Grundrisse, Nummer 22
Juni
2007
John Holloway, Edward P. Thompson:

Blauer Montag

Über Zeit und Arbeitsdisziplin

Hamburg: Nautilus-Verlag, 2007, 92 Seiten, 10,90 Euro

Der 1993 verstorbene Edward P. Thompson, Autor der bahnbrechenden Studie über die „Entstehung der englischen Arbeiterklasse“ war einer der zentralen Vertreter der „Geschichtsschreibung von unten“, in der nicht durch „große Männer“ hervorgerufene „große Ereignisse“ im Mittelpunkt standen, sondern der Widerstand der „kleinen Leute“ und das damit einhergehende Potenzial gesellschaftlicher Veränderung. Der vorliegende Aufsatz Thompsons, neu übersetzt und mit schlauen Anmerkungen versehen von Lars Stubbe, mag hierfür als Paradebeispiel dienen, geht es doch um nichts weniger als die Durchsetzung der Herrschaft der Uhrzeit als gesellschaftlichem Maßstab und Disziplinierungsmittel im aufkommenden Kapitalismus – und den Kampf dagegen.

Die Bedeutung dieser Problematik ist eine zweifache: zum einen ist es genau jene „im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ (Marx), die zum Maßstab jener Ware werden sollte, die für mindestens 300 Jahre im Zentrum kapitalistischer Gesellschaftsordnungen stehen: nämlich die menschliche Arbeitskraft, die im Zentrum von Thompsons Interesse steht und andererseits markiert der ursprüngliche Erscheinungszeitpunkt des Aufsatzes (1967) den Anfang jener „Krise der abstrakten Zeit, [der] Krise der Trennung der Zeit vom Tun“, die, so John Holloway in seinem Vorwort, „wir“ sind.

Bestechend an Thompsons Aufsatz ist sein Witz, der noch den brutalsten Formen der ursprünglichen Akkumulation ein Lächeln abringt. Der Kampf gegen die Disziplinierung durch die Uhr und mit ihr jene der abstrakten Arbeit ist nicht reduzierbar auf ein Sich-Aufbäumen der Erniedrigten und Beleidigten, vielmehr wird an den zahlreichen historischen Beispielen und Zitaten die Vielschichtigkeit der Widerstände und –sprüche sichtbar und damit erfahrbar gemacht. Trotz der Kürze des Textes rücken dabei auch außereuropäische Aspekte oder Geschlechterwidersprüche ins Blickfeld. Zentrale Aussage dabei ist, dass sobald der Kampf gegen die Uhr und die mit ihr einhergehende Herrschaft der Abstrakten (Uhr)zeit verloren gegangen war, die Arbeitenden zu einem Kampf um die Zeit übergingen. So eindeutig, wie das klingt war die Sache allerdings dann doch nicht, hielt sich die wunderbare – und dem Band den Namen gebende – Institution des „Blauen Montags“ in einigen britischen Industriegegenden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Auch von Seiten der Herrschenden wurde die Durchsetzung kapitalistischer Zeitverhältnisse mit einer Änderung des politischen Einsatzes begleitet: Es ging nicht mehr nur um die Reglementierung der Arbeit(szeit), sondern auch um den Kampf gegen die Langeweile und den Müßigang, die vor allem in protestantischen Gefilden den Herrschenden ein Dorn im Auge war (und dessen Beschreibung schon auch mal frappant an die ganz und gar nicht protestantische Studie von Lazarsfeld und Jahoda über die „Arbeitslosen in Marienthal“ erinnert ...).

Gegen Ende des Textes fragt Thompson nach den (damals) aktuellen Möglichkeiten der „Zersetzung des puritanischen Zeitverständnisses?“ (S.69) Es geht darum, „wieder etwas von jeder Lebenskunst [zu] lernen, die in der industriellen Revolution verloren ging“ (ebd.) Dem Autor dieser Zeilen erinnert dies wiederum an eine Diskussion zur „Bewegungsfähigkeit“ der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, in der ein Mitdiskutant von der Notwendigkeit des „Erlernens einer Kultur der Nichtarbeit“ sprach – als Voraussetzung dafür, dass die Idee des Grundeinkommens zur „materiellen Gewalt“ (Marx) werden kann.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die knappe Einleitung von John Holloway. Holloway, LeserInnen der grundrisse sicherlich kein Unbekannter, versucht dabei den Text Thompsons vor dem Hintergrund aktueller sozialer Bewegungen zu lesen.

Die Dauerhaftigkeit angreifen! – Den Moment öffnen! – Momente des Überschusses schaffen! – Uns selbst Zeit für die geduldige Erschaffung gesellschaftlicher Verhältnisse geben! Die Tagesordnung bestimmen, so lauten die doch etwas sehr normativ daherkommenden Anforderungen Holloways an alle ernsthaften Versuche, den Kapitalismus „nicht weiter zu produzieren“ (S.12) Dahinter versteckt sich der – leider bis dato nicht vertiefend ausgeführte – Versuch, den Begriff der Revolution vor dem Hintergrund der gescheiterten historischen Revolutionen neu zu bestimmen: als Notwendigkeit einer neuen Zeitlichkeit. So weit so gut, nur verstrickt sich Holloway leider gerade dort in Widersprüchlichkeiten, wo´s ums Eingemachte geht. So findet sich in seinem Text zwar kritisches zum Zeitverständnis des Postoperaismus betreffend die reelle Subsumtion der Gesellschaft unter das Kapitalverhältnis im postfordistischen Kapitalismus, eigene Vorschläge zur Theoretisierung jener neuen Verhältnisse liefert Hollway aber nicht.

Wenn aber einerseits die Form der kapitalistischen Ausbeutung einem beschleunigten Wandel unterworfen ist, die gleichförmige und gleichmachende Zeit der abstrakten Arbeit in der fordistischen Fabrik anderen, uneinheitlicheren und unvereinheitlichbaren Zeit- und somit Ausbeutungsverhälntissen weicht, müssen auch die Kämpfe und Widerstände in den und gegen diese Verhältnisse neu erfunden werden. Ein Beispiel: Strategien der Verweigerung beispielsweise können in traditionellen wie auch in einigen „neuen“ Arbeitsverhältnissen praktikabel sein, eine universelle Form des Widerstands allerdings stellen sie im Zeitalter von Ich-AG, Werkvertragsarbeit und neuer Selbständigkeit kaum dar. In der „gesellschaftlichen Fabrik“ können sich kollektive Kämpfe wohl nur mehr als explizit politische Auseinandersetzungen entwickeln. Wie auf dieser Ebene der Kampf um die Wiederaneignung der Zeit und somit des Lebens geführt werden kann, ohne dem Staat auf den Leim zu gehen, ist offen, aber: „Jegliche Antwort“, so Holloway, „die auf dem Terrain des vom Kapital gesetztes Raumes und seiner Zeit verbleibt, ist bereits unterlegen, noch bevor sie gegeben wurde.“ (S.17)

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