Peter Altenberg
Beiträge von Peter Altenberg
FORVM, No. 96

Aus unbekannten Altenberg-Briefen

■  Peter Altenberg ▪ Willy Haas
Dezember
1961

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Beiträge zu Peter Altenberg
FORVM, No. 361/363

Zwischen Verstaatlichung und Wiedereinbürgerung

Die politische Kultur Österreichs und ihrer Intellektuellen aus ausländischer Perspektive
März
1984

Ihr Intellektuellen wir

Peter Altenberg 1907
Peter Altenberg (signature).gif

Peter Altenberg (* 9. März 1859 in Wien; † 8. Jänner 1919 ebenda; eigentlich Richard Engländer) war ein österreichischer Schriftsteller. Sein Pseudonym wählte er nach dem Rufnamen „Peter“ seiner Jugendliebe Berta Lecher, die in Altenberg an der Donau (heute Ortsteil der Gemeinde St. Andrä-Wördern) wohnte.[1][2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richard Engländer war Sohn von Moritz Engländer, einem jüdischen Kaufmann, und seiner Gattin Pauline, geb. Schweinburg.[3] Er studierte erst Jus,[4] dann Medizin, brach die Studien aber ab und nahm eine Buchhändlerlehre bei der Hofbuchhandlung Julius Weise in Stuttgart auf. Diese brach er ebenso ab wie einen erneuten Versuch des Jus-Studiums. 1895 verfasste er erste literarische Arbeiten, durch den Kontakt mit Karl Kraus kam es ab 1896 zu Veröffentlichungen (Skizzenband Wie ich es sehe). Im März bzw. April 1900 trat er „aus der israelitischen Religionsgemeinschaft“ aus, blieb dann zehn Jahre konfessionslos und ließ sich schließlich im Jahr 1910 in der Karlskirche taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos. Altenberg, der nach einer kurzen Zeit in München wieder nach Wien zurückgekehrt war, war dort schon zu Lebzeiten eine stadtbekannte Figur, um die sich die Legenden rankten. 1904 riet er dem achtzehnjährigen Sohn Heinz von Marie Lang, der sich an ihn gewandt hatte, weil Lina Loos die Affäre beendet hatte, er solle sich umbringen, was dieser dann tat. Schnitzler verarbeitete das in dem unvollendeten „P.A.-Stück“ "Das Wort".

Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, ein normales Berufsleben zu beginnen, attestierte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Seither führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern.

Trotz Erfolges blieb Altenberg von Spenden abhängig, zu denen seine Freunde – darunter Karl Kraus und Adolf Loos – aufriefen. Seine letzten sechs Lebensjahre wohnte er in einem Zimmer im Graben-Hotel in der Dorotheergasse im Stadtzentrum. Nachdem er in den letzten zehn Lebensjahren häufig in Alkoholentzugs- und Nervenheilanstalten gewesen war,[Anm. 1] starb er am Vormittag des 8. Jänners 1919 an der III. Medizinischen Klinik (siehe: Franz Chvostek junior) des Wiener Allgemeinen Krankenhauses.[5] Er wurde am 11. Jänner 1919 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem später von der Stadtverwaltung ehrenhalber gewidmeten Grab bestattet (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 84).[1] Karl Kraus schloss seine Grabrede mit den Worten: „Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!“

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Porträtiert von Gustav Jagerspacher 1909
Grabstätte von Peter Altenberg

Das Werk Peter Altenbergs besteht ausschließlich aus kurzen Prosatexten, die meistens als Prosaskizzen oder Prosagedichte kategorisiert werden. Es handelt sich dabei um Momentaufnahmen eines Gelegenheitskünstlers – flüchtigen Eindrücken und Begegnungen sowie zufällig mitgehörten Gesprächen, die das gesellschaftliche Leben der Wiener Moderne als sogenannte Kaffeehausliteratur skizzieren.

Altenberg selbst beschrieb den Prozess der Entstehung dieser Texte in einem Brief an Arthur Schnitzler folgendermaßen:

„Wie schreibe ich denn?!
Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel im Zusammenhang steht. Man muss sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt antun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen –. Was dabei herauskommt, ist sicher das, was wirklich und tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.“[6]

Die Kunst Peter Altenbergs besteht darin, mit wenigen „literarischen Pinselstrichen“ und teilweise „zwischen den Zeilen“ ein ganzes Netz von Beziehungen anzudeuten. Dabei versucht er nicht, das Leben auf einen ideologischen Nenner zu bringen, sondern zeigt es in seiner oft widersprüchlichen Vielfalt. Eine wichtige Rolle in den Skizzen spielen sinnliche Eindrücke wie Farben und Gerüche. Altenberg gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Impressionismus.

Manche der kurzen Texte sind für die Bühne geeignet. Die nur zwei Buchseiten umfassende Szene „Masken“ für neun Sprecherinnen und deren Chor[7] widmete Altenberg dem Architekten Josef Hoffmann; sie wurde 1907 im Kabarett Fledermaus aufgeführt, die Entwürfe für Bühnenbild und Kostüme stammten von Carl Otto Czeschka.[8] Der mit Altenberg befreundete Schriftsteller Egon Friedell, der sich auch als Kabarettist und Conférencier betätigte, trug immer wieder auch Texte von Altenberg vor. Teile aus Friedells Gesprächen mit Altenberg erschienen später als Anekdoten, wobei Friedell die alleinige Autorenschaft beanspruchte. Friedell gab auch Das Altenbergbuch mit Texten von Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar u. a. sowie Korrespondenzen von, an und über Altenberg heraus.[9]

Einige von Altenbergs Texten wurden von Alban Berg und Hanns Eisler vertont.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Figur Peter Altenbergs im Café Central, Wien

Im Jahr 1929 wurde in Wien in Döbling (19. Gemeindebezirk) die Peter-Altenberg-Gasse nach ihm benannt.

Im Wiener Café Central wurde er als lebensgroße, an einem Kaffeehaustisch sitzende Figur aufgestellt. (Die Figur wurde einst für die Wiener Festwochen angefertigt.) Im Büro des Wiener Bürgermeisters befindet sich eine ähnliche Figur: Peter Altenberg liest Zeitung.[10]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Altenberg: Wie ich es sehe. S. Fischer, Berlin 1896.
  • Peter Altenberg, Burkhard Spinnen: Wie ich es sehe. Manesse, Zürich 2007, ISBN 978-3-7175-2128-0.
  • Ashantee. S. Fischer, Berlin 1897; Loecker, Wien 2008, ISBN 978-3-85409-460-9
  • Was der Tag mir zuträgt. Fünfundfünfzig neue Studien. S. Fischer, Berlin 1901 (und 6. Auflage 1917)
  • Prodromos. S. Fischer, Berlin 1906
  • Märchen des Lebens. S. Fischer, Berlin 1908; veränd. A. ebd. 1919
  • Die Auswahl aus meinen Büchern. S. Fischer, Berlin 1908
  • Bilderbögen des kleinen Lebens. Erich Reiss, Berlin 1909
  • Neues Altes. S. Fischer, Berlin 1911 (Digitalisat der UB Bielefeld)
  • Semmering 1912. S. Fischer, Berlin 1913; verm. A. ebd. 1919
  • Fechsung. S. Fischer, Berlin 1915
  • Nachfechsung. S. Fischer, Berlin 1916
  • Vita ipsa. S. Fischer, Berlin 1918
  • Mein Lebensabend. S. Fischer, Berlin 1919 (Digitalisat der UB Bielefeld)
  • Der Nachlass von Peter Altenberg, zusammengestellt von Alfred Polgar. S. Fischer, Berlin 1925.
  • Peter Altenberg. Auswahl von Karl Kraus, herausgegeben von Sigismund von Radecki. Atlantis, Zürich 1963
  • Das Buch der Bücher von Peter Altenberg, zusammengestellt von Karl Kraus. 3 Bände. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0409-3
  • Die Selbsterfindung eines Dichters. Briefe und Dokumente 1892–1896. Hrsg. und mit einem Nachwort von Leo A. Lensing. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0552-6

Vertonungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alban Berg: Aus den Jugendliedern für Singstimme und Klavier (ca. 1901–1908; hrsg. 1985):
    • Traurigkeit („Weinet, sanfte Mädchen...“) (1906)
    • Hoffnung („Was erhoffst du dir, Mädchen, noch?!“) (1906)
    • Flötenspielerin („Von der Last des Gedankens und der Seele befreit“) (1906)
  • Alban Berg: Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg (1912, zwei dieser Lieder, nämlich die Nummern 2 und 3, brachte Arnold Schönberg im Rahmen des berüchtigten Skandalkonzerts von 1913 zur Uraufführung)
    • 1. Seele, wie bist du schöner, tiefer, nach Schneestürmen
    • 2. Sahst du nach dem Gewitterregen den Wald
    • 3. Über die Grenzen des All blicktest du sinnend hinaus
    • 4. Nichts ist gekommen, nichts wird kommen für meine Seele
    • 5. Hier ist Friede. Hier weine ich mich aus über alles
  • Hanns Eisler: Und endlich („Und endlich stirbt die Sehnsucht doch“) (1953)
  • Konrad Scherber: Vision – Neu-Romantik (1908) Vorgetragen im Kabarett Fledermaus von Lina Vetter-Loos

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Engländer Richard. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 253.
  • Eugen Thurnher: Altenberg, Peter. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 213 f. (Digitalisat).
  • Egon Friedell: Ecce Poeta. S. Fischer, Berlin 1912; Diogenes, Zürich 1992, ISBN 3-257-22543-1
  • Egon Friedell: Peter Altenberg. In: Kleine Porträtgalerie. Fünf Essays. Beck, München 1953 (Digitalisat bei Gutenberg-DE)
  • Egon Friedell (Hrsg.): Das Altenbergbuch. Wiener Graphische Werkstätte, Wien 1921
  • Karl Kraus (Hrsg.): Peter Altenberg. Auswahl aus seinen Büchern. Schroll, Wien 1932; Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-458-33551-X
    • Neuausgabe als: Was der Tag mir zuträgt. Auswahl aus seinen Büchern. Marix, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-200-8
  • Wolfgang Kraus (Hrsg.): Peter Altenberg: Das Glück der verlorenen Stunden. Auswahl aus dem Werk. Kösel, München 1961
  • Helga Malmberg: Widerhall des Herzens. Ein Peter Altenberg-Buch. Langen-Müller, München 1961
  • Felix Mitterer: Der Narr von Wien. Aus dem Leben des Dichters Peter Altenberg. Ein Drehbuch, Residenz, Salzburg 1982, ISBN 3-7017-0304-3
  • Gisela von Wysocki: Peter Altenberg. Bilder und Geschichten des befreiten Lebens. Essay. Hanser, München 1979, ISBN 3-446-12841-7 (Dissertation Universität Frankfurt am Main 1976 unter dem Titel: Potentiale der Subjektivität im irrationalistischen Denken); Neuausgabe: Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1994, ISBN 3-434-50049-9.
  • Andrew Barker, Leo A. Lensing: Peter Altenberg: Rezept die Welt zu sehen: kritische Essays, Briefe an Karl Kraus, Dokumente zur Rezeption, Titelregister der Bücher (= Untersuchungen zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Band 11), Braumüller, Wien 1995, ISBN 3-7003-1022-6.
  • Thomas Markwart: Die theatralische Moderne. Peter Altenberg, Karl Kraus, Franz Blei und Robert Musil in Wien, Kovač, Hamburg 2004, ISBN 3-8300-1680-8 (Dissertation TU Berlin 2002).
  • Heinz Lunzer: Peter Altenberg – Extracte des Lebens. Einem Schriftsteller auf der Spur. Residenz, Salzburg 2003, ISBN 3-7017-1320-0.
  • Christian Rößner: Der Autor als Literatur. Peter Altenberg in Texten der ‚klassischen Moderne‘ (= Helicon, Band 32), Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-54965-2 (Dissertation Uni Bamberg 2005).
  • Ricarda Dick: Peter Altenbergs Bildwelt. Zwei Ansichtskartenalben aus seiner Sammlung. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0431-4.
  • Simon Ganahl: Karl Kraus und Peter Altenberg: eine Typologie moderner Haltungen, Konstanz University Press, Paderborn 2015, ISBN 978-3-86253-059-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Peter Altenberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Peter Altenberg – Quellen und Volltexte

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Unter anderem von Dezember 1910 bis September 1911 im Sanatorium Dr. E(mil) Fries für Nerven- und Gemüthskranke in (siehe:) Inzersdorf bei Wien.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Hedwig Abraham (Red.): Peter Altenberg. In: viennatouristguide.at, abgerufen am 23. Juli 2014.
  2. Informationen zum Pseudonym auf viennatouristguide.at
  3. Geburtsbuch. Abgerufen am 19. Oktober 2016.
  4. juridicum.univie.ac.at Jus-Studium Wien; abgerufen am 25. November 2016.
  5. L. U.: Peter Altenberg – gestorben. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 6 Uhr-Blatt, Nr. 12213/1919, 8. Jänner 1919, S. 2, oben rechts (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/waz.
  6. Peter Altenberg: Brief an Arthur Schnitzler (1894). In: Gotthart Wunberg (Hrsg.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-007742-7.
  7. Peter Altenberg: Märchen des Lebens, S. 197 ff.
  8. M. Buhrs, B. Lesák, Th. Trabisch: Fledermaus Kaberett 1907 bis 1913. Das Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Österreichisches Theatermuseum 1907, S. 175 (Abbildungen)
  9. Das Altenbergbuch. Herausgegeben von Egon Friedell. Verlag der Graphischen Wiener Werkstätte, Leipzig / Wien 1922, siehe Inhaltsverzeichnis, S. 419 ff., Textarchiv – Internet Archive.
  10. Diese Kunst hängt in den Politikerbüros orf.at, 17. März 2018, abgerufen 18. März 2018.