recht eingefordert wird. Der Kitsch und die Unterhaltungsmusik („U-Musik“ im Gegensatz zur „E-Musik“) konnten im selben Moment als aller Beachtung unwürdige Produktionen abgetan werden. Die Literaturdebatte muss von allen Gruppen der Gesellschaft als Teil der größeren Debatte über die Kultur und die Kunst der Nation aufmerksam beobachtet werden: Sie nimmt mehr als andere Debatten Themen der Gesellschaft auf und sie gibt Themen an benachbarte Diskussionen weiter.

Dass sie zum Streit Anlass gibt, ist das Erfolgsgeheimnis der Literaturdefinition des 19. Jahrhunderts: Literatur sollen die Sprachwerke sein, die die Menschheit besonders beschäftigen – das ist zirkulär und arbiträr definiert. Es liegt im selben Moment in der Hand aller, die über Literatur sprechen, festzulegen, was Literatur ist.

Der literarische Kanon verdrängt den religiösen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ordnung und Fixierung gewann die Literaturdebatte nicht mit der Begriffsdefinition „Literatur“, an der sich der Streit entzündet, sondern mit den Traditionen ihres eigenen Austauschs. Was als Literatur betrachtet werden will, muss sich für einen bestimmten Umgang mit literarischen Werken eignen. Die Literatur entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur weltlichen Alternative gegenüber den Texten der Religion, die bislang die großen Debatten der Gesellschaft einforderten. Die Übernahme ethisch-moralischer Funktionen durch die schöne Literatur wurde im Viktorianischen England vor allem von Matthew Arnold gefordert, der am Philistertum der dem Mammon frönenden Puritaner Anstoß nahm.[5] Die Literaturwissenschaft drang so mit ihrem Debattengegenstand – Dramen, Romane und Gedichte – in die Lücke, die die Theologie mit der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ. Dabei bewährten sich bestimmte Gattungen, die „literarischen“, besser als andere –

  • Literatur musste, wollte sie Funktionen religiöser Texte übernehmen, öffentlich inszenierbar sein – das Drama war dies,
  • Literatur musste intim rezipierbar sein – insbesondere die Lyrik gewann hier Rang als Gegenstand subjektiven Erlebens,
  • Literatur – weltliche Fiktionen und Poesie – musste tiefere Bedeutung tragen können, wollte sie einen sekundären Diskurs rechtfertigen; dass sie das konnte, zeichnete sich seit 1670 ab (seitdem Pierre Daniel Huet mit seinem Tractat über den Ursprung der Romane als Theologe darauf verwiesen hatte, dass man weltliche Fiktionen und damit den Roman mitsamt der Poesie ganz wie theologische Gleichnisse „interpretieren“ könnte; Huets Vorschlag blieb bis in die 1770er suspekt als fragwürdige Aufwertung von weltlichen Fiktionen),
  • Literatur musste einen Streit über ihre Rolle in der Gesellschaft zulassen – das tat sie, nachdem man Dramen, Romanen und Gedichten schon lange zugestand, dass sie Sitten gefährdeten (oder verbesserten),
  • Literatur musste sich im Bildungssystem mit ähnlicher Hierarchie des Expertentums behandeln lassen wie Texte der Religion zuvor, wollte sie nicht ganz schnell beliebig zerredet werden – tatsächlich kann das Bildungssystem jedem Kind abverlangen, eine eigene Beziehung zur Literatur seiner Nation zu entwickeln; gleichzeitig bleibt enorme Expertise notwendig, um Literatur „fachgerecht“ zu analysieren und zu interpretieren, Fachexpertise, die an universitären Seminaren so exklusiv verteilt wird wie in theologischen Seminaren zuvor.

Siegeszug der pluralistischen Diskussion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Modell literarischer Kommunikation mit Linien des Austauschs zwischen Staat (er legt im Schulunterricht wie an Universitäten fest, was Literatur ist), Öffentlichkeit in den Medien, Verlagen, Autoren und dem Publikum

Das Material, das im Lauf des 18. Jahrhunderts zu Literatur gemacht wurde, war zuvor nur im Ausnahmefall von Literaturzeitschriften (wissenschaftlichen Rezensionsorganen) besprochen worden. Der Austausch über Poesie und Fiktionen, über Dramen, Opern und Romane geschah vor 1750 vor allem in den Theatern und in den Romanen selbst. In den Theatern stritten die Fans über die besten Dramen und Opern. Man veranstaltete in London Wettkämpfe, bei denen man Themen ausschrieb und die beste Oper prämierte. Im Roman attackierten Autoren einander unter Pseudonymen mit der beliebten Drohung, den Rivalen mit seinem wahren Namen auffliegen zu lassen. Hier griff der sekundäre Diskurs der Literaturkritik um 1750 mit neuen Debattenangeboten ein.

Die Literaturdiskussion selbst war zuerst eine rein wissenschaftsinterne Angelegenheit gewesen: Als im 17. Jahrhundert Literaturzeitschriften aufkamen, besprachen in ihnen Wissenschaftler die Arbeiten anderer Wissenschaftler. Das Publikum dieses Streits weitete sich aus, dadurch, dass die Literaturzeitschriften Themen von öffentlichem Interesse intelligent ansprachen und da die Rezensenten sich auf das breitere Publikum mit neuen Besprechungen der belles lettres einließen. Wenn die Wissenschaften Dichter besprachen, gewann ihre Debatte eine ganz neue Freiheit: Fachintern, doch vor den Augen der wachsenden Öffentlichkeit besprach man hier Autoren, die außerhalb der eigenen Debatte standen. Man konnte mit ihnen weit kritischer umgehen als mit den Kollegen, die man bislang im Zentrum rezensierte.

In dem Maße, in dem die Wissenschaften ihren ersten Besprechungsgegenstand (ihre eigene Arbeit) zugunsten des neuen (Poesie der Nation) erweiterten, öffneten sie die Literaturdebatte der Gesellschaft. Die Literaturdiskussion florierte fortan nicht mehr als vor allem internes Geschäft; sie agierte in ihrem Streit zugleich gegenüber zwei externen Teilnehmern: dem Publikum, das die Literaturdebatte verfolgt und vieldiskutierte Titel mit der Bereitschaft kauft, die Diskussionen fortzusetzen und gegenüber den Autoren, die nun als die Verfasser von „Primärliteratur“ dem „sekundären Diskurs“ beliebig distanziert gegenüberstehen können.

Der Austausch gewann an Komplexität, als im 19. Jahrhundert die Nation ein eigenes Interesse an der neuformulierten Literatur entwickelte. Die Nationalliteratur ließ sich an Universitäten und Schulen zum Unterrichtsgegenstand machen. Der Nationalstaat bot der Literaturwissenschaft eigene Institutionalisierung an: Lehrstühle an Universitäten. Die nationalen Philologien wurden eingerichtet. Literaturwissenschaftler wurden berufen, um für Kultusministerien die Lehrpläne zu erstellen, nach denen an den Schulen Literatur zu besprechen ist; sie bilden die Lehrer aus, die Literatur bis in die unteren Schulklassen hinab diskutieren.

Die Verlagswelt stellte sich auf den neuen Austausch ein. Kommt ein neuer Roman auf den Markt, schickt sie komplett vorgefasste Rezensionen mit Hinweisen auf die Debatten, die dieser Roman entfachen wird, an die Feuilleton-Redaktionen der wichtigsten Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender.

Die Autoren veränderten ihre Arbeit. Mit den 1750ern kamen ganz neue Dramen und Romane auf: schwergewichtige, schwerverständliche, die gesellschaftsweite Diskussionen entfachen müssen. Romane und Dramen wurden in ganz neuem Maße „anspruchsvoll“ – Anspruch auf öffentliche Würdigung ist das neue Thema. Um mehr Gewicht auf Debatten zu gewinnen, wurde es unter den Autoren Mode, Dramen, Romane und Gedichte in epochalen Strömungen zu verfassen, Schulen zu gründen, die einen bestimmten Stil, eine bestimmte Schreibweise (die „realistische“, die „naturalistische“ etc.), eine bestimmte Kunsttheorie (die des „Surrealismus“, die des „Expressionismus“) verfochten. Autoren, die sich auf eine solche Weise verorten, werden, wenn die Aktion gelingt, als bahnbrechende besprochen, wenn sie zu spät auf den falschen Zug aufspringen, werden sie von der Kritik als „Epigonen“ gebrandmarkt. Dieses gesamte Spiel kennt kein Pendant vor 1750. Die meisten Stilrichtungen, die wir (wie das „Barock“ und „Rokoko“) vor 1750 ausmachen, sind erst später geschaffene Konstrukte, mit denen wir den Eindruck erwecken, dass Literatur schon immer Debatten fand, wie sie sie seit dem 19. Jahrhundert findet.

Verfolgung von Literatur: Bücherverbrennung 1933

Die Autoren organisierten sich in Assoziationen wie dem P.E.N.-Club international. Sie formierten Gruppen wie die „Gruppe 47“ und Strömungen. Mit Manifesten begannen sie, dem sekundären Diskurs Vorgaben zu machen. Im Einzelfall ließen sie sich auf Fehden mit Literaturpäpsten ein, um auf direktestem Weg die Literaturdiskussion auf sich zu ziehen. Autoren nehmen Literaturpreise an oder schlagen sie, wie Jean-Paul Sartre den ihm verliehenen Nobelpreis für Literatur, im öffentlichen Affront aus. Sie halten Dichterlesungen in Buchhandlungen – undenkbar wäre das im frühen 18. Jahrhundert gewesen. Sie begeben sich in den „Widerstand“ gegen politische Systeme, sie schreiben Exilliteratur aus der Emigration heraus.

Mit all diesen Interaktionsformen gewann der Austausch über Literatur eine Bedeutung, die der Austausch über die Religion kaum hatte (geschweige denn der Austausch über Literatur im alten Wortsinn oder derjenige über Poesie und Romane, wie er vor 1750 bestand).

Das brachte eigene Gefahren mit sich. Die Literaturwissenschaft und der von ihr ausgebildete freiere Bereich der Literaturkritik in den Medien sind erheblichen Einflussnahmen der Gesellschaft ausgesetzt. Die Gesellschaft klagt neue Debatten ein, fordert neue politische Orientierungen, erzwingt von der Literaturkritik Widerstand oder Anpassung. Es gibt in der pluralistischen Gesellschaft in der Folge eine feministische Literaturwissenschaft wie eine marxistische, oder (scheinbar unpolitischer) eine strukturalistische und so fort. Eine Gleichschaltung der Gesellschaft, wie sie das Dritte Reich durchführte, greift konsequenterweise gezielt zuerst in den Literaturbetrieb ein. Die institutionalisierte Literaturwissenschaft lässt sich sehr schnell gleichschalten, Lehrstühle werden neu besetzt, Lehrpläne bereinigt, Literaturpreise unter neuen Richtlinien vergeben. Die Gleichschaltung der Verlagswelt und der Autorenschaft ist die schwierigere Aufgabe der Literaturpolitik, der totalitäre Staaten zur Kontrolle der in ihnen geführten Debatten große Aufmerksamkeit schenken müssen.

Rückblick: Ein neuer Bildungsgegenstand wurde geschaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

München: der Max-Joseph-Platz, vor der Säkularisation der Platz des Franziskanerklosters

Warum die Nation überhaupt ein solches Interesse am pluralistischen und jederzeit kritischen Gegenstand „Literatur“ und den Debatten nationaler „Kunst“ und „Kultur“ entwickelte:

Europas Nationen antworteten mit der Einführung nationalstaatlicher Bildungssysteme und der allgemeinen Schulpflicht – durchaus auch – auf die Französische Revolution. Wer aufsteigen wollte, sollte, so das Versprechen, das jede weitere Revolution erübrigen musste, es in der Nation beliebig weit bringen können – vorausgesetzt, er nutzte die ihm angebotenen Bildungschancen. In der Praxis blieben Kinder unterer Schichten bei aller Chancengleichheit finanziell benachteiligt. Weit schwerer wog für sie jedoch, was sie an Erfahrungen frühzeitig in all den Schulfächern machten, in denen die neuen Themen angesagt waren: Wer in der Gesellschaft aufsteigen wollte, würde seinen Geschmack anpassen müssen. Er würde sich ausschließlich für hohe Literatur, bildende Kunst und ernste Musik begeistern müssen und am Ende mit seinen nächsten Angehörigen keine Themen mehr teilen, ihre Zeitungen verachten wie ihre Nachrichten. Die Frage war nicht, ob man aufsteigen konnte. Die Frage war, ob man bei diesen Aussichten aufsteigen wollte? Erst das ausgehende 20. Jahrhundert brachte hier eine größere Nivellierung der „Kulturen“ innerhalb der Gesellschaft – nicht wie in der linken politischen Theorie gedacht durch eine Erziehung, die Arbeiterkinder an die hohe Kultur heranführte, sondern durch neue Moden der Postmoderne, in denen „niedere“ Kultur, „Trash“, plötzlich „Kultstatus“ gewann.

Der Verlierer im Kampf um gesellschaftliche Diskussionen und Aufmerksamkeit scheint bei alledem die Religion gewesen zu sein. Die Literatur ist gerade an dieser Stelle eine interessant offene Konstruktion. Die Texte der Religion können dort, wo man Literatur diskutiert, jederzeit als die „zentralen Texte der gesamten sprachlichen Überlieferung“ eingestuft werden. Aus der Sicht der Literaturwissenschaft liegen die Texte der Religion nicht „außerhalb“, sondern mitten „im“ kulturellen Leben der Nation. Die Texte der Religion stehen zur Literatur als dem großen Bereich aller textlichen (nach Nationen geordneten) Überlieferung nahezu so ähnlich wie die Religionen selbst zu den Staaten, in denen sie agieren. Es ist dies der tiefere Grund, warum sich das Konzept der Literatur, wie es heute die Literaturwissenschaft beschäftigt, weitgehend ohne auf Widerstand zu stoßen, weltweit ausdehnen ließ.

Literaturen: Das international fragwürdige Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pearl S. Buck, Nobelpreis 1938

Die moderne Literaturdebatte folgt vor allem deutschen und französischen Konzepten des 18. und 19. Jahrhunderts. Deutsche Journale wie Lessings Briefe die Neueste Literatur betreffend wandten sich früh dem neuen Gegenstand zu. Sie taten dies gerade im Verweis auf ein nationales Defizit. Mit der Französischen Revolution erreichte Frankreich das Interesse an einem säkularen textbasierten Bildungsgegenstand.

Wer sich durch die englische Publizistik des 19. Jahrhunderts liest, wird dagegen feststellen, dass das Wort „Literatur“ hier noch bis Ende des 19. Jahrhunderts synonym für die Gelehrsamkeit stehen konnte. An Themen des nationalen Austauschs fehlte es in Großbritannien nicht – die Politik und die Religion lieferten sie zur freier Teilnahme an allen Diskussionen. Die Nation, die die Kirche im 16. Jahrhundert dem Staatsgefüge einverleibt hatte, fand erst spät eine eigene der kontinentalen Säkularisation gleichkommende Debatte. Die wichtigste Geschichte der englischen Literatur, die im 19. Jahrhundert erschien, Hippolyte Taines History of English Literature brachte die neue Wortverwendung als Anstoß von außen ins Spiel und machte verhältnismäßig spät klar, welche Bedeutung England in der neu zu schreibenden Literaturgeschichte selbst gewinnen konnte.

Das Konzept nationaler Literaturen wurde von Europa aus den Nationen der Welt vorgelegt. Es fand am Ende weltweit Akzeptanz. Der Buchmarkt gestaltete sich im selben Geschehen um: Aus einem im frühen 18. Jahrhundert marginalen Feld des Buchangebots wurde die zentrale Produktion. Es drohen mit dem Konzept nationaler Literaturen allerdings fragwürdige Wahrnehmungen:

  • Wo von Literaturen gesprochen wird, ist in der Regel nicht geklärt, ob diese sich tatsächlich in den diskutierten Traditionen entwickelten. Die europäischen Literaturgeschichten hebeln gezielt konträre Traditionskonzepte aus: das der Poesie, das des in die Historie eingebetteten Romans, das der Belletristik, als eines Marktes, der sich offensichtlich als europäischer und heute weltweiter entwickelte. Man kann nicht von „nationalen Belletristiken“ sprechen – es fehlt im selben Moment eine Geschichte des größeren Marktes, der sich durchaus nicht in nationalen Linien entwickelte. Kaum etwas wissen wir von außereuropäischen Traditionskonzepten.
  • Wo von Literatur gesprochen wird, wird in der Regel unterstellt, dass sie sich als Feld der Texte tieferer Bedeutung und höherer sprachlicher, „literarischer“, Qualität entwickelte. Wo von Literatur der Zeit vor 1750 gesprochen wird, ist in der Regel nicht thematisiert, dass die Literaturbegriffe, die dabei als zeitgenössische in Anschlag gebracht werden, genau dies nicht sind. Der in der Germanistik kursierende „Literaturbegriff des Barock“ ist nicht der „Literatur“-Begriff des 17. Jahrhunderts, noch dessen „Poesie“-Begriff noch irgendein vergleichbares, mit einem Wort des 17. Jahrhunderts fassbares Konstrukt. Er entstand im 19. und 20. Jahrhundert in der Interpretation von Tragödien und Romanen des 17. Jahrhunderts, die wir gerne für Literatur des 17. Jahrhunderts erachten würden. Wir schaffen hier Konzepte und Denkmuster anderer Zeiten und Kulturen nach unseren Wünschen.
  • Funktionen, die in unseren Gesellschaften Literatur einnimmt (im Schulunterricht behandelt, in Zeitschriften rezensiert zu werden etc.), nahmen vor 1750 andere Produktionsfelder ein: die Religion, die Wissenschaften, um in Europa zu bleiben. Literaturgeschichten pflegen dies kaum zu thematisieren. Die Literatur bestand, sie musste sich jedoch, so die einfache Theorie, ihren Platz erst erobern – das verstellt weitgehend jeden Blick darauf, welche Rolle die Literaturbetrachtung bei der Ausbildung ihres Gegenstands spielte und in jedem Moment spielt, in dem sie Literaturgeschichte setzt.

Tendenzen: Der „erweiterte Literaturbegriff“ – der „Tod der Literatur“?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus einer nationalliterarischen Perspektive wurde dankbar auf das Konzept nationaler Literaturen zurückgegriffen, da es die jeweilige kulturelle Identität nicht antastete. Die Komparatistik entwickelte jedoch schon früh mit dem Konzept der Weltliteratur ein transnationales Literaturmodell, das – jenseits einer nationalen oder ökonomischen Vorstellung von Literatur(markt) – ein kosmopolitisches Miteinander der Literaturen der Welt gegen die verengende nationale Perspektive setzte.

Weitaus mehr Einsprüche rief der enge Literaturbegriff hervor. Sowohl die Schulen der textimmanenten Interpretation, die wie der Strukturalismus die Bedeutung im einzeln vorliegenden Textstück suchen, als auch die Schulen der gesellschaftsbezogenen Literaturinterpretation vom Marxismus bis zu den Strömungen der Literatursoziologie, die einen Blick auf die Gesellschaft einfordern, traten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für einen „weiten“ Literaturbegriff ein, der es Literaturkritikern erlauben würde, auch politische Texte, Werbung und Alltagstexte ideologiekritisch zu besprechen.

So interpretieren die modernen Kulturwissenschaften literarische Texte nicht nur im literaturtheoretischen und -historischen Kontext, sondern auch als historische Dokumente, als Beiträge zu philosophischen Diskussionen oder (in Form der Cultural Studies) als Ausdruck der Dominanz herrschender oder der Unterdrückung marginalisierter (Sub-)Kulturen. Umgekehrt öffnen die Kulturwissenschaften den Blick für literarische Qualitäten der Geschichtsschreibung oder philosophische Aspekte von literarischen Texten.

Die Vertreter des Poststrukturalismus erweiterten in den 1980er und 1990er Jahren ihren Text- wie ihren Sprachbegriff noch entschiedener. Roland Barthes hatte in den 1950er Jahren bereits die Titelcover von Zeitschriften genauso wie das neue Design eines Autos in ihren Botschaften besprochen. Zur Selbstverständlichkeit wurde der erweiterte Sprachbegriff in der Filmwissenschaft. Hier spricht man ganz ohne weiteres von der „Bildsprache“ eines Regisseurs, und auch über eine solche Sprache können Literaturwissenschaftler sich äußern. Wenn die Literaturwissenschaft sich jedoch auf sprachliche Kunstwerke spezialisiert, hat dies durchaus Vorteile. Sie hält andere Wissenschaftler davon ab, in ihrem Forschungsfeld als Experten aufzutreten, kann jedoch letztlich sehr frei festlegen, was ihr Gegenstand ist. Sie kann sich so auf ein gut gehendes Kerngeschäft, Literatur im engen Sinn, ausrichten oder mit einem erweiterten Literaturbegriff auftreten. Der wiederkehrende Warnruf, der Tod der Literatur stehe bevor, ist auch ein Spiel mit der Aufmerksamkeit der Gesellschaft, die den Austausch über Literatur verfolgt und verteidigt.

Neuerdings wird von einer „performativen Wende“ der Literatur unter den Bedingungen des Internets gesprochen, die auch die Grenzen zwischen Literatur und darstellenden Künsten bzw. zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit relativiert: Das Erscheinen eines Textes im Internet könne als performativer Akt analog einer Theateraufführung verstanden werden. Das Internet sei nicht mehr nur ein Geflecht von Texten; die „Netzliteratur“, z. B. das Schreiben in Chatrooms, sei vielmehr wesentlich durch performative Aspekte, d. h. durch Handlungen bestimmt. Die Kategorie der Performanz, die bisher nur auf Mündliches bezogen war, kann damit auch auf schriftliche Äußerungen übertragen werden: Zwischen ihrem Verfassen, ihrem Erscheinen und ihrer Lektüre muss (fast) keine Zeit mehr verstreichen.[6] Das ähnelt der Sprechsituation von Speaker’s Corner.

Arten von Literatur und Adressaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buchmessen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur und Internet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sammlungen von Literatur im Internet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Projekt Gutenberg-DE stellt zahlreiche Literatur ins Internet.
  • Trotz ähnlich klingender Domain nicht damit verbunden ist das Project Gutenberg, das ebenfalls Literatur in zahlreichen Sprachen zur Verfügung stellt.

Interessant ist auch die Digitale Bibliothek:

E-Texte der Philosophie, Religion, Literatur etc.

Im Internet entstandene Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Internet wird aber nicht nur Literatur zur Verfügung gestellt, sondern auch Literatur geschrieben. Beispiele sind Digitale Poesie, Weblogs oder kollaboratives Schreiben im Netz.

Digitale Literatur folgt anderen Kriterien als herkömmliche Literatur, sie ist von Aspekten der Technik, Ästhetik und Kommunikation geprägt. Das Internet eignet sich dafür um über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg zu kommunizieren und multimediale Aspekte zu vereinen und zu integrieren. Außerdem unterliegen elektronische Medien einer beständigen Metamorphose. So haben beispielsweise Neal Stephenson und sein Team mit dem Schreiben eines Romans (The Mongoliad)[7] im Internet begonnen, bei dem eine Community von Autoren interaktiv mitschreibt. Neben dem eigentlichen Text gibt es eine eigene E-Publishing-Plattform („Subutai“) mit Videos, Bildern, einem Wiki und einem Diskussionsforum zum Roman.

Literatursoftware[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Verwaltung von Literatur gibt es mittlerweile zahlreiche Programme. Mit ihnen lassen sich z. B. eigene Literatursammlungen nach spezifischen Merkmalen kategorisieren. Die Abfragen brauchen teilweise nicht von Hand eingegeben zu werden, es reicht, z. B. den Autor bzw. den Titel einzugeben und daraufhin eine Suche in bestimmten Datenbanken zu tätigen. Die Ergebnisse können dann einfach übernommen werden.

Literaturdatenbanken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Literaturdatenbank katalogisiert den Bestand aktueller und älterer Literatur. Hier finden vermehrt digitale Kataloge bzw. Online-Literaturdatenbanken ihren Gebrauch.

Literaturen nach Sprachen und Nationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regionen, Kontinente

Siehe auch die Artikel

Bereiche schriftlicher und sprachlicher Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachliteratur

Belletristik / Schöne Literatur

Die literarischen Gattungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Epik:

Dramatik:

Lyrik:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Portal: Literatur – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Literatur

(Sekundär-)Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(Literatur über die Literatur)

Nachschlagewerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

siehe auch: Literaturlexikon

Klassische Literaturdefinitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Autoren dieser Titel legen ein Corpus von in ihren Augen literarischen Werken fest und versuchen dann, in einer wissenschaftlichen und subjektiven Analyse dieser Werke auszumachen, was Literatur grundsätzlich auszeichnet.

  • René Wellek: Literature and its Cognates. In: Dictionary of the History of Ideas. Studies of Selected Pivotal Ideas. Band 3, ed. Philip P. Wiener, New York 1973, S. 81–89.
  • René Wellek, Austin Warren: Theorie der Literatur. Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-8072-2005-4.
  • Paul Hernadi: What Is Literature? London 1978, ISBN 0-253-36505-8 Sammelband zum Begriff Literatur – enthält unter anderem von René Wellek: „What Is Literature?“
  • Helmut Arntzen: Der Literaturbegriff. Geschichte, Komplementärbegriffe, Intention. Eine Einführung. Aschendorff, Münster 1984, ISBN 3-402-03596-0 Kontrastiert verschiedene Literaturbegriffe miteinander, die samt und sonders als Begriffe des in unseren Augen literarischen Materials gewonnen werden.
  • Wolf-Dieter Lange: Form und Bewusstsein. Zu Genese und Wandlung des literarischen Ausdrucks. In: Meyers kleines Lexikon Literatur. Mannheim 1986. Ist ein typischer Aufsatz zum Thema – Lange stellt Titel, die ihm Literatur sind zusammen und erkennt, dass Literatur schon immer besonders ausdrucksstark war (und darum, so seine Mutmaßung, auf den Schrei der ersten Menschen zurückgehe).
  • Gisela Smolka-Koerdt, Peter M Spangenberg, Dagmar Tillmann-Bartylla (Hrsg.): Der Ursprung von Literatur. Medien, Rollen, Kommunikationssituationen 1450–1650 Wilhelm Fink, München 1988, ISBN 3-7705-2461-6 Sammlung von Aufsätzen zu in unseren Augen literarischen Genres am Beginn der frühen Neuzeit.
  • Zweideutigkeit als System. Thomas Manns Forderung an die Kunstgattung Literatur.

Begriffs- und Diskursgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Roland Barthes: Histoire ou Litérature? In: Sur Racine. Paris 1963, S. 155; erstveröffentlicht in Annales, 3 (1960). Barthes verwies als erster darauf, dass das Wort „Literatur“ noch im Blick auf die Zeit Racines nur „anachronistisch“ zu verwenden sei – wurde darauf von René Wellek (1978) heftig angegriffen – das Wort habe es durchaus gegeben, wobei Wellek verschwieg, dass die Titel, die er dazu zitierte, sich nicht mit Literatur in unserem Sinne befassten. Barthes starb 1980, Welleks Antwort blieb als korrekte Richtigstellung stehen.
  • Jürgen Fohrmann: Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich (Stuttgart, 1989), ISBN 3-476-00660-3 Ist die erste germanistische Arbeit, die den Themenwechsel im Blick auf „Literaturgeschichten“ skizzierte, und daran Überlegungen zum Aufbau der Germanistik im 19. Jahrhundert anknüpfte.
  • Kian-Harald Karimi: ‚Des contes qui sont sans raison, et qui ne signifient rien‘ – Vom ‚Roman der französischen Philosophen’ zum philosophischen Roman. In: Christiane Solte-Gressner, Margot Brink (Hrsg.): Écritures. Denk- und Schreibweisen jenseits der Grenzen von Literatur und Philosophie. Stauffenburg, Tübingen 2004, S. 71–88. Bestimmt das Verhältnis von Literatur und Philosophie, wobei die Literatur der Moderne, besonders der Roman selbst zu einem Ort philosophischer Reflexion wird und sich nicht mehr darauf beschränkt, diese wie im Zeitalter der Aufklärung zu illustrieren, sondern selbst zu entfalten.
  • Lee Morrissey: The Constitution of Literature. Literacy, Democracy, and Early English Literary Criticism (Stanford: Stanford UP, 2008). Zur Interaktion zwischen Literaturkritik und Literaturproduktion sowie zum Zusammenhang zwischen Literatur und Öffentlichkeit im englischsprachigen Raum.
  • Rainer Rosenberg: „Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 77 (1990), 36–65. Konstatiert die Bedeutungen der Begriffe „Poesie“, „Dichtung“, „Belles Lettres“, „Schöne Wissenschaften“, „Schöne Literatur“, „Literatur“ für verschiedene Zeitpunkte – und beklagt, dass darin kein System erkennbar sei – verfasst ohne den Denkschritt Fohrmanns, nachdem die Literaturwissenschaft hier Themen adoptierte und ihr altes Thema aufgab, um etwas Neues zu besprechen.
  • Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde (Amsterdam/ Atlanta: Rodopi, 2001), ISBN 90-420-1226-9 Bietet S. 85–94 einen Überblick über die Geschichte des Wortes Literatur und S. 115–193 einen genaueren Blick auf die Literaturdebatte 1690–1720; im Zentrum mit der Positionsveränderung des Romanmarkts zwischen dem frühen 18. Jahrhundert und heute befasst.
  • Olaf Simons, „Von der Respublica Literaria zum Literaturstaat. Überlegungen zur Konstitution des Literarischen“ in: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts, Bd. 26. Jg. 2014 (Hamburg: Felix Meiner, 2015).
  • Richard Terry: The Eighteenth-Century Invention of English Literature. A Truism Revisited. In: British Journal for Eighteenth Century Studies, 19.1, 1996, S. 47–62. Konstatiert einleitend, dass es nun spannend ist, zu erfassen, was all das war, was uns heute „Literatur“ ist, und welche Rolle es spielte, bevor man anfing es als „Literatur“ zu diskutieren. Gibt Überblick über Titel, die Details des Problems untersuchten.
  • Winfried Wehle: Literatur und Kultur – Zur Archäologie ihrer Beziehungen. In: Jünke, Zaiser, Geyer (Hrsg.): Romanistische Kulturwissenschaft, Würzburg 2004, S. 65–83 (PDF).
  • Jannis Androutsopoulos: Neue Medien – neue Schriftlichkeit? In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, Nr. 1/2007, S. 72–97 (PDF; 9,7 MB).
  • Christiane Heibach: Literatur im Internet: Theorie und Praxis einer kooperativen Ästhetik. Dissertation.de, Berlin 2000, ISBN 3-89825-126-8 (Dissertation Universität Heidelberg 2000, 396 Seiten, illustriert, 21 cm).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ob „Klassiker“ noch zur „Belletristik“ zählen, ist abhängig vom Verständnis des Begriffsumfangs. Oft wird „Belletristik“ in einer auf „Unterhaltungsliteratur“ verengten Bedeutung gebraucht. Irmgard Schweikle: Belletristik. In: Günther und Irmgard Schweikle (Hrsg.): Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2. Auflage. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1990, ISBN 3-476-00668-9, S. 46.
  2. Siehe Rainer Rosenberg: „Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 77 (1990), 36–65 und Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde Rodopi, Amsterdam/Atlanta 2001, S. 85–94.
  3. Delarivier Manley's New Atalantis (1709) – reviewed 1713. http://www.pierre-marteau.com, abgerufen am 22. August 2019.
  4. Für eine Diskussion dieser Statistik siehe Olaf Simons, Our Knowledge has Gaps Critical Threads, 19. April 2013.
  5. Matthew Arnold: Culture and Anarchy. An Essay in Political and Social Criticism. London 1869.
  6. Thomas Kamphusmann: Performanz des Erscheinens: Zur Dramatisierung des Schreibens unter den Bedingungen des Internet [Sic], In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 45(2009), Heft 154.
  7. Siehe dazu: http://oe1.orf.at/programm/269317