FORVM, No. 342/343
Juli
1982

16 Bogen Klopapier

Über Zukunft des Journalismus

Rede beim Linzer Mediengespräch des ORF, Juni 1982

I. Taglöhner des Geistes

Wir Journalisten müssen uns unsere verdammte Bedürfnislosigkeit abgewöhnen oder wir sind verloren.

Wir geben uns ständig mit ein paar Lohnprozenten zufrieden. Wir schnappen nach ein paar Kollektivvertrags- oder Gesetzesklauseln. Wir brauchen mehr, viel mehr.

Denn materielle und sozialpolitische Übersättigung sind kein Wohlstandsbarometer, sondern ein Armutszeugnis. Wir Journalisten sind arm.

Daß Journalisten saufen, ist erstens eine Verleumdung und zweitens kein Wunder. Das erst zu vollbringende Wunder ist das Recycling des vertilgten Geistes.

Ich schreib grad an einer Biographie Gustav Landauers, des Anarchisten und Sozialisten, den 1919 Freikorpssoldaten wie einen Hund totschlugen, und fand bei ihm folgende seltsame Stelle:

Ihr Künstler, ihr Gelehrten, ihr Stubenhocker, ihr alle mit bloß einseitiger geistiger Arbeit; nicht freiwillig habt ihr euch von der Wirklichkeit ... der Natur, dem Auswirken all eurer Organe und Muskeln getrennt ... diesem System der unsinnigen Arbeitsteilung ... wo die einen geistig verdumpft und verödet sind ... die andern Wissen, Denken ... Gestalten, Phantasieren zum alltäglichen Beruf, zum Geschäft prostituiert haben. Ihr alle, ob ihr euch so nennt oder nicht, seid nichts andres als Journalisten, das heißt zu deutsch Tagelöhner des Geistes. [1]

Was folgt aus dieser unsinnig hochgeschraubten Definition von Journalismus?

II. Generalisten

Der Journalist lebt davon, daß seine Ware vergänglich ist. Seine Expertisen, Kommentare, Analysen, Prognosen enthalten beruhigend viel „built-in obsolescence“. Er muß ununterbrochen frische Semmeln backen.

Umgekehrt der Generalist. Er ist so wenig gefragt, weil seine Ware so haltbar und altbacken ist. Er sagt immer dasselbe, weil die Wahrheit immer dieselbe ist. Sein Pech.

Als Generalist sag ich Ihnen: die Zukunft des Journalismus, Taglöhnerei des Geistes, steht und fällt mit seiner zunehmenden Verwandlung in Generalismus.

Die sogenannte Informationsexplosion ist ein Schwindel. Unsere gequälten Mitbürgerinnen und Mitbürger erfahren immer mehr über immer weniger, so daß sie schließlich alles über nichts wissen. Die liebe Frau Tilde, Raumpflegerin und Pflegerin meiner selbst in der Redaktion des FORVM, beschämte mich anläßlich der Einführung der Sommer- oder Winterzeit, die ich verschlief, weil ich Zeitung Radio Fernsehen meide, so gut es geht (so gut geht es schon nicht). Frau Tilde konnte mich in allem Detail aus allen denkbaren Ländern informieren, wie das sei mit der Einführung der Sommer- beziehungsweise Winterzeit. Sie wußte alles, ich nichts, aber es war egal.

Massenmedien machen aus Massen Medien. Desto notwendiger werden Gegenmedien, Antimassenmedien. Sie können durchaus hohe Auflage und hohen Gewinn versprechen und dieses Versprechen auch halten. Im Technospeak der Branche läuft das unter „Hintergrundinformation zu aktuellen Ereignissen“. Und sei deshalb nötig, weil Radio und Fernsehen in Aktualität unschlagbar, Zeitungen und Nachrichtenmagazine folglich und mit Erfolg das aktuelle Vorspiel weitertreiben können bis zur totalen Befriedigung des Rezipienten.

Sei’s.

Als Generalist behaupte ich: der zum Rezipienten degradierte Mensch will mehr. Die Überflutung mit Neuigkeiten, diesen ewigen alten Hüten, führt zurück — seltsam sind die Wege der Medien — zur Sehnsucht nach wesentlichem. Schon enthält ein klassisches Hintergrundmedium wie der Spiegel ein klassisch literarisches Genre wie den Essay, lang bis endlos. Wer nicht nostalgisch ist, ist kein Realist.

Schon Kleist bekannte, daß ihm alte Zeitungen interessanter seien als neue. Diesem Interesse diente einst der Ort, wo sie kleingeschnitten landeten. Im Feuilleton auf der ersten Seite, im Fortsetzungsroman auf der letzten war fast die ganze Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts versammelt. Unser Jahrhundert preist auf 16bogigen Plakaten Klopapier an.

III. Kleinkinderrauschen

Der Journalist als Taglöhner des Aktuellen kann mit einem Wortschatz auskommen, der nicht größer ist als der des altklugen Kleinkinds. Es wird davon ausgegangen, daß der Leser/Hörer/Seher sich in ebendiesem Entwicklungsstadium befindet oder durch zwischengeschaltete Werbung darauf reduziert wurde. Da soll der Journalist nicht so tun, als ob er gescheiter wäre. Er soll kindlich bleiben wie sein Publikum; ungewohnte Worte sind pfui-gak.

Wir Medienfritzen unterschätzen das Volk fast immer. Aus dem dürren Newspeak desertiert es zum Romanheft, zur Schnulze, in den allgemeinen Gartenzwergismus. Es hat recht. Mag Kunst edler als Kitsch sein — edler als das Kauderwelsch der Politiker, von dem die Journalisten zehren, ist allemal der Kitsch. Jeder Gartenzwerg ein Beweis, daß Poesie dem Volk nottut. Wo es Brot will, liefern wir Steine.

Als Generalist sag ich Ihnen: Die Zukunft des Journalismus fällt und steht mit der Zukunft des Wortes. Das Wort, tut mir leid, ist ein religiöser Begriff. In ihm fallen Wirklichkeit und Wahrheit, Wahrheit und Schönheit in eins. Verzichtet der Journalist auf das Wort, versinkt er im bloßen „Rauschen“.

Bloßes Rauschen können die elektronischen Medien — aus der Elektronik kommt ja der Begriff — besser erzeugen als die altmodische Zeitung. Auf allen Bergen TV-Masten, auf allen Dächern Parabolspiegel, in allen Himmeln Satelliten: des Rauschens kein Ende. Beethoven kam mit einem verstimmten Klavier aus, er war eh taub, seine Kollegen Heinz Conrads und Peter Alexander sind anspruchsvoller. Sie sind liebe Menschen, und alle Techniker auch, wir alle wollen’s garnicht so. Aber es hilft uns nichts. Wir sind schuldig. Wehe durch wen Ärgernis kommt.

Gewiß, Wirklichkeit, Wahrheit, Schönheit, ereignen sich auch in den elektronischen Medien. Eine Stimme, die im „Rauschen“ nicht sogleich ertrinkt; ein Gesicht; eine Geste. Aber welch Aufwand! Ich hab schon Fernsehen gemacht, da hat’s den lieben Gerd Bacher noch garnicht gegeben; und ich bin auf perverse Weise sogar verliebt in die Bachersche ORF-Apparatur. Aber ich kiefelte immer an der Kosten-Nutzen-Relation: Wieviel Technik, wieviel Wesentliches?

IV. Raufwort

Dem römischen Triumphator wurde ein Sklave zur Seite gesetzt, der ihm ins Ohr zu flüstern hatte: Du bist vergänglich. Wir Fernsehfritzen bräuchten wenigstens einen elektronischen Affen, der uns jedesmal am Ohr zupft, wenn ein Hörer und Seher in die Küche geht, ein Bier holen oder aufs Klo, oder zwar an den Schirm gekettet bleibt, aber trotzdem nicht aufpaßt. Er hat recht. Es ist Selbstschutz. Vielleicht hängt das geistige Überleben der Menschheit davon ab, daß sie die Zwangstagsschule Fernsehen schwänzt.

Vielleicht sind das nur die Konkurrenzängste eines Altjournalisten. Solang ich schon aus dem Kastel schaue — letztlich komm ich vom Papier, von der Druckerschwärze, vom Wort.

Viel modernstes Elektronik-Glumpert wird auf dem Misthaufen der Weltgeschichte gelandet sein, und das gedruckte Wort wird immer noch da sein: praktischestes, einfachstes, haltbarstes Gefaß für Geist.

Medienriesen, Sieger in allen Volksabstimmungen am Kiosk, werden im Orkus des Recycling spurlos verschwunden sein, und immer noch und wieder neu wird Meinungspresse wichtig sein. Desto wichtiger, je bedrohlicher das Rauschen anschwillt.

Rücksichtsloses Wort, radikales Wort, rauflustiges Wort. Provozieren heißt Hervorrufen, Beschwören.

Sanftes Wort, schönes Wort. „Poesie“, sagt mein reaktionärer Liebling Novalis, „ist das einzig Reale, je poetischer desto wahrer. Nur das kann wahre Geschichte sein, was zugleich auch Fabel sein kann.“

Was ist die Fackel des Karl Kraus gegen die Neue Freie Presse, Friedrich Torbergs FORVM gegen die Prawda; Schillers Horen gegen die Kronen-Zeitung?

Sogleich bekenne ich mich wiederum zur Objektivität. Schließlich bin ich seriöser Journalist. Objektivität ist die keimfreie Nullsumme aller relevanten Meinungen. Objektiv ist, was mein Chef dafür hält. Ich bin intelligent genug, um das zu wissen. Daher hat er mich noch nie zensuriert. Ich weiß, was er will. Er weiß, was „das Haus“ will. Objektiv ist, was die Parteien und Verbände wollen. Unobjektiv ist, was die Parteien und Verbände nicht wollen.

Daher bekenne ich mich sogleich zur subjektiven Meinung, zum Wort, nicht aus Plastik, sondern aus Fleisch, sowohl irrelevant wie nicht umzubringen.

Entnehmen Sie bitte daraus, daß ich die Zukunft des Journalismus für gesichert halte.

V. Elektronikzombies

Freilich sollte man auch einer ganz andren Zukunft des Journalismus ins kalte blaue Auge sehen.

Ein möglicherweise imaginäres Szenario könnte so aussehen:

Eine große regierende Partei könnte ein Rundfunkgesetz beschlossen haben, das die Strukturen einer Rundfunkanstalt so maßschneidert, daß sie passen für den Fall einer Beherrschung dieser Anstalt durch diese Partei.

Zwischen den beiden Möglichkeiten: a) auch für den Fall unsrer eignen Vorherrschaft wollen wir in keinem Medienbereich eine Vorherrschaft, aus grundsätzlichen liberalen Erwägungen; b) wenn wir schon im privatwirtschaftlichen Printmediensektor nichts reißen, wollen wir das beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgleichen — zwischen diesen beiden Erwägungen könnte man sich für b) entschieden haben.

Und nun könnte eine Panne passiert sein, es könnte der falsche General dieser Rundfunkinstitution gewählt worden sein ... Und das auf den richtigen General maßgesahneiderte Rundfunkgesetz könnte nun diesem falschen hilfreich sein, und der ist noch dazu hochintelligent und irr cäsarisch dynamisch.

Und nun nähert sich die Situation in den Geweiden dieses Medienkolosses dem Jahr 1984. In allen obersten und mittleren und unteren Befehlsbereichen setzt dieser Cäsaro-Dynamiker seine stromlinienförmigen Leute hin, noch übrig gebliebene Andersblütige werden in ihren Befugnissen fachkundig abgeräumt wie ein Christbaum. Die modernste Elektronik spielt prächtig mit in der sich anbahnenden Totalkontrolle.

Dieses imaginäre Szenario könnte zu zweierlei führen: zum gleichfalls intelligenten und dynamischen Widerstand vereinigter Dienstnehmervertretungen — oder zur Fortsetzung der brutal-charmanten Lobotomie der Journalisten, zu ihrer progressiven Erweichung in fachmännisch gesteuerte Zombies.

Allen genau Zuhörenden ist unterdessen klargeworden, daß es sich um keine vorhandene, sondern um eine imaginäre Rundfunkanstalt handeln muß.

Entnehmen Sie bitte daraus, daß ich hinsichtlich der Zukunft des Journalismus beunruhigt bin.

[1Gustav Landauer: Beginnen, Köln 1924, S. 71

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