Heft 6-7/2004
Oktober
2004

„Brecht mit eurem Vater“

Bruch und falsche Versöhnung in der postnazistischen Familie

Es ist eine Hommage an einen der außergewöhnlichsten Nachkommen eines deutschen NS-Verbrechers: Hinter dem realen Vorbild Konrad Sachs, eine der zentralen Figuren in Robert Schindels Roman Gebürtig, verbirgt sich niemand anderer als Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, der 1946 bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt worden war. Schindel, der mit Niklas Frank befreundet ist, sagt von ihm, er sei für ihn ein untypisches Beispiel, einer, der im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Generation, die Schuld in gewisser Weise auf sich nimmt, obwohl er gar nicht schuld ist, und versucht, sich davon zu befreien. [1] Tatsächlich ist Franks Buch Der Vater. Eine Abrechnung (1987), ein singuläres Dokument, die Anklage eines Sohnes gegen einen Vater, unter dessen Leitung Millionen von Juden und Jüdinnen in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Eine verzweifelte, zornige, verstörende Schrift, bar jeden Selbstmitleides, die überhaupt nur mit allergrößter Überwindung und Anstrengung gelesen werden kann und die dennoch zur Pflichtlektüre jedes Deutschen und Österreichers gehören sollte. Jean Améry hätte dieses Buch zu schätzen gewusst; Niklas Frank ist schließlich einer der ganz wenigen Söhne eines Naziverbrechers, der es wagte, Amérys Aufforderung „brecht mit eurem Vater“ öffentlich und in radikaler Weise zu vollziehen.

Hans Frank
war seit 1923 NSDAP- und SA-Mitglied und von 1939 bis 1945 „Genralgouverneur“ im besetzten Polen. Als solcher war er verantwortlich für die Ermordung hunderttausender PolInnen sowie für die Vernichtung der polnischen Juden und Jüdinnen.
Bild: AFS

Niklas Frank, 1939 in Neuhaus am Schliersee (Bayern) geboren, verbrachte seine Kindheit in Krakau; als der Vater ein Jahr nach Kriegsende hingerichtet wird, ist der Bub gerade sieben Jahre alt. „Königliche Kindertage“ waren es, hoch über den Zinnen der Stadt, auf der Burg Wawel, unterbrochen nur von den gelegentlichen Raubzügen der Mutter nach Pelzen und Kleidern durch das Ghetto von Krakau, an denen das Kind im Fond eines schwarzen Mercedes an der Hand des Kindermädchens, bewacht von SS- Soldaten, vorbei an den ausgemergelten Gestalten mit den gelben Sternen, teilnehmen darf. Später dann, nach der Hinrichtung, das Gebetsbüchlein mit der letzten Widmung des Vaters „Möge Dein Leben unter dem ewigen Schutze Gottes stehen! ... ewig bete ich für dich, mein Nicki, Dein Vati“. Und schließlich die verklärte Erziehung durch die Mutter, die tüchtig wie sie war, nach dem Krieg im Eigenverlag Hans Franks Im Angesicht des Galgens, herausgab, ein Machwerk sondergleichen, das der Familie zweihunderttausend Mark einbrachte.

Der Sohn ist längst erwachsen und die Mutter tot, als er das ganze Ausmaß der Verlogenheit, der Heuchelei und des Betruges zu erkennen beginnt; minuziös recherchiert er die Verbrechen seiner Eltern, reist nach Polen, liest die Kriegstagebücher des Vaters und die Akten des Nürnberger Prozesses. „Ich wollte alles über dich erfahren. Ich war bereit, als Sohn Gnade vor Recht walten zu lassen. Doch je mehr ich über dich erfuhr, je mehr ich las ... desto lebendiger wurdest Du mir und desto verhaßter“. Was bleibt ist nichts als blankes Entsetzen, Scham und Ekel vor seiner Herkunft, und – vor sich selbst. Er habe alles in einem „Rauschzustand“ in nur 12 Wochen zu Papier gebracht, sagt er später. In einem imaginären Dialog zieht er den Vater zur Rechenschaft, zornig, bitter und voll Hohn darüber, wofür er sich als Kind missbraucht fühlt und selbst schuldig geworden war; „Ja, Deine Ghettos, die boten was. Aber lustiger fand ich den Ausflug in ein Barackenlager mit viel Stacheldraht herum, irgend ein Außenlager von einem KZ ... damals war es nur ein herzlicher Onkel in Uniform, der einen wilden Esel hatte, auf den wurden, grell tönte mein Lachen, dünne Männer gesetzt von kräftigen deutschen Fäusten, und der Esel hopste und die Männer fielen, und sie konnten sich nur sehr langsam erheben, und sie fanden es nicht so komisch wie ich, sie wurden wieder und wieder draufgesetzt ... und der Esel bekam einen Schlag auf die Flanke, es war ein wunderschöner Nachmittag, und drinnen gab es beim obersten Soldaten Kakao. Diese Scheißbilder trage ich mit mir rum, Vater ... jetzt weiß ich ... daß man Juden, Polen, Gesichter nicht los wird, oder Dich, wie du in Gemächtehaltung vor mir standst ...“

Um nicht an der eigenen Herkunft irre zu werden und den Verstand zu verlieren, gibt es für Niklas Frank keine andere Möglichkeit, als sich schonungslos mit den Verbrechen des Vaters und auch der Mutter zu konfrontieren und – verzweifelt gegen eine Gesellschaft zu rebellieren, die kaum war das Morden vorbei, zur Tagesordnung schritt: „Böse Bilder trage ich im Hirn: Daß man nach dem Krieg Millionen Galgen an den Autobahnen aufgestellt hätte, US Henker Woods wäre langsam in Deinem beschlagnahmten Maybach an Galgen um Galgen vorbeigefahren und hätte den Falltürriegel gezogen – was für ein gesundes Knacken wäre durch Deutschland hinweggehallt, verursacht von den Genicken all der Richter, Staatsanwälte, Fabrikanten, Block- und Zellenwarte, Denunzianten – keiner von euch hatte das Recht weiterzuleben.“

Als Der Vater Mitte der achtziger Jahre in der Zeitschrift Stern als Vorabdruck erscheint, reagiert das Publikum mit Empörung und Abscheu: Entsetzen herrscht über den Nestbeschmutzer, einen, der seine Familie verraten hatte; der deutlich machte, dass die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vor allem auch in der Intimität der eigenen Familie stattfinden muss, jenem Ort, der den Humus postnazistischer Identität ausmacht; über einen, der es wagte, aus der Volksgemeinschaft auszuscheren, ungeachtet aller Konsequenzen; einen, der dem deutschen Spießer zurief, seht her, meine Herkunft ist nichts besonderes, solche wie ich laufen zu Tausenden in Deutschland herum, mit nur einem Unterschied; die Verbrechen meiner Eltern sind dokumentiert: „Deshalb bin ich froh, Dein Sohn zu sein. Wie arm sind Millionen anderer Kinder dran, deren Väter das gleiche Geschwätz voll Hinterlist und Feigheit, voll Mordlust und Unmenschlichkeit von sich gaben, aber nicht so prominent waren wie Du. Ich habe es gut, ich kann aus den Archiven Europas und den USA die Fleischfetzen deines Lebens zusammenklauben, kann sie, unbehelligt vom lügenhaften familiären Geschwätz beäugen. Wie immer ich sie auch mit Skalpell oder Hammer bearbeite, es kommt ein typisch deutsches Monster raus.“

Kaum eine/r verstand, dass Niklas Frank an den Schandtaten seines Vaters beinahe zugrunde gegangen war, verstand den Selbsthass, die panische Angst des Autors, Züge des Vaters in sich zu tragen, kaum ein Linker oder eine Linke, die begriffen, dass es keine adäquate Sprache gibt, um das, was dem Sohn angetan wurde, auszudrücken. Es war ein Leichtes, ihn einen Psychopathen zu zeihen, so ungeschützt und schonungslos hatte er sich der Öffentlichkeit preisgegeben. Doch so wenig das Buch sich auf das formelle Schema des Vatermordes reduzieren lässt, so wenig lässt es sich als Phänomen des Irrationalen abtun: Franks Darstellung ist in Wirklichkeit eine Provokation für die Vernunft. In diesem Sinne lautet eine der ganz wenigen positiven Reaktionen, die nicht unzufällig aus Amerika kam: „Die Frank-Veröffentlichung ist in ihrer Einmaligkeit ein wichtiger Beitrag zur Förderung der Menschenrechte.“ Diese Stimme aber gehörte Robert W. Kempner, Chefankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess: er hatte Jahre zuvor Hans Frank monatelang verhört.

Der Boom der Vatibücher

Der Vater ist heute freilich längst vergriffen und nur mehr in Bibliotheken zu lesen. Knapp 60 Jahre nach Ende des Krieges gibt es – ähnlich wie in den achtziger Jahren – einen erneuten Boom an „Vatibüchern“. [2] Zwei Publikationen seien hier stellvertretend für viele angeführt: Die eine stammt von der Tochter eines Abwehroffiziers, der 1944 wegen Hochverrats von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, die andere von der Großnichte Alois Brunners, also beide Angehörige von zwei unterschiedlichen Generationen.

Pünktlich zu den Feiern des 60. Jahrestags des Attentats vom 20. Juli erschien Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie, publiziert von der Fernsehjournalistin und Autorin Wibke Bruhns. Es handelt sich dabei um ein sentimentales, schwülstiges Familienepos, in dessen Mittelpunkt ihr Vater Hans Georg Klamroth (HG), Nationalsozialist der ersten Stunde, steht, der 1944 als Hochverräter gemeinsam mit den anderen Verschwörern des 20. Juli hingerichtet worden war. Zuvor allerdings hatte Klamroth bei der Heeresgruppe Nord, in seiner Eigenschaft als Leiter des Abwehrkommandos beim Überfall auf die Sowjetunion teilgenommen. Um diesen Job, eine „Auszeichnung“, ausführen zu können, hatte er sich freiwillig von Dänemark nach Russland versetzen lassen. Als Offizier ist Klamroth für die Bekämpfung von Partisanen und Partisaninnen verantwortlich, bei der sich die Deutschen bekanntlich durch besondere Grausamkeit auszeichneten, Klamroth ist da keine Ausnahme: „Jede unangebrachte Milde“, schrieb er seiner Frau, „jedes falsche Mitleid kann hunderte deutsche Soldaten das Leben kosten, und bei dieser Alternative ist es schon besser, wenn eher mehr als zu wenig von diesen Untieren ins Gras beißen, oder sind es vielleicht doch auch Menschen? Ich will es gar nicht wissen, denn hier gilt nur die Pflicht.“ Und wie reagiert die deutsche Tochter, die dieses Buch im Jahr 2004 schrieb, um zu verstehen, was diese „Generation der Nachgeborenen so beschädigt hat“? „Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Krieg ist keine Schönwetter-Angelegenheit. Es hat die ‚franctireurs‘, die Kämpfer hinter den feindlichen Linien spätestens seit dem Krieg 1870/71 gegeben, die Saboteure, die Sprengkommandos, die Mörder ... Hier in Rußland ist das eine Kampfgruppe großen Stils, das NKDW jagt die Bevölkerung ganzer Dörfer hinter den feindlichen Linien in die Schlacht. ... Sie [die Partisanen; Anm d. Verf.] werden mit Fallschirmen abgesetzt, sie sickern auf Schleichwegen hinter die Front, für ihren Kampf gibt es keine Regeln, für ihre Bekämpfung nur eine: den Tod. Sie werden gelenkt, organisiert, verheizt, die meisten sind Spielmaterial, einige sind kostbare Spezialisten. Soll ich mich empören, daß HG sie erschießen läßt? Keine Besatzungsarmee der Welt läßt sie gewähren und im Krieg schon gar nicht“. Nichts aber auch gar nichts lässt die Tochter über den Vater kommen, demonstriert vielmehr, dass sie, ganz gleich was er und auch die Mutter, die Hitler ebenfalls „angebetet“ hat, getan haben, die Treue hält. Das aber hatte Bruhns schon am Beginn ihres Buches angekündigt: „Wer bin ich denn, heute zu urteilen, wo es darum geht Früheres zu begreifen? Hans Georg und Else haben bezahlt, jeder für sich. Ich habe da keine Rechnungen aufzumachen und muß meinen Hochmut zügeln.“

Wenngleich nichts dafür spricht, dass Klamroth an den Planungen des Attentats vom 20. Juni beteiligt war, so wusste er dennoch Bescheid. Verraten hatte er diese Pläne nicht. Deshalb wurde er als Mitwisser in Plötzensee hingerichtet. Das mag für das damals sechsjährige Mädchen ein traumatisches Erlebnis gewesen sein, doch Bruhns sperrt sich gegen jede differenzierte Reflexion, kann Ambivalenzen nicht zulassen, muss die Negativität des Vaters verleugnen und ihn buchstäblich in den Himmel heben. Und so endet das Buch nicht nur im Kitsch der Vateridealisierung, sondern Bruhns verleiht dem Nationalsozialismus zuletzt auch noch einen Sinn: „Doch, ich will hinsehen. Ich will dabei sein, wenn HG stirbt. ... Ich will ihm sagen, er ist nicht allein, auch nach 60 Jahren nicht. Hier bin ich, die ihn begleitet hat durch sein ganzes Leben, und ich lasse ich ihn nicht los. ... Ich bin verstört über das, was ich als deine Gleichgültigkeit verstehen muß, gegenüber dem Schicksal der Juden, der Zwangsarbeiter, der Geisteskranken, der Häftlinge in den KZs, ... du bist ein Held in deinem Tod. Dein Leben lag in einer fürchterlichen Zeit. ... Du hast den Blutzoll bezahlt, den ich nicht mehr entrichten muß. Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr? Ich danke dir.“

Beredetes Schweigen

Zur dritten Generation der Nachfahren zählen Claudia Brunner und Uwe von Seltmann mit ihrer Schrift Schweigen die Täter reden die Enkel. Brunner, die Großnichte Alois Brunners, der als wichtigster Mitarbeiter Adolf Eichmanns an der Vernichtung von Tausenden Juden beteiligt war, ist Politikwissenschaftlerin und hat ihre Diplomarbeit über Selbstmordattentäterinnen [3] geschrieben. Darin werden jene palästinensischen Frauen, deren einziges Ziel es ist, sich selbst zu opfern um dadurch möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden, zu Hoffnungsträgerinnen für „eine qualitative Veränderung und Verbesserung des israelisch-palästinensischen Verhältnisses“ erklärt. Diese „scheint“ nämlich erst dann möglich,„wenn auch die potentiellen Selbstmordattentäterinnen als Menschen mit ihrer Würde und ihren Rechten gesehen werden. Und vielleicht ist es gerade dieser Blick, den die vier Frauen durch ihre gewaltvollen Interventionen im israelisch-palästinensischen Konflikt herausfordern können“.

Onkel Alois im sonnigen Syrien
Bild: AFS

Ausgerüstet mit einem Magistratitel, der ihr von der Wiener Universität aufgrund dieses ideologischen Ergusses verliehen worden war, schrieb Claudia Brunner wenig später ihren Beitrag über den Großonkel. Darin werden zunächst auf ganzen zehn Seiten dessen Leben und Verbrechen abgehandelt und das in einer Sprache, die mit Attributen wie, „brutalste Menschenjagd“, „schlimmste Mißhandlungen“, wohl Betroffenheit zum Ausdruck bringen soll, aber in ihrer Phrasenhaftigkeit das genaue Gegenteil bewirkt.

Danach, und das ist das Ärgerliche und Peinliche an diesem Buch, dreht sich alles um die Hauptperson und die ist Claudia Brunner selbst; der Großonkel liefert lediglich die Folie für diese Selbstdarstellung. Da geht es nicht um die Auseinandersetzung mit dessen Verbrechen, sondern einzig um die Großnichte, die ständig von sich redet, und mit ihrer prominenten Herkunft kokettiert. Sie berichtet von ihren Israelreisen, von Seminaren mit Nachkommen der Shoah, sie erzählt von ihren Interviews, von ihrem Besuch bei Simon Wiesenthal, und ist erstaunt, von dem „freundlichen alten“ Mann keine aktuellen Informationen über den Großonkel zu bekommen; Wiesenthal interessiert einzig dessen Aufenthaltsort. Sie reist nach Paris, um dort an einem Prozess gegen Alois Brunner, der in dessen Abwesenheit geführt wird, teilzunehmen. Aber ganz gleich, was sie auch unternimmt, es geht immer um das gleiche: Claudia Brunner geriert sich als weinerliches Opfer und unternimmt alles, um endlich von ihrer Verwandtschaft erlöst zu werden: Hatte sie schon nach dem Gespräch mit Simon Wiesenthal „eine Zeitlang Ruhe finden“ können, so erhofft sie sich auch von der Teilnahme an dem Prozess in Paris „ein Stückchen Absolution“. Doch diese Verwandtschaft wird sie nicht so einfach los; zu lange teilte sie mit ihrer Familie ein Geheimnis: mehr als 5 Jahre stand der Vater – mit Wissen des österreichischen Staates – in Briefkontakt mit dem NS-Verbrecher. Nimmt man Niklas Franks Buch als kategorischen Imperativ der Entnazifizierung, dann wäre die einzige korrekte Vorgangsweise gewesen, den Aufenthaltsort Brunners – sofern er den Briefpartnern wirklich bekannt war – zumindest Simon Wiesenthal, aber besser dem israelischen Geheimdienst mitzuteilen. Doch so wie Brunner schreibt, kommt ihr so ein Gedanke gar nicht in den Sinn.

Selbstmisstrauen statt falscher Versöhnung

Vergleicht man die Bücher von Bruhns und Brunner, so fällt folgendes auf: während Bruhns, als Vertreterin der Nachfolgegeneration, in die nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Familie gänzlich verstrickt ist, jede Kritik an ihren Eltern weitgehend rationalisiert und abwehrt sowie an einer verlogenen Familienidylle festhält, gelingt es Brunner, dank ihrer Distanz zu ihrem Großonkel, zumindest in der mangelnden Auseinandersetzung mit ihrem Vater, d.h. mit dessen Verhältnis zu seinem Onkel und dem Nationalsozialismus, die Ursachen für ihre Schuldgefühle zu erkennen. Doch anstatt sich diesen Konflikten zu stellen, und die Konsequenzen zu tragen, was insbesondere für Brunner bedeuten würde, sich endlich mit dem Antizionismus und Antisemitismus in der Linken kritisch auseinander zusetzen, entdeckt sie in Seminaren, die von verschiedenen Jugendorganisationen initiiert werden, „erstaunliche Parallelen“ und Gemeinsamkeiten mit den Nachfahren der Opfer. Aber ist diese Suche nach Gemeinsamkeiten angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen und einer Gesellschaft, in der sie nie konsequent geahndet wurden, nicht gänzlich unangemessen und absurd? Und wäre es statt dieser, gleichsam verordneten und inszenierten Form der Versöhnung, nicht vielmehr notwendig, an einer prinzipiellen Differenz festzuhalten? Diese Differenz aber besteht in einem anderen gesellschaftlichen Verhältnis zur Verwandtschaft: Während es bei den Opfern und deren Nachkommen durch die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung, und der Möglichkeit ihrer Wiederholung gekennzeichnet ist, und so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstituiert, herrscht auf der Seite der Nachkommen der Täter und Täterinnen eine gleichsam „familiäre Nähe zur Unmenschlichkeit“. Jene, die nie in Gefahr geraten, einzig auf grund ihrer Herkunft verfolgt und ermordet zu werden, stehen nicht auf einer Stufe mit den vom Antisemitismus Bedrohten. Statt dieser falschen Versöhnung wäre die familiäre Nähe zu den Verbrechen, die unbedingte Distanz und Respekt gegenüber den Opfern und deren Nachfahren gebieten, als „negatives Eigentum“ in Anspruch zu nehmen.

Inszenierte Versöhnungs- oder Trauerarbeit ist immer bestrebt, die Geschichte einzufrieren, zu verfälschen und letztlich die nationalsozialistische Vergangenheit vergessen zu machen. „Nichts ist vernarbt, und was vielleicht 1964 schon im Begriffe stand zu heilen, das bricht als infizierte Wunde wieder auf“, schrieb Améry bereits 1976 und widersprach damit auch jenen Bewältigungsversuchen, die selbst von Opfern und Verfolgten des Nationalsozialismus stammten: „Nicht im Prozeß der Interiorisation, so scheint mir, sind die zwischen ihnen [Améry spricht hier von seinen Quälern; Anm. d. Verf.] und mir liegenden Leichenhaufen abzutragen, sondern im Gegenteil, durch Aktualisierung, schärfer gesagt: durch Austragung des ungelösten Konflikts im Wirkungsfeld der geschichtlichen Praxis.“ Ausgetragen aber könnte er dadurch werden, „daß in einem Lager das Ressentiment bestehen bleibt, und hierdurch geweckt, im anderen das Selbstmißtrauen“.

Niklas Frank aber hält dieses Ressentiment wach, indem er sich radikal selbst misstraut, ein Selbstmisstrauen, das sich stets auch gegen die Eltern richtet. Ein Selbstmisstrauen, das aber nicht soweit reicht, um die eigene Abwehr alles Weiblichen zu reflektieren, bzw. zu begreifen, dass die männliche Identität in derselben Kindheit wurzelt. [4]

Der Vater ist eine Art Menschenfresserbuch, dessen brachialer Ton das übliche Familiengeschwätz anderer Vatibücher radikal durchbricht. Franks Selbstmisstrauen ist nicht bloß deklamatorisch, sondern Ausdruck der Anerkennung der Realität, der direkten Beteiligung des Vaters an dem Massenmord, sowie seiner eigenen Verstrickung, der er nicht entkommen kann. Durch die besondere Nähe des Kindes zu den Verbrechen erscheint zwar vieles zugespitzt und ist doch in Wirklichkeit nichts anderes als allgemeines postnazistisches Erbe, ein Erbe, an dem alle Nachkommen der Täter, Mitläufer und Zuschauer (R. Hilberg) teilhaben. Niklas Frank widerlegt mit seinem Buch die Legende der Bewältigung.

[2S. Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004; Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie, München 2004; Claudia Brunner/Uwe von Seltmann: Schweigen die Täter reden die Enkel, Frankfurt 2004; Matthias Kessler: „Ich muß doch meinen Vater Lieben, oder?“ Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus „Schindlers Liste“, Frankfurt 2002. Eine Ausnahme im Reigen der Vatibücher bildet Martin Pollack: Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater, Wien 2004. Es ist eine genaue, historisch informative Recherche, fernab jeder Versöhnung. Bleibt zuletzt noch auf einen Artikel in der Presse vom 11.9.2004 hinzuweisen. Unter dem Titel „Wo von Krieg gesprochen wird, da ist Krieg“ schreibt Marlene Streeruwitz über das Trauma ihres Vaters, der 1942 in Russland verwundet wurde und seinen Arm verloren hatte. Für Streeruwitz ist Krieg gleich Krieg, egal ob es sich um den Vernichtungskrieg der Nazis, den Kosovo-, Irak- oder den Vietnamkrieg handelt. In einem Deutsch, das seinesgleichen sucht, heißt es: „In den Diskussionen zum Vietnamkrieg ergab sich dann erst die Möglichkeit auf Grund eines Zeitgeists, sich aus dieser Einordnung in ein unvermeidliches Gewalttätiges, gegen das immer nur mit Gewalt zu antworten ist, zu entwinden. Ich war das erste der Kinder, das sich mit Hilfe der sich anbahnenden 68er-Stimmung mit dem Vater als Opfer identifizieren konnte und nicht mit dem Soldaten, der seine Pflicht erfüllte“. Droht jetzt auch von Streeruwitz ein weiteres Vatibuch?

[3Claudia Brunner: Auf der Suche nach dem Geschlecht der Selbstmordattentate im israelisch-palästinensischen Konflikt: Female Suicide Bombers-Male Suicide Bombings? Diplomarbeit,Wien 2002.

[4Ausdruck dieser Abwehr ist vor allem die Verachtung des Weiblichen, etwa wenn Niklas Frank abfällig von den „weibischen“ Eigenschaften seines Vaters spricht. Ist es Zufall, dass diese „Abrechnung“ mit dem Vater von einem Mann geschrieben wurde? Und wo bleibt das weibliche „Pendant“?

Literatur

  • Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie, München 2004.
  • Claudia Brunner/Uwe von Seltmann: Schweigen die Täter reden die Enkel, Frankfurt 2004.
  • Claudia Brunner: Suicide Bombers-Male Suicide Bombing? Diplomarbeit Wien 2002.
  • Niklas Frank: Der Vater. Eine Abrechnung, München 1993.
  • Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne, in: Jean Améry Werke Band 2, hrsg. v. Gerhard Scheit, Stuttgart 2002.
  • Hans und Sophie Becker: Die Legende von der Bewältigung des Unerträglichen, in: Psychosozial, 11.Jg. Nr. 36, 1988/89.
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