Café Critique, Jahr 1997
September
1997

Antisemitismus in einem ostdeutschen Dorf 

Über eine Studie zum Judenhaß in der thüringischen Provinz

Bereits vor der nationalen Einheit war klar, daß der Antisemitismus in einem erneut erwachenden Gesamtdeutschland zunehmen würde. Nationalismus — egal ob liberaler, faschistischer oder linker — ist in Deutschland ohne Antisemitismus kaum vorstellbar. Da mit der Wiedervereinigung auch die letzten sichtbaren Resultate der deutschen Schuld anKrieg und Massenvernichtung verschwanden, kippten auch die letzten, ohnehin nie ganz zuverlässigen Tabus der west- und ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Offener Antisemitismus wurde wieder salonfähig. 

Außerdem war absehbar, daß die deutschen Volksgenossen in Ost und West auf die durch die „Wende“ verstärkten wirtschaftlichen Krisenerscheinungen nicht nur mit Rassismus reagieren würden, der sich gegen die unterlegenen Ausländer richtet, sondern — auch wenn Teile der Antifa, die in den verfolgten Ausländern nur zu gerne neue revolutionäre Subjekte gesehen hätten, während sie Juden tendenziell doch eher dem Klassenfeind zugeschlagen haben, das lange nicht wahrhaben wollten — ebenso mit Antisemitismus, der sich gegen die für das antisemitische Bewußtsein überlegenen Juden und deren angebliche Machenschaften richtet. Eine Studie über Antisemitismus in einem ostdeutschen Dorf nach der Wiedervereinigung sollte daher bei Linken prinzipiell auf Interesse stoßen. 

Susanne Spülbeck vom Zentrum für Antisemitismus-Forschung der Technischen Universität Berlin hat für ihre Arbeit eine 16monatige Feldforschung in einem Dorf in Thüringen durchgeführt. In diesem Dorf wurden im Oktober 1990, also unmittelbar nach der Vereinigung, 70 Juden, die vor dem zunehmenden Antisemitismus in der vor dem Zusammenbruch stehenden Sowjetunion geflüchtet waren, einquartiert. Spülbeck hat sich für die spezifischen Reaktionsweisen ostdeutscher Bürger auf jüdische Flüchtlinge nach dem Verschwinden der DDR interessiert. Sie lebte längere Zeit in dem Dorf und hat zahlreiche sozialwissenschaftliche qualitative Interviews und Gespräche geführt. 

Ihre Ergebnisse bezüglich der Wandlungen des Verhaltens der Dorfbewohner lassen sich kurz zusammenfassen: Vor und bei der Ankunft der jüdischen Flüchtlinge appellierten mehrere Artikel in regionalen Zeitungen an die Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner. Dennoch dominierten in einer Versammlung, in der über die Aufnahme der Flüchtlinge diskutiert wurde, rassistische und antisemitische Äußerungen. Zu Beginn des Aufenthalts der jüdischen Flüchtlinge in dem thüringischen Dorf, dessen Name in der Studie nicht preisgegeben wird, waren die Gespräche vieler Dorfbewohner von offenem Antisemitismus geprägt. Auch bei denjenigen, die Kontakt mit den Flüchtlingen suchten, sind die antisemitischen Stereotype in ihren im Buch wiedergegebenen Erzählungen nicht zu übersehen. Zu tätlichen Angriffen kam es in dem untersuchten Ort jedoch nie. Nach einiger Zeit verschwanden die Flüchtlinge fast vollständig aus den Gesprächen der Dorfbewohner. Selbst spektakulären Ereignissen in der Unterbringung der Flüchtlinge wurde mit Schweigen begegnet. Diesem Schweigen folgten Gerüchte über Waffen- und Drogenhandel im Flüchtlingsheim, bei deren Verbreitung der Antisemitismus jedoch nicht mehr offen, sondern nur mehr in Andeutungen artikuliert wurde. 

Spülbeck geht es jedoch um mehr als nur um die Beschreibung der unmittelbaren antisemitischen und, wie sie das nennt, „fremdenfeindlichen“ Reaktionen der Dorfbewohner auf die Anwesenheit jüdischer Flüchtlinge. Sie stellt das Verhalten der Deutschen in einen historischen Zusammenhang und glaubt dadurch, wie im Klappentext des Buches bereits angekündigt wird, zeigen zu können, daß sich „Fremdenfurcht und Ausländerfeindlichkeit hier erst im Kontext der subtilen Auswirkungen staatlicher Überwachung verstehen (lassen)“. 

Zunächst hat die Ethnologin unter Berufung auf den Philosophen Michel Foucault noch einiges über das allgemeine Verhältnis von Staat und Rassismus mitzuteilen, wenn sie schreibt, daß „die staatliche Souveränität im Sinne des staatlichen Rechts über Leben und Tod nur durch das Mittel des Rassismus aufrechterhalten werden (kann)“. Im Verlauf ihrer Studie ist dann aber nur mehr von „totalitären Staaten“ die Rede. Spülbecks Orientierung an einer bürgerlichen Totalitarismustheorie wird deutlich, wenn sie der staatlichen Gewalt im Nationalsozialismus und in der DDR in bezug auf Verhaftungen eine ähnliche „Verfahrensweise“ attestiert. Im Ostdeutschland der frühen neunziger Jahre erkennt sie eine „Gesellschaft, die über 50 Jahre totalitärer Herrschaft hinter sich hatte“. 

Für die von Spülbeck so in die Tradition des NS gestellten DDR kommen angesichts einer Reihe von im Buch wiedergegebenen Äußerungen trotz aller selbstverständlichen Kritik an diesem Staat gewisse Sympathien auf. Da berichtet etwa ein von deutschen Tugenden durchdrungener Lehrer, wie man ihm auf einer Konferenz das Wort entzogen hat, als er sich über die Einstellung von faulenzenden und trinkenden Arbeitern beschwerte. Eine Frau ist froh darüber, daß sie nach dem Zusammenbruch der DDR wieder klar zur Sprache bringen kann, daß sie sich in der NS-Zeit über die Verhaftung von Kommunisten gefreut hat. Ein Mann berichtet von seinem Austritt aus einem Gesangsverein, weil dort „das deutsche Volkslied nicht mehr gepflegt werden durfte“. 

Auch wenn sich Spülbeck bei ihrer DDR-Kritik zeitweise im Fahrwasser der beamteten Stasi-Verfolger befindet, und sie sich bei ihrer Beurteilung der ostdeutschen Gesellschaft auf Leute wie Hans-Joachim „Gefühlsstau“ Maaz bezieht, finden sich bei ihr auch richtige Kritikpunkte. Zum einen schildert sie die Tradition des Antisemitismus und Antizionismus in der DDR, die sich leider nicht, wie kürzlich in der Konkret geschehen, auf „allerlei rhetorische Dummheiten zum Thema ‚Zionismus‘“ reduzieren läßt. Zum anderen liefert sie eine komprimierte Kritik des Antifaschismus der DDR. Erstens weist sie auf die weitgehende Ignoranz gegenüber dem nationalsozialistischen Massenmord an den Juden hin. Zweitens führt sie die staatliche Transformation der DDR-Bürger von Tätern zu Opfern des NS an. Drittens kritisiert sie im Zusammenhang damit die staatssozialistische Faschismusinterpretation, nach der „der Nationalsozialismus gegen den Willen des deutschen Volkes installiert worden sei“. 

Besonders erfreulich ist Spülbecks Analyse eines Spiegel-Artikels zur Einwanderung sowjetischer Juden in die BRD. Wenn in einem Buch, das in einem großen renommierten Verlag erscheint, der offensichtliche Antisemitismus im Spiegel herausgearbeitet wird, läßt das hoffen, daß die antifaschistische Aura des „Deutschen Nachrichtenmagazins“ doch einmal angekratzt wird. 

Die interessantesten Ergebnisse von Spülbecks ethnologischer Studie resultieren aus einem Vergleich der unterschiedlichen Reaktionsweisen der Dorfbewohner auf die jüdischen Flüchtlinge und auf eine Gruppe von Wolgadeutschen, die zur gleichen Zeit in dem Ort einquartiert waren. Während die Juden als Personifikationen der Zirkulation rezipiert wurden, galten die Wolgadeutschen als Verkörperung des bodenständigen und arbeitsreichen Landlebens. 

Spülbeck selbst geht auf den Zusammenhang von der Spaltung des Gesamtprozesses der kapitalistischen Warenwirtschaft in Produktions- und Zirkulationssphäre einerseits und Antisemitismus andererseits (unter Berufung auf Detlev Claussen) ein. Die von ihr wiedergegebenen Äußerungen der Bewohner des ostdeutschen Dorfes können als empirische Beispiele für diesen bereits von Horkheimer und Adorno konstatierten Zusammenhang gesehen werden. Auch die Übersetzung des Gegensatzes von Konkretem und Abstraktem in der Ware in den rassistischen Gegensatz von Arier und Jude, wie sie beispielsweise Moishe Postone analysiert hat, läßt sich aus den unterschiedlichen Reaktionen der Dorfbewohner auf die jüdischen Flüchtlinge einerseits und die Wolgadeutschen andererseits heraushören. Darauf geht Spülbeck jedoch nicht näher ein, obwohl sie die entsprechende Literatur in anderen Zusammenhängen zitiert. Eine explizite Auseinandersetzung mit werttheoretisch und wertkritisch fundierten Erklärungen für Antisemitismus findet bei ihr nicht statt. 

Würde Spülbeck Analysen, die in eine allgemeine Gesellschaftskritik eingebettet sind, mehr Beachtung schenken, müßte sie vermutlich ihr eigenes Antisemitismusverständnis in Frage stellen. Antisemitismus ist für die Ethnologin nämlich keine Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft, die als historische Tradierung dem warenproduzierenden System strukturell innewohnt und als allumfassende Welterklärung daherkommt, sondern wird von ihr, wie es in Publikationen des Zentrums für Antisemitismus-Forschung allgemein üblich ist, lediglich als Vorurteil begriffen. 

Auch wenn Spülbeck mit ihrer Studie einen materialreichen Band über den alltäglichen Antisemitismus in der ostdeutschen Provinz vorgelegt hat, kann das Hauptergebnis ihrer Studie, daß Antisemitismus im von ihr untersuchten Fall nur im Kontext der DDR-Repression zu verstehen sei, nicht überzeugen. Spülbeck kann teilweise zwar zeigen, wie die spezifischen Ausdrucksformen des Antisemitismus in der von ihr untersuchten Dorfgemeinschaft mit bestimmten Erfahrungen aus der DDR zusammenhängen; den Antisemitismus selber kann sie damit aber keineswegs erklären. 

In kaum einem anderen Phänomen kommt der Irrsinn der gesellschaftlichen Totalität so deutlich zum Ausdruck wie im Antisemitismus. Die verstärkte Kritik dieser spezifischen Form fetischistischer Reflexion bürgerlich-kapitalistischer Warenwirtschaft muß für die radikale Linke in Zukunft zentral sein. Spülbecks Studie wird man dafür nur sehr bedingt heranziehen können.

zuerst erschienen in Jungle World 36/1997, Volksstimme 45/1997


Susanne Spülbeck: Ordnung und Angst. Russische Juden aus der Sicht eines ostdeutschen Dorfes nach der Wende. Eine ethnologische Studie. (Schriftenreihe des Zentrums für Antisemitismus-Forschung Berlin; Bd. 5), Campus Verlag,Frankfurt/M., New York 1997, 298 S., DM 58,—

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