ZOOM 1/1996
Januar
1996

Bei uns ist Ihr Geld sicher!

Prolog: Als ich vergangenen Sommer in Rom eine Bank betreten wollte, um einen Scheck einzulösen, hatte ich den Eindruck, daß ich dem elektronischen Pförtner genauso unsympathisch war, wie er mir. Erst beim dritten Versuch öffnete er mir die Tür zur Bank. Drinnen – in der Warteschlange stehend – beobachtete ich einen alten Mann, dem es nur mit größter Mühe gelang, die Maschine zu bedienen. Mir gingen die Werbesprüche der Verunsicherungs- und Sicherheitsexperten durch den Kopf. Ich dachte an den alten Mann und stellte mir meinen einarmigen Freund vor, dem just die verlangte Hand fehlt – aber ich will nicht übertreiben.

Der Journalist betrat mit seinem Radioteam vom lokalen Rundfunk die Bank und durfte gleich beim Eingang den elektronischen Pförtner bestaunen, der Anlaß für seinen Interviewtermin beim Direktor der Filiale war.

Die zahlreichen Banküberfälle der letzten Zeit veranlaßten uns, eines der derzeit modernsten Sicherheitssysteme zu installieren. Die Sicherheit und das Geld unserer Kunden sind uns wichtig. Die Überfälle in letzter Zeit werden immer brutaler. Schon fast 90 % der Räuber sind bewaffnet und machen auch von der Schußwaffe gebrauch.

Gab es denn schon Todesfälle im Zuge eines Überfalls?

In unserer Filiale noch nicht. Doch in den letzten zehn Jahren gab es landesweit bereits 106 Verletzte und 16 Tote. Davon waren jedoch 10 die Räuber selbst, und nur einer war Kunde.

Was trägt nun ihr elektronischer Pförtner zur Verhinderung von Überfällen bei?

Nun, es handelt sich dabei um ein Gerät zur Berechnung der Handgeometrie. Die Sensoren in der Glasplatte, die in der Durchgangsschleuse montiert sind, messen die Umrisse der Hand, und der Computer errechnet daraus die typischen Größen wie Länge, Breite und Flächen, die für jede Person individuell verschieden sind. Das heißt, der Computer erkennt, ob jemand unser Kunde ist oder nicht.

Keiner bemerkte den alten Mann, der verzweifelt versuchte, die Anweisungen des elektronischen Pförtners zu verstehen und der, als ihm klar wurde, daß er seine Hand auf den Scanner legen mußte, es nicht schaffte, seine von der Gicht gekrümmte Hand in die geforderte Position zu bringen.
Aber ich bin doch auch nicht ihr Kunde und konnte den Pförtner passieren.

Ein Großteil unserer Kunden kommt regelmäßig in unsere Filiale. Wenn der Computer jemanden nicht kennt, wird dessen Handgeometrie gespeichert. Gleichzeitig macht der Rechner den Angestellten von Schalter eins auf den neuen Kunden aufmerksam; der prüft, ob ihm der Kunde verdächtig vorkommt und öffnet erst dann händisch die Schleuse.

Der Angestellte von Schalter eins wurde über den mißlungenen Versuch des alten Mannes vom elektronischen Pförtner nicht aufmerksam gemacht. Um die Hand als nicht registriert zu melden, mü(?)ßte sie ordnungsgemäß vermessen werden.
Cartoon: Fritz
Sie sind hier Kundin in dieser Bank. Stört Sie die Zeitverzögerung beim Betreten der Filiale?

Ein bißchen lästig ist das schon. Aber es geht ja doch recht schnell. Und daß etwas für unsere Sicherheit getan wird, find ich gut.

Ja, dazu kann ich auch sagen, daß die Computertechnologie rasch voranschreitet. In einigen Jahren können wir uns vielleicht ein Gerät zur Gesichtserkennung anschaffen. Da braucht der Kunde dann nur mehr kurz in die Kamera zu blicken. Dieses Gerät ist zur Zeit aber noch zu fehlerhaft. Von zehn Gesichtern werden nur neun wiedererkannt.

Vielleicht könnten Sie dann typische Räubergesichtszüge in den Computer einspeichern und damit den Angestellten von Schalter eins entlassen, entschuldigung, entlasten wollte ich sagen.

Ja, ha, das könnte sein. Die Technik entwickelt sich ja rasant.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Der Journalist verließ zufrieden die Bank und nickte dem etwas verlassen und traurig wirkenden alten Mann, den der elektronische Pförtner unbemerkt abgewiesen hatte, freundlich zu.
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