MOZ, Nummer 49
Februar
1990
Autonome:

Alles Walzer

Opernball. Drinnen Tanz, draußen Militanz. Drinnen der Ball der Bälle, draußen die Demo der Demos. Was treibt Autonome zu Tausenden vor die Oper? Die Aussicht auf Krawalle? Abenteuerlust? Eine revolutionäre Strategie?

There is a war
between the rich and poor
a war
between the man and the woman
there is a war
between the ones who say:
„there is a war“
and the ones who say
that there is none.
 
You cannot stand
what I’ve become
you much prefer
the gentleman I was before
I was so easy to defeat
I was so easy to control
I didn’t even know
that there was a war.
 
Why don’t you come on back to the war?
Don’t be a tourist!
Leonard Cohen

Begonnen hatte alles 1987. Anläßlich des traditionellen Stelldicheins der High-Society sollte es zu einem mahnenden Grünprotest kommen, denn schließlich war Franz Josef Strauß geladener Gast, Patron der damals heftig umstrittenen Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Die als Mixtur zwischen Gschnas und Protest geplante Veranstaltung schlug in eine von der Polizei initiierte Prügelorgie um, und jene, die sich „Autonome“ nannten, waren plötzlich hochstilisiert zum Staatsfeind Nummer 1.

Nur: sie selbst waren von alledem überrascht. Hatten sie doch mit „einer laschen grünveranstaltung“ gerechnet.

Ein Jahr später, da blickten alle schon gespannter auf den Opernball. Ein politisch rühriger Herbst mit StudentInnenstreik und einer Großdemonstration gegen Sozialabbau machten klar, daß die Demo diesmal eine Anklage gegen den Tanz der Herrschenden werden sollte.

Die Autonomen, diesmal schon organisierter, diesmal schon vorbereiteter, wollten allerdings auch diesmal keine „aktionen“ machen — wußten sie doch um ein Kräfteverhältnis, das eindeutig zu ihren Ungunsten ausfiel: 1.750 Polizisten waren um die Oper formiert.

Und doch kam wieder es zu Prügeleien.

Was sich 1989 wiederholte. Eine Medienhetze ungeahnten Ausmaßes mobilisierte mehr DemonstrantInnen denn je — diesmal auch „Vorstadtkids“ und ‚brave‘ SchülerInnen. Worauf alle — mit Ausnahme der organisierten autonomen Gruppen vielleicht — warteten, trat denn auch ein. Die Straßenschlacht vor der Oper übertraf alle bisherigen, sie ließ Berliner Zustände erahnen.

Und 1990?

„Der Opernball wird uns wieder zu Tausenden auf die Staatsoper zutreiben, wobei die meisten sich wieder einmal so richtig unklar sein werden, was sie dort denn eigentlich machen wollen. Und wenn wir dann wieder einmal so richtig verdroschen worden sind, werden wir wieder einmal Staat und Kapital als die Bösen, die Polizei als deren Handlanger entlarven und Fehler in unserem taktischen Vorgehen wie in der Einschätzung der Dinge erkennen“, heißt es selbstkritisch im „TATblatt“, einer Zeitung der autonomen Szene.

Also, was tun?

Vor allem: Wie umgehen mit der Gewalt, dem „Dreinschlagen“, der Militanz?

Denn zweifelsohne sind es die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die, auch wenn sie von der Polizei provoziert werden, für viele den Reiz der Opernballdemo ausmachen. Zweifelsohne sind sie es auch, die zur (politischen) Charakterisierung der Autonomen herhalten müssen.

Worüber zumindest die organisierten autonomen Gruppen unglücklich sind. Denn ihre politischen Anliegen können sie ob der erdrückenden Präsenz der Gewaltdiskussion nicht mehr artikulieren.

Militanz oder was?

Der Versuch, den Stellenwert der Gewalt innerhalb autonomer Politik zu bestimmen, ist nicht einfach. Es gibt, wie bereitwillig eingestanden wird, noch immer zu wenig ideologische Diskussionen innerhalb der Gruppen.

Ihr Lieblingswort heißt „Militanz“, die sie nach dem Duden definieren — als politisch motivierte Gewaltanwendung. Zu dieser haben sie ein taktisches Verhältnis, was allerdings nicht viel mehr heißt als: Gewalt kann und soll unter bestimmten Voraussetzungen zur Durchsetzung politischer Ziele angewandt werden. Ein Gemeingut, das so lange eine Nullaussage bleibt, bis diese „bestimmten Voraussetzungen“ näher definiert werden. Ist die Situation in El Salvador mit der in Österreich zu vergleichen? Sind die Autonomen die Bolschewiki Österreichs?

Und: Was war etwa im vergangenen Jahr Militanz, was unpolitisches „Dreinschlagen“? Was war Aktion, was war action? Es hätte, so die Autonomen, beides nebeneinander gegeben.

Einerseits Gruppen, „die sich sehr genau überlegt haben, wen und was sie angreifen. so wurde ein mercedes zerstört, der einem organisierten faschisten gehörte. das türkische reisebüro wurde auch nicht zufällig entglast“, schreibt die Zeitung „anti“.

Andererseits wird eingestanden, daß sich vor allem im vergangenen Jahr eine Menge Leute beteiligt hätten, die in keinerlei organisierten Zusammenhängen stünden und folglich auch in keine Diskussionen eingebunden sind. Die kamen auch nicht, um politische Ziele durchzusetzen oder auch antikapitalistischen Protest zu üben.

Sie kamen — und werden heuer wohl wieder kommen —, angelockt vom Abenteuer „Straßenschlacht“.

Oder auch, um ihre Wut und ihre Frustration, die sie aufgestaut haben, loszuwerden, wissend, daß sie bei der Demo nicht allein sein werden, wissend, daß sie ein Objekt ihres Hasses, nämlich „die bullen“ vorfinden. An ihnen üben die „Vorstadtkids“ kollektive Rache, für ständiges Gemaßregelt-Werden wegen Lärmbelästigung, Geschwindigkeitsüberschreitung oder zu lauten Mopeds, Rache wohl auch für so manchen Schlag, so manchen Tritt, den sie sonst alleine, vereinzelt in Kommissariatsstuben, einzustecken hatten.

Und anstatt allein oder höchstens in einer Kleingruppe Telefonzellen zu zertrümmern, Ausländer zu schikanieren oder Frauen zu belästigen oder zu vergewaltigen, lassen sie an jenem Februartag ihre Aggression kollektiv und zielgerichtet los. Die Kanalisierung dieser aufgestauten Wut, diese „gegenwehr“ am Opernball sei Vandalismus und oben erwähnten Delikten noch allemal vorzuziehen, meint einer der vorjährigen Demonstrationsorganisatoren.

So gesehen ist die Demo nicht das von den Medien beschworene Operieren RAF-geschulter Terroristen. Sie kommt aus dem ‚Bauch‘, wie es im Alternativjargon heißt.

Die Gefahr dieser Argumentation ist aber auch bewußt. „Wer mag versichern können“, fragt das „TATblatt“, „daß diese Gegengewalt immer unter einem ‚linken‘ Aufhänger zum Ausbruch kommt und nicht überschlägt in den Ruf nach einem starken Mann, Ausländerhaß oder Gewalt gegen Frauen ...?“

Opernballdemo, 1989
Foto: Robert Newald

Mystifizierte Gewalt

Ohne Zweifel kommt es allerdings auch innerhalb der organisierten Autonomen zu einer Mystifizierung der Gewalt(tätigkeit). Gesucht wird ein WIR-Erlebnis, das hilft, die Erfahrung der Isolation zu überwinden. Gefunden wird es in der gemeinsamen Aktion (oder action?), die als erfolgreich empfunden wird.

Empfunden wird, denn wenn lang und breit darüber diskutiert wird, ob nun diese oder jene Polizeisperre überlaufen werden soll, dann hat das keinen politischen Stellenwert. Es geht schlicht darum, zu zeigen, daß „wir es können, daß wir gemeinsam stark sind“.

Mystifiziert wird allerdings auch „der kampf gegen die bullen“ als politischer Selbstzweck. Auf einem Flugblatt zu einer sehr kurzen Hausbesetzung liest sich die Abenteuergeschichte dann so:

10.00h: Nach einem mehr oder weniger delikaten Frühstück und einigen Tschiks fangen wir mit dem Verbauen an: die Barrikade ist zwar miserabel, aber besser als nichts.

13.50h: Los geht’s. Wir sperren uns in einem Zimmer ein und verbarrikadieren die Türen. Einige Zeit später: Die ersten Bullen sind schon da. Ca. 50 Sympathisanten vorm Haus.

14.45h: Die Bullen stürmen. Wir warten. Draußen beißen die Bullen noch einige Minuten an der Barrikade, dann sind sie bei uns. Wir haben wieder einmal das ‚Vergnügen‘, einen ‚ach so seltenen‘ Polizeiübergriff hautnah zu erleben.

Das angeführte Beispiel der Polizeisperre zeigt noch ein weiteres Herzstück autonomen Selbstverständnisses: „Freiheit wird nicht erbettelt, sondern erkämpft.“ Mit dem, was der Staat an Freiheiten zugesteht, wollen sie sich nicht begnügen. Herkömmliche Demonstrationen fordern oder protestieren. Autonome fordern und protestieren nicht innerhalb des Zugestandenen, sie wollen diese Grenze bewußt überschreiten. Ist eine Kundgebung etwa bis 22 Uhr genehmigt, dann demonstrieren sie bis 22.30 Uhr.

Just dieser Akt der Grenzüberschreitung ist politisch sinnstiftend. Er zeigt die Bereitschaft, die staatliche Norm zu brechen. Stehen sie dann jenseits des Rubikons, wissen sie allerdings oft genug nicht, was dort tun.

Dort ansetzen, wo’s wehtut

Derzeit, hofft ein ‚älterer‘ Autonomer, beginnt sich diese Fixiertheit auf ein WIR-Erlebnis, das im „kampf“ gegen „die bullen“ gesucht wird, aufzulösen. „Denn eigentlich“, sagt mein Freund, „ist das Zentrale am autonomen Selbstverständnis, daß wir dort ansetzen wollen, wo die Menschen die Herrschaft, die Ausbeutung, die Entfremdung am direktesten spüren. Wohnen, Arbeiten, Arbeitslos-Sein, Sexismus — das sind eigentlich unsere zentralen Themen. Da wollen wir ansetzen, Leute politisieren und organisieren. Militante Aktionen, die daraus resultieren, können dann eine Form des Kampfes sein.“

Diese Politik „des subjektiven Ansatzes“ führt letztlich zur Verweigerung gegenüber dem „Zwang zu dienen“. Der Lohnarbeit, den Geschlechterrollen, den staatlich festgelegten Regeln wollen sie sich nicht mehr unterwerfen und statt dessen möglichst herrschaftsfreie Strukturen aufbauen.

Der Kampf um diese prägt ihre offensive und kraftvolle Lebenspraxis, er macht sie allerdings auch zu ständigen Opfern der staatlichen Repressionspolitik. Wegen tatsächlich oder vermeintlich begangener Delikte haben sie dauernd mit der Staatsgewalt zu tun — eine Beschäftigung, die sie „Antirepressionsarbeit!“ nennen und die sie völlig okkupiert.

Kontinuierliche politische Arbeit bleibt da allzuoft auf der Strecke.

Zu kurz kommt meist auch der Versuch der Vermittlung. Setzen sich manche von ihnen sehr wohl für eine Diskussion mit der ‚etablierten‘ Linken ein, lehnen andere, und derzeit scheinen sie in der Mehrheit zu sein, den Kontakt ab. Verständlich, wird in Betracht gezogen, wie unsolidarisch sie etwa von den Grünen behandelt wurden — die üblen Distanzierungsworte eines Peter Pilz oder anderer ließen an Staatsfreundlichkeit nichts zu wünschen übrig. Damit vergeben sich die Autonomen aber die Chance, ähnlich wie in der BRD, radikales Korrektiv der Linken, die, so Hermann Gremliza, doch in recht warmen Stuben hockt, zu sein und Druck auf sie auszuüben.

Denn eigentlich sollte ihre Bereitschaft, sich im Kampf gegen das „schweinesystem“ staatlicher Repression auszusetzen, auch als permanentes Stellen der Gretchenfrage verstanden werden: „Sag, wie hältst Du’s mit dem kapitalistischen Staat?“

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