Jahre 2007-2018
Oktober
2007
Eva Herman und der „Kampfbund Nationaler Aktivistinnen“

Antifeminismus, Biologismus und völkische Töne

„Wir von der KNA wissen, dass dieses Buch ein Meilenstein ist“, schreibt Denise Friederich in ihrer Rezension von Hermans „Das Eva-Prinzip“. Doch wer ist Denise Friederich? Sie ist das einzige weibliche Mitglied des Vorstands der rechtsextremen PNOS, der „Partei national orientierter Schweizer“. Erneut auffällig wurde die PNOS, deren Mitglied Tobias Hirsch 2004 mit Hilfe von SVP-AnhängerInnen ins Stadtparlament von Langenthal gewählt wurde, im Sommer 2007 wegen des lautstarken und gewaltbereiten Widerstands gegen die Rede zum Nationalfeiertag von Bundespräsidentin Micheline Calmy-Reys auf dem Rütli, der von Schiller zur Geburtsstätte der Schweiz erhobenen Wiese am Vierwaldstättersee. Bei ihrem Widerstand konnte diese rechtsradikale Bewegung auf das Wohlwollen einer nicht unbedeutenden Zahl von Schweizerinnen und Schweizer gegen die angebliche „Zwängerei“ der Weiber rechnen. Weit weniger bekannt als der Widerstand gegen Calmy-Reys Rede, aber weit gefährlicher ist die von den deutschen Rechtsextremen mit beeinflusste völkisch geprägte Rassismus und äusserste Gewaltbereitschaft der PNOS, die sich gegen MigrantInnen und Migranten, aber auch gegen alle Linke oder vermeintlich Linke richtet. So ist es wohl kein Zufall, dass diese rechtsradikale Organisation kurz vor dem 1. August 2007 ein weibliches Pendant ins Leben rief, um die Aneignung der Rütliwiese durch die Frauen und vor allem durch Calmy-Rey als erklärte Fürsprecherin des Völkerrechts zu konterkarrieren. Mit dem „Kampfbund Nationaler Aktivistinnen“, kurz KNA, ruft dessen Präsidentin Denise Friederich zum sofortigen Stopp des „falschen Feminismus mit seinem widernatürlichen Gleichheitsgedanken“ auf.

Auf der mit der Seite der PNOS verlinkten Homepage veröffentlicht die KNA ihre Grundsätze. Sie versteht sich als „ein eigenständiger Kampfbund, ein Sammelbecken nationaler Frauen jeden Alters mit politisch orientiertem Hintergrund“; die Organisation „dient zur Wissenserweiterung, zur Weiterentwicklung und Emanzipierung und Partizipierung der nationalen Frau.“ Mit Rückgriff auf Elemente des Feminismus und der radikalen Linken vermischt der KNA einen aggressiven Antifeminismus mit Antikapitalismus und völkischem Gedankengut, das an die Anfänge der nationalsozialistischen Propaganda in Deutschland erinnert. Bei der Gründungsversammlung der KNA am 21. Juli im Kanton Solothurn soll eine der beiden Referentinnen für eine gesunde Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und dem Widerstand gegen die „totale Gleichmacherei der Geschlechter“ eingestanden sein, die zweite kritisierte neben den „Feministinnen“ auch das „Kapital“, selbst die Männer kriegten nach der Eigendarstellung „ordentlich ihr Fett weg“. Wie gering die Kritik an den Männern gemeint ist, zeigt sich im Widerstand gegen die von Frauen organisierte und von Bundesrätin Calmy-Rey, die dezidierende Gegnerin von Christoph Blocher im Bundesrat, forcierte Rütlifeier 2007 und dem Aufruf an „jeden Eidgenossen“, nicht etwa an die Frauen, sich zu besinnen: „Nur wenige gedenken den (sic!) alten Eidgenossen ehrwürdig, wie es sich gehörte. Meinungen, welche sich für das Land und somit gegen die kapitalistische Tyrannei richten, werden von der heiligen Wiese verbannt.“ Was und wer mit der kapitalistischen Tyrannei gemeint ist bleibt offen, präzisiert wird dieser Angriff nicht. Unterschwellig wird aber damit an antisemitische und explizit an ausländerfeindliche Gefühle appelliert, wird doch immer nur das sogenannte „internationale Kapital“ kritisiert. Deutlicher zeigt sich die völkische und rassistische Ausrichtung im Antifeminismus der KNA: „Die Völker in Europa sehen sich mit einer Zersetzung Volksgemeinschaft und längerfristig einem Volkstod konfrontiert.“ So richtet sich die ursprünglich von Femistinnen formulierte Kritik der Vermarktung der Frau in der Argumentation der KNA in einer irr anmutendenden Umkehrung gegen den Feminismus: „Der Frau wird vom internationalen Grosskapital zum Werkzeug der Wirtschaft degradiert und von den Massenmedien zur Konsumsklavin herabgewertet. Der Feminismus unterstützt diese Entwicklungen mit seinen absurden Forderungen, wonach sich eine Frau selbst zu verwirklichen hat, indem sie zwanghaft nach beruflicher Karriere strebt, um schlussendlich ein egoistisches, konsumgesteuertes, bindungs- und kinderloses Leben führen soll, ohne dabei Rücksicht auf andere – vor allem nicht auf Männer – nehmen zu müssen.“ Schlussfolgerung der KNA: „wir müssen uns dem Radikalfeminismus entgegensetzten (sic!) und uns in der Rolle der nationalen Frau entfalten.“ Oder noch deutlicher: „Es ist an der Zeit, die Revolution anzustreben. Und dies liegt vor allem bei uns Frauen. Wir müssen die Forderung nach einer neuen, emanzipierten Weiblichkeit umsetzen und den Volkstod verhindern. Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?“ Dieses rhetorische Konstruktion geht zurück auf den berühmten Gelehrten Rabbi Hillel aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.. Frecherweise oder in schlichter Ignoranz um den Ursprung bedienten sich Exponenten der extremen Rechten von Goebbels bis Haider dieses Zitats, und so greift eben auch die KNA darauf zurück. Was diese mit diesem Rückgriff propagiert, hat aber nichts mit Revolution zu tun, sondern es geht um den Rückzug der Frauen in die Familie, um möglichst viele Kinder zu gebären. Und damit sind wir wieder bei der eingangs zitierten Rezension von Hermans Buch „Das Eva-Prinzip“.

Herman dient Denise Friederich als Kronzeugin wider alle Feministinnen, und gegen Alice Schwarzer im Besonderen. Sie dient ihr aber auch als Rehabilitierung der in der Schweiz verurteilten notorischen Holocaust-Leugner Jürgen Graf oder Bernhard Schaub, wenn sie Hermans Entlassung als Nachrichtensprecherin mit dem Stellenverlust dieser beiden international vernetzten Rechtsradikalen in Zusammenhang bringt. Herman dient ihr zugleich auch als Kronzeugin gegen den Kommunismus, da diese Karl Marx als Erfinder der „ins Nichts führenden Selbstverwirklichung“ der Frauen demaskiert habe. Diese Selbstverwirklichkung habe sich in der DDR mit ihren Tausenden von Krippenplätzen gezeigt, und die direkte Folge der Fremdbetreuung sei die Bindungslosigkeit. Abenteuerlich mutet die von Friederich mit Herman bezeugte These der direkten Verknüpfung der Kindererziehung im Dritten Reich mit den Erziehungsprinzipien der 1968erInnen: „Das Resultat dieser strengen, autoritären Erziehung war die in den 1960er-Jahren entstandene antiautoritäre Erziehung, welche wir auch heute noch allzu oft antreffen. Eine Erziehung ohne Grenzen, Verbote und Autorität. Heute wird die fehlende Autorität, welche unter anderem durch Fremdbetreuung der Kindern entsteht, noch mit materieller Liebe ergänzt, um das schlechte Gewissen der Eltern zu kompensieren. Die Bindung bleibt auf der Strecke und führt uns immer weiter in eine Gesellschaft bestehen aus lauter materialistischen Egoisten.“ Worum es Friederich letztendlich mit der Propagierung von Hermans „Eva-Prinzip“ geht, zeigt sich in ihrer ausführlichen Behandlung des von Herman als natürlich definierte Fortpflanzungstrieb ein, den die Feministinnen mit ihrer Forderung nach beruflicher Selbstverwirklichung untergraben würden. Die darauf zurückzuführende egoistische Verweigerung Kinder zu gebären und Unterdrückung der Männer gefährde die nationale Zukunft. Damit wird mit Rekurs auf Herman implizit der in den Grundprinzipien der KNA als grösste Gefahr deklarierte „Volkstod“ heraufbeschworen. Das ist der zentrale Grund für die uneingeschränkte Empfehlung des Buches „Das Eva-Prinzip“ für das rechtsradikale Publikum der PNOS-Aktivistin Denise Friederich. Diese gibt ihren Leserinnen gleich noch „Die westliche Wertegemeinschaft“ des bereits erwähnten Holocaustleugners Jürgen Schwab als weiterführende Literatur mit auf den Weg. Was also auf Empfehlung von Denise Friederich braune Mädels als K(Ei)mzelle der Familie so lesen, ist nicht gerade beruhigend. Dass Friederich als weiterführenden Literatur auch „Der kleine Unterschied“ von Alice Schwarzer aufführt, trägt nicht zur Beruhigung bei, dieses Werk dient ihr lediglich als abschreckendes Beispiel. Irritierender jedoch muss es für Iris Radisch sein, die Leiterin des Literaturclubs der Schweiz, dass die KNA neben Eva Hermans Buch auch ihr Werk „Die Schule der Frauen“ zur Lektüre empfiehlt.

Wahrscheinlich eignen sich die neu auf dem Schweizer Parkett agierenden rechtsradikalen Frauen jedes Argument für die Förderung der Fortpflanzung an, sofern diese Argumente selbst in klarer Verkennung der Absicht einer Autorin wie Radisch und in expliziter Verneinung jeglicher Pluralität zur Vermehrung des national definierten „Volkes“ beziehungsweise „Volksganzen“ eingesetzt werden können.

Vorabdruck aus: „Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik“ Heft 25/26, erscheint im Dezember 2007 Feministischer Blick auf Demokratie Dieses Doppelheft thematisiert das Demokratie- und Staatsverständnis vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Situation der Gegenwart. Es geht um heute von Feministinnen vertretene Positionen, um den Zusammenhang von Demokratie und Gerechtigkeit, um die Auswirkungen von Fundamentalismen auf die Partizipationsmöglichkeiten von Frauen an demokratischen Prozessen, um Demokratiedefizite im Alltag von Frauen, und zwar im Bereich der Bevölkerungspolitik ebenso wie in der Wirtschaft. Beleuchtet werden Entwicklungen in unterschiedlichsten Ländern, von der Schweiz über Indien bis nach Lateinamerika.

Literaturhinweise

  • Renate Bitzan: Zwischen Antisexismus und völkischem Denken, Verlag Edition Diskord, Tübingen 2000.
  • Renate Bitzan (Hg.): Rechte Frauen. Skingirls, Walküren und feine Damen, Espresso Verlag, Berlin 2002.
  • Antifaschistisches Frauennetzwerk (Hg.): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten, Unrast Verlag, Münster 2005.
  • FANTIFA Marburg (Hg.): Kameradinnen — Frauen stricken am braunen Netz, Unrast Verlag, Münster 1995.
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