FORVM, Sonne Nr. 3
Mai
1981

Aus dem Leben der Taugenichtse

Von Eichendorff bis Zürich

I. Grün ist, wer bunt ist

Die neue Jugendbewegung ist eine Umweltbewegung. Instandbesetzer und Steineschmeißer sind — neben der Wirtschaftskrise — unsere schönste Hoffnung, daß sich die neue vernünftige Ökologie durchsetzt gegen die alte wahnwitzige Ökonomie. Sie ist das Kreislaufmittel für alle umweltverrußten Herzen, soweit sie noch nicht ganz kaputt sind, z.B. auch für die müdegewordenen Herzen der 68er Generation.

Die bauliche Substanz unserer Großstädte wird nicht von Denkmalschützern erhalten, die sich von ihrem guten Geschmack leiten lassen, sondern von Jugendlichen, die ihren Sehnsüchten folgen. Instandbesetzungen sollen Wohnhäuser vor Abbruch, Innenstädte vor dem Aussterben bewahren. Anstelle von Bankfilialen, die sie nie betreten wollen, Tiefgaragen, die sie nie benützen werden, fordern die Jugendlichen Städte, wo man wohnen, d.h. wonnig herumhängen kann. [1] Statt mit dem Auto wollen sie mit dem Fahrrad fahren. Sie kennen keine verbissene Arbeitswut, hegen keine Aufsteigerwünsche und sind zu wesentlichem Konsumverzicht bereit.

Sie treten für Regionalismus und Dezentralisierung ein, bis hin zu ihren Seh- und Hörgewohnheiten: hausgemachte Straßentheatergruppen und Rockbands sind populärer als etablierte Theater und Popstars, am besten ist Selbermachen. Die Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk e.V., die das ehemalige UFA-Gelände in Berlin besetzt hält (»der größte Postraub in der Geschichte Berlins, denn das Gelände gehörte bis dahin der deutschen Bundespost«) [2] ‒ hat zum Programm:

Wir sind auf dem Weg, die Trennung zwischen Freizeit und Arbeit aufzuheben. Wir handwerken, spielen Theater, bauen Sonnenkollektoren und Wärmepumpen, machen Artistik und Pantomime in unserem Zirkus, teilen Freuden und Schmerzen miteinander, spielen Gitarre, Bongo und vieles mehr. Die Lieder, die wir machen, singen wir auf deutsch, damit uns hier jeder versteht, denn unsere Musik ist ein Stück von uns. [3]

»Small is beautiful« als Motto zeigt sich bis hinein in die neue Kleinkunst der Parolen, die treffend witzig, poetisch sind. »Weg mit den Alpen, wir wollen freie Sicht bis zum Mittelmeer« (Zürich 1980).

Eine Bewegung wie diese, lag seit Jahren in der Luft, theoretisch formuliert wurden ihre Forderungen schon von der 68er Generation. Neu dazugekommen sind eine Schar von nichtakademischen Jugendlichen, von denen viele arbeitslos sind. Die Arbeitslosen haben bei allen Aktionen die größte Ausdauer. Das Heer der freiwilligen Taugenichtse hat sich um unfreiwillige vergröBert. Das edle Wollen der Spontis bereicherte und verfestigte sich: Die Krise lieferte neue Anhängerschaft.

Von Instandbesetzern bevorzugt werden Stadtteile und Objekte, in denen Kleingewerbebetriebe vorhanden sind oder wieder errichtet werden können. So schwärmt ein Freiburger von einem besetzten Gelände:

Auch der größte Teil der Werkstätten, in denen in den letzten Jahren zumeist Kleinbetriebe untergebracht waren, steht leer. Für die Besetzer bedeuten all diese Räume schier unbegrenzte Möglichkeiten. Hier kann man nicht nur wohnen, hier kann man auch arbeiten. Die schrecklichen drei ‚Funktionen’ (Arbeit, Wohnen, Freizeit) wären an einem Ort zusammengebracht. Das zerstückelte Individuum wäre wieder in eins gefügt. Utopie vom besseren Leben. [4]

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben

Ob der Rückzug in einen solchen einheitlichen, »autonomen« Lebensbereich eine Gettoisierung darstellt, ist nicht mehr Gegenstand der Reflexion. Der Druck der Normalität auf die Jugendlichen ist so groß geworden, daß das Getto erstrebenswert scheint: »Daß der Tod uns lebendig findet und das Leben uns nicht tot«, [5] sagten die Freiburger Jugendlichen, bevor sie den Gebäudekomplex »Dreisameck« besetzten. Dieser Utopie vom besseren Leben und Sterben haben 1200 Polizisten ein vorläufiges Ende bereitet.

Als unmäßig empfinden die Mitbürger der Krawallos deren Forderungen, bei denen auch tatsächlich die alte Losung »vogliamo tutto subito« mitschwingt. Paradoxerweise ist das verlangte »Alles« der Aussteiger um so viel weniger als das den Aufsteigern bloß Angemessene. Um wieviel weniger Ressourcen verbraucht ein Wohnkollektiv, als die in Einfamilienhaushalten separierten Menschen. Wieviel geronnene Frauenarbeit steckt in einem einzigen korrekt geführten Haushalt mit dazupassend korrekt gekleideten Herrn und Kindern. Unmäßige Mittel verschlingt die Aufrechterhaltung der psychischen und physischen Normalität. Fraglich, wie lange wir uns das noch leisten können.

Die neue Jugendbewegung zeigt: bei geringerem Verbrauch muß nicht der Zustand eines traurigen »den Gürtel enger Schnallen« eintreten, sondern es kann trotzdem besser gelebt werden.

Der empörte Passant am Straßenrand dürfte von Rechts wegen nicht rufen: »Arbeitet zuerst einmal was!« — denn irgend etwas müssen selbst die Taugenichtse tun fürs physische Überlegen. Der Passant, der die Situation wirklich durchschaut hat, müßte rufen: »Nehmt euch erst einmal einen Kredit für eine Wohnung und ein Auto!«

Am Spießer vorbeilaufend antworteten die Schweizer Jugendlichen, präzis, philosophisch, poetisch: »Kaufen ist leichter als Denken!«

II. Der Preis vom Fleiß

Für Faulenzer bricht in moralischer Hinsicht ein großartiges Zeitalter an. Sie werden mit dem reinen Nichtstun mehr zum Wohl der Menschheit beitragen, als die rastlos Schaffenden. Sie dienen der Umweltverbesserung, der Hebung der Volksgesundheit und Laune und letztendlich dem Sieg der Vernunft über die Unvernunft: durch längeres im Bett Liegen, durch mehr Musik hören, Herumschmusen und ähnlichem.

Denen, die sich in Gruppen zusammenschließen, um weniger zu arbeiten, nämlich nur das Notwendigste, gehört das Lob besonnener Ökologen. Ebenso jenen, die verhindern, daß andere arbeiten wie die Wilden, zum Beispiel die vom Baugewerbe mit ihrem ewigen Abreißen und neuem Aufbauen. »Frisch, faul, fröhlich, frei«, wäre ein gelungenes Motto für die achtziger Jahre.

Wenn heute einer sagt: »Urlaub, Urlaub, was kann ich mir darum schon kaufen!«, so leistet er sich eine reaktionäre politische Äußerung in zweifacher Hinsicht: er deklariert sich als Umweltzerstörer und Umweltzerstörter.

Der fleißige Baumeister, der tüchtige Firmenchef, die effizienten Techniker, die leistungsorientierten Manager, die schnittigen Ärzte und andere mehr sind uns zur Bedrohung geworden. Der Preis, den wir für ihren Fleiß bezahlen, ist exorbitant: vielleicht jagen wir uns demnächst in die Luft, vielleicht zerstören wir auch nur Teile der Welt.

Fleiß ist eine mörderische Angelegenheit geworden, es sei denn, er richtet sich gegen den unmenschlichen Fleiß der Großkonzerne, Militärs und Bürokraten.

Beim Einüben der neuen Tugend Faulheit (Maßhalten beim Arbeiten für Unverbesserliche) können wir alle mit Stolz auf eine lange Tradition zurückblicken: auf das fahrende Volk, das uns in dieser Hinsicht weit voraus war, ebenso was die Solidarität und die Lebensart betrifft. Natürlich haben sie auch gelegentlich gearbeitet fürs Überleben, viele von ihnen hätten vielleicht mehr gearbeitet, wäre Arbeit überhaupt vorhanden gewesen; abgerackert haben sie sich aber nur in den Arbeitshäusern, in die sie das Bürgertum steckte.

Sie waren fröhlich trotz Verfolgung und Elend und so wurde auf ihrer Haut die Verdrängung des Lustprinzips ausgetragen, wobei manchmal ihr Leben dabei mitging: noch ein Preis unseres mörderischen Fleißes.

III. Taugenichtse unterwegs

Beim fahrenden Volk kann man von einer ganzen Klasse sprechen, die in Europa ausgestorben ist. Noch im 18. Jahrhundert war etwa ein Viertel der Einwohnerschaft des katholischen Teils von Deutschland Bettler, [6] ihrerseits wieder nur ein Teil des Heers von Hausierern, Kurpfuschern, Marktfahrern, Komödianten, Musikanten, Wahrsagern, Dirnen, Zigeunern, Dieben, Räubern und anderen.

Dem fahrenden Volk oblag das Dienstleistungsgewerbe auf dem Land. Es sorgte für die Weitergabe von Nachrichten, für Reparaturen aller Art, es bot Gelegenheit zum Einkauf und vor allem Unterhaltung. Daß beim Jahrmarkt ein bißchen gestohlen und ein bißchen betrogen wurde, war miteinberechnet, quasi als Lustbarkeitsabgabe.

Sie binden den Landleuten, um ihre Waare desto eher und besser anzubringen, allerley Märchen an, oder plaudern ihnen so lang von der Nothwendigkeit, Güte, Wohlfeilheit und dem Nutzen derselben vor, bis sie ihnen abkaufen: und wenn sie es mit einfältigen zu thun haben, so lassen sie sich oft ungeheure Preise bezahlen. [7]

Allerdings hatte der Spaß oft unvorhergesehene Grenzen. Mancher mußte für Kleingaunereien, die heute unter den Titel eines Bagatelldeliktes fallen würden, mit seinem Leben bezahlen.

Das Mittelalter sah im Armen noch jemanden, der dem Ideal christlicher Askese nahekam und als Objekt christlicher Barmherzigkeit galt. Ab dem 15. Jahrhundert wandte sich das Blatt zuungunsten der Vagabunden. Die Städte erließen Bettelvorschriften, errichteten ab 1600 Armen- und Arbeitshäuser und bedrohten diejenigen, die nicht seßhaft werden wollten, mit Besserungsanstalten, Pranger und Galgen.

Die protestantische Arbeitsmoral vertrieb die Fahrenden buchstäblich in die katholischen Lande: Vagantenrouten bevorzugten noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die katholischen Regionen.

Verhaftungen konnten immer vorgenommen werden, es genügte, daß man Vagabund war, kriminell mußte man gar nicht sein. (Wie auch in Zürich jeder Jugendlicher, schon auf Grund seines Alters als Demonstrant und Landfriedensbrecher abgeführt werden kann.)

Den staatlichen Repressionen entgingen die Fahrenden durch List und Selbsthilfeorganisationen. Es gab ganze »kochemer« Dörfer, [8] in denen die Verfolgten Unterschlupf finden konnten, da die ansässige Stadtverwaltung im Bunde, auch »kochemer« war. Es gab geheime Routen (der »Strich«), geheime Sprachen (das »Rotwelsch«) und geheime Zeichen (die »Zinken«). Das verweist auf die Solidarität der »kochemer« Leute.

»Fromm tun« lautete ein Zinken als Handlungsanweisung für Bettler, »ein Kranker bekommt was« ein anderer. Gefahren wie Polizei, Gefängnis, bewaffnete Hausleute, bissige Hunde werden den Nachkommenden avisiert in den am Haus angebrachten Symbolen. Avisiert wird auch die günstige Gelegenheit: Hier erhält man Essen, Nachtlager, Geld. Oder: hier kann man zudringlich werden, es sind bloß Frauen im Haus.

Uns Heutigen, an Konkurrenz gewöhnt und Furcht vor Unbekannten hegend, kommt diese Lebensart der Fahrenden seltsam vor:

Sie haben alle eine gewisse Vorliebe für einander, jeder, der zum Diebs-Geschlecht gehört, ist sofort ihr Camerad ... Sie grüßen ihn brüderlich, wenn sie mit ihm irgendwo zusammen treffen; sie haben mit ihm allerley Verkehr, vertrauen sich ihm in jaunerischen Angelegenheiten, geben ihm Belehrungen und Nachrichten, die dahin Bezug haben, verbinden sich mit ihm bei vorkommenden Fall zu gemeinschaftlichen Unternehmungen, nehmen sich bey entstehender Gefahr und in der Noth seiner an ... [9]

Über die Solidarität mit Artgenossen hinaus war Intelligenz und Vielseitigkeit oberstes Gebot für die Verfolgten; denen es ja an sonstigen Mitteln gebrach. Einfache Armut, ohne körperliche Gebrechen, kam beim größten Teil des Publikums nicht gut an. Also täuschten die Gesunden Behinderungen vor. Epileptische Anfälle, mehrjährige Schwangerschaften, scheinbar fehlende Gliedmaßen waren Möglichkeiten, um Furcht und Mitleid zu erregen. 1728 wurde eine Frau entdeckt, die ein 10 kg schweres Bündel 39 Jahre unter ihren Kleidern versteckt mit sich hergeschleppt hatte, um ein Geschwür zu simulieren.

Die Herumstreuner an der Peripherie der Gesellschaft hatten einen besseren Überblick über diese als die Seßhaften. Ausgestattet mit urtümlicher Aufsässigkeit, die sich durch die erfahrenen Ungerechtigkeiten noch verstärkte, wußten sie ihre kleinen Gaunereien auch richtig einzuordnen:

Da verfiel der Räuber Pantz in ein gestühmes unnützes Geschwätz / und sagte: ich solte hingehen nach die grossen Diebe / die vom unrechtem Gute pancketirten / und Palläste baueten / und bekehrten die; alsdann möchte ich zu ihm kommen / er wäre ein kleiner Dieb ... Wie dann fast alle unsere Diebe in der unartigen Meinung waren / die Gaudieberey / die aus Verschlagenheit und List herkäme / also eine Wirckung eines scharffen verstandes sey / wäre eben keine sonderliche Sünde ... sonderlich / wo mans thäte an begüterten Leuten die ihre Mittel ohne dem ohne Nutz und Gebrauch stehen hätten. [10]

Trotz Verfolgungen und Leiden sind Vaganten mit einer Aura der Fröhlichkeit umgeben, wie sie der in den kapitalistischen Produktionsprozeß Eingespannte nicht aufbringen kann. Ihre Geselligkeit war ihnen quasi aufgezwungen, den Luxus des sich Zurückziehens in die Privatsphäre konnten sie sich nicht leisten. Dadurch entgingen sie auch der Öde der Kleinfamilie.

Ihre vielen Fertigkeiten setzten sie auch dazu ein, einander zu unterhalten: mit Geschichten, mit Musik, mit Zauberkunststücken, Tanz usw. Das Fest war fixer Bestandteil ihres Lebens.

Umso härter mußten sie im Namen der Wohlanständigkeit und der Arbeitsmoral bekämpft werden. Erst als sie gemeinsam mit dem Feudalismus, der ihre Existenzgrundlage darstellte, im Untergehen begriffen waren, wurden sie mit anderen zum Sinnbild für die gute alte Zeit hochstilisiert.

IV. Schelme und Künstler

Kaum trat die Industrialisierung Deutschlands im nennenswerten Umfang auf, als sich die Sehnsucht nach dem besseren Leben auf jene Leute konzentrierte, die außerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses und der bürgerlichen Welt standen: auf die Adeligen und auf die Fahrenden.

Des Adeligen Eichendorff überaus populärer Fahrenden-Roman »Aus dem Leben eines Taugenichts« wurde zum Zeugnis bürgerlicher Romantisierung der Vaganten. Umso erstaunlicher ist, daß viele Vaganten des 20. Jahrhunderts den Roman als realistische Quelle gelesen haben und den Spuren seines Helden nach Italien gefolgt sind. [11]

Als der Roman um 1826 entstand, war das »kochemer« Netz gerade in Auflösung begriffen: effizientere Polizeimethoden, ein umfassendes Paß- und Meldewesen napoleonischer Prägung, gesicherte und häufiger patrouillierte Landstraßen sowie Razzien in den »kochemer« Wirtshäusern bereiteten der Gegenkultur der Vaganten ein Ende. Die Selbsthilfe wurde durch »Fremdhilfe«, d.h. durch öffentlich und privat geleitete Asyle ersetzt: die Vaganten mußten ihre Räuberschenken gegen sterile Asyle, ihr mit List Erworbenes gegen karg bemessene Almosen eintauschen.

Sobald die Vaganten solchermaßen weggepackt und keimfrei gemacht waren, erinnerten sich die Bürger in ihrer Freizeit gern an die Romantik der Fahrenden — sogar an die Zigeuner, die von ihnen jahrhundertelang gnadenlos umgebracht wurden, nachdem sie um 1500 für vogelfrei erklärt worden waren. »Lustig ist das Zigeunerleben«, sangen die Philister und dachten auch gleich ans Geld, das man sich dabei ersparen konnte: »Brauchst dem Kaiser kein Zins zu geben, Varia.« Ludwig Richters Märchenillustrationen sind durchsetzt von liebenswürdigen Vaganten.

Eichendorffs Held ist der Sohn eines Müllers (das war ein »unreiner« Beruf) und ein galanter Musikant. Mit dieser Kunstfertigkeit erwirbt er sich die Gunst einer fast adeligen Dame; sie ist ein auf dem Schloß erzogenes Waisenkind. Seine Geige bringt ihn insgesamt gut über die Runden. Der bewußt naiv gehaltene Tonfall der Erzählung schließt Schilderungen über das Elend auf der Landstraße von vornherein aus.

Die drei Musikanten spielen zum Tanz auf

»Aus dem Leben eines Taugenichts« ist eine Mischung aus Bildungs- und Schelmenroman. Der Bildungsroman schildert oft den Werdegang eines musisch begabten jungen Mannes, der es zum professionellen Künstler nicht ganz schafft. Die »Herzensbildung«, Leitmotiv des Bildungsromans, findet auffällig häufig unter Fahrenden statt — so auch in Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, dem Nestor des ganzen Genres.

Wilhelm Meister ist umgeben von reizenden und leichtfertigen Komödiantinnen und Komödianten, von Musikern und Akrobaten. Er steigt aus dieser Gesellschaft direkt, wie auch der Taugenichts, in ein adeliges Milieu auf: damit schließt sich der Kreis der Nichtstuer rund ums staunende, tüchtige, bürgerliche Publikum.

Lebenskunst und Kunst gehen im Bildungsroman ineinander über. Die Botschaft lautet: Herzensbildung und industrieller Fleiß schließen einander aus. Sensibilität braucht als Nährboden Muße. Der spätere Bohèmien ist gleichfalls durch diese Mischung aus Talent und Faulheit gekennzeichnet, durch seinen »Hang, sich aus der entsetzlichen Uniformität einer an regelmäßige Arbeitsstunden gebundenen Tätigkeit ins Künstlertum zu drücken.« [12]

Zwischen dem Bohèmien und den ehemaligen Fahrenden bestehen viele Gemeinsamkeiten:

Der Haß gegen alle zentralistischen Organisationen, der dem Anarchismus zugrunde liegt, die antipolitische Tendenz des Anarchismus und das anarchistische Prinzip der sozialen Selbsthilfe sind wesentliche Eigenschaften der Bohèmenaturen. Daher stammt denn auch ihr inniges Solidaritätsgefühl zum sogenannten fünften Stande, zum Lumpenproletariat, das fast jedem Bohèmien eigen ist. Es ist dieselbe Sehnsucht, die die Ausgestoßenen der Gesellschaft verbindet, seien sie nun ausgestoßen von der kaltherzigen Brutalität des Philistertums, oder seien sie Verworfene aus eigner, vom Temperament diktierter Machtvollkommenheit. ... Verbrecher, Landstreicher, Huren und Künstler — das ist die Bohème, die einer neuen Kultur die Wege weist. [13]

Unübersehbar ist der qualitative Unterschied zwischen dem sich über die Lande erstreckenden Netz der »kochemer« Kultur und dem städtischen Reservat, in dem die Bohème lebt. Den Fahrenden packte kaum der Ehrgeiz einer Weltveränderung, wohl aber den aus seinem Getto heraus agierenden Bohèmien:

War ich früher den wenigen verbündet, die der Menschheit vorausliefen zu einer frohen Welt, so will ich auch den vielen verbündet bleiben, die die Not lehrt, daß eine frohe Welt erkämpft werden muß, eine Welt, in der wieder Freude und Lachen Raum hat, aber nicht als Vorrecht rebellierender Außenseiter, sondern als Inhalt des Lebens und der befreiten Menschheit. [14]

Erich Mühsam rührt hier an das leidige Thema der Beziehungen zwischen dem Proletariat und den Taugenichtsen.

V. Taugliche und Untaugliche der Industriearmee

Mitte des 19. Jahrhunderts fand ein interessanter historischer Umbruch statt: Ständische Traditionen des Gauklertums, aber insbesondere des wandernden Handwerks lösten sich auf, und deren Rudimente verschmolzen mit für die kapitalistische Produktionsweise charakteristischen Elementen: der mobilen Lohnarbeit, die gezwungen ist, auf der Landstraße zu zirkulieren, der industriellen Reservearmee und jenem menschlichen Ausschuß, der im gesellschaftlichen Zurichtungsprozeß sich als überflüssig oder widerspenstig gezeigt hat und somit in die Randzonen verwiesen ist. Die Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeit, mit der der Vagabund sich in den gesellschaftlichen Verhältnissen um die Jahrhundertwende bewegte, nämlich in seiner Mobilität moderner Mensch par excellence zu sein und gleichzeitig archaischer Überrest vergangener Gesellschaftsformationen, prägte die einzelnen, oft absonderlich erscheinenden Züge der vagabundischen Szene. [15]

Im 20. Jahrhundert fand ein weiterer interessanter historischer Um- und Einbruch statt: durch die Wirtschaftskrise der 20er Jahre war ein Teil der Arbeiterschaft von neuem gezwungen, sich auf die Straße zu begeben. Sie kehrte dorthin zurück, wovon zu entkommen sie verzweifelt versucht hatte. Die Arbeiterschaft unterhielt ein ziemlich gespanntes Verhältnis zu den Vaganten. Sie bezog ihre Identität über die Arbeit und einige der dauerhaften Vaganten schienen ihr passionierte Nichtstuer zu sein.

Auch kämpften die Organisationen der Arbeiterschaft um ihre Anerkennung im Staat, und dabei waren die armen, verkommenen Verwandten auf der Straße ein Hindernis: »Solange die Arbeiterschaft noch nicht als starke gesellschaftliche Kraft anerkannt ist, wird ihr von der Staatsgewalt, den etablierten Bürgern die Neigung zur Kriminalität unterstellt. Die Arbeiterbewegung distanziert sich daher von den kleinen Gesetzwidrigkeiten, den Aktionen von einzelnen, aber auch von den Unangepaßten, den Minderheiten.« [16]

Der Eseltreiber nimmt Abschied von der Mühle

Zum Pfingsttreffen der Vagabunden in Stuttgart 1929 kamen Landstreicher und arbeitslose Proletarier gleichermaBen. Die letzteren trugen den Sieg über die traditionell anarchistisch eingestellten Vagabunden davon. Die Vagabundenbewegung wandte sich unter dem Einfluß der arbeitslosen Proletarier zum Kommunismus: der »Führer« der Vagabunden, Gregor Gog, entschied sich dafür, wiewohl das Organ der Bewegung, »Der Kunde«, [17] festhielt, daß die Vagabunden »über der Gesellschaft stehen. Es ist ganz unmöglich, einen echten Kunden einzufangen in ein System oder Dogma.« [18]

Über oder neben der Gesellschaft: jedenfalls ist kaum anzunehmen, daß die Interessen der in Stuttgart Versammelten unter einen Hut gingen, gar unter einen kommunistischen. Es kamen: »einzeln und in Gruppen ... verwegene Gestalten, meistens mit Wanderstab und Bettelsack ausgerüstet; dazwischen Straßenmusiker mit ihren Instrumenten, Pflastermaler mit ihren Malutensilien und Vagabundinnen oder Tippelschicksen, wie sie genannt wurden, mit ihren Kindern. Es kamen Gaukler und Schauspieler, Vaganten und verkommene Poeten, Handwerksburschen, die schon lange keine Werkstatt mehr von innen gesehen hatten, jüdische Bettler — von irgendwo aus dem Osten hierher verschlagen — und einige Akademiker ohne Examen und Anstellung. Ausländische ‚Delegierte‘ kamen aus Österreich, Böhmen, Polen, Dänemark und sogar aus Ägypten. Das Gros der Kongreßteilnehmer bildeten jedoch ehemalige deutsche Arbeiter, die aus Arbeitslosigkeit und Not ihre Seßhaftigkeit aufgegeben hatten und ihr Heil auf der Landstraße suchten.« [19]

Jene Wendung zur KP vollzogen viele der Kunden nicht mit. Spätere Versuche, weitere Kongresse einzuberufen, blieben wenig erfolgreich. Am Schicksal Gregor Gogs ist abzulesen, daß den Taugenichtsen allzu große Nähe zur KP verhängnisvoll werden konnte. Gog wurde nach dem Reichstagsbrand ins KZ gesteckt, konnte jedoch entfliehen und emigrierte in die UdSSR, wo er 1941 nach Sibirien verbannt wurde. Dort starb er 1945.

Einige Kunden liefen, so wie auch einige Proletarier, zu den Nazis über. Der Großteil wurde in die Produktion eingegliedert oder aber ins KZ geschickt, wo sie am Eingang das Schild »Arbeit macht frei« erwartete. [20]

VI. Esel und andere Musikanten

»Komm mit, etwas Besseres als den Tod finden wir überall«, sagte einer der Bremer Stadtmusikanten und die Organisatoren des Spontikongresses TUNIX in Berlin 1978, sprachen’s ihm nach. Hinterher stellten sie fest, daß sie mit der Aufforderung »Tu was« vermutlich drei öde linke Gschaftlhuber angelockt hätten. »So aber kamen etwa 20.000, die haben zwar nix gefunden, die wußten aber, warum sie es suchten.« [21] TUNIX hatte sich von einem ähnlichen Kongreß der italienischen Stadtindianer in Bologna inspirieren lassen. Italien war jahrelang das Land, zu dem die außerparlamentarische Linke Deutschlands bewundernd aufgeblickt hatte. Erst weil in Italien die Arbeiter- und Studenteneinheitsfront gelungen schien, dann wegen der Massenhaftigkeit und Radikalität der Stadtindianer, die auf Kriegspfad gegen die KPI gingen.

Ein besorgter Neulinker, der der KPI beigetreten war, Alberto Asor Rosa, konstatierte bei den Stadtindianern eine neue Form des Antikommunismus: einen, der weder konservativen Ursprungs war, noch sich mit der linksradikalen Anschauung deckte, daß die Arbeiterfunktionäre ihre Basis verraten hätten. Die Stadtindianer hielten diese Basis ihrerseits für konservativ. Das beschreibt ein völlig neues Selbstbewußtsein der Taugenichtse, die sich nun selbst als Avantgarde betrachten.

Zumindest im Theoretischen war ein Sprung vorwärts geschehen. Die »Proletenromantik« der K-Gruppen und »Arbeiterautonomisten« war überwunden. Auf der Straße aber herrschte von da ab ein heilloses Durcheinander. Die KPI-Jugend skandierte vor den Stadtindianern »Via, via, la nuova borghesia«. Beide Gruppen beschimpften einander als Faschisten, bevor sie sich die Köpfe einschlugen und abzogen unter dem gemeinsamen Schlachtruf »Es lebe der Kommunismus«.

In Italien wurde früher ais anderswo deutlich: eine in ihrer soziologischen Zusammenfassung neue Jugendbewegung war im Entstehen begriffen. Das waren nicht mehr Studenten, die sich gegenüber dem Proletariat als revolutionäre Avantgarde aufführten. Es war eine Bewegung der Opfer einer versteckten oder offenen Arbeitslosigkeit. Diese Jugendlichen waren oft proletarischer Herkunft und schon deswegen weniger geneigt, die Arbeiterschaft zu romantisieren.

Ein aufrichtiger, weitblickender KPIler wie Asor Rosa resignierte gegenüber dieser neuen Gruppierung: »Ihre Wünsche können von der KPI nicht erfüllt werden«, meinte er bei der Betrachtung dieser »zweiten Gesellschaft« [22] aus Arbeitslosen — wogegen die »erste Gesellschaft« insgesamt aus Produzierenden besteht: schaffenden Kapitalisten und schaffenden Proletariern.

Der Zug der Vertriebenen

Saint Simon hatte Kapitalisten und Proletarier noch in einem Topf — als »Produzenten« gegenüber dem arbeitslosen Feudaladel. Marx hatte Kapitalisten und Proletarier auseinandergeteilt. Jetzt sind sie wieder beisammen — gegen eine Jugendbewegung aus Arbeitslosen und/oder Arbeitsunwilligen.

KPI-Zugehörigkeit ist bei den »produktiven« Arbeitern zu erwarten, das heißt in der Hauptsache bei denjenigen, die in den großen Industrien arbeiten. Für sie war die von Berlinguer als Ausweg aus der Krise verkündete Austeritätspolititk am ehesten einsichtig. Unter dieser Politik verstand Berlinguer, daß sowohl die christdemokratische Partei mit ihren Staatsausgaben als auch die Arbeiterbewegung mit ihren Lohnforderungen zurückstecken sollte. Wörtlich meinte er: »Austerität bringt ein neues Wertsystem mit sich, bedeutet Strenge, Effizienz, Ernsthaftigkeit, Gerechtigkeit: das Gegenteil von all dem also, was wir bisher gekannt haben.« [23]

»Schluß mit Faulheit und Schlendrian, vorwärts die Zeit!« — singt DDR-Barde Ernst Busch.

Die Taugenichtse haben mit solchen Konzepten gar nichts im Sinn:

Der Kommunismus betet zum Götzen der Bedürftigkeit, kniet vor der Schlottergestalt des Mangels und keiner hört mehr das unaufhörliche Rattern und Stampfen von sich selbst genügenden Produktionsmaschinen, die ihre wahnsinnige Melodie durch die heißen Fabrikhallen pfeifen ... Der Mangel ist das Argument der Herrschenden gegen das Leben, er verneint das Leben, ist der Wille zum Ende, zur großen Erschöpfung und Müdigkeit. Seine Motive sind Machtausübung und deren Verinnerlichung ... Setzen wir dagegen die Souveränität unserer Gebärden, den Reichtum unserer Sehfähigkeit, die Kreativität unserer Sinne, die Kraft unseres Verstandes, die Fülle unserer Erfahrungen, die Bejahung zum Leben, den Stolz der Freien ... Wer vor dem Mangel erzittert, empfindet sich zu Recht als der Betrogene, aber der Betrüger ist er selbst. [24]

VII. Kulturrevolution im Wasserglas

Ab ein Uhr nachmittags bemerkten die Passanten der Rue Richelieu, wie sich vor den Toren des Theaters eine Bande zusammenrottete aus Bärtigen und Langhaarigen in den unterschiedlichsten Trachten, die nur eins gemeinsam hatten, daß sie nämlich allesamt antiquiert waren: Reifröcke, spanische Mäntel, Gilets à la Robespierre, Bratenröcke à la Henri III, alle vergangenen Jahrhunderte und alle Länder dieser Welt saßen auf Kopf und Schultern der bizarren Horde. Mitten in Paris, mitten am hellichten Tag. Die Bürger blieben überrascht und indigniert stehen. Besonders Theophile G. beleidigte den guten Geschmack durch eine knallrote Satinjacke zu seiner blaßgrünen, schwarzbebänderten Hose und mit seinen dichten Haaren, die offen auf seine Hüften herunterfielen. Die Tore des Theaters blieben verschlossen, die Bande behinderte den Verkehr. Die Vertreter der Hochkultur konnten nicht zulassen, daß diese barbarische Horde in ihr Heiligtum eindrang. Sie setzten sich mit allem vor dem Theater auffindbaren Abfall zur Wehr, indem sie ihn gegen die Eindringlinge warf. B. wurde von einem Kohlkopf getroffen ...

So begannen die Jugendkrawalle in Paris am 28. Februar 1830. Victor Hugo war der berichtende Augenzeuge, der Punker G. war der Dichter Gautier und der vom Kohlkopf getroffene Krawallo war Honoré de Balzac. Die romatische Tragödie »Hernani« von Victor Hugo wurde uraufgeführt. Es fand eine Schlacht zwischen etablierten Klassikanhängern und gegenkulturellen Romantikern statt. Die Jüngeren, Agileren trugen den Sieg davon. Paris erlebte einen heißen Sommer in diesem Jahr. Im Juli begann die Revolution.

VIII. Scherben bringen Glück

Kochemer Jugendliche gibt es wieder in den Großstädten, ein ganzes Geflecht aus Wohngemeinschaften, Alternativläden, Selbsthilfegruppen. Sie sprechen auch schon ihre eigene Sprache, sie sind verschlagen und listig wie ihre Ahnen und genauso wehrlos gegen die Übergriffe der Normalität wie diese.

Die Trauer darüber prägt ihren Literaturgeschmack: »Der Preßluftbohrer und das Ei«, eine Dada-Geschichte vom Kabarettisten Franz Hohler wurde in Zürich gerne zitiert. Darin geht es um ein vorlautes Ei, das es mit einem Preßluftbohrer aufnimmt. Zu guter Letzt bohrt sich der Preßluftbohrer in das Ei und es zerbricht. [25]

Ironie ist (k)ein Mittel, sich vor der schrecklichen Wirklichkeit ein wenig zu schützen. Ironische Aktionen sind in Zürich an der Tagesordnung: »Geisterdemos«, bei denen ein Heer von Kaufhausdetektiven 10 Jugendlichen gegenübersteht, die ein paar Mäuse aussetzen; die Gründung von RÜLPS, der Revolutionären Überlebenspartei; die Teilnahme von Jugendlichen an Demonstrationen für Recht und Ordnung, wo mit übertriebenem Applaus und Sprechchören gestört wird.

Die drei Gaben

Aufs Ganze gehen wird in keiner Hinsicht mehr geprobt. Auch darin liegt ein Beigeschmack von Resignation:

  • ein autonomes Jugendzentrum kann bestenfalls Fragment im politischen Bereich darstellen.
  • die Kooperativen bleiben, im Gegensatz zum Sozialismus, Fragmente im wirtschaftlichen Bereich.
  • Texte und Musik der neuen Jugendbewegung, Punk und New Wave sind eine Kombination aus Gedankenfetzen und Minimalmusik: Fragmente im kulturellen Bereich.

Die Veränderung der Welt ist selbstverständlich auch eine Frage der Details. [26] Auch bietet das Fragment den Vorteil der Authentizität: es muß nicht geschummelt werden, um den Eindruck eines stimmigen Ganzen vorzutäuschen.

An der Musik der neuen Jugendbewegung ist sie selbst zu erkennen: der aggressive Ton der Rockmusik als »Straßenmusik von Straßenkindern für StraBenkinder« [27] ist zurückgekehrt. Wahrnehmungssplitter, die dem Publikum atemlos hingeworfen werden, damit wer will, sich daran schneiden kann.

Auf Arbeitsteilung und auf das Diktat des guten Geschmacks der großen Plattenfirmen verzichten die Gruppen.
Sie verlegen ihre eigenen Singles, sie vertreiben sie über ihre eigenen Kanäle.

Die Gruppen werden immer mehr und immer unübersichtlicher.

IX. Schweizer Verhältnisse

Wer nicht arbeitet, bekommt heute zwar zu essen, aber feiern soll er nicht. Wenn einer jung ist — eine dem Normalbürger an sich verdächtige Existenzweise —, wenig Geld hat und trotzdem Forderungen stellt, wie die nach einem Jugendzentrum oder nach billigen Wohnungen, dann kann er nur als Pubertierender mit unangemessenen Wünschen gesehen werden. Den Steineschmeißern nachzugeben, wäre da grundfalsch. »Auch der pädagogische Laie weiß«, schrieb die »Neue Zürcher Zeitung« im November 1980, »daß nichts falscher ist, als einem Kind, das etwas mit Stampfen, Geschrei und Gewalt ertrotzen will, seinen Willen zu lassen.« [28]

Nach Familienkrach schaute es in Zürich schon aus, sieht man von den »unverhältnismäßigen Polizeieinsätzen« (SP Zürich) mit Gummigeschossen, Tränengas und Wasserwerfern und den über 1000 Verhaftungen ab. Mit dem Spruch »ein Jugendzentrum, aber subito, susch tätschts«, parodierten die Jugendlichen den väterlichen Tonfall. Eltern, die nicht so sprechen und von der Beteiligung ihrer Kinder an den Demonstrationen informiert waren und sie billigten, wurden vom Vater Staat gleich mitbestraft, indem man bei ihnen Hausdurchsuchungen durchführte.

Wie in den meisten Familien bewiesen die Kinder und Jugendlichen ungeheuer viel Geduld mit ihrem verbohrten erwachsenen Gegenüber. »Albertli warf ein Stein«, [29] nachdem 30 Jahre lang die jeweiligen Jugendlichen ein Jugendzentrum gefordert hatten. Albertli ist möglicherweise bereits der Enkel der ersten Demonstranten für ein solches Zentrum.

Das 67 Tage gnädig gewährte autonome Jugendzentrum wurde mit fadenscheinigen Gründen — Drogen, Waffen und Milben — wieder geschlossen. Als Drogen fand man 230 Gramm Haschisch, was laut Expertenmeinung weniger ist, als in jeder Schule gefunden werden könne. Weiters 2 Schreckschußpistolen, 1 Luftgewehr und mehrere Messer. Milben wurden nicht gezählt.

Für die Polizisten, die die Razzia und die Schließung durchführten, forderten die Jugendlichen ihr autonomes Polizistenzentrum. Sie hätten es bitter nötig. Dafür sollten die Polizisten das Jugendzentrum in Ruhe lassen. Die Jugendlichen hatten viel darin gearbeitet. »Welcher Opernbesucher würde sich seine Oper selber herrichten?«

Nach Schließung des Jugendzentrums lautete die Resolution einer Vollversammlung: »Wir fordern die sofortige Schließung der Stadt Zürich, da sich das Experiment seit Jahren nicht bewährt.«

X. Verständnisschwierigkeiten

»Ihre Sprache ist Ausdruck von Heimatlosigkeit, Verwahrlosung, Verzweiflung, aber auch gleichzeitig Ausdruck von Auflehnung dagegen und gegen die Ursache davon.« Zu diesem Schluß über das Sprachverhalten der Krawallos gelangte die Eidgenössische Kommission für Jugendfragen. [30] Die Heimatlosigkeit eruierte die Kommission an Parolen wie »Macht aus dem Staat Gurkensalat«.

Die »sprachliche Verwahrlosung« der Jugendlichen rührt von allzu gutem Verstehen her: »Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. — Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen«. [31]

Mit diesen Büchner-Zitat begründet der Schweizer Schriftsteller Reto Hänny die Ablehnung seiner sprachlichen und außersprachlichen Umgebung. Hänny wurde im Zuge der Züricher Unruhe verhaftet und wußte eine Verbindung herzustellen zwischen den Polizeieinsätzen und der »domestizierten gepanzerten gefängnisordnungsgittrigen sprache oder un-sprache, der sprach-handhabung der behörden und friedlichen bürger offenkundig, wohl am deutlichsten, in der berichterstattung ihres ihnen treu nachhetzenden, sie zurechtweisenden und anspornenden hauptorgans, der nzz; die verachtung, der tonnenschwere falsche und zutiefst verlogene, mich beleidigende ernst«. [32]

Die Jugendlichen beleidigt der Ernst der Erwachsenen, die Erwachsenen die jugendliche Fröhlichkeit.

Der maxistischen Maxime getreu, daß man den Verhältnissen einen Spiegel vorhalten muß, um sie zum Tanzen zu bringen, schlüpfen die Jugendlichen manchmal in die Sprachmasken der Erwachsenen. Es schüttelt die Erwachsenen nur so vor Zorn, wenn sie sich in ungeschminkter Häßlichkeit im Spiegel ihrer Kinder wiedererkennen müssen.

Der jugendliche Leichtsinn machte nicht einmal vor dem heiligen Fernsehen halt. Höhepunkt jugendlicher Parodie der Erwachsenenwelt war »Herrn und Frau Müllers« Auftritt im Schweizerischen Fernsehen, Juli 1980. Zwei Jugendliche, die zu einer Diskussion mit Funktionären der Stadt Zürich geladen worden waren, spielten nicht die ihnen zugewiesenen Rollen als Angeklagte, sondern übertrumpften ihre Ankläger. Müllers forderten »als Menschen mit einer sauberen Grundhaltung« die sofortige Schließung des Jugendzentrums; die Beseitigung der Kinderspielplätze, um Raum für Parkplätze zu schaffen; größere Gummigeschosse; den Einsatz von Napalm statt Tränengas; die Todesstrafe; die Eröffnung von KZs. Herr Müller beendete die Diskussion mit der wiederholten geheimnisvoll drohenden Formel »Moskau kann ich da nur noch sagen, Moskau ...« [33]

Die Diskussion zog eine offizielle Entschuldigung des Fernsehdirektors nach sich, sowie seine Versicherung, daß in Hinkunft die Jugendlichen selbst nicht mehr zu Wort kämen, sondern nur noch über sie berichtet würde. Müllers erhielten Drohbriefe von den Leuten, deren Meinung sie vertreten hatten.

XI. Ein Stein vom Herzen oder Das neue Verhältnis zu den Dingen

Am schönsten ist es im Kino oft, wenn bei einer Verfolgungsjagd zwei Autos direkt in einen Supermarkt hineinfahren und dort alle Waren über den Haufen führen. Ein Unterhaltungsfilm ist automatisch auf Verschwendung an Dingen und Menschenleben aufgebaut. Zum Lachen ist’s, wenn die Gegenstände draufgehen, zum Weinen oder Fürchten, wenn es die Menschen sind.

Nach der täglichen TV-Katharsis tritt der Mensch geläutert der Wirklichkeit gegenüber, wo er es genau umgekehrt hält: hier findet er es tragisch, daß Dinge — wie Auslagenscheiben — vergeudet werden und fände seine Befriedigung, wenn den Zerstörern der Scheiben kurzer Prozeß gemacht würde. »Das beste wäre«, meinte ein Herrn in der Züricher Tram, »das Jugendzentrum wieder zu eröffnen und, wenn alle drin sind, bombardieren.« [34]

Solche Reaktionen sind international, wie ein Leserbriefschreiber aus Nürnberg beweist: »Ich schlage vor, den Leopard 2 nicht nur an Saudi-Arabien, sondern auch an die Nürnberger Polizei auszuliefern.« [35]

Die Wörter »verteidigen« und »Ding« sind wurzelverwandt: Verteidigen kommt von »Ver-tage-thingen« (germanisch »thing«, Forum für Rechtsprechung); das »ding« ist in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht als ein beliebiger Gegenstand, sondern als Gegenstand eines Rechtsstreites gesehen worden. Recht heißt also von Anfang an die Veranstaltung, bei der die Dinge geschützt werden. Der Gegenstand als Besitz ist im Deutschen mit Gegenstand in eins gesetzt worden: was niemandem gehört, ist nicht Gegenstand des Rechtsstreits, wird nicht wahrgenommen, ist Ding an sich. Oder wie das der Züricher Dichter Frank sagt: »Was nit tür isch, isch nüt wärt.« [36]

Pasolini spricht von einem Weltuntergang zwischen ihm als Fünzigjährigen und seinem Freund Genariello als Fünfzehnjährigen. Es ist der Untergang der handwerklichen Produktionsform, der eine Welt der schönen Dinge nur als Erinnerung zurückläßt. Die Beziehungslosigkeit des Fließbandarbeiters zu den hergestellten Materialien und Formen spricht noch aus den fertigen Produkten. Dinge, die nicht billig und schnell hergestellt werden, haben musealen Wert, es fehlt ihnen der Zeitbezug.

Die in den 60er Jahren Geborenen sind nicht wie ihre Eltern in Zeiten des Mangels aufgewachsen; jene Eltern waren noch imstande, durch ungestillte Sehnsucht den Plunder um sie herum zu veredeln. Den Jugendlichen imponieren die industriell gefertigten Gegenstände weder durch Schönheit noch durch Zweckmäßigkeit. Sie haben mitverfolgt, wie ihre Eltern sich für diese Güter abgerackert haben und durch diese Güter nicht glücklicher wurden. Ein Teil der auf die Eltern gerichteten Aggressionen ist auf die Dinge umgeleitet und umgekehrt.

»Ich kann die Welt vor lauter Dinge nicht mehr sehen«, sagt ein Wiener Punker. »Wohin ich mich auch drehe, überall steht Zeugs herum.« Der Stein in die Zürcher Auslagenscheiben war die Wut auf das sichtbarste Symbol der Gesellschaft: auf die Ware. Wurde geplündert, dann meist sofort Konsumierbares; aber der Großteil der Plünderungen wurde von unbeteiligten Passanten vorgenommen. Aus den Auslagen »wurden Pelzmäntel zerrissen und nicht begehrt.« [37] Ihrer Selbstdefinition zufolge, setzte sich die Zürcher Bewegung aus Leuten zusammen, »deren Wertsystem nicht im Anhäufen materieller Güter endet.« [38]

Ihre Verachtung für Konsumgüter drücken die Jugendlichen auch dadurch aus, daß sie sich mit Abfall umgeben. Die Nostalgiewelle schwappt derzeit auch und gerade bei den Krawallos das aus den 50er Jahren Übriggebliebene an. Neonröhren, Schleiflackmöbel, die kleinen bösen schwarzen Brillen, Plastik noch und noch. Es ist Nostalgie nach den ersten Massenartikeln, die 30 Jahre danach um 30 Jahre schäbiger und um kein bißchen durch ihr Alter geadelt wirken. Vor diesem Abfall zieht der geübte Punk, ein integraler Bestandteil der Krawallobewegung, die blödeste Grimasse, die er zu seinem reichlich verschnittenen und giftig eingefärbten Haar zustande bringt. Da fürchten sich die Erwachsenen, mit Ausnahme der pharmazeutischen Industrie, die mit den »Crazy Color«-Haarfärbemitteln gute Geschäfte macht. »Das Gute«, sagt der Punk mit Kafka, »ist in einem gewissen Sinn trostlos.«

Der Punk bewältigt seine eigene Furcht und Beziehungslosigkeit nicht durch Verdrängung: er täuscht auch nicht mit langen Haaren ein Herrendasein vor, das er doch nicht führen kann. Die einzige Freiheit, die er besitzt, ist Erhabensein über den Gütern. Das ist aber im Vergleich zu seiner angepaßten Umwelt schon eine ganze Menge.

Was er gemacht habe, meinte der Reichstagsanzünder Marinus van der Lubbe, sei doch gar keine große Sache. Eine große Sache werde erst jetzt von der Regierung daraus gemacht. [39] Die Geschichte hat ihm recht gegeben, denn schon ein paar Jahre später hat viel mehr gebrannt. Und jetzt schrieb Wilhelm Bittdorf im »Spiegel«, regt sich die Generation, die ganz Europa in Schutt und Asche gelegt hat, über ein paar zerschlagene Scheiben auf. [40]

Aufruhr

XII. Mit dem Sozialismus ins Mittelalter

Sozialdemokraten und Marxisten haben den unverwüstlichen Fortschrittsglauben und die damit verbundene Wachtumsideologie gemeinsam. »Der Vater des Marxismus«, schrieb Gustav Landauer 1911, »ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf.« [41] Die zentralisierte Produktionsweise, die dem Dampf angemessen ist, zieht nach sich die Zentralisation des Staates, der Bürokratie, des Handels, der Armee und auch des Elends in Irrenhäusern, Krankenhäusern, Altersheimen und Gefängnissen. Konzentrierter Dampf macht das Menschenfleisch im Druckkessel mürbe.

Daß die Quantität der produzierten Waren in Lebensqualität umschlagen würde, daran glaubte Landauer nicht. Dem Sozialismuskonzept, das auf hochentwickelter industrieller Gesellschaft basierte, setzte er seine Vorstellung von einem genossenschaftlichen und weitgehend agrarischen Kommunismus entgegen. Der Sozialismus ist für ihn nicht nur Zukunftsprojekt, sondern er soll die Vergangenheit mit umfassen: »Sozialismus ist Umkehr; Sozialismus ist Neubeginn; Sozialismus ist Wiederanschluß an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung.« [42]

Mit dem ganzen Respekt des Anarchisten vor der Komplexität des Individuums und vor der daraus resultierenden Vieldeutigkeit der gesellschaftlichen Zusammenhänge lehnte Landauer den wissenschaftlichen Sozialismus ab. Es ist, als ahnte er voraus, was für Schindluder im Namen dieses Sozialismus betrieben werden würde. »Der Sozialismus ist nicht, wie man gewähnt hat, eine Wissenschaft, wenn auch vielerlei Wissen zu ihm wie zu jedem Abfall von Aberglauben und Aberleben und zum Beschreiten des rechten Weges nötig ist. Wohl aber ist der Sozialismus eine Kunst. Eine neue Kunst, die im Lebendigen schöpft.« [43]

Die neue Jugendbewegung ist ein Stück eines solchen Sozialismus.

[1»wohnen« gehört zu althochdeutsch »wunnia«, die Wonne, Freude, Lust (hiezu auch lateinisch »Venus«).

[2Hey, hey komm zieh mit uns. Vier Jahre Erfahrung in der UFA-Fabrik Berlin. Von den Besätzern. In: Rock Session, Nr. 4. Hamburg 1980, S. 247.

[3Ibid, S. 244.

[4Wolfgang Prosinger: Krieg im Frieden. Die gewaltsame Räumung des Dreisamecks in Freiburg, In: Besetzung — weil das Wünschen nichts geholfen hat. Reinbek 1981, S. 14 f.

[5Ibid, S. 22.

[6Angelika Kopecny: Fahrende und Vagabunden. Berlin 1980. S. 66.

[7Johann Ulrich Schöll: Abriß des Jaunerund Bettelwesens nach Akten und anderen sicheren Quellen vom Verfasser des Konstanzer Hauß. Stuttgart 1783, S. 416.

[8kochemer = platt = vertraut auf Rotwelsch. Rotwelsch ist die Geheimsprache der Fahrenden und ist stark vom Jiddischen geprägt. Kochemer Leute sind im Jargon die Vaganten und die mit ihnen sympathisierenden Seßhaften.

[9Johann Ulrich Schöll: Abriß ... a.a.O., S. 224.

[10Günther Kraft: Historische Studien zu Schillers Schauspiel: »Die Räuber«. Weimar 1959. S. 84.

[11vgl. Horst Karasek: Der Brandstifter, Berlin 1980, S. 63.

[12Erich Mühsam: Namen und Menschen. Unpolitische Erinnerungen. Berlin 1977. S. 16.

[13Erich Mühsam: Fanal, Berlin 1979. S. 49.

[14Erich Mühsam: Namen und Menschen. a.a.O., S. 238.

[15Klaus Bergmann, zit. n. Horst Karasek: Der Brandstifter, a.a.O., S.61.

[16Angelika Kopecny: Fahrende ..., a.a.O., S. 173.

[17Nach einem Wörterbuch des Rotwelschen ist man Kunde, »wenn man zum zweiten Male in demselben Strich reist, und in denselben Herbergen einkehrt. Man unterscheidet dufte und mieße Kunden. Die duften verzehren ihre gefochtene Asche auf der Herberge vor dem Auswandern, die mießen nahmen dagegen diese zum Ort hinaus und sparen ..., zit. n. A. Kopecny: Fahrende ..., a.a.O., S. 177 f.

[18Klaus Bergmann: »Vagabunden aller Länder ...«, in: Die Zeit vom 1. Juni 1979.

[19Ibid.

[20Ibid.

[21Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten, vom 1. Feb. 1978.

[22Der Begriff der »zwei Gesellschaften« von Asor Rosa entspricht in etwa Peter Glotz »Zwei Kulturen«. In beiden Konzepten ist die Unversöhnlichkeit der Kultur der Spontis, Tunixe und Stadtindianer mit der etablierten Kultur impliziert.

[23zit. n. Dieter Hoffmann-Axthelm u.a.: Zwei Kulturen? Tunix, Mescalero und die Folgen. Berlin 1978, S. 68.

[24Herbert Röttgen, Florian Rabe: Vulkan Tänze. Linke und alternative Ausgänge. München 1978, S. 51 ff.

[25Franz Hohler: Der Preßluftbohrer und das Ei. In: Gruppe Olten (Hrsg.): Die Zürcher Unruhe. Zürich 1980. S. 76.

[26Shanne Marks, Helmut Reinicke: Autonomie der Gasse. In: SP Zürich (Hrsg.): Eine Stadt in Bewegung. Materialien zu den Zürcher Unruhen. Zürich 1980. S. 95.

[27Rock Session Nr. 2, Hamburg 1978, S. 3.

[28zit. n. Spiegel vom 23.3.1981.

[29Wandspruch im AJZ.

[30zit. n. Spiegel vom 23.3.1981.

[31Georg Büchner: Dantons Tod, 3. Akt.

[32Reto Hänny: Zürich. September 1980. S. 62.

[33Besetzung — weil das Wünschen nicht geholfen hat, a.a.O., S. 205 ff.

[34SP Zürich: Eine Stadt in Bewegung, a.a.O., S.188.

[35Spiegel vom 23.3.1981

[36Martin Frank: tschwiz. In: Die Zürcher Unruhe, a.a.O., S.7.

[37Shanne Marks, Helmut Reinicke: Autonomie der Gasse, a.a.O., S. 94.

[38Ibid.

[39Horst Karasek: Der Brandstifter, a.a.O., S. 97.

[40Spiegel vom 23.3.1981.

[41Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus. Frankfurt 1967. S. 98.

[42Ibid, S. 178.

[43Ibid, S. 180.

Weg mit den Alpen! Wir wollen freie Sicht bis zum Mittelmeer!

Transparent der Züricher Jugendbewegung
linke seite supermarkt
rechte seite abenteuerspielplatz
in der mitte autobahn
lalalalala
maschinenland maschinenland
wann bist du denn wohl abgebrannt
Abwärts: Maschinenland

Wir haben Grund genug zum Weinen, auch ohne euer Tränengas.

Transparent der Züricher Jugendbewegung

Lieber unsere ungeordnete Unordnung als euer angeordnetes Chaos.

Transparent der Züricher Jugendbewegung

Man muß die Arbeit lieben, sagen unsere Weisen. Gut, wie aber wäre das zu bewerkstelligen? Was bietet sie Verlockendes in der Zivilisation, wo sie neun Zehntel der Menschen nur Verdruß ohne irgendeinen Gewinn beschert? So versteht sich auch, daß die Arbeit bei den Reichen allgemein verpönt ist; sie gehen ihr nur nach, soweit sie einträglich und bequem ist und sie an leitender Stelle stehen können. Wie aber soll man sie dem Armen schmackhaft machen, wenn man es nicht einmal versteht, dem Reichen Liebe zu ihr einzuflößen? Etwa durch elegante Werkstätten, eine sinnvolle Aufteilung der Tätigkeiten, durch höfliche und rechtschaffene Mitarbeiter. Alle diese Bedingungen, die in der Zivilisation nicht zu erfüllen sind, kann es nur in den leidenschaftlichen Serien geben.

Charles Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt

»Ich komme direkt von Rom her ... und habe mich unterwegs mit der Violine durchgeschlagen.«

— »Bringt nicht viel heutzutage!« sagte der Waldhornist, der unterdes wieder an den Wald zurückgetreten war und mit seinem Dreistutzer ein kleines Feuer anfachte, das sie dort angezündet hatten. »Da gehen die blasenden Instrumente schon besser,« fuhr er fort; »wenn so eine Herrschaft ganz ruhig zu Mittag speist, und wir treten unverhofft in das gewölbte Vorhaus und fangen alle drei aus Leibeskräften zu blasen an — gleich kommt ein Bedienter herausgesprungen mit Geld oder Essen, damit sie nur den Lärm wieder loswerden. Aber will der Herr nicht eine Kollation mit uns einnehmen?«

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts

Die Jauner — als Leute, welche sich von der bürgerlichen Gesellschaft getrennt, das Joch der Gesetze abgeschüttelt, und sich in Freyheit gesetzt haben — leben in einem gewissen Zustand der Natur ...

Ulrich Schöll: Abriß des Jauner und Bettelwesen nach Akten und an deren sichern Quellen vom Verfasser des Konstanzer Hauß, 1793

Oh, oh, oh, wie traf ich es in Reichenhall schlecht! Weil ich mehr als 2 Mark bei mir hatte, wollte mir die Gemeinde keinen Gutschein für eine Schlafgelegenheit geben, und so mußte ich 80 Pfenning dafür ausgeben. Gut, daß ich das nun weiß, und wenn sie mich erneut fragen, wieviel ich bei mir habe, sage ich, nicht mehr als 50 Pf oder eine halbe Mark.

Marius van der Lubbe: Reisetagebuch 1931

Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig, der Schnee tröpfelte emsig vom Dache, die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief am Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.« — »Nun«, sagte ich, »wenn ich ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.«

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts
Mein Heimweg ist nicht lang.
Er läßt mir grade Zeit
zu einem Lobgesang
auf meine Tüchtigkeit.
Ich saß beim Alkohol
und schwätzte angenehm
von Kunst und Menschenwohl:
ich weiß nicht mehr zu wem.
Jetzt aber geh ich heim
und lobe meinen Fleiß,
der stets mit einem Reim
sich zu bestätigen weiß.
Erich Mühsam: Heimweg

Das »Recht auf Arbeit« lag mir wenig im Sinn, sondern ich pochte auf mein Recht auf Lebensgenuß. Nicht daß ich an und für sich besonders faul gewesen wäre; aber ich hielt dafür, daß es sich nicht lohne, für breite Bettelsuppen und ein armseliges Trinkgeld Spießern die Mittel zum Schoppenstechen zu verschaffen und sich noch obendrein von denselben wie ein Untermensch behandeln zu lassen; vielmehr gedachte ich solcher »Ordnung« durch Kaffern-Ausbeutung ein Schnippchen zu schlagen. Und da das nur durch periodisches Vagabundieren bis zu einem gewissen Grade möglich war, so gedachte ich mich einfach schlecht und recht durchs Leben zu »fechten«. Da ich übrigens bereits zu jener Zeit ein ziemlich guter Deklamator war und leidlich singen, auch Couplets improvisieren konnte, so lief das »Gefechte« nicht immer auf bloße Schnorrerei hinaus, sondern hatte einen Beigeschmack von Minimalkunst ... Bald stellte es sich noch obendrein heraus, daß ich nicht immer Beschäftigung bekommen konnte, wenn ich solche aus bestimmten Gründen ... dringend wünschte. Bald gab man mir zu verstehen, daß ich bei meiner Schwächlichkeit schwerlich genug leisten könne; bald gefiel mein »reduziertes« Schalwerk, wie es eine längere Zigeunerei mit sich brachte, diesem und jenem nicht; oft genug sagte man mir geradezu, einen Menschen mit verschobenem Gesicht und schiefen Maul könne man nicht gebrauchen ...

Johann Most: Memoiren, 1903

Der Kunde, revolutionärer als alle Kämpfer, hat die volle Entscheidung getroffen, Generalstreik das Leben lang! Lebenslänglicher Generalstreik! Nur durch so einen Generalstreik ist es möglich, die kapitalistische, ‚christliche‘, kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen!

Wir Vagabunden, Weltwanderer, haben es auch gewagt, frei zu sein, und wir wagen es unser ganzes Leben durch! Wir anerkennen die Fesselgesetze nicht, ... die unsere Lebenskraft ausbeuten und ruinieren wollen, die uns die Welt begrenzen wollen. Wir haben keine Lust zu arbeiten, solange wir damit den Kapitalismus stützen ... Nein, wir sabotieren bewußt den kapitalistischen Arbeitsprozeß und suchen immer mehr Saboteure.

»Der Kunde«, 1929, Heft 1 und 2
geldschein — sonnenschein — parkschein — totenschein — jagdschein — krankenschein — gutschein — heiligenschein — heutzutage ist alles nur schein — am liebsten wär ich scheintot — trauschein — urlaubsschein lottoschein — lichtschein taufschein — schwimmschein — fahrzeugschein — sonnenschein — heutzutag ...
Wirtschaftswunder (deutsche Rockgruppe): schein
die sonne scheint. die leute sind alle wach. die gehen schon alle einkaufen. ich weiß nicht warum. aber! DIE LEUTE SIND INTERESSANT! aber sehr interessant — wir sind die besten. leute oh leute was in der Welt es gibt. wir sind wie der sonnenschein. es ist schon nacht. wir schlafen schon alle. wir wir wir wir wir wir wir
Wirtschaftswunder: die leute sind interessant
seemann deine heimat ist das meer
deine freunde sind die sterne
über rio und shanghai
über bali und hawai
wenn ich ein seemann wär
und ich wüßt nicht wo ich wär
wo wär ich dann
über rio und shanghai?
über bali und hawai?
Abwärts (deutsche Rockgruppe): Shanghai Stinker
Eine Stadt ist gut, wenn sie grell ist,
ein Schlag ist gut, wenn er kahl ist,
ein Grab ist gut, wenn es leer ist,
ein Kopf ist gut, wenn er quer ist,
ein Tag ist gut,wenn er neu ist,
ein Ball ist gut, wenn er scharf ist,
eine Frau ist gut, wenn sie hier ist,
ein Mann ist gut, wenn er Frau ist,
ein Kopf ist gut, wenn er quer ist,
ein Lied ist gut, wenn es kurz ist.
Leider keine Millionäre (Wiener Rockgruppe): Ist gut
Ich traf sie in der Stadt, sie sagte, sie hat mich satt, ich fragte, was hast du nur, sie sagte, da bleib ich stur, ich ging dann auf sie zu, sie sagte, laß mich in Ruh, denn ich, ich bin ein Mensch, und du, du bist ein Tier.
S.Y.P.H. (deutsche Rockgruppe): Moderne Romantik
japan japan radio
radio aus tokio
japan japan motorrad
motorrad aus fujiland
japan japan kamera
kamera aus hiroshima
japan japan curryhuhn
bruce lee kämpft mit dem curryhuhn
japan japan samurai
und schon kommt der tod herbei.
Abwärts (deutsche Rockgruppe): Japan
tschwiz ischen aschiss. züri ischen aschiss. basu ischen aschiss. bärn ischen aschiss. / ir schwiz giz gnue lüt, sgit o gnue turischte. / sgit gnue outo. / sgit gnue hüser. / sgit gnue chile, garaschen, outobane. / sgit zweni schöni meitschi. / sgit zweni schöni buebe. / sgit zweni ort wome cha tanze. / sischen aschiss. / sgit gnue banke. / sgit gnue lüt, wo gnue gäut hei. / sgit zweni lüt, wo gärn musig hei. / sischen aschiss. / tschwiz isch längwilig wine musigtoseschale. / wine bunten obe, / wi tschwizerradio. / tschwizer si gizig. / ... tier ir schwiz si armi / ... wene schwizer äs ‚tier xet, louft im zwasser im mu zäme / ... pfrouen ir schwiz si än art plastigpeki zum wixe, wo chinder ufzie. / wichtig isch, tassi längi bei u grossi brüscht hei (gueti miuchüe) u tür agleit si. / ir schwiz isch aues tür u mues aues tür si, was nit tür isch, isch nüt wärt. / tschwizer si faschischte sit 1291 u früecher, u nazi siten. / ... tnatur ischte schwizer heilig. si boue kläranlagen u züglen aui gifpfabriken iz usland. / ti usländischi natur isch nizo heilig / ... tschwizer si ser suber, süberer aus tusländer, wo nizuberi bazimmer u weze hei ...
Martin Frank: Die Zürcher Unruhe

Kaufen ist leichter als Denken.

Parole der Züricher Jugendlichen

Für die sofortige Wiedereröffnung des Autonomen Jugendzentrums, aber subito, susch tätschts.

Handzettel der Züricher Jugendbewegung

Amis raus aus USA

Wandspruch im AJZ

Tausche 4-Zimmer-Abbruchwohnung gegen Villa am Züriberg.

Transparent der Züricher Jugendbewegung

Die Theorie von den ausländischen Drahtziehern hält sich in der Schweiz hartnäckig. Man weiß in diesem Land, daß alles Ausländische, Mensch und Ware, schlecht ist und alles Schlechte ausländisch ... Und wir haben im Grunde nur eine Kultur in diesem Land, eine politische Kultur. Wir haben auch nur eine einzige wirkliche Folklore, unsere Armee. Die Politik ist nicht kulturfeindlich, im Gegenteil, sie glaubt, sie sei die Kultur. Das Opernhaus in Zürich ... ist ein Ort der politischen Repräsentation.

Autoren werden hier als Schweizer Autoren bezeichnet, Maler sind Schweizer Maler. Sie werden diese Bezeichnung auch im eigenen Land nicht los, und die Bezeichnung verpflichtet sie, die ganze Schweiz zu vertreten.

Eine Kultur, wie sie sich Jugendliche vorstellen, eignet sich nicht zur Repräsentation. Sie ist zudem ausländisch (Rock, Jazz, Straßentheater). Im Gegensatz dazu ist die Oper höchstens so ausländisch wie die Smokings der politischen Repräsentation, sie ist sozusagen neutral ausländisch.

Peter Bichsel: Das Ende der Unschuld

Wir sind zwei Fremde: Die Teetassen sagen es. Uns trennt im Bereich der nicht verbalen Sprache ein Abgrund, genauer gesagt, der tiefgehendste Generationsbruch, den die Geschichte kennt. Was mir die Dinge durch ihre Sprache beigebracht haben, ist vollkommen anders als das, was dir die Dinge beibringen. Dennoch ist es nicht die Sprache der Dinge, lieber Gennariello , die sich verändert hat. Verändert haben sich die Dinge selbst. Und zwar radikal. Du wirst mir sagen: Die Dinge ändern sich immer ... Alle paar tausend Jahre jedoch geht die Welt unter. Und dann, allerdings, ist die Veränderung total. Zwischen uns beiden ‒ ich 50 Jahre alt und du 15 ‒ steht ein solcher Weltuntergang ... Nehmen wir ein scheinbar unbedeutendes Phänomen als Beispiel: Mein Bühnenbildner hat für eine Szene ein sehr wertvolles Teeservice beschafft, mit kleinen, hell dottergelben Tassen, auf die reliefartig Tupfer aufgemalt sind. Das Geheimnisvolle in all diesen Dingen war das Handwerkliche, das es bis in die fünfziger und frühen sechziger Jahren gegeben hatte, als die Dinge noch von Menschenhänden geschaffen wurden: Von geduldigen Schreiner-, Schneider-, Tapezierer- und Töpferhänden. Und es waren immer Dinge mit einer menschlichen, d.h. persönlichen Bestimmung. Aber dann hat das Handwerk, oder sein Geist, schlagartig aufgehört. Eine Kontinuität zwischen diesen Täßchen und den billigen, serienmäßig hergestellten Väschen ist in meinen Augen nicht möglich.

Pier Paolo Pasolini: Gennariello
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