FORVM, No. 243
März
1974
NF-Dokumentation

Araber gegen Scheichs

Soziale Revolution in Südarabien

Tag für Tag lesen wir in den westlichen Zeitungen, daß uns ‚‚die Araber“ das Öl absperren. In rassistischer Manier werden die Scheichs mit den von ihnen ausgebeuteten Untertanen in einen Topf geworfen. In Wirklichkeit ist der „Ölboykott“ eine Fiktion, ein Paravent, hinter dem sich die Scheichs mit den Konzernen verbünden, um gemeinsam die arabischen und westlichen Arbeiter auszuplündern — die einen am Ölfeld und die anderen an der Tankstelle, und alle anderen Besitzer und Nichtbesitzer auf der Welt über die Inflation. Auf die arabischen Massen entfällt davon nichts, außer vielleicht Bomben aus den, von den Potentaten, neu erworbenen Kriegsflugzeugen.

1 Südjemen = Kuba in Nahost

Nasser unterstützte den republikanischen Putsch, der im September 1962 die Nordjemenitische Hauptstadt Sanaa eroberte, mit einem Expeditionskorps. Das ägyptische Detachement konnte sich gegen die königstreuen Beduinen in den Randgebieten, die von Saudi-Arabien gefördert wurden, nie ganz durchsetzen. Nasser, der an einer zweiten Front gegen die Briten interessiert war, ermutigte die Befreiungsbewegung im damals britischen Südjemen (Hauptstadt Aden). Er konzentrierte sich dabei auf die reformistische FLOSY (Front for the Liberation of South Yemen), die zur radikalen NLF (National Liberation Front) in Konkurrenz stand.

Als die Briten im November 1967 aus Aden abziehen mußten (Suezkanal nach dem Israelkrieg blockiert, wachsende Widerstandsbewegung), übergaben sie der NLF die Macht, da sie Nasser keinen Einfluß gönnen wollten und die schwächere NLF leichter zu beherrschen hofften. Sie täuschten sich insofern, als nach 18 Monaten, am 22. Juni 1969, der linke Flügel der Front die Macht ergriff.

Die seitherige permanente Revolutionierung Südjemens erklärt sich daraus, daß es auch ansatzweise keine nationale Bourgeoisie gab, das Kapital (Banken, Versicherungen, Schiffe) war in den Händen von Ausländern (Briten, Franzosen, Indern), während der Boden den alten Feudalklassen gehörte, den Sultans, Emirs und Scheichs. Die Elimination der kolonialen Reste bedeutete die Exilierung der kommerziellen Bourgeoisie. 1970 kam es zu Bauernaufständen. Bauern, Fischer und Arbeiter organisierten sich in der Volksfront und bildeten Produktionsgenossenschaften.

Unterstützung erhielt der Südjemen bis zu einem gewissen Grad von der Sowjetunion wie von China (die Chinesen bauen eine Straße von Aden nach Makalla). Mit dem Bab el Mandeb hält die Volksrepublik Südjemen den Schlüssel zum Roten Meer (ebendort haben die Israelis bereits Inseln besetzt), damit zum Suezkanal und zum Öltransport nach Westen. Von Jemen aus strahlt die Revolutionsbewegung in die Nachbargebiete nach Dhofar, dem südwestlichen Teil von Oman, nach Eritrea am afrikanischen Kontinent (von Äthiopien unterdrückt, welches seinerseits wieder Israel die Inseln am Ausgang des Roten Meeres „zur Verfügung“ stellte).

2 Britisch-amerikanische Rivalität in Oman

Bis zu den ersten Ölbohrungen hatte das Gebiet am Golf [1] und Oman im besonderen für die britische Kolonialmacht nur strategische Bedeutung. Die Briten hatten durch einseitige Verträge geschickt und ohne großen militärischen Aufwand das ganze Gebiet eingesteckt. Aber schon in den dreißiger Jahren gelang es dem US-Kapital, in Saudi-Arabien Fuß zu fassen und den britischen Einfluß auch in einigen Scheichtümern teilweise zurückzudrängen.

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg führten Saudi-Arabien und Oman Krieg um die Oase von Buraimi, in dessen Verlauf sich die erste Widerstandsbewegung in Dhofar entwickelte (Dhofar ist der südwestliche Teil des Sultanats Oman, grenzt an Südjemen; 300.000 qukm, 600.000 Einwohner). Der Konflikt war eigentlich eine amerikanisch-britische Angelegenheit: die ARAMCO wollte in Oman einen Brückenkopf zur Ausbeutung des Erdöls im arabischen Golf schaffen, doch die Briten blieben nach langen grausamen Kämpfen siegreich. Der Imam Khalib, der die Widerstandsbewegung anführte, wurde vom US-Kapital unterstützt; er verriet die Bewegung, nachdem sie von den Engländern blutig niedergeschlagen worden war und floh. Diese Kämpfe sind bis heute in Dhofar nicht vergessen.

Dhofar ist hauptsächlich von Hirten bewohnt, was eine Mobilisierung von Massen sehr erschwert. Die geographische Situation (Gebirge) begünstigt jedoch den Guerillakampf. Sultan Saied bin Timur, der Vater des heutigen Sultans Quabus, regierte tyrannisch und mittelalterlich — jeder Fortschritt war verboten: Maschinen, Studium, Einfuhr von Medikamenten. Es gab im ganzen ländlichen Gebiet keine Schule, nur eine einzige in der Residenz für die privilegierte Schicht. Das gleiche gilt für Krankenhäuser. Gegen den Sultan und die verhaßte britische Kolonialmacht richtete sich die erste Widerstandsbewegung: Die „Befrerungsfront von Dhofar“. Am 9. Juni 1965 begann der bewaffnete Kampf.

Separatisten (Arbeiter, Händler und Soldaten aus den Städten) und Nationalisten (Nomaden, die schon in mehreren Rebellionen versucht hatten, sich von der Unterdrückung durch den Sultan von Maskat zu befreien) brachten durch Uneinigkeit den bewaffneten Kampf in eine Krise, die 1967 nach der Juni-Niederlage der Vereinigten Arabischen Republik gegen Israel ihren Höhepunkt erreichte: die finanzielle Unterstützung durch die VAR blieb aus, Südjemen wurde zur wichtigsten Stütze. Nach der ägyptischen Juni-Niederlage 1967 veränderte sich Strategie und Taktik der Bewegung: der Imperialismus war zwar erstarkt, doch hatte sich die arabische Befreiungsbewegung radikalisiert und den Weg des marxistisch-leninistischen Kampfes eingeschlagen.

Der zweite: Kongreß der Befreiungsfront in Humin 1968 erteilte allen Varianten eines bürgerlichen Nationaliimus eine eindeutige Absage — keine Forderungen mehr nach einem „unabhängigen Dhofar“. Der Sieg der DVR Südjemen bedeutete den ersten Schritt zur Befreiung des gesamten Golfes. Die Befreiungsfront versuchte eine Erneuerung der Gesellschaft einzuleiten: Wasser wird zum Gemeineigentum, Bewässerungsanlagen werden gebaut, man will Nomaden in fruchtbaren Gebieten seßhaft machen, Ernten werden allgemein verteilt. Die Front nennt sich nun „Volksfront für die Befreiung des besetzten Arabischen Golfes“ und beginnt sogleich mit einer Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Diese Analyse bereitet insofern einige Schwierigkeiten, da keine der Gesellschaftsformationen dominant ist: Feudalismus, Sklaverei, Nomaden, patriarchalische Großfamilien mit starken Gentilbindungen — alles ist in Ansätzen vorhanden. Zu dieser Zeit herrschte in Oman noch finsterste Unterdrückung, man trieb Sklavenhandel (in Maskat beschränkt, im übrigen Oman uneingeschränkt), der Analphabetismus betrug 100% bei den Frauen, 95% bei den Männern. Die Volksfront begann im Gebiet von Dhofar wichtige Arbeit zu leisten. Ausbildungslager zur militärischen und ideologischen Ausbildung wurden gegründet; einige der Schüler wurden in Krankenpflege unterwiesen, um die ärgsten Krankheiten zu heilen, die vor allem aus dem mörderischen Krieg mit den britischen Söldnern stammten. 75% aller Kämpfer wurden inzwischen alphabetisiert, die Frauen in den Kampf einbezogen und weitgehend gleichberechtigt.

Im Juni 1970 — Dhofar ist bereits zu 90% befreit — beginnt auch in Oman der Kampf unter der Führung der „Nationalen Demokratischen Front für die Befreiung Omans und des Arabischen Golfes“ (englische Abkürzung NDFLOOG) gegen die brutale britische Kriegsführung gegen die Revolution am Golf. Nach einem Großangriff der Briten auf Dhofar im Oktober/November 1971, der zurückgeschlagen werden konnte, konstituierte sich die Einheitsfront PFLOAG im Dezember 1972 (PFLOAG ist die Abkürzung für Peoples Front for the Liberation of Oman and the Arabian Gulf; sie setzt sich aus den beiden Gruppen in Oman und im nördlichen Teil des Landes zusammen).

Der Sultan von Maskat und Oman hatte unter der britischen Kolonisation die Städte vom befreiten Gebiet weitgehend isoliert. Als aber trotz allem die revolutionäre Bewegung wuchs, wurde er 1971 von den Engländern durch seinen britisch erzogenen Sohn Quabus ersetzt. Auf ihn konzentrierten sich kurze Zeit hindurch die Hoffnungen vieler auf Verbesserung, doch vergebens. Die enormen Steuerlasten, die die Mehrheit der Bevölkerung in Oman zu Armut verurteilen, blieben bestehen. Die Städte wurden nicht geöffnet, einzelne kleine Ansätze zu Reformen versandeten. Ausländische Offiziere befehligten das Heer, auch nach der formalen Übergabe der britischen Stützpunkte auf Oman blieben sie als „Berater“. Bevor die Engländer Ende 1971 Oman formal unabhängig erklärten, wollten sie die Volksfront liquidieren. Sie flogen ununterbrochen Luftangriffe gegen Dhofar, warfen Bomben, Brandbomben und Giftgas über Wasserstellen, Viehherden, Weiden, Hütten und Höhlen der Bevölkerung ab, auch Menschen wurden bombardiert. Nach einer Reihe von Siegen der Volksfront mußte Großbritannien Verluste an Waffen, Festungen und Soldaten zugeben. Noch immer werden täglich 500 kg Bomben verschiedener Art auf bewohntes und bebautes Gebiet geworfen, vor allem auf die Nachschubwege aus der DVR Südjemen, welche derzeit als einzige die PFLOAG unterstützt.

3 Schah schützt und annektiert

Im 19. Jahrhundert war das Gebiet um den Golf, nach einigen Kämpfen mit Portugiesen und Holländern, hauptsächlich in englischen Händen. Als man die ersten Ölvorkommen entdeckte, gewannen die USA ab den dreißiger Jahren rasch an Einfluß. Da sich im Gebiet um den Arabischen Golf etwa 60% der bekannten Ölreserven befinden und beispielsweise 1972 34% der gesamten Ölforderung dort gewonnen wurde, kann man die Bedeutung für die imperialistische Wirtschaft leicht ermessen. Die Förderkosten betragen nur Bruchteile der z.B. in Texas oder Alaska nötigen Mittel (geringe Löhne, günstige geographische Lage direkt am Meer).

Der Teilrückzug der britischen Armee und die Erstarkung der revolutionären Kräfte bedrohen die Position der imperialistischen Mächte insgesamt. Die USA versuchen verstärkt Einfluß zu gewinnen, sie brauchen die reaktionären Regimes im Mittleren Osten, um die Rohstoffe mit kolonialem Extraprofit weiter ausbeuten zu können, wodurch sie die Ölvorkommen im eigenen Land schonen. Zum Schutze ihrer Privilegien werden die herrschenden Klassen im Iran, in Saudi-Arabien, aber auch in Kuweit und in den Emiraten großzügig mit modernsten Waffen aufgerüstet. Iran und Saudi-Arabien verstehen sich beide als Gendarmen der imperialistischen Interessen im Nahen Osten, wobei dem Iran aufgrund seiner höheren Einwohnerzahl und seines wirtschaftlichen Potentials größere Bedeutung zukommt. Die Waffenkäufe des Schah in den USA im Jahre 1973 waren die größten je in den USA getätigten:
Fast drei Milliarden Dollar für

  • 700 Hubschrauber
  • 800 Chieftain-Panzer
  • 8 Zerstörer, 4 Fregatten, 12 Schnellboote
  • 180 Phantom-Kampfflugzeuge
  • 100 F-5E-Kampfflugzeuge
  • usw.

Man erwartet, daß der Iran in den nächsten zwei Jahren mehr Mittel für Rüstung aufwenden wird als in den vergangenen 15 Jahren (Newsweek, 21.5.1973). Auch mit der Bundesrepublik Deutschland ist ein großes Waffengeschäft im Gange — im Austausch für einen Raffineriebau (Spiegel, 11.2.1974). Die Frage, wozu dieser Aufwand diene, beantwortete der Schah so: „Wir tragen nicht nur eine nationale und regionale Verantwortung, sondern wir spielen auch eine Weltrolle. Schließlich sind wir Bewacher und Beschützer von 60% der Erdölvorräte der Welt ...“ (ebenda).

Der Schah von Persien hat im Einvernehmen mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Emiraten und den britischen und amerikanischen Imperialisten am 30. November 1971 drei Inseln im Arabischen Golf, die große und die kleine Tumb und Abu Musa, wo die Briten ihre Soldaten abgezogen hatten, annektiert. Verbale Proteste der arabischen Nachbarstaaten erfolgten nur aufgrund heftiger Proteste in der Bevölkerung. Die persische Annexion der zu Oman gehörenden Insel Um al-Ganam wurde 1972 nach einem Geheimabkommen mit Sultan Quabus als Teil der antirevolutionären Maßnahmen durchgeführt. Der Schah: „Man bat uns um Hilfe, und wir haben diese Hilfe gewährt.“

Auf diese Weise kontrolliert der Schah die gesamte Schiffahrt, also auch die Öltransporte aus diesem Gebiet, denn Um al-Ganam liegt in der Meeresenge von Hormus, die jedes Schiff aus dem Golf passieren muß. Außerdem sind Verhandlungen mit Israel im Gange, persisches Öl in israelischen Pipelines von Eilat (Golf von Akaba) zum Mittelmeer zu befördern. Der Schah soll den Schutz bis zum Roten Meer übernehmen, von dort dann Israel. Neuesten Meldungen zufolge sind Ende Dezember 1973 iranische Soldaten an der Küste von Dhofar gelandet, um gegen die Partisanen der PFLOAG zu kämpfen (Neue Zürcher Nachrichten und Frankfurter Rundschau vom 9.1.1974; vgl. das PRESSEFORVM weiter unten).

4 Ausweitung des Aufstandes

Auch Saudi-Arabien versucht seinen Machtbereich auszudehnen. Seine Soldaten sind in Oman und Bahrein stationiert, in Bahrein seit März 1972, nachdem einheimische Soldaten sich geweigert hatten, auf Demonstranten zu schießen. Großzügige finanzielle und militärische Hilfe für Oman, bzw. auch Bestechungen der Scheichs, tragen dazu bei, daß Saudi-Arabiens Einfluß wächst. Nach einer Demonstration gegen die „Vereinigung der Emirate“ in Ras al-Khaima am 28.12.1972 wurden auch in die Emirate Truppen entsandt.

Doch aller reaktionären Anstren gungen zum Trotz nimmt der Widerstand der revolutionären Kräfte zu:

In den Emiraten gab es Demonstrationen gegen die Preisgabe der Inseln an das Schah-Regime, gegen die Abhängigkeit von den Imperialisten. Hunderte Verhaftungen erfolgten unter dem Vorwand, die Verhafteten unterstützten die PFLOAG.

In Bahrein, wo frühe Ölfunde schon in den dreißiger Jahren eine Arbeiterklasse entstehen ließen. Im vergangenen Jahr löste eine Verhaftungswelle gegen Arbeiter, Studenten, Künstler und Schriftsteller weltweite Empörung aus.

In Persien gibt es immer wieder trotz schärfster Unterdrückung bewaffnete Aktionen, Streiks und Demonstrationen gegen das Regime.

In Oman schließlich tobt seit acht Jahren ein Volkskrieg; 90% der Provinz Dhofar befinden sich in den Händen der Volksfront, Demonstrationen müssen mittels Söldnern niedergeschlagen werden, 30 Angehörige der Armee wurden wegen eines angeblich geplanten Militärputsches verhaftet, 30.000 saudiarabische und ca. 3.000 iranische Soldaten werden gegen die Kämpfer der PFLOAG eingesetzt, da auf die eigenen Truppen zu wenig Verlaß ist.

[1Der Golf wird von den Persern persischer und von den Arabern arabischer Golf genannt; östlich davon liegt der Golf von Oman.

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