Heft 4-5/2004
Juni
2004

Auf den Spuren von Baj Ganjo

Die „Rückkehr nach Europa“ auf Bulgarisch

Was die literarische Figur des „Vetter Ganjo“, die alten und neuen politischen Eliten und die ArbeitsbrigardistInnen an Europa denken lässt, ist die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Ob sie jenes dort finden werden, bezweifelt Jutta Sommerbauer.

Das Ende der Welt liegt zum Beispiel in Svishtov. In der 30.000 EinwohnerInnen zählenden Kleinstadt an der Nordgrenze Bulgariens haben alle Busse ihre letzte Haltestelle. Bei einem Spaziergang durch das Zentrum kann man das erste chitalishte Bulgariens, ein multifunktionales „community center“ aus der Zeit der so genannten „nationalen Wiedergeburt“, bestaunen. Ein paar Schritte weiter befindet sich der am realsozialistischen Reißbrett geplante Platz, dessen monströse administrative Gebäude nach wie vor die nötige Ehrfurcht gebieten.

Das Auffälligste sind allerdings die zahlreichen Cafés. Eines schicker als das andere sind sie offensichtlich in einen provinziellen Wettkampf um die knalligsten und ausgefallensten Sofas verheddert, auf denen die mehrheitlich jungen Gäste drapiert sind. Laute Dancefloor-Musik läuft, man liest Zeitung, trifft sich mit FreundInnen oder sieht den Serviermädchen in ihren knappen Miniröcken nach. Es gibt viel Zeit, die es totzuschlagen gilt.

Hinter der im Zentrum des Städtchens gelegenen Wirtschaftsuniversität erhebt sich ein Hügel, auf den sich höchstens ein paar TouristInnen verirren. Hat man ihn erklommen, ist das Rätsel von Svishtov gelöst. Direkt am Fuß des Hügels fließt die Donau, schlammiggrün, dahinter liegt Rumänien. Ein paar Minuten von hier entfernt befindet sich der Industriehafen. Ein bißchen weiter außerhalb, ebenfalls am Flußufer, wurde in den 60ern die Fabrik „Svilosa“ gebaut.

Sie ist mit über 2000 Angestellten der größte Arbeitgeber der Gemeinde – eines der wenigen Unternehmen, das sich aus dem Staatssozialismus in die neue Zeit herübergerettet hat und Kunstseide und Zellulose vor allem für den europäischen Markt produziert.

Während die bulgarische Uferseite mit Industrie beeindruckt, glänzt Rumänien mit urwüchsiger Pampa. Keine Stadt, kein Dorf, kein Mensch in Sichtweite. Auch Svishtov hat keine Uferpromenade, geschweige denn eine Transportverbindung nach Rumänien. Die einzige Donaubrücke, die Bulgarien mit dem ehemaligen sozialistischen Bruderland verbindet, liegt im 50 Kilometer entfernten Russe. Vom viel zitierten „Europa der Regionen“ keine Spur.

Baj Ganjo in Brüssel

Ebenfalls aus Svishtov stammt der Schriftsteller Aleko Konstantinov, der im Jahr 1863 geboren wurde. Konstantinov ist mit seiner Figur des „Baj Ganjo“ in den Kanon der bulgarischen Literatur eingegangen. Die Abenteuer des "Vettern Ganjo“ – so die deutsche Übersetzung – werden auch heute noch in allen Schulen gelesen. Nicht einfach schnöde Literatur, wird das Buch gemeinhin als Analyse des bulgarischen Nationalcharakters verstanden.

Ganjo Balkanski, ein tölpeliger und doch gewitzter Zeitgenosse Konstantinovs, national denkend und polyglott fluchend, fährt mit dem Zug nach Europa. Bepackt mit Rosenöl aus dem heimischen Anbau erlebt der bauernschlaue Händler, dem die mitteleuropäische bürgerliche Kultur suspekt ist, allerlei komische Verwicklungen.

Zu Beginn der Episodengeschichte wird Ganjo symbolisch in Europa aufgenommen: „Sie halfen Baj Ganjo, seinen türkischen Umhang abzulegen, er schlüpfte in ein belgisches Cape, und jedermann entschied, dass Baj Ganjo bereits ein vollständiger Europäer war.“ [1] Für Konstantinov, ein bürgerlicher Verteidiger der westlichen Werte, ist Ganjos übereiltes Ankommen in Europa freilich heuchlerisch und die „oberflächliche Nachahmung zivilisierten Verhaltens“ [2] unmoralisch.

Im Laufe der Erzählung macht Ganjo eine Wandlung durch, die nichts mit Unmoral, sondern viel mehr mit seinem neuen Interesse am Kapitalismus zu tun hat. Nach seiner Rückkehr aus dem Westen ist aus ihm ein Racket geworden: „Während Baj Ganjo im ersten Teil des Buches [...] lediglich ein komischer, primitiver Clown ist, wird er erst bei seiner Rückkehr, unter seinesgleichen, wo er der Neureiche und neuerdings gehätschelte, korrupte Politiker ist, der authentische und gefährliche Barbar.“ [3]

Bulgarien und Europa

Bulgarien in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts: Nach dem Ende der 500-jährigen osmanischen Periode – nicht nur im Volksmund das „türkische Joch“ genannt – sollte die Schaffung liberaldemokratischer Strukturen den Weg für die "Rückkehr nach Europa“ ebnen. Politische Parteien, Vereine, nationale Bildungseinrichtungen wie die chitalishta und nicht zuletzt der Aufbau der staatlichen Bürokratie orientierten sich an westeuropäischen Mustern.

Das Nations-Projekt der häufig im Westen ausgebildeten, modernisierungswilligen Eliten stieß allerdings nicht auf ungeteilte Zustimmung, wie der Historiker Holm Sundhaussen beschreibt: „Die Formierung des Nationalstaats sowie die Implementierung dessen, was dem Staat Stärke und Prestige zu geben versprach, erfolgte von oben mit Hilfe des neu eingerichteten Staatsapparats und gegen die leidenschaftliche Abneigung der Bevölkerungsmehrheit, die den Staat haßte, mit dem Konstrukt Nation nichts anfangen konnte, das kapitalistische System als Angriff auf die gewohnte Solidarität [...] sowie das römische Rechtssystem als Perversion ihrer eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit erlebte und erlitt.“ [4]

Der Großteil der Bevölkerung blieb zudem von dieser meist auf urbane Räume beschränkten „Europäisierung“ ausgeschlossen. Noch Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts arbeiteten 80% der BulgarInnen in der Landwirtschaft. Die AnalphabetInnenrate lag bei 31%. In Städten lebte nur etwa 3,8% der Gesamtbevölkerung. [5]

Kontakte mit dem Ausland, Kenntnisse über europäische Kultur und Umgangsformen blieben ein „Oberflächenphänomen“ – verfügbar nur für privilegierte Teile der urbanen Bevölkerung. Die neuen Eliten waren, so beschreibt Sundhaussen, „stets ängstlich bemüht, ’europäisch’ korrekt und zeitgemäß aufzutreten (mit Anzug, Zylinder und Monokel), über Literatur und Liberalismus zu reden, Konzerte und Opern zu besuchen, die Rückständigkeit ihrer Umwelt zu beklagen und ’Europa’ zu preisen. [...] Methoden und Denkweisen der Aufsteiger atmeten den Geist einer anderen Welt. Klientelismus, Nepotismus, Korruption war ihnen allemal wichtiger als die ’bürgerlichen Tugenden’, über die sie gern redeten.“ [6]

Auch in politischer Hinsicht hatte die Europäisierung eher kosmetische Züge. Die Gründung eines Parlaments und die Adaption einer im europäischen Vergleich fortschrittlichen Verfassung war zwar auf dem Papier gültig. Dennoch war das politische System Bulgariens in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit von Paternalismus, innenpolitischen Flügelkämpfen, ökonomischen Problemen und autoritären Putschversuchen geprägt.

An der Spitze des Staates hatte man auf internationalen Wunsch deutsche Monarchen eingesetzt: Von 1879-1886 regierte Fürst Alexander Prinz von Battenberg das Land, ab 1887 folgte dann Ferdinand von Sachsen-Coburg-Kohary. Er dankte 1918 zu Gunsten seines Sohnes Boris III. ab. Boris’ Sohn, Simeon Sakskoburggotski, ist heute Ministerpräsident. Er hatte Bulgarien als Kind verlassen und lebte – bis zu seiner Rückkehr im Jahr 2001 – im spanischen Exil.

Bulgarien, schon im 1. Weltkrieg auf Seiten des Deutschen Reiches, band sich ökonomisch und politisch immer mehr an seinen Bündnispartner: In den 1920ern war Deutschland der Abnehmer eines Viertels der bulgarischen Exporte. In den 30er Jahren – insbesondere seit Zar Boris‘ Staatsputsch von 1935 – folgte eine fast vollständige Ankopplung an den komplementären deutschen Markt: Im Jahr 1939 exportierte Bulgarien bereits 71,1% seiner Güter – vor allem landwirtschaftliche Produkte – ins nationalsozialistische Deutschland und bezog demgegenüber 69,5% seiner Importe von dort. [7]

Nachdem sich Bulgarien während des Staatssozialismus politisch und ökonomisch als moskautreu erwiesen hatte, scheinen die ökonomischen Weichen in den 90ern wieder in Richtung der Vorkriegsbekanntschaften gestellt. 2003 war Deutschland mit 2,3 Milliarden US-Dollar der wichtigste Außenhandelspartner von Bulgarien, gefolgt von Italien und Griechenland. Russland lag abgeschlagen am vierten Platz.

Mehr als die Hälfte des Außenhandels wird heute mit den EU-Staaten abgewickelt, wobei vor allem Produkte mit einem niedrigen Verarbeitungsgrad wie Stahl, Metalle und landwirtschaftliche Erzeugnisse exportiert werden. Wie AnalystInnen betonen, steigt die Zahl der ausländischen Investitionen stetig an. Das Außenhandelsdefizit ebenso: Im Jahr 2003 betrug es 4,3 Millionen Leva, umgerechnet über 2 Millionen Euro.

Der Mitte Februar diesen Jahres präsentierte Finanzplan der Europäischen Kommission stellte erstmals Geldmittel in der Höhe von über vier Billionen Euro für Bulgarien in Aussicht. Diese sollen von 2007 bis ins Jahr 2009 die heimische Landwirtschaft und Regionalentwicklung beleben. Bis dahin wird allerdings ein Gutteil der Agrarflächen weiterhin brach liegen.

Und von den Medien werden Nachrichten wie diejenige, dass Bulgarien – als Trostpreis der Osterweiterung – ab jetzt einige Nahrungsmittel zollfrei in den EU-Raum einführen darf, vermutlich auch in Zukunft als Erfolgsmeldungen verkauft.

Rückkehr auf Raten

Die lang erwartete Eingemeindung von acht osteuropäischen Ländern erlebten die BulgarInnen im Frühling nur als Zaungäste: Als am 1. Mai 2004 die EU um zehn Staaten erweitert wurde, konnten dies die BürgerInnen nur vor den TV-Geräten mitverfolgen und die Aufnahme einiger ehemaliger Bruderländer neidisch betrachten.

Zwar ist man Anfang April gemeinsam mit Rumänien, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen und der Slowakei dem Verteidigungsbündnis NATO beigetreten. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ein Großteil der Bevölkerung noch immer „gemeinsam mit Rumänien weit weg von der Europäischen Union“ fühlt, wie das Wochenmagazin Kapital letzten Winter titelte, als darüber spekuliert wurde, Bulgarien und Rumänien einen gemeinsamen Beitrittsvertrag aufzudrängen. Dieser Vorschlag erregte in Bulgarien die Gemüter, da man beim Abschluss der Verhandlungskapitel schon um einiges weiter fortgeschritten ist als der nördliche Nachbar. [8]

Im Ende 2003 veröffentlichten EU-Report über die Beitrittsfortschritte wurde Bulgarien eine überwiegend positive Note ausgestellt. Freilich nicht ohne auf verschiedenste Problembereiche zu verweisen: Die Korruption sei nach wie vor ein Hauptproblem, ebenso wie das nur ungenügend funktionierende Gerichtswesen. Auch wurden weitere Reformen des Verwaltungsapparates angeregt. Zudem wies der Report auf die besorgniserregende Situation von Waisenkindern, psychisch Kranken und die Minderheit der Roma hin.

Die neuen alten Eliten

Seit dem Jahr 2001 regiert die „Nationale Bewegung Simeon II.“ in Koalition mit der „Bewegung für Rechte und Freiheiten“. Außenminister Solomon Passi, die Ministerin für europäische Angelegenheiten und EU-Chef-Verhandlerin Meglena Kuneva oder auch Finanzminister Milen Velchev vermitteln das Bild von jungen, dynamischen, westlich ausgebildeten und gestylten PolitikerInnen.

In den Abendnachrichten flimmern ihre Gesichter auf den Bildschirmen auf und ab: Fast jeden Abend werden Berichte von ihren Reisen gesendet. Die Destinationen heißen Brüssel oder Washington, man jettet von einem Verhandlungstisch zum nächsten – immer den Kampf um die Anerkennung eines zu Unrecht gescholtenen Landes führend. Sundhaussens Bild der euphorisierten Vorkriegseliten taucht unweigerlich im Kopf auf, wenn wieder einmal von „unseren europäischen Partnern“ die Rede ist, oder vom eisernen Willen, mit dem die Hausaufgaben erfüllt werden sollen.

Ob die Westorientierung der Regierung, die sich auch in einer starken Anbindung an die USA bemerkbar macht, [9] von den Wahlberechtigten bei den für Frühling nächsten Jahres angesetzten Parlamentswahlen honoriert wird, ist zu bezweifeln. Es ist zu erwarten, dass die EU-Verhandlungen von Regierungsmitgliedern abgeschlossen werden, deren Partei nach den Wahlen in die Bedeutungslosigkeit absinkt.

Und obwohl derzeit gerade eine Verschnaufpause von diversen Skandälchen und Pleiten der Regierung Sakskoburggotski eingetreten ist, dürfte auch den Ex-Adeligen ein Blick auf das politische Geschehen der Neunziger Jahre ein bisschen unruhig werden lassen. Bis jetzt wurde noch jede Regierung abgewählt. Besonders vom Neopolitiker Sakskoburggotski selbst ist bereits jeder Glanz dahin. Er meldet sich in politischen Debatten kaum noch zu Wort. Und mehr als an den von manchen BulgarInnen als Diplomatie gelobten Opportunismus seines staatsmännischen Vaters anzuschließen, scheint er derzeit die Rückerstattung seiner Immobilien zu verfolgen.

Stadtviertel von Veliko Tarnovo mit der Universität im Hintergrund
Foto: Jutta Sommerbauer

Euro all over

Auf die Frage, ob Bulgarien in Europa liege, erweist sich noch immer Aleko Konstantinovs Antwort als gültig: „Wir sind Europäer, aber nicht ganz.“ Geographisch gesehen liege Bulgarien in Europa, aber mentalitätsmäßig sei das nicht so klar, heißt es häufig.

Die Insignien von Euroland sind zumindest selbst in der Provinz allgegenwärtig. In der 70.000 EinwohnerInnen zählenden Kleinstadt Veliko Tarnovo im Nordwesten Bulgariens trägt das größte Taxi-Unternehmen den schwungvollen Firmennamen „Euro-Taxi“, da flattert die EU-Flagge munter vor Gemeindeamt und Universität. Eben hat der moderne „Technomarket Europa“ auch hier eine Filiale eröffnet und in der Bibliothek des Europäischen Informationszentrums liegen alle wichtigen Brüsseler Dokumente griffbereit. Die OMV-Tankstelle wirbt mit dem simplen wie überzeugenden Spruch: „100% Import aus Österreich!“.

Wie überall im Land bieten mehrere private Sprachschulen Kurse in westeuropäischen Sprachen an, an der Universität können StudentInnen Studiengänge wie „Europäistik“ und „Europäische Integration“ inskribieren. Ob die bulgarischen Europa-SpezialistInnen von morgen in Zukunft eine Arbeit finden werden, ist aber alles andere als sicher: Ein Fünftel aller AkamdemikerInnen sind SozialhilfebezieherInnen.

Die – mit aller Vorsicht zu genießende – offizielle Arbeitslosenrate im Land beträgt derweil 14%. Ein Dreipersonenhaushalt verfügt, so geht aus einer im Mai veröffentlichten Umfrage des Nationalen Statistikinstituts hervor, monatlich über durchschnittlich 385,22 Leva, etwa 190 Euro. 37,9% dieses Budgets werden für Essen ausgegeben, gefolgt von Abgaben für Miete, Strom und Wasser.

Da die mitteleuropäischen Verhältnisse noch immer nicht nach Bulgarien gekommen sind, erreicht man jene auch heute nur, indem man das Land verläßt. Seit dem Fallen der Visa-Regelung 2001 kann man praktisch überall bileti za tshushbina – Fahrkarten für das Ausland – erstehen. Im ganzen Land bieten unzählige Firmen alle nur erdenklichen Destinationen an. Zum Beispiel: Veliko Tarnovo – Lissabon, Abfahrt dreimal wöchentlich, Fahrzeit drei Tage. Das Einfachticket kostet günstige 120 Euro.

Arbeitsbrigaden

In den seltensten Fällen reist man allerdings zum Vergnügen nach Europa. Die Unmöglichkeit, im Land ein halbwegs normales Auskommen zu finden, zwingt viele Menschen dazu, im Ausland Jobs anzunehmen. Dabei sind bulgarische StaatsbürgerInnen vielfach an die Stelle der ehemaligen Billigarbeitskräfte aus den östlichen Nachbarländern Österreichs getreten. Obst pflücken in England oder Spanien, Tabakanbau in Griechenland, Putzen in Deutschland oder Kochen in Belgien: Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Unzählige Arbeitsvermittlungsagenturen – organisiert von Staat, Gewerkschaften und privaten AnbieterInnen – vermitteln ganzjährig zeitlich begrenzte Arbeit in Europa.

Im Sommer fahren auch viele StudentInnen zu so genannten „Arbeitsbrigaden“ ins westliche Ausland und nach Übersee. Die Germanistikstudentin Jana wird wie zwei ihrer Jahrgangskolleginnen auch diesen Sommer wieder in Deutschland arbeiten. Schon zum zweiten Mal fährt sie in den Schwarzwald, um dort in einem Café als Servierkraft für einen Stundenlohn von 6,38 Euro zu arbeiten. Zumindest Trinkgeld werde sie wohl zusätzlich erhalten? „Normalerweise ja. Aber in diesem Kaffeehaus habe ich kein Trinkgeld bekommen. Mein Chef hat es genommen“, antwortet Jana achselzuckend.

Dennoch nimmt sie diese Arbeitsbedingungen in Kauf. Immerhin, so erzählt Jana, konnte sie letzten Sommer 2000 Euro sparen – eine große Summe: „Davon kann ich in Bulgarien ein Jahr lang leben.“ Ob sie etwas sparen werde, ist sich ihre Mitstudentin Virginia nicht sicher. Sie hat einen Job bei McDonalds in München zugeteilt bekommen. Allein für ihr Zimmer muss sie 240 Euro berappen, ihr Stundenlohn liegt bei 6,70 Euro.

Probleme mit der Nachfrage an solchen Jobs scheint die deutsche „Zentralstelle für Arbeitsvermittlung“ nicht zu haben: Für die acht Plätze, die an der Universität Tarnovo ausgeschrieben waren, hatten sich mehr als 80 Leute beworben. Ob die Deutschkenntnisse der KandidatInnen ausreichend sind, wird in einer Prüfung ermittelt.

Lästige Aufnahmeinterviews hat sich Rossica dieses Jahr erspart. Mit der Konfitürenfirma, bei der sie letztes Jahr schon am Fließband stand, konnte sie diesmal einen direkten Vertrag abschließen. Sie wird zwei Monate lang verdorbene Früchte aussortieren. „Man nennt das ’picki-picki’ – von ’picken’“, erklärt sie, und fügt leise hinzu, „Es ist nicht ganz angenehm.“

Die drei Studentinnen werden im Herbst wieder nach Bulgarien zurückkehren, um das letzte Jahr ihres Studiums zu absolvieren. Viele andere, vor allem junge, gut ausgebildete Menschen, haben seit 1989 das Land jedoch ein für alle Mal verlassen. Man schätzt, dass sich ihre Zahl auf etwa 600.000 beläuft.

Ankommen – Rückkehren

Auch Dimitre Dinev ist einer von ihnen. Der in Wien lebende Schriftsteller, der vor einigen Monaten seinen Roman "Engelszungen“ veröffentlicht hat, kam selbst 1990 nach Wien. In Bulgarien ist Dinev so gut wie unbekannt. Einzig die Kultur- und Literaturzeitschrift LIK interviewte ihn in ihrer März-Ausgabe, Monate nachdem sein Werk in österreichischen und deutschen Feuilletons überschwänglich gelobt worden war.

In seinem Roman lässt der Autor das bulgarische 20. Jahrhundert anhand zweier Familiengeschichten Revue passieren. Iskren und Svetljo, die jüngste Sprösse der beiden Familien, treffen sich schließlich im Winter 2001 am Wiener Zentralfriedhof. Sie sind blank und wollen deshalb mit Miro sprechen, dem „Schutzpatron“ der Immigranten, der ebendort in „bester, ehrenwertester Gesellschaft“ begraben liegt.

Schon das Ankommen im Westen wird Svetljo alles andere als leicht gemacht: Er gelangt robbend über die tschechisch-österreichische Grenze und muss ständig um seine Existenzberechtigung fürchten. Ohne Arbeit kein Aufenthalt. „So war die Arbeit zu Sinn und aus der Suche nach ihr eine Seinsweise geworden.“

Iskren hat ihm gegenüber einen Startvorteil: „Iskren hatte schon an anderen Orten Europas die Erfahrung gemacht, daß dort, wo man bestimmte Tiere wie Menschen behandelte, man auch bestimmte Menschen wie Tiere behandelte. Und diese Menschen waren Einwanderer. Deswegen hatte sich Iskren auch für einen italienischen Paß und für ein Leben als Geschäftsmann entschlossen. Ein Geschäftsmann war kein Einwanderer und blieb, egal in welches Land er einwanderte, ein Geschäftsmann.“ Dennoch hat auch er kein einziges jener amüsanten Erlebnisse zu berichten, mit denen noch Baj Ganjo aufwarten konnte.

In einem anderen Punkt scheint Ganjos Reiseerzählung allerdings noch Aktualität zu besitzen: Ganjo gilt den EuropäerInnen als kulturlos und unzivilisiert. Dabei versucht er doch nur, sich möglichst clever in den modernen Verhältnissen einzurichten.

Auf die Frage, warum er sich in Wien keine Sehenswürdigkeiten angesehen habe, antwortet der Kleinhändler: „Was soll ich mir in Wien ansehen, eine Stadt wie jede andere, Menschen, Häuser, Prunk. Und wohin du gehst, überall Gut Morgin, überall wollen sie nur Geld. Warum sollten wir unser Geld den Deutschen geben, wenn es zu Hause genügend Leute gibt, die es nehmen würden.“

Um nicht missverstanden zu werden: Ganjos Cliquenherrschaft ist mitnichten sympathischer als der westeuropäische Kapitalismus. Aber Ganjo wäre kein guter Businessman, würde er nicht versuchen, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.

[1Konstantinov spielt in dieser Textpassage auch auf die Erlangung der bulgarischen Unabhängigkeit vom osmanischen Reich durch den russisch-türkischen Krieg von 1877/78 und die darauf folgende Adaption einer Verfassung nach belgischem Vorbild an.

[2Maria Todorova: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999, S. 65.

[3So der Baj-Ganjo-Interpret Svetlozar Igov, zitiert nach: Todorova, a.a.O., S. 65.

[4Holm Sundhaussen: „Chancen und Grenzen zivilgesellschaftlichen Wandels: Die Balkanländer 1830-1940 als historisches Labor“, S. 156f, in: Manfred Hildermeier/ Jürgen Kocka/Christoph Conrad (Hg.): Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West. Begriff, Geschichte, Chancen, Frankfurt/Main 2000, S. 149-177.

[5Vgl. ebd., S. 168-170.

[6Ebd., S. 168.

[7Vgl. Emil Giatzidis: An Introduction to post-Communist Bulgaria. Political, Economic and Social Transformation, Manchester 2002, S. 17.

[8Bis zum 4. Juni hatte Bulgarien 29 von 30 Verhandlungskapitel abgeschlossen. Das letzte Kapitel sollte bis Ende Juni ausverhandelt werden.

[9Bulgarien hat derzeit Truppenkontingente im Irak und war eines jener abtrünnigen Länder „Neueuropas“, die von Jacques Chirac aufgrund ihrer proamerikanischen Haltung gerügt wurden. Der bulgarische Einsatz im Irak ist nicht so sehr ein innenpolitischer Streitpunkt, als unter der Bevölkerung unpopulär.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Angebote zum Thema bei

Ohne Titel