Heft 6-7/2003
Oktober
2003

Am Ende: der Anfang

Als Jüdin im Bulgarien der 40er Jahre

Aus den Augen des Mädchens, das sie da­mals war, schildert Leontina Arditti die Geschichte ihres Erwachsenwerdens im Bul­garien der späten dreißiger und beginnenden vierziger Jahre. Das unbeschwerte Le­ben auf dem Dorf, das Spie­len in der Mühle, wo der Va­ter arbeitet, die außerge­wöhnliche Attraktion des Jahrmarktes, das Belauschen der Gespräche der Nachbar­innen, deren volle Bedeutung sie langsam zu verstehen be­ginnt — Elemente einer Kind­heit, die jäh von neuen, dras­tischen Ereignissen abgelöst wird.

Leontinas Vater wird in ein Arbeitslager verschleppt, sie und ihre Mutter müssen das eigene, mühsam aufge­baute Häuschen am Rande Sofias verlassen und fortan in verschiedenen überfüllten Notquartieren auf dem Land leben.

Jetzt weiß ich, warum Liljanas Großvater bei uns war. Ich kann sie nicht mehr ausstehen mit ihren Geheim­nissen und Tricks. Wir schla­fen doch zu dritt in diesem einen Bett. Sie glauben, dass ich schlafe. Und ich höre doch alles. Große Geheim­nisse, Unsinn! Der Opa könnte uns Juden alle in die Berge führen, ins Rilagebirge, zu irgendwelchen Men­schen. Nur er weiß wohin. Am besten sehr bald, bevor es zu spät ist. Dort in den Bergen sind wir in Sicherheit. Und weiß Gott was noch. Vater aber sagt, dass die Rus­sen schon nahe sind, und die Deutschen sich jetzt einen Dreck um die Juden küm­mern. Der Opa aber hat ge­sagt, das kann man nicht wis­sen, die Schlange beißt gera­de, wenn man ihr den Schwanz einklemmt. Solche Geheimnisse. Dass ich nicht lache. (...) Mich interessiert das einen Dreck. Sollen sie sich um die Wälder küm­mern und die Berge. Dort waren wir ja auch noch nicht, mit all den Säcken und der Geige. Seit ich mich erinnern kann, wandern wir herum wie die Kattunzigeuner, die ständig herumziehen mit ihrem Hab und Gut. Vom ei­nen Ende des Landes zum anderen. Und wieder zurück.

Ardittis Autobiographie stellt die Ereignisse des All­tags in den Vordergrund: Sie berichtet von der psychischen Anspannung der Menschen, von Hunger, von antisemiti­schen Übergriffen in der Schule, und auch davon, wie müßig das Lernen und Gei­gespielen in einer Zeit ohne erkennbare Zukunft ist.

Bis hierher und nicht wei­ter: Mit diesen Worten könn­te die antijüdische Politik der Achsenmacht Bulgarien cha­rakterisiert werden. 1941 wurden deutsche Truppen in Bulgarien stationiert und das „Gesetz für den Schutz der Nation“ erlassen, das die dis­kriminierende Definition der jüdischen Bevölkerung vor­nahm sowie Maßnahmen zu deren Enteignung, zur Zwangsarbeit und zur Kon­zentration beinhaltete. Dass die Juden und Jüdinnen aus dem bulgarischen Kernland im März 1943 nicht wie die 11.400 Menschen aus den bulgarischen besetzten Ge­bieten in Mazedonien und Thrakien in das Vernich­tungslager Treblinka depor­tiert wurden, ist eine einzig­artige Tatsache, die, als ein­fache „Gegenerzählung“ zur nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie kaum ge­eignet, dennoch verstört in ihrer merkwürdigen Schlicht­heit: Auf Grund einer Petiti­on des stellvertretenden Par­lamentspräsidenten Dimiter Peschev, eigentlich ein über­zeugter Nationalist und An­hänger Hitlers, Protesten von Vertretern der orthodoxen Kirche und des selbstbewuss­ten Auftretens jüdischer Gruppen lenkte der autoritär regierende König Boris III., der Vater des jetzigen Minis­terpräsidenten Simeon Saks­koburggotski, in der Sache der endgültigen Auslieferung ein und wandte eine neue Taktik gegenüber den Deut­schen an: die der Verzöge­rung.

Wie Raul Hilberg schreibt, hatten die Bulgaren „ein vitales Interesse daran, sich die Hintertür offen- und den Fluchtweg freizuhalten. Kurz, sie wollten das Spiel auf eine Weise spielen, daß eine Gewinnchance, aber kein Verlustrisiko bestand.“ [1] Dass Zurückhaltung aller­dings erst dann angesagt war, als der deutsche Sieg immer unwahrscheinlicher wurde, stellt jenen Aspekt der „Ret­tung“ dar, der im heutigen Bulgarien von staatlichen VertreterInnen gerne unter­schlagen wird.

Leontina Arditti erlebte den Einmarsch der sowjeti­schen Truppen im Septem­ber 1944 im Freudentaumel und mit der Aussicht der Rückkehr nach Sofia: „Mein Vater, der Arme, der ja so­wieso stottert, kann jetzt kaum was sagen. Nur: ‚Schluss. Schluss. Schluss! ...‘ Mutter aber: ‚Was heißt denn das jetzt? Können wir jetzt in unser Haus zurück? In mein schönes Haus?‘ Und heult wie verrückt.“

[1Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Bd. 2. Frankfurt/M. 1999, S. 795

Leontina Arditti: An meinem Ende steht mein Anfang. Ein jüdisches Leben in Bulgarien. Übersetzt von Penka Angelova. Milena Verlag, Wien

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