Heft 5-6/2002
November
2002

„...das entscheiden wir alleine!“

Lazy S

Andrea Trumann zeichnet die Bewegungs- und Theoriestränge der neuen deutschen Frauenbewegung seit den 60er Jahren nach, als der berühmte Tomatenwurf gegen einen SDS-Funkti eben diesen Männerverein ein wenig aufschreckte. Abgesehen von ihrer Unter- oder Nicht-Repräsentanz in den institutionellen Gremien und den Entscheidungs-Schlachten der revoltierenden Studenten kritisierten Frauen und die entstehende Bewegung das Postulat bzw. den männlichen Wunschtraum der “sexuellen Befreiung”. “Einerseits enthielt sie ein Glücksversprechen, weil nun auch Frauen ein Orgasmus zugestanden werden sollte, andererseits fühlten sich die Frauen unter Leistungsdruck gesetzt” (41), möglichst früh mit möglichst vielen Männern einzigartige vaginale Orgasmen zu erleben. Vaginale (als echte) wurde gegen klitorale Befriedigung hierarchisiert. Zusätzlich war die Frauensache Verhütung dank Einführung der Pille auch kein allzu großes Problem mehr und somit einem Allzeit-bereit-sex zuträglich. Die Kritik an der scheinbar befreiten aber tatsächlich um nichts weniger männerzentrierten und leistungsbezogenen Sexualitätskonzeption war auch ein Motiv zur Formulierung des Wunsches nach einer spezifisch weiblichen Sexualität, die ein anderes nicht-penetrierendes Lustempfinden in den Vordergrund stellt, den weiblichen Körper des männlichen Zugriffs und der ständigen Zurichtung durch Schönheitsideale und Hormonzufuhr entzieht, und wodurch die alleinige Instanz über die Kontrolle des weiblichen Körpers die Frau selbst wird.

Womit ich auch bei den roten Fäden dieses Einführungsbuches zu feministischer Theorie bin: Trumanns zentrale Diskussionspunkte sind weibliche Selbstbestimmung (über Körper und Leben) und die daraus sich ergebenden Formen der Bevölkerungspolitik, anhand deren sie Theorie und Praxis der Frauenbewegung vom Gleichheits- über den Differenz- bis zum poststrukturalistisch geprägten Feminismus à la Judith Butler analysiert. Schwerpunktmäßig konzentriert sie sich auf die Themenbereiche sexuelle Befreiung, Abtreibungsdebatte, Selbsterfahrungs- und Untersuchungsgruppen, Projektbewegung, Institutionalisierung der Frauenbewegung und den Diskurs um Identitäten. Anhand des sich wandelnden Subjektbegriffs “der Frau” – wahrgenommen und diskursiv verbreitet durch die Frauenbewegung und feministische Theorie, wahrgemacht durch die kapitalistische Vergesellschaftung – zeigt Trumann die ständige Verwobenheit und Interdependenz zwischen fortschreitendem Kapitalismus und der Position(ierung) der Frau in demselben.

Selbstbestimmt – autonom – arbeitsfähig

Ihre Kritik richtet sich gegen den affirmativen, unhinterfragten (bürgerlichen) Subjektbegriff aller Theoriestränge des Feminismus. Es werden immer nur die “positiven Seiten” der Subjektwerdung in den Vordergrund gestellt: der Wunsch nach Handlungsfähigkeit durch die Möglichkeit selbstbestimmt zu entscheiden, Individualität, die Anerkennung von Vernunftfähigkeit, formale Gleichheit vor dem Recht, die Möglichkeit, Verfügungsrechte geltend zu machen usw. Dabei wird nie berücksichtigt, dass dieser Prozess der Subjektwerdung auch die Notwendigkeit zur Unterwerfung unter das herrschende Gesetz und Zurichtung bedeutet. Zwang und Herrschaft gehen in den Prozess der Subjektwerdung mit ein. Der Subjektstatus besteht in seiner Janusköpfigkeit aus Handlungsfähigkeit und Unterwerfung. Die praktische Umsetzung von Emanzipation impliziert ein Arrangement mit den warenförmigen Verhältnissen durch Anpassung und Integration. Über den Gleichheitsfeminismus auf Simone de Beauvoir rekurrierend meint Trumann: “Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie – unhinterfragte Ziele auch der Autonomen Frauenbewegung werden affirmiert und in keiner Weise auf den gesellschaftlichen Zusammenhang bezogen, in dem sie erscheinen (...). Doch diese Freiheit, von der sie spricht und sie idealistisch verherrlicht, ist nichts anderes als die Freiheit entscheiden zu können, an wen der zum Arbeitskraftbehälter reduzierte Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss – oder auf Selbsterhaltung und Existenzsicherung überhaupt zu verzichten.” (65) Das Subjekt begreift de Beauvoir nicht als historisches Produkt bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung, sondern als eine dem Menschen innewohnende natürliche Eigenschaft, dessen Status auch von Frauen zu erkämpfen ist.

Für die Frauenbewegung nach de Beauvoir gilt: “Die ideologische Vorstellung der Frauenbewegung vom autonomen selbstbestimmten Subjekt verschleierte nicht nur diese gesellschaftliche Vermittlung des Einzelnen, sondern stieß zudem einen Prozess der Internalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse mit an: Das Verlangen nach einem spezifischen Verhältnis zu sich selbst, einstmals Vorrecht der Männer, wurde nun von Frauen als ihr ureigenstes Anliegen entdeckt.” (85) Hier drängt sich mir die Vorstellung auf, dass Frauen (idealtypisch) “vor ihrer Selbstfindung” keiner kapitalistischen Vergesellschaftung unterlagen und den Zwang ihrer Lebensverhältnisse nicht internalisierten, sondern draußen, im Bereich der Privatheit, in ihrer “eigenen Welt”, in einem dem männlichen Universum entgegenstehenden Sphäre funktionierten. Aber dieser Gegensatz ist komplementär und ist gleichzeitig auch Teil der kapitalistischen Reproduktion und notwendig. Als bürgerliche Subjekte, rechtlich autonome Staatsbürgerinnen galten Frauen – zumindest bis zur Reform des Eherechts in den 70er Jahren – nicht. Aber trotz des ehemännlichen Verfügungsrechts, das auch die Erlaubnis zur Lohnarbeit der Ehefrau verbriefte, können Frauen nicht außerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Totalität angesiedelt werden. Erstens gab es schon im 19. Jahrhundert lohnarbeitende Frauen und zweitens impliziert kapitalistische Vergesellschaftung ja nicht notwendigerweise das Nachgehen einer Lohnarbeit. Reproduktionstätigkeiten sind genauso essentiell für die Aufrechterhaltung des Systems: Also auch Frauen arbeiteten in ihrer spezifisch kapitalistischen Vergesellschaftung als Reproduktiosverantwortliche am Weiterhanteln der Marktwirtschaft mit.

Außerdem läuft diese Argumentation, Frauen keinen Subjektstatus zuzusprechen, Gefahr, ihre Rolle als Opfer und personell wie systemisch Unterdrückte hervorzuheben. Dann findet mensch sie wieder bei den “unterdrückten Völkern” des Trikonts oder bei ihrer Unschuldigkeit als Mittäterinnen nationalsozialistischer Verbrechen. Wichtig finde ich dabei allerdings die spezifisch “weibliche” Mitarbeit am Status Quo herauszuarbeiten.

„Mein Bauch gehört mir“

Abgesehen von der angestrebten Arbeitsmarktintegration, der Subjektwerdung der Frau durch deren Anerkennung als Staatsbürgerin und Arbeiterin, war die Kontrolle über die eigene Gebärfähigkeit ein wesentlicher Forderungspunkt der neuen Frauenbewegung. “Die Subjektwerdung der Frau hat nicht zu einer Angleichung an die Männer, sondern zu der Entwicklung einer spezifisch weiblichen Subjektivität geführt. Die Frauen richten sich zwar jetzt auch zu Arbeitskraftbehältern her, disziplinieren und kontrollieren aber auch ihre spezifische, als weiblich gedachte Natur – ihre Gebärfähigkeit und zwar im Sinne staatlicher Bevölkerungspolitik”. (11) Das Selbstbestimmungsrecht der Frau, wann und ob sie Kinder gebären und aufziehen will, wird als Möglichkeit zur individuellen autonomen Entscheidung erklärt. Dabei wurde nicht reflektiert, dass es so etwas wie individuelle Entscheidungsfreiheit heutzutage gar nicht geben kann, weil Entscheidungen immer auf Grund von gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen (§144, Kindergeld, Kindergartenplätze) getroffen werden. Die weibliche Selbstbestimmung stellt in diesem Zusammenhang eine “inhaltsleere Form” dar, die der “patriarchalen Fremdbestimmung” entgegengesetzt wird. Trumann behauptet, dass diese staatlich-patriarchale Fremdbestimmung über gesellschaftliche Reproduktion durch individuelle (weibliche) Reproduktionsfähigkeit von den Frauen nur verinnerlicht wurde: “Die Frauenbewegung hat viel dazu beigetragen, dass die bevölkerungspolitischen Ziele des Staates heute nicht mehr repressiv durchgesetzt werden müssen, weil die Frauen selbst sich diese zu eigen gemacht haben: Die Frauen haben die Bevölkerungspolitik in die eigenen Hände genommen.” (12) Sie entscheiden selbstbestimmt, wann sie wie viele Kinder haben wollen, dass sie gesunde Kinder haben wollen und machen somit das gesellschaftlich Erwünschte. Statt Repression wirken nun Kontrollmechanismen (staatliche), die individualisierend wirken und Disziplinierung und Entscheidungsmacht der Frau überantworten.

Feministische Modernisierung des Kapitalismus?

Insgesamt scheint Trumann feministische Theoriebildung als Anpassungsprozess an reale kapitalistische Bedingungen zu begreifen: Die Analysen des Geschlechterverhältnisses sowie Forderungen der Frauenbewegung laufen simultan zur Veränderung von Produktionsbedingungen. Der Gleichheitsfeminismus schreit nach mehr und gleichbezahlter Lohnarbeit für Frauen (immer noch nicht erfüllt), wenn die kapitalistische Reproduktion ohnehin mehr Arbeitskräfte benötigt; der Differenzfeminismus unterstreicht das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihre Reproduktionsfähigkeit, als sich die staatliche Bevölkerungspolitik von einer repressiven in eine mitbestimmende verwandelt; und Judith Butler dekonstruiert Geschlechtsidentitäten und konstruiert die “flexibilisierte Sstaatsbürgerin” (172) mit ihrer Theorie der Performativität neu, während die Gentechnologie auch mit gentechnischen Verfahren an der Entstehung des “perfekten Kindes” bastelt, “das sich im Konkurrenzkampf am besten durchsetzen kann” (171). Auch wenn Trumann im Vorwort verneint, die Frauenbewegung als Modernisierungsbewegung kapitalistischer Verhältnisse zu begreifen, bleibt dieser Eindruck im Verlaufe des Buches bestehen. Das Fehlen der Auseinandersetzung mit staats- und kapitalismuskritischen Theorien durch die Frauenbewegung lässt sie zu folgender Schlussfolgerung kommen: “Nicht zuletzt deshalb war die Frauenbewegung trotz ihres kritischen Potentials nicht mal in der Theoriebildung ein Ort von Emanzipation und Befreiung, sondern affirmierte die gesellschaftlichen Verhältnisse, die sie – vermittelt durch den Druck der Anpassung an die herrschende Ordnung – oft genug sogar zu optimieren half.” (12)

Andrea Trumann
Feministische Theorie
Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus

Schmetterling Verlag
Erschienen in der Reihe theorie.org

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