MOZ, Nummer 55
September
1990
Polen: Abtreibung wird wieder Mord

„Dann springt sie vom Hochhaus“

Interview

Die polnische Solidarnosc plädiert auf Mord und gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Westöffnung plus Katholizismus bringen die polnischen Feministinnen in die Defensive. Mit der Literaturwissenschaftlerin Elzbieta Osuch-Stanczuk führte Erica Fischer das folgende Gespräch.

MONATSZEITUNG: Elzbieta, du bist Mitglied der Warschauer Frauengruppe „Polskie Stowarzyszenie Feministysczne“ — Polnischer feministischer Verein. Gibt es in Polen eine feministische Bewegung?

Elzbieta Osuch-Stanczuk: Es gibt seit 1980 informelle Frauengruppen, aber wir haben uns erst im Vorjahr als Verein registrieren lassen. Der Feminismus ist in Polen gänzlich unbekannt. Begriffe wie Sexismus oder patriarchale Gesellschaft sind Fremdworte. Meistens wird der Begriff Feminismus mit Suffragetten in Verbindung gebracht oder erscheint als westliches Produkt, mit dem Unterton, daß wir für solche Luxusprobleme keine Zeit haben. Es gibt also noch unheimlich viel zu tun.

Was ist aus der Gesetzesinitiative zum Schutz des empfangenen Lebens geworden? 1989 haben Frauen dagegen demonstriert.

Ja, dieser Entwurf sah für eine Abtreibung drei Jahre Gefängnis vor. Das Gesetz ging so nicht durch. Damals sagte Lech Walesa noch, die Abtreibung sollte nicht zu einer politischen Streitfrage werden. Im Mai dieses Jahres hat Solidarnosc auf ihrem 2. Kongreß aber eine Erklärung abgegeben, in der der rechtliche Schutz des ungeborenen Lebens gefordert wird. Verschiedene Frauengruppen haben deshalb am 8. Mai eine Kundgebung vor dem Solidarnosc-Gebäude abgehalten. Immerhin hat uns das 15 Sekunden Fernsehzeit eingebracht, versehen mit dem Kommentar: „Wie wir sehen, interessiert sich die Öffentlichkeit wenig dafür.“ Der Hintergrund dieser Solidarnosc-Erklärung ist, daß seit dem 11. April eine Senatskommission an drei neuen Entwürfen zur Änderung des bestehenden Abtreibungsgesetzes aus 1956 arbeitet. Es handelt sich um eine Senatsinitiative, die von 37 Männern unterzeichnet wurde. Das geschieht in aller Stille, völlig unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Als wir beim Senat anriefen, um uns zu erkundigen, wurde uns gesagt, wir sollten zu Hause bleiben und nur ja keinen Staub aufwirbeln. Das haben sie aus den Reaktionen des Vorjahres gelernt. Sie wollen Demonstrationen vorbeugen und die Frauen vor vollendete Tatsachen stellen.

Werden die Frauen sich diesmal auch wehren? Schließlich ist die Zahl der Abtreibungen in Polen ja nicht gerade niedrig.

Ja, die Schätzungen liegen zwischen einer halben Million und 800.000 bei einer Bevölkerung von 38 Millionen. Aber ich fürchte, daß das Gesetz diesmal angenommen wird, weil wir es inzwischen mit einer Kampagne der Kirche zu tun haben. Die Kirche hat eine Kampagne geführt, um zu zeigen, daß es sich um Leben handelt und daß Frauen, die abtreiben, Mörderinnen sind.

Hat Euch die Solidarnosc-Erklärung überrascht?

Das haben wir nicht erwartet. Jemand, der bei dem Kongreß dabei war, hat mir erzählt, daß die Stimmung insgesamt ziemlich gespannt war. Es gab mehrere Fragen, bei denen kein Konsens erreicht werden konnte. Um die Einheit der Bewegung zu retten, hat man sich dann für die Abtreibung als gemeinsamen Nenner entschieden. Es heißt auch, daß es ein Geschenk für den verstorbenen Priester und Nationalhelden Popieluszko war.

Was sagen denn die Solidarnosc-Frauen dazu?

Kürzlich wurden 60 Organisationen in den Senat eingeladen, um ihre Stellungnahme zu den Gesetzesentwürfen abzugeben. Da haben die Frauen von Solidarnosc offen gesagt, daß sie dagegen sind. Ich glaube nicht, daß sie austreten werden, aber es ist schon sehr mutig von ihnen, eine eigene Meinung zu vertreten und sich öffentlich gegen die Führung zu stellen.

Warum gibt es in Polen so viele Abtreibungen? Es gibt doch Verhütungsmittel auf Krankenschein.

Die sexuelle Revolution hat Polen nie erreicht. Besonders in kleinen Städten und Dörfern, wo der Einfluß der Kirche am stärksten ist, sind Verhütungsmittel schwer zu bekommen. Es gibt sie zwar gegen Rezept, aber erstens ist es, besonders auf dem Land, gar nicht so leicht, einen Frauenarzt zu finden, zweitens kommt es oft vor, daß Ärzte oder Ärztinnen sich weigern, ein Rezept auszustellen, und drittens ist das Angebot an Verhütungsmitteln miserabel. Es gibt praktisch keine Information darüber und auch keine Sexualaufklärung.

Frauenalltag zwischen kirchlicher Moral und männlicher Omnipotenz
Foto: Votava
Wie konnte die Kirche vierzig Jahre Sozialismus so unbeschadet überstehen?

In Polen ist die katholische Kirche ein Symbol, und Symbolen ist schwer beizukommen. Sie ist ein Symbol der Freiheit und — wie in Irland — ein Symbol der Kontinuität des Staates, der Vaterlandsliebe. Dabei spielt das Jahr 1655 eine wichtige Rolle. In diesem Jahr wurde die schwedische Armee zurückgedrängt. Den Wendepunkt des Kriegs markierte die Verteidigung des Klosters mit der berühmten Schwarzen Madonna. Walesa trägt immer ein Bild der Schwarzen Madonna an seinem Rockaufschlag. Seit dieser Zeit ist der katholische Glaube zu einer Art Staatsreligion geworden. Während der Teilung Polens war die Kirche oft der einzige Ort, wo man Polnisch sprechen durfte. Polen war 123 Jahre lang geteilt, bis 1918. Das ist eine lange Zeit für die Festigung eines Symbols. Die Kirche ist sowohl eine religöse als auch eine politische Autorität. Und sie ist dabei, ihre Macht zu vergrößern. Schon wird offiziell von obligatorischem Religionsunterricht in der Schule gesprochen. Um eine Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat zu erreichen, müßte die polnische Verfassung geändert werden.

In Polen sind über 90 Prozent der Frauen berufstätig, es besteht formale Gleichberechtigung. Hat das am Bewußtsein der Frauen nichts geändert?

Die Frauen wurden sowohl von der Kirche als auch vom Staat einer Gehirnwäsche unterzogen. Die Politik von Staat und Kirche beruhen ja auf derselben Grundlage: der Verehrung der polnischen Mutter, mit der Jungfrau Maria als Symbol. In der Nähe von Lodz ist ein riesiges Krankenhaus für Frauen gebaut worden, das als Denkmal der „Mutter Polin“ bezeichnet wird. Seht her, was für ein Staat, er hat euch ein Denkmal bauen lassen! Ich weiß nicht, ob du weißt, was dieser Begriff bedeutet.
Die „Mutter Polin“ trägt immer schwarze Trauerkleidung und bringt Söhne auf die Welt, damit sie für das Vaterland ums Leben kommen dürfen. Es ist eine gigantische Verlogenheit und Heuchelei.

Was wird sein, wenn der Gesetzesentwurf zum Schutz des ungeborenen Lebens angenommen und die Abtreibung verboten wird?

lso heute kostet eine Abtreibung in einer Privatpraxis 200.000 Zloty. Wenn sie verboten ist, wird sie das Zehnfache kosten, also zwei Millionen. Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt heute eine Million Zloty. Wenn ein Mädchen auf dem Dorf schwanger wird und sie muß zwei Millionen für eine Abtreibung zahlen, dann fährt die in die nächste Stadt und springt vom Hochhaus. Das ist eine durchaus realistische Perspektive, wenn unsere Argumente für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen nicht verstanden werden.

Danke für das Gespräch.
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