FORVM, No. 284/285
August
1977

Atome raus

Alternativen zur Kernkraft
Protestmarsch der 5.500
am 12. Juni gegen die Inbetriebnahme des ersten österreichischen Kernkraftwerks in Zwentendorf an der Donau

Müssen 10.000 Wiener sterben?

Eine Tatsache müßte genügen, um die Verantwortlichen davon abzuhalten, in Österreich auch nur ein einziges Atomkraftwerk in Betrieb zu nehmen: das sogenannte Restrisiko eines großen Reaktorunfalls. Nach einem — lange Zeit geheimgehaltenen — Bericht der (1974 aufgelösten) US-Atomenergie-Kommission würde der „große Unfall“ eines Reaktors vom Zwentendorfer Typ je nach Wetterlage und Bevölkerungsdichte bis zu 10.000 Todesopfer fordern und eine Fläche von rund 140.000 Quadratkilometern radioaktiv verseuchen, d.h. auf Jahre hinaus unbewohnbar machen. Mag ein solches Risiko in den USA mit 9,4 Millionen Quadratkilometern annehmbar erscheinen, für Österreich mit 83.000 Quadratkilometern ist es zu groß. Passierte das Unglück in Maine oder Massachusetts, könnten die überlebenden Amerikaner der Ostküste nach Colorado, Texas, Kalifornien ausweichen. Wohin gehen wir?

Man tröstet uns mit der geringen Wahrscheinlichkeit. So etwas kann höchstens einmal in 1.000 oder gar in 15 Milliarden Jahren passieren, sagt man. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, daß die Wiener Reichsbrücke in unbelastetem Zustand bei Normalwasser und ruhigem Wetter 40 Jahre nach Ihrer Erbauung einstürzt? Ich glaube, es gab nicht einmal eine spezielle Haftpflichtversicherung. Es gibt eine für Atomkraftwerke: 560 Millionen Dollar (9,5 Milliarden Schilling) Obergrenze pro Schadensfall in den USA; 500 Millionen D-Mark (3,5 Milliarden Schilling) in der Bundesrepublik; 500 Millionen Schilling in Österreich.

Ist der Zwentendorfer Reaktor neunzehnmal harmloser als die amerikanischen, siebenmal harmloser als die deutschen? Er wurde nach deutscher Lizenz gebaut! Oder sind die Amerikaner neunzehnmal und die Deutschen siebenmal so schlampig (wie mir ein hochgestellter österreichischer Fachmann einzureden versuchte)? Oder sind dies Milchmädchenrechnungen? Sie sind es! Der ungeheure Aufwand an Software-Gehirnschmalz und Hardware-Computern ist sinnlose Betriebsamkeit, hinter der Macht- und Geldinteressen Deckung suchen.

Diese Macht- und Geldinteressen sind nicht die unseren. Zwar wird uns gedroht, daß ohne Atomkraftwerke das Licht ausgehen, die Wirtschaft zusammen- und wieder eine Art Steinzeit anbrechen würde: Ade Kühlschrank, Waschmaschine, Fernsehapparat. Als einzige Unterhaltung für die ohnehin arbeitslose Bevölkerung die Zither, mit Darmsaiten versteht sich, am offenen Feuer klagende Hirtenflöten.

Ist die Drohung ernst zu nehmen? Nicht wenige Politiker und Gewerkschafter fürchten das.

Aus vielen in dieser Zeitschrift schon besprochenen Gründen (siehe das Atomheft NF April/Mai 1977) bin ich überzeugt, daß Atomkraftwerke Marksteine am Weg ins Verderben sind. Geht es ohne sie? Andere Leute in anderen Ländern haben recht genau untersucht, inwieweit Wirtschaft, Lebensqualität, Vollbeschäftigung vom weiteren Energieverbrauchswachstum abhängen. Sie sind zum Ergebnis gekommen, daß der behauptete fast naturgesetzliche Zusammenhang zwischen Wohlergehen und ins Unendliche steigendem Energiekonsum nicht besteht. Im Gegenteil. Gelingt es uns in den nächsten Jahrzehnten nicht, diese Entwicklung zu bremsen, gibt es einen Frontalzusammenstoß mit den echten, unerbittlichen Naturgesetzen.

Frankreich: Elektrospinne überm Land

Bei uns spielt sich alles im Kleinformat ab und wirkt deshalb nicht so grotesk. Ein Blick in andere Länder ist daher lehrreich, weil dann der Wahnsinn offizieller „Planung“ erkennbar wird.

Die „Electricité de France“, Gegenstück unserer Verbundgesellschaft, will „tout nucléaire“ gehen, alles auf die Atomkarte setzen. Sie will bis zum Jahr 2000 zu den schon bestehenden und projektierten noch 40 weitere Atomkraftwerke bauen. [1] Um den so erzeugten Strom zu verteilen, wären unter anderem 25.000 Kilometer neuer Hochspannungsleitungen mit 50.000 Masten zu 50 Meter Höhe nötig. 250.000 bis 300.000 Hektar Land müßten sogenannten Elektrokorridoren geopfert werden. Dazu kämen 15.000 Kilometer Leitung mittlerer Spannung mit 50.000 kleineren Masten und die geplante Erweiterung des jetzigen Netzes um 250.000 Kilometer Leitungen und zwei Millionen zusätzliche Masten.

Allein die Verteilungskosten des Atomstroms würden sich auf eine Milliarde Französischer Francs belaufen. Das ganze Land läge unter einem dichten Spinnennetz. Nun werden Studien bekannt, wonach unter Hochspannungsleitungen bestimmte nachteilige biologische Wirkungen auftreten. Erhärten sich die Nachweise, müßte man die Leitungen unterirdisch verlegen. Dies käme etwa acht- bis zehnmal teurer als die Hochleitungen und würde die gesamte Kalkulation über den Haufen werfen.

USA: Kochende Flüsse

Ein Blick in die USA von Carters Energieplan zeigt ein noch viel unheimlicheres Ausmaß der offiziellen Planung. [2] Allein im laufenden Jahrzehnt (1976-1985) sollen Öl- und Gasvorräte vor allem aus dem Meeresboden und in Alaska gewonnen werden. Unter dem Meeresspiegel will man 900 neue Ölquellen, dazu Hunderte neue Kohlenbergwerke mit 320 Millionen Jahrestonnen erschließen. Die bestehenden und geplanten Atomkraftwerke erfordern hundert neue Uranbergbaue, eine neue Anreicherungsanlage, etwa 40 Kernbrennstoffabriken und drei Wiederaufbereitungsanlagen. Die Elektrizitätsversorgung soll sich insgesamt mehr als verdoppeln, und man braucht dazu 180 neue 800-Megawatt-Kohlekraftwerke, über 140 Tausendmegawatt-Atomkraftwerke, 60 konventionelle und über 100 Pumpspeicherwasserkraftwerke und 350 Gasturbinen.

Das ist erst der Anfang. Bis zum Jahr 2000 soll es in den USA 450 bis 800 Atomkraftwerke (einschließlich 80 Schnelle Brüter mit je 2,5 Tonnen Plutonium), 500 bis 800 riesige Kohlekraftwerke und 1.000 bis 1.600 neue Kohlenbergwerke geben. Diese Elektrifizierungspläne würden genügen, um mit ihrer Abwärme sämtliche Fließgewässer des US-Festlandes um 19 bis 27 Grad Celsius aufzuheizen. [3]

BRD: Spazieren im Atompark

Auch die Bundesrepublik ist ungemein ehrgeizig. Nach dem Stand vom März 1976 waren zehn Atomkraftwerke (mit rund 3.500 Megawatt Leistung) im Betrieb, zwölf (mit ca. 12.000) im Bau und 14 (mit 18.000) projektiert. Seither sind drei Werke mit 2.700 Megawatt hinzugekommen. Betrug der Atomstromanteil an der Elektrizitätsversorgung 1975 ganze 7,1 Prozent, sollten bis 1985 an die 45 Reaktoren (davon neun der bisher größten 1.300-Megawatt-Blöcke) mit 45.000 bis 50.000 Megawatt installierter Leistung rund 45 Prozent des bis dahin vorhergesagten Strombedarfs decken. Allerdings gibt es auf diesem Weg — zum Glück für die Bundesrepublik — gewaltige Hindernisse; jetzt wird schon offiziell viel bescheidener von 30.000 Megawatt gesprochen.

Man versteht den Kummer der Regierenden, die von 1956 bis 1976 20 Milliarden DM Staatsgelder in die Kernindustrie gepumpt haben. Trotz dieser gewaltigen Geldspritze aus den Taschen der Bevölkerung ist diese Industrie mit immerhin schon 35.000 Beschäftigten notleidend. [4] Es wird ihr noch viel schlechter gehen, wenn sich das Programm verzögert und sich die Exporthoffnungen nicht erfüllen. Daher die erbitterte Auseinandersetzung mit den USA um das große Brasiliengeschäft: Die Bundesrepublik will dorthin acht Reaktoren und eine Wiederaufbereitungsanlage liefern. So bekommt eine Militärdiktatur die komplette Kapazität zum Bau von Atomwaffen, die den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung derartiger Waffen nicht unterzeichnet hat.

West schlägt Ost im Todesrennen

In der relativ kleinen, dichtbevölkerten BRD lägen zwischen den einzelnen Atomkraftwerken oft nur wenige Dutzend Kilometer. Wie soll man mit der Kühlung — ohne Klimaveränderung — zu Rande kommen? Wieviel Bewegungsfreiheit für den Staatsbürger bliebe — bei den unvermeidlichen Absperrungen, Kontrollen, Transportsicherungen, bewachten Lagerplätzen und noch viel gefährlicheren Wiederaufbereitungsanlagen, die ein solches Reaktorprogramm erzwingt?

Nach dem Stand 1976 waren in Europa insgesamt 96 Atomkraftwerke mit einer installierten Leistung von 27.400 Megawatt in Betrieb, 92 (mit 71.800) im Bau, 62 (mit 58.900) projektiert und 68 (mit 70.700) geplant. Davon entfielen (in der gleichen Reihenfolge) auf den Ostblock (einschließlich der Sowjetunion, ohne Jugoslawien) 26 (7.400 Megawatt), 24 (15.000), zehn (5.900) und elf (9.900). Die Zahlen zeigen, was von dem Geschrei zu halten ist, daß der Ostblock den Westblock in der Atomtechnik überflügelt. Allein für die Europäische Gemeinschaft lauten die entsprechenden Zahlen: 59 (14.700 Megawatt), 48 (40.600), 36 (37.100) und 29 (31.800). Eigentlich müßte der Osten Angst haben — und vermutlich hat er sie auch.

Die Verteilung des Weltenergieverbrauchs auf die einzelnen Regionen scheint die Abhängigkeit des Wohlstandes vom Energieverbrauch zu bestätigen. [5] Spitzenreiter ist Nordamerika: Mit 6,2 Prozent der Weltbevölkerung nahm es 36,2 Prozent des Weltenergieverbrauchs in Anspruch, während sich Asien mit 56,7 Prozent der Weltbevölkerung mit 15,3 Prozent des Energieverbrauchs begnügen mußte. An letzter Stelle lag Afrika mit 0,29 Kilowatt Energieverbrauch pro Kopf gegenüber 9,90 pro Kopf in Nordamerika — das ist das 34fache! Österreichs Pro-Kopf-Verbrauch an Energie lag 1971 bei 3,9 Kilowatt.

Die Verteilung der bekannten Vorräte an Primärenergieträgern auf die einzelnen Weltregionen zeigt, daß Westeuropa eine energiearme Region ist. Wir sind abhängig von den energiereichen Regionen Asien, Osteuropa, Nordamerika und Afrika (wenn man das Uran berücksichtigt). Und der politische Druck, den Europa auszuüben vermag, ist sicher im Abnehmen. Die Ära billiger Energie aus fossilen Brennstoffen ging zu Ende, die Ära billiger Atomenergie aus Uranspaltung wird nie beginnen.

Tafeln im Auwald an der Donau: Achtung, Gift!

Die Schweden machen’s besser

Schweden, bei einem den USA vergleichbaren materiellen Lebensstandard, weitaus höherer sozialer Gerechtigkeit und in mancher Hinsicht besserer Lebensqualität, lebt mit weniger als zwei Drittel des amerikanischen Pro-Kopf-Energieverbrauchs. [6]

Die Schweden müssen mehr heizen, verbrauchen mehr Stahl und Zement pro Kopf als die Amerikaner und viel mehr Papier, doch essen sie weniger — in erster Linie weniger Fleisch (142 Gramm pro Tag gegen 310 Gramm in den USA). Sie begnügen sich mit zwei Drittel der Autokilometer pro Kopf und Jahr und sind sparsamer mit Kunstdünger. Dafür haben sie beträchtlich geringere Säuglingssterblichkeit, doppelt soviel Lehrer pro 1.000 Schüler, eindreiviertelmal soviel Zeitungen und zweieinhalbmal soviel Bücher wie der Durchschnittsbürger in den USA.

Freilich lagen sie im Bezugsjahr (1971) beträchtlich über dem österreichischen Energieverbrauch: 7.550 Kilogramm Steinkohleeinheiten pro Kopf gegenüber 4.200 Kilogramm bei uns, also 80 Prozent mehr. Aber dieser Abstand schrumpft, bedenkt man, daß Schweden wegen seines Klimas viel mehr Raumheizung benötigt — und auch weitaus mehr Ressourcen seiner Rüstungsindustrie und seinem Militär opfert.

Trotz oder gerade wegen geringeren Energieverbrauchswachstums lassen sich die allgemeinen Lebensverhältnisse verbessern. Dies ergibt sich aus dem 1974 veröffentlichten Energieprojekt der Ford Foundation. [7] Dort verweist man auf die langen Zeiträume, mit denen in der Energiewirtschaft zu rechnen ist — drei Jahre Bauzeit für eine Ölraffinerie, drei bis fünf Jahre für Erschließung einer Ölquelle unter dem Meeresspiegel, zehn Jahre für Planung und Bau eines Atomkraftwerks. Verschiebung von Straße auf Schiene; vom üblichen Hausbau zur Schall- und Wärmeisolierung; energiesparende Maschinen und Geräte — das läßt sich zwar sofort einleiten, braucht aber Jahre und Jahrzehnte bis zur vollen Effizienz.

Die Lösung: Sonne + Sparen

Auch Forschung und Entwicklung brauchen Zeit. Trotz großzügigster Förderung der Atomindustrie mit öffentlichen Mitteln verging ein Vierteljahrhundert von der Atombombe zum kommerziellen Atomkraftwerk. In den vierziger Jahren gefaßte Beschlüsse über Atomenergie wirken erst auf die Energieversorgung der siebziger Jahre, und das in bescheidenem Maße. Heute gefaßte Entschlüsse haben volle Wirkung erst um das Jahr 2000.

Der Bericht enthält drei Scenarios für die USA von 1973 bis 2000. Alle erfüllen folgende Bedingungen:

  1. Genügend Energie für Heizung und Kühlung;
  2. Autos und andere Verkehrsmittel in ausreichendem Maße;
  3. bessere Lebensqualität als im Ausgangsjahr;
  4. Energiezuwachs zum großen Teil für Haushaltskomfort;
  5. Vollbeschäftigung wird gesichert;
  6. Bruttonationalprodukt und Pro-Kopf-Einkommen wachsen weiter.

Die drei Scenarios werden bezeichnet als „Historical Growth“, „Technical Fix“, „Zero Growth“. In unserer Tabelle (siehe unten) wird dies wiedergegeben als „Wachsen“, „Bremsen“, „Null“.

Dreierlei Zukunft für die USA

Gesamtenergieverbrauch*19732000
Ist-Zustand Wachsen Bremsen Null
3,0 7,5 5,0 4,0
Anteil in Prozent
Wohnen 21,7 16,1 15,6 17,0
Handel 13,9 11,4 13,6 18,8
Industrie 39,3 51,9 50,9 47,0
Transport 25,1 20,6 19,9 17,2

*) in Milliarden Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE)

„Bremsen“: Es ginge etwas weniger verschwenderisch zu, mit mehr Effizienz und umweltfreundlicher, man würde ein wenig Sonnenenergie einsetzen, Wärmepumpen verwenden, Bauten gegen Wärmeverlust isolieren u.dgl. Trotz diesen relativ bescheidenen Änderungen wäre die Energieeinsparung gegenüber „Wachsen“ ein volles Drittel. Sie würde gestatten, auf einen Teil der riskanten und teuren Ölgewinnung unter dem Meeresspiegel zu verzichten, ebenso auf Förderung von Kohle und Ölschiefer dort, wo Umwelt gefährdet wird. Der Anteil von Atomenergie an der Gesamtversorgung im Jahr 2000 wäre nur 30 Prozent der Atomstromleistung bei „Wachsen“.

„Null“: Viel weniger fossile Brennstoffe, was günstig wäre für die Qualität der Luft und des Klimas (geringere Wärmebelastung). Der Einsatz von Atomenergie wäre bescheiden. Keine neuen Fördergebiete nötig für Kohle und andere Energieträger. Abfall und Wasserverschmutzung bedeutend reduziert. Mehr Verwendung von Sonnenenergie, Nutzung organischer Abfälle als Energiequelle.

Das Scenario „Null“ zeigt deutlich, daß höherer Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum keine siamesischen Zwillinge sind. Stabilisierung des Energieverbrauchs ist ohne Stopp der Realeinkommen erreichbar. Gemäß Scenario „Null“ bleibt das Bruttonationalprodukt des Jahres 2000 nur vier Prozent unter dem des Scenarios „Wachsen“ und ist doppelt so hoch wie das des Jahres 1975. Die Lebensqualität verbessert sich ohne Arbeitslosigkeit. Das Scenario „Null“ zeigt im Gegenteil einen leichten Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskräften.

Atomfreies Dänemark?

Eine Gruppe dänischer Wissenschafter konfrontierte den Energieplan 1976 ihrer Regierung (bis 1995 fünf Atomkraftwerke) mit einem Alternativplan ohne Atomenergie, mit relativ starkem Einsatz von Sonnen- und Windenergie sowie dezentralisierten kalorischen Kraftwerken, die Stromerzeugung mit Fernheizung kombinieren. [8]

Zweierlei Zukunft für Dänemark

Energieverbrauch19751995
  Ist-Zustand Regierungsplan Alternativplan
in 1012 Kcal 170 251 231
Anteil in Prozent
Öl 88 48 52
Kohle 12 10 12
Erdgas - 16 24
Sonne, Wind, etc. - 4 12
Atom - 23 -

Beide Pläne rechnen bis 1995 mit einem jährlichen Wachstum des Bruttonationalprodukts von 3,5 bis 4 Prozent. Nicht, weil die Verfasser des Alternativplans von Notwendigkeit oder auch nur Wünschbarkeit solchen Wachstums überzeugt wären (in 20 Jahren Steigerung des BNP auf das 22fache), sondern weil sie den direkten Vergleich beider Pläne erleichtern wollten. Aus dem gleichen Grund gehen sie auch von der selben Steigerung der Industrieproduktion und der Bauwirtschaft aus, wie sie im OEP vorgesehen ist.

Lediglich bei Transport, Raumheizung, Warmwasserbereitung nehmen sie eine bescheidene Wachstumsverringerung an. Heute schon bekannte technische Möglichkeiten zur wesentlichen Steigerung der Energieeffizienz wurden von ihnen nicht weiter verfolgt — um zu zeigen, daß schon relativ geringfügige Strukturänderungen in der Energiewirtschaft die Atomenergie für Dänemark überflüssig machen. Da in Dänemark eine lebhafte Atomenergiediskussion im Gange ist und der Beschluß des Parlaments verschoben wurde, hat der Alternativplan größte politische Bedeutung.

Der dänische Alternativplan bleibt beim Zuwachs im Energieverbrauch in zwei Jahrzehnten nur um acht Prozent unter dem Ziel des Regierungsplans. Die Atomenergie wird ersetzt durch erhöhte Anteile von Sonne und Wind (+ acht Prozent), Erdgas (+ acht Prozent), Kohle (+ zwei Prozent) und Öl (+ vier Prozent). Die Devisenersparnis bei den Investitionen gegenüber der Atomenergievariante ist 700 Millionen Dollar, bei den Brennstoffimporten pro Jahr (zu heutigen Preisen) 13 Millionen Dollar. Der Alternativplan bringt gegenüber dem Regierungsplan 96.300 Arbeiterjahre mehr Beschäftigung (siehe auch Tabelle).

Nach der letzten Revision des österreichischen Energieplans beträgt der Atomstromanteil im Jahr 1990 nur 8,3 Prozent (frühere Version: 12,6 Prozent) oder etwa ein Achtel des Energieverbrauchs, der durch Erdöl und Erdgas gedeckt werden soll.

Österreichs Chance

Die Prognose für 1990 enthält folgende Aufteilung des Energiekonsums:

Industrie 91 Prozent
Verkehr 29 Prozent
Kleinverbraucher 46 Prozent

Der Energiebedarf der Kleinverbraucher besteht zu 80 bis 90 Prozent aus Heizung und Warmwasser. Dieser Bedarf wird zur Zeit auf sehr verschwenderische Weise gedeckt. So ist z.B. der Wärmeaufwand in Neubauten (u.a. wegen ihrer schlechten Isolierung) zum Teil pro Quadratmeter umbauten Raum mehr als fünfmal so hoch wie in Häusern aus der Gründerzeit (um 1880). Sparte man von diesem Wärmebedarf (ca. 41 Prozent des Gesamtbedarfs) ein Fünftel, würde so ziemlich der gesamte Atomstrom überflüssig. [9]

Dabei haben wir noch nichts getan, um in der Industrie die Kraft-Wärme-Koppelung zu nützen; nichts, um den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen; [10] nichts, um durch Raumplanung die Zwangsmobilität zu verringern; und fast gar nichts für neue „sanfte Technologien“ — z. B. Raumheizung und Warmwasserbereitung durch Sonnenkollektoren auf Dächern und Hausmauern. Daß es bei uns dennoch einiges gibt, entspringt der Initiative weniger Personen und Institutionen, [11] kaum aber einer Förderung durch Energiewirtschaft oder Großindustrie, die sich mit Haut und Haar der Atomenergie verschreiben.

Das hat auch seinen Grund. Die „sanfte“, mittlere und Kleintechnologie ist demokratisch: dezentralisiert und lokal anwendbar. Sie erhöht die Unabhängigkeit von mächtigen, zentralen Apparaten. Diese sind schwerfällig, kostspielig, verwundbar, müssen gehätschelt und gefüttert werden. Wenn sie versagen, bricht das ganze Wirtschaftsleben zusammen. Als vor kurzem ein englischer Dockarbeiter im Gespräch mit einem Energietechnokraten meinte, ein Streik der Docker könnte das ganze Land in 12 Tagen lahmlegen, erwiderte dieser: „Das können wir in 12 Minuten.“

Österreich ist — noch! — ein bevorzugtes Land. Wir können vom Standpunkt der Energieversorgung leichter als viele andere Industrieländer auf Atomenergie pfeifen. Und wir haben auch noch keine wirklich mächtige Atomlobby. Fünf bis neun Milliarden Schilling wurden in das Atomkraftwerk Zwentendorf gesteckt, 1,5 Prozent unseres Bruttonationalprodukts von 1974. Wenn wir es auf ein normales kalorisches Kraftwerk umrüsten (was durchaus möglich ist), bliebe ein beträchtlicher Teil des Wertes erhalten (zwei bis drei Milliarden). Wir ersparten uns weiter das auf drei Milliarden geschätzte Abfallager und dessen Betrieb bis in alle Ewigkeit. Wir ersparten uns auch den schwierigen und kostspieligen Abbruch bzw. Konservierung einer radioaktiven Kraftwerksruine in 20 bis 25 Jahren — falls bis dahin nichts Ärgeres passiert sein sollte. Wir ersparten uns Bewachungsdienste, Polizeimaßnahmen, Alarmübungen, sonstige Sorgen und Ängste.

Leute, die bei uns die Geschäfte der Deutschen Kraftwerksunion besorgen, sind noch nicht zu zahlreich. Sie werden schon wo unterschlüpfen, sei es mit etwas Gehaltseinbuße. Die VÖEST-ALPINE ünd etliche andere Unternehmungen betreiben die Entwicklung von Reaktortechnik in der Hoffnung auf große Abschlüsse als Zulieferer. Sie könnten sicher Nützlicheres forschen auf dem Gebiet wirklich zukunftsträchtiger Technologien, wenn dies auch mehr Phantasie erfordert als die Variation der Themen, die vor 20 Jahren in den Labors der Atomklubländer abgehandelt wurden.

Energiewirtschaft wie Großindustrie sind überwiegend in öffentlicher Hand. Anderswo wedelt der Hund des Military-Industrial Establishment mit dem hilflosen Regierungsschwanzerl; bei uns müßte das nicht so sein. Das Military Establishment dürfen wir vergessen, das Industrial Establishment muß sich dank Verstaatlichung hierzulande einer politischen Entscheidung beugen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund darf man bescheiden optimistisch sein. Noch kann eine informierte öffentliche Meinung Parlament und Regierung eine Frist des Abwartens und Nachdenkens abringen. Nichts — kein wirtschaftlicher, kein sozialer, kein politischer Aspekt — zwingt uns in die atomare Sackgasse.

[1Le Monde, 12. April 1975

[2Amory Lovins: Energy Strategy: The Road Not Taken, in: Foreign Affairs, Oktober 1976

[3Berechnet nach dem Plan der Energy Research and Development Administration (ERDA), 1975

[4Lutz Metz: Die Atomindustrie in Westeuropa, in: Technologie und Politik Nr. 7, rororo aktuell, Reinbek, April 1977

[5Dokument ECE/Env/R 31/1975, Sitzung der höheren Regierungsberater für Umweltprobleme, Genf, 24./28. Februar 1975. — Die Zahlen beziehen sich auf 1970, doch haben sich die relativen Wachstumsraten bisher höchstens zuungunsten der Dritten Welt verändert.

[6Lee Schipper/Allan J. Lichtenberg: Efficient Energy Use and Well Beeing: The Swedish Example, in: Science, 3. Dezember 1976

[7A Time to Choose: Americas Energy Future. Final Report by the Energy Policy Project of the Ford Foundation, Ballinger Publishing Company, Cambridge/Mass. 1974

[8S. Blegaa/L. Josephsen/N. I. Meyer/B. Sorensen: Alternative Danish Energy Planning, Physics Laboratory III, Technical University of Denmark, Lyngby, März 1977. — Bestelladresse: Niels Bohr Institute, DK-2100, Denmark

[9Wilhelm Frank: Energiewirtschaft als gesellschaftspolitische Dimension. Vortrag im Institut für Gesellschaftspolitik, Wien 1975. — In Industrieländern (nördliche Halbkugel!) liegt der Aufwand für Raumheizung bei 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. In manchen westeuropäischen Ländern beträgt der Anteil der Niedrigtemperaturwärme (= unter 100 Grad Celsius) sogar die Hälfte des Gesamtenergiebedarfs. Vgl. Lovins, Anm. 2

[10Der Schienentransport benötigt gegenüber dem Straßentransport bei gleicher Leistung nur ein Fünftel bis ein Zehntel des Energieaufwands und nur ein Drittel des Flächenbedarfs beim Güterverkehr (beim Personenverkehr gar nur ein Dreizehntel!). Dazu kommt die höhere Sicherheit der Bahn.

[11Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat ihr neues Institut für Molekularbiologie in Salzburg, unterstützt vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, mit einer Sonnenheizanlage ausgestattet.

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