Reinhold Niebuhr
Beiträge von Reinhold Niebuhr
FORVM, No. 23

Das Ende des Fanatismus

■  Reinhold Niebuhr
November
1955

Reinhold Niebuhr, einer der führenden protestantischen Theologen Amerikas, gehört mit Bertrand Russell, Karl Jaspers, Salvador de Madariaga und Jacques Maritain zum Internationalen Ehrenpräsidium des „Kongreß für die Freiheit der Kultur“. Er ist Professor an der New Yorker Universität, Mitheransgeber (...) Sie wollen diesen Text online lesen?
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Karl Paul Reinhold Niebuhr (* 21. Juni 1892 in Wright City, Missouri; † 1. Juni 1971 in Stockbridge, Massachusetts) war ein einflussreicher amerikanischer Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niebuhr stammte aus einem deutsch-amerikanischen Pfarrhaus und wurde nach dem Studium am Eden Theological Seminary und am Elmhurst College 1913 zum Pfarrer der in der unierten Tradition stehenden German Evangelical Synod of North America, einer Vorgängerkirche der United Church of Christ, ordiniert. Nach Abschluss seines Aufbaustudiums in Yale wurde er 1915 zum Pfarrer einer Gemeinde in Detroit berufen. Ab 1928 lehrte er am Union Theological Seminary in New York, wo er 1930 eine ordentliche Professur erhielt, die er bis zu seiner Emeritierung 1960 innehatte. 1933 setzte er sich dafür ein, dass Paul Tillich nach seiner Emigration aus Deutschland eine Professur am Union Theological Seminary erhielt. Seit 1947 war Niebuhr Mitglied der American Philosophical Society[1] und seit 1953 der American Academy of Arts and Letters.[2]

1931 heirateten Reinhold Niebuhr und Ursula Keppel-Compton; der Ehe entstammen ein Sohn und eine Tochter.

Sein Bruder Richard Niebuhr (1894–1962) war ebenfalls Theologe.

Werk und Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst von der Social-Gospel-Bewegung geprägt, erarbeitete Niebuhr später eine eigene Grundposition, die er „christlicher Realismus“ nannte. Er verbindet eine Orientierung an kollektiven Interessen mit dem Leitbegriff der Gerechtigkeit. Beeinflusst von Augustins philosophischem Dualismus entwickelte Niebuhr ein dialektisches anthropologisches Konzept. Dieses beinhaltet die Erkenntnis, dass der Mensch durch seine intellektuelle Freiheit die Fähigkeit zur Herstellung des Guten wie des Bösen habe. Der Mensch sei durch seine reflexiven Fähigkeiten dazu verdammt, sich seinen Lebenssinn selbst zu kreieren. Da Endlichkeit und Knappheit die Rahmenbedingungen seines Handelns sind, wird der Mensch zu aus Selbstgerechtigkeit und Stolz geborenen Taten verführt. Auf der Ebene der internationalen Politik führt dies zu imperialistischem Handeln mächtiger Nationen. Er wird zu den Vertretern des Realismus in den Internationalen Beziehungen gezählt.[3]

Niebuhr kritisierte nicht nur den Utopismus des Kommunismus, der zu Despotismus führe, sondern auch die Anmaßung der USA, sich als auserwählte Nation zu fühlen. Machtausübung führe immer auch zu moraldefizitärem Verhalten. Heutzutage berufen sich sowohl Liberale wie Barack Obama[4] als auch Neokonservative[5] auf Niebuhr.

Seine Geschichtstheologie fand auch in der zeitgenössischen katholischen Philosophie Beachtung.[6]

1964 erhielt Niebuhr die Presidential Medal of Freedom.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Titelblatt der deutschen Ausgabe von Niebuhrs Predigtband von 1948
  • Moral Man and Immoral Society: A Study of Ethics and Politics. Charles Scribner’s Sons, 1932; Westminster John Knox Press, 2002, ISBN 0-664-22474-1.
  • Interpretation of Christian Ethics. Harper & Brothers, 1935.
  • Beyond Tragedy: Essays on the Christian Interpretation of History. Charles Scribner’s Sons, 1937, ISBN 0-684-71853-7 (deutsch: Jenseits der Tragödie : Betrachtungen zur christlichen Deutung der Geschichte. Kaiser, München 1947).
  • The Nature and Destiny of Man: A Christian Interpretation. Aus den Gifford Lectures, 1941. Band 1: Human Nature, Band 2: Human Destiny. Prentice Hall, 1980; Band 1: ISBN 0-02-387510-0, Neuausgabe 1996: ISBN 0-664-25709-7.
  • The Children of Light and the Children of Darkness. Charles Scribner’s Sons, 1944; Neuausgabe 2011, eingeleitet von Gary Dorrien: ISBN 978-0-226-58400-3 (deutsch: Die Kinder des Lichts und die Kinder der Finsternis : Eine Rechtfertigung der Demokratie und eine Kritik ihrer herkömmlichen Verteidigung. Kaiser, München 1947).
  • Discerning the Signs of the Times. Sermons for Today and Tomorrow. Charles Scribner’s Sons, 1946 (deutsch: Die Zeichen der Zeit: Predigten für heute und morgen. Kaiser, München 1948).
  • Faith and History. 1949, ISBN 0-684-15318-1 (deutsch: Glaube und Geschichte : Eine Auseinandersetzung zwischen christlichen und modernen Geschichtsanschauungen. P. Müller, München 1951).
  • The Irony of American History. Charles Scribner’s Sons, 1952; Neuausgabe 2008 mit Einleitung von Andrew J. Bacevich: ISBN 978-0-226-58398-3.
  • Christian Realism and Political Problems. 1953, ISBN 0-678-02757-9 (deutsch: Christlicher Realismus und politische Probleme. Evang. Verl.-Werk, Stuttgart 1956).
  • The Self and the Dramas of History. Charles Scribner’s Sons, 1955.
  • Love and Justice: Selections from the Shorter Writings of Reinhold Niebuhr. Hrsg. v. D. B. Robertson, 1957; Reprint: Westminster John Knox Press, 1992, ISBN 0-664-25322-9.
  • Pious and Secular America. 1958, ISBN 0-678-02756-0 (deutsch: Frömmigkeit und Säkularisation. Mohn, Gütersloh 1962).
  • The Structure of Nations and Empires. 1959, ISBN 0-678-02755-2 (deutsch: Staaten und Grossmächte: Probleme staatlicher Ordnung in Vergangenheit und Gegenwart. Mohn, Gütersloh 1960).
  • Reinhold Niebuhr on Politics: His Political Philosophy and Its Application to Our Age as Expressed in His Writings. Hrsg. v. Harry R. Davis und Robert C. Good, 1960.
  • A Nation So Conceived: Reflections on the History of America From Its Early Visions to its Present Power. Charles Scribner’s Sons, 1963.
  • The Essential Reinhold Niebuhr: Selected Essays and Addresses. Hrsg. v. Robert McAffee Brown, Yale University Press, 1986, ISBN 0-300-04001-6.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ursula M. Niebuhr: Remembering Reinhold Niebuhr. Letters of Reinhold & Ursula M. Niebuhr. Harper, San Francisco 1991, ISBN 0-06-066234-4.
  • Lothar BilyNiebuhr, Reinhold. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1, Sp. 723–730.
  • James F. Gustafson: Niebuhr, Karl Paul Reinhold. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 24, 1994, S. 470–473.
  • Christoph Rohde: Das Bild des politisch handelnden Menschen im Christlichen Realismus Reinhold Niebuhrs unter Berücksichtigung der Internationalen Politik. Ars Una 1996, ISBN 3-89391-902-3.
  • Dieter Splinter: Theologe zwischen den Welten: Reinhold Niebuhr und die „Deutsche Evangelische Synode von Nord-Amerika“, 1892–1928. Aachen 1998, ISBN 3-8265-2690-2.
  • Eyal Naveh: Reinhold Niebuhr and Non-Utopian Liberalism. Sussex Academic Press. Portland 2002, ISBN 1-903900-04-2.
  • Richard Crouter: Reinhold Niebuhr (1892–1971) und H. Richard Niebuhr (1894–1962). In: Klassiker der Theologie; 2: Von Richard Simon bis Karl Rahner. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52801-5, S. 258–288.
  • Mark L. Kleinman: A world of hope, a world of fear: Henry A. Wallace, Reinhold Niebuhr, and American liberalism. Ohio State University Press, Columbus 2000, ISBN 978-0-8142-0844-1.
  • Christoph Rohde: Die Geburt des Christlichen Realismus aus dem Geist des Widerstandes. Duncker & Humblot, Berlin 2016, ISBN 978-3-428-14824-0 (384 Seiten).
  • Tina Bellmann: Zwischen Liebesideal und Realismus. Theologische Anthropologie als soziale Ressource bei Reinhold Niebuhr. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2018, ISBN 978-3-86395-320-1, doi:10.17875/gup2018-1095, PDF (open access).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Member History: Reinhold Niebuhr. American Philosophical Society, abgerufen am 9. Januar 2019.
  2. Members: Reinhold Niebuhr. American Academy of Arts and Letters, abgerufen am 17. April 2019.
  3. Eintrag zu Reinhold Niebuhr im Personenlexikon der internationalen Beziehungen virtuell (PIBv). Herausgegeben von Ulrich Menzel, Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig.
  4. Obama’s Favorite Theologian? A Short Course on Reinhold Niebuhr (Memento vom 2. Juli 2009 im Internet Archive), Pew Research (26. Juni 2009).
  5. Michael Novak: Father of Neoconservatives: Nowadays, the Truest Disciples of the Liberal Theologian Reinhold Niebuhr Are Conservatives. In: National Review, Band 44, 11. Mai 1992.
  6. Alois Dempf: Übersicht der gegenwärtigen Zeitdeutungen. In: Philosophisches Jahrbuch 62 (1953), S. 1–45, hier 16–18.