FORVM, No. 84
Dezember
1960

Alt-Wiener Theaterlieder

Heinz Politzer, der in diesem Monat 50 Jahre alt wird, gehört zu jener „mittleren“ Generation, deren Vertreter in der österreichischen Literatur sehr spärlich gesät sind und von Anfang an sehr hart um ihre literarische Geltung zu kämpfen hatten: teils weil sie noch im Schatten der Großen, der Broch und Musil, Zweig und Werfel, Karl Kraus und Joseph Roth zu schreiben begannen, teils weil ihre Entwicklung durch Krieg oder Emigration (oder beides) empfindlich unterbrochen wurde. Für den am 31. Dezember 1910 in Wien geborenen Heinz Politzer dauert diese Unterbrechung eigentlich bis heute an: er mußte Österreich 1938 verlassen und lehrt nun schon seit vielen Jahren an amerikanischen Universitäten — derzeit an der University of California in Berkeley — deutsche Literaturgeschichte. Leider haben seine wiederholten Besuche in Wien, deren letzter mit einer Reihe vielbeachteter Vorträge verbunden war, bisher zu keiner festeren Bindung an seine Heimatstadt geführt; aber man möchte hoffen, daß hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist und daß Wien auf die Dauer nicht hinter Berlin zurückstehen wird, wo Politzer auf Grund eines einzigen Vortrags prompt eine Gastdozentur an der dortigen Universität angeboten bekam ... Als Lyriker von echtem Geblüt und eigener Prägung nachhaltig legitimiert (erstmals 1936 mit dem Gedichtband „Fenster vor dem Firmament“, zuletzt 1959 mit der „Gläsernen Kathedrale“), hält Politzer auch als Literaturhistoriker und Essayist ein heute selten gewordenes Format, von dem seine zahlreichen Beiträge im FORVM gewichtiges Zeugnis ablegen; wir nennen „Hofmannsthals Vorspiel zu Brecht“, „Ein Grillparzer-Motiv bei Franz Kafka“, „ Von der Leuchtkraft des schwarzen Humors“, „Das Paradoxe in der Parabel“ und „Kafka mit der roten Nelke“. Der hier folgende Essay bildet in seinem Nestroy gewidmeten Teil das Nachwort zu einer Sammlung von Alt-Wiener Theaterliedern, die Politzer unter dem Titel „Des wüsten Lebens flüchtiger Reiz“ demnächst im Insel-Verlag (Wiesbaden) herausgeben wird.

Heinz Politzer: Dr. Heinz Politzer, 1910 in Wien geboren, Lyriker, Essayist und Mitherausgeber eines Kafka-Auswahlbandes im Schocken-Verlag, lebt seit 1948 als Professor für deutsche Literatur in den Vereinigten Staaten.

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