FORVM, No. 478/479
November
1993

Das Reich der Habsburger

Zwischen Traum und Trauma. Reflexionen eines unheilbaren Wieners anläßlich des Buches von José María Pérez Gay: El imperio perdido (Das verlorene Reich), Mexico 1991.

Wer heute in Wien von der Oper über die Kärntnerstraße zum Stephansdom schlendert, der kann in den Cafés dieser Straße, wie zum Beispiel dem »Europa«, wieder Tschechisch oder Ungarisch am Nebentisch hören, so als ob es die vierzig Jahre, die Ungarn und die Tschechoslowakei durch den Eisernen Vorhang von Österreich getrennt haben, nicht gegeben hätte. Eine longue durée, wie F. Braudel sagen würde, setzt sich in aller Natürlichkeit durch, die schon immer Wien zu einem Zentrum des östlichen Europa hat werden lassen. Dieses »Wien, Wien, nur du allein« eines allzu bekannten Liedes, das die Stadt wieder zum heimlichen Wallfahrtsort aller Osteuropäer werden läßt.

Diese historische Trendumkehr, in der sich der mitteleuropäische Raum befindet, gibt dem Buch von José María Pérez Gay eine unglaubliche Aktualität, weit über das historische Interesse hinaus, das es als Kultur- und Geistesgeschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie im Moment ihres Unterganges für sich beanspruchen könnte. Aber ist das Buch von José María Pérez Gay überhaupt Kultur- und Geistesgeschichte? Ist es nicht vielmehr jener eigentümliche Versuch, in der Lebensgeschichte und dem Werk von vier altösterreichischen Autoren, nämlich Hermann Broch, Robert Musil, Karl Kraus und Joseph Roth, die Spiegelung jenes Untergangs zu rekonstruieren, der Mittel- und Osteuropa seines Schwerpunktes und Zentrums beraubte und so Freunde wie Feinde dieser Monarchie in der totalen Orientierungslosigkeit zurückließ.

José María Pérez Gay rekonstruiert nicht Geschichte, er erzählt Geschichten, so wie Sheherazade in »Tausendundeiner Nacht« Märchen erzählt. Sein Buch schwirrt nur so von Anekdoten, die zu jener Zeit die Kaffeehauswelt Wiens durchgeisterten, und der Leser meint, selbst Zeuge des letzten »chisme« gewesen zu sein, noch so heiß und aktuell wie die frischgebackenen Semmeln des Bäckers aus der Nachbarschaft.

Wer mit der Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie, oder besser gesagt mit der Geschichte des Habsburgerreiches, worauf der österreichisch-amerikanische Kritiker Robert A. Kann insistieren würde, nicht vertraut ist, dem muß jener Untergang und seine Spiegelung in den erwähnten Autoren absurd und unbegreiflich erscheinen. Es ist die Vorgeschichte dieses Reiches, die die Ambivalenz, aber auch die tiefe Trauer seiner Bewohner im Untergang erst begreiflich werden läßt.

Es gibt keine bessere Beschreibung dieser Monarchie in wenigen Sätzen zusammengefaßt, als die Robert Musils im »Mann ohne Eigenschaften«, die José María Pérez Gay zitiert.

Seiner Konstitution nach war der Staat liberal, aber die Regierung war klerikal, aber der Geist des Liberalismus herrschte im ganzen Land. Vor dem Gesetz waren alle Staatsbürger gleich, aber nicht alle waren gleichermaßen Staatsbürger. Es gab ein Parlament, das so exzessiv von seiner Freiheit Gebrauch machte, daß es fast immer geschlossen war, aber es gab ein Gesetz für den Ausnahmezustand und mit seiner Hilfe entkam man allen Peinlichkeiten, wenn das Parlament nicht existierte. Und immer wenn die Konformität mit dem Absolutismus einkehrte, ordnete die Krone an, daß man weiter demokratisch regierte.

Nach diesen Beschreibungen Musils könnte man meinen, daß die Dialektik in Wien erfunden worden wäre, dabei waren es nur die Widersprüche einer langen historischen Regierungszeit der Habsburger, die bei den Untertanen jenes Gefühl von Haß und Ohnmächtigkeit, Sicherheit und Bevormundung, Stolz und Behaglichkeit hervorrief.

Pérez Gay geht auf diese Geschichte nicht ein, er ist kein Historiker, den die lange wirkenden politischen Kraftlinien, ihre Wurzeln und ihre Verknotungen, die Logik ihres Gewebes, interessierten, er beschreibt den Glanz einer Kultur, in dem diese Geschichte noch einmal erstrahlte, bevor sie endgültig unterging. Versuchen wir, die Bühne, auf der die Protagonisten bei Pérez Gay ihren Auftritt haben, historisch auszuleuchten, um zu verstehen, was gespielt wird.

Das Haus Österreich gewann immer dort, wo es nichts zu gewinnen gab und verlor immer dort, wo es alles zu verlieren galt

Wenn man sich die Geschichte des Habsburgerreiches der letzten fünfhundert Jahre näher betrachtet, so war es eigentlich, à la longue gesehen, eine Geschichte von Katastrophen, und den Kaisern und Königen des Hauses Habsburg haftet generell gesprochen eine Mittelmäßigkeit an, die ihresgleichen in anderen europäischen Herrscherhäusern sucht.

Um die Geschichte der Habsburger auf einen Punkt zu bringen:

Das Haus Österreich gewann immer dort, wo es nichts zu gewinnen gab und verlor immer dort, wo es alles zu verlieren galt.

Solche Sätze scheinen zu plakativ, um einem realen historischen Prozeß zu entsprechen, angesichts der scheinbaren Weltgeltung, die die Habsburger vom 16. bis ins 18. Jahrhundert besaßen, sollen aber dennoch aufrechterhalten werden.

Denn nur der Mut zur Plakativität wird uns weiterhelfen, die Geschichte des Hauses Habsburg zu dechiffrieren, eine Geschichte, die mit der Österreichs identisch zu sein scheint. Dem war nicht von allem Anfang an so, denn die Habsburger sind ursprünglich kein österreichisches Geschlecht, sondern entspringen einer eher zweitrangigen schwäbischen Grafenfamilie, die über Besitzungen im Breisgau, Sundgau und in der nördlichen Schweiz verfügte. Damit aber besetzten die Habsburger, deren Stammschloß, die Habichtsburg, an der Achse zwischen Basel und Zürich lag, ein wichtiges Zentrum der Nord-Südverbindung, zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Italien. Zu dieser realen Stärke kamen die verwandtschaftlichen Beziehungen zum lothringischen Herzoghause, welche trotz ihrer Weitschichtigkeit immerhin als Ausgangspunkt für eine rege dynastisch-genealogische Propaganda dienen konnte, worin das Geschlecht seine »erhabene Abkunft« bis zurück in die Merowingerzeit, wenn nicht gar Römerzeit konstruierte (Hödl 1988).

Dieser Mythos erhabener Abstammung verwandelt sich in einen obsessiven Traum, als Rudolf I. zum Kaiser gewählt wird, ein Traum von Weltherrschaft, der immer stärker die Politik der Habsburger, abgehoben von jeder Realität, bestimmt.

Von nun an wird die obsessive Identifikation mit der Kaiserkrone zu einer der Grundkonstanten der habsburgischen Politik, die die totale Allianz mit der Papstkirche ebenso erklärt wie die Fiktion des Primats über alle anderen europäischen Herrscherhäuser. Dabei war es ja eben die relative politisch und ökonomische Schwäche des Hauses Habsburg gewesen, die es den politischen Mächten des zersplitterten sacri imperii ermöglichte, den Habsburgern die Kaiserwürde zuzugestehen. 1278 ist das Jahr, in dem die Habsburger in die Geschichte Österreichs eintreten, als Rudolf von Habsburg dem Przemysliden Ottokar nach dem Sieg bei Lechfeld die österreichischen Erblande und die Steiermark abnimmt und sie zur Basis der habsburgischen Hausmacht macht. Dieser Sieg, der die weitere Entwicklung entscheidend prägen sollte, verschleierte aber, daß die Habsburger einen Weg eingeschlagen hatten, der sie vom Zentrum Europas wegführte hin zur Peripherie, die eine immer stärkere Position im habsburgischen Herrschaftsgefüge einnehmen sollte.

Es war das 14. und 15. Jahrhundert, das die Psychogenese des Hauses Habsburg prägte, jene Affekte, die von nun an seine Politik bestimmen sollten. Politik zwischen Traum und Trauma, könnte man jene zwei Jahrhunderte nennen, in denen sich das habsburgische Politikverständnis entwickelte, von dem sich die casa d’ Austria niemals mehr lösen sollte.

Was aber löste in der habsburgischen Seele jenes Trauma aus, das sie zeit ihrer Geschichte nicht einmal durch Verdrängung bewältigen konnten?

Das Trauma ist der Verlust der zentralen Stammlande mitsamt der namensgebenden Habsburg, jener Hinauswurf aus der angestammten Position durch die neuen Kräfte einer bürgerlichen Ökonomie und Denkungsart, die freilich noch im alpin-bäuerlichen Gewande auftrat. Von diesem schweizer Trauma hat sich das Haus Habsburg nie mehr erholt, ja es scheint, als ob die Züge der späteren Politik nur aus diesem antibürgerlichen Reflex erklärbar wären.

Die Habsburger haben sich seither nie mehr sehr gern nach ihrer Stammburg benannt und empfanden es mitunter als Beleidigung, wenn andere dies taten.

(Hödl 1988, 18)

Die realpolitischen Konsequenzen dieses Ereignisses waren folgenreich. Die erste siegreiche, frühbürgerliche Revolution hatte die Habsburger ihres Zentrums in Europa beraubt, sie an die österreichische Peripherie zurückgeworfen, von der aus sie jahrhundertelang versuchten, wieder eine strategische Position im Zentrum Europas aufzubauen. Es scheint, daß die psychologischen Resultate in der Mentalitätsstruktur der Habsburger nicht weniger schwer wogen. War es nicht so, daß diese territoriale Kränkung zu jener Angst vor Machtpolitik im neuzeitlich-machiavellistischen Sinne führte und sich in einer Überbetonung des legitimistisch-Dynastischen ausdrückte?

Führte nicht jenes Trauma zu der fast reflexhaften Anklammerung an die »alten Mächte«, deren höchstes Symbol die Kirche war?

Sind die Ereignisse von Morgarten und Sempach, Schlachten, in denen die Ritterheere der Habsburger von den eidgenössischen Fußsoldaten vernichtend geschlagen wurden, nicht Ankündigungen dessen, womit sich die Habsburger niemals abfinden werden, nämlich der bürgerlichen Ära?

Die Exklusion aus den Stammlanden, verursacht von den frühbürgerlichen Kräften der Schweiz, ruft bei den Habsburgern jenen antistädtischen, antibürgerlichen Affekt hervor, der für sie bestimmend werden sollte. Ausgeschlossen ist daher jedes Bündnis mit dem Bürgertum, in dem der frühabsolutistische Staat die Zentralisierung der Staatsgewalt erreicht und damit den Vorläufer des Nationalstaates errichtet.

Es ist das Bild des von den Bauern und Bürgern geschändeten Feudalherrn, das die Habsburger zeit ihrer Geschichte verfolgt. Die dynastische Legitimität ist nur unzureichendes Schutzschild vor den Bedrohungen der Zeit, die die christlich-ritterlichen Werte längst hinter sich gelassen hat.

Das »Tu felix Austria nube, alii gerant belli« (Du, glückliches Österreich, heirate und laß die anderen Kriege führen), das heute noch die Kinder in den ersten Klassen der Untermittelschule hören, war nur das Leitmotiv einer Dynastie, die die wahren Formen zeitgemäßer Machtentfaltung nicht begriff oder begreifen konnte. Gottfried Liedl, ein junger österreichischer Philosoph, der an einem Projekt über die Geschichte des österreichischen Intellektuellen arbeitet, hat diese Situation folgendermaßen resümiert:

Habsburgs Politik folgt primär einem dynastisch-familiärpolitischen Kalkül, das noch mittelalterlich feudalen Leitbildern und Idealen angehört und daher mit den neuen bürgerlich-ökonomischen bzw. frühabsolutistischen Kräften im Reich nichts anzufangen weiß. Ihr Leitmotiv ist die »Legitimität« — was sich in der Gleichsetzung von Territorial- mit Heiratspolitik ausdrückt sowie in der Unfähigkeit, einen machtpolitischen Status quo (etwa der geistlichen Fürstentümer im Reich) im Hinblick auf eine gewaltsame Veränderung zu transzendieren.

(Liedl 1988, 2)

Während der französische König sich die umliegenden Feudalherren unterwirft und so einen Prozeß der »konzentrischen Zentralisierung« (P. Anderson) einleitet, der im französischen Nationalstaat endet, fügen die Habsburger ihrer Hausmacht durch Heirat ein Territorium nach dem anderen hinzu, sodaß sich ihre Besitzungen schließlich über ganz Zentraleuropa zerstreut finden. Aber es sind Territorien, die nur durch die Dynastie zusammengehalten werden, Habsburgs Hausmachtpolitik ist keine Durchdringung von Territorien, sondern eine bloße Anhäufung.

Als es Friedrich III. gelingt, die Burgundische Erbfolge zu seinen bzw. seines Sohnes Maximilians Gunsten zu entscheiden, wird ein historischer Augenblick erreicht, in dem es noch einmal so scheint, als ob die »westliche« Option der Habsburger erfolgreich sein könnte, das Zentrum wieder zu besetzen und von daher das Heilige Römische Reich tatsächlich unter einem starken Kaiser zu einen. Aber jetzt macht sich der Verlust der Stammlande schmerzlich bemerkbar, Territorien, die die Verbindung zu den reichen Gebieten Burgunds, Flanderns und Brabants hätten herstellen und einen starken Zusammenhalt der Gebiete hätten bewirken können. Da lagen auch noch die geistlichen Fürstentümer auf dem Weg in die neuen Provinzen und nur ein Konflikt mit der Kirche hätte ihre Einverleibung ermöglicht. Und zuletzt war da noch Bayern, das sich massiv, einem Sperriegel gleich, jeder Verbindung der habsburgischen Territorien widersetzte.

Als dann zuletzt Karl V. aus dynastischer Raison die Niederlande der spanischen Krone zuschlug, war jede Chance vertan, das Zentrum wieder zu besetzen und das Heilige Römische Reich unter der Führung der Habsburger zu einen. Habsburg verliert im Westen ökonomisch hochentwickelte Gebiete und wird immer weiter nach Osten abgedrängt, wo es auf Kosten der Osmanen, die ab dem 17. Jahrhundert im Niedergang begriffen sind, sein Reich erweitert. Damit werden immer mehr slawische Völkerschaften der Monarchie einverleibt, die in Zeiten der Entstehung eines immer stärkeren Nationalismus eine immer entscheidendere Sprengkraft darstellen. Aber auch in ihrer Phase der Abdrängung in den Osten gelingt es den Habsburger nicht, wenigstens hier einen zentralistischen Staat zu errichten. Die österreichische Basis des imperialen Systems war zu schwach, die Machtposition in Böhmen zu gefährdet und der Widerstand der ungarischen Aristokratie zu stark, als daß ein Absolutismus östlichen Charakters entlang der Donau hätte entstehen können. Der Hofburg gelang es aufgrund dieser Gegebenheiten nicht, in ihrem disparaten Vielvölkerstaat einheitliche Herrschaftsstrukturen zu entwickeln, und demzufolge ebenso nicht, ihn mit der in diesem Teil des Kontinents üblichen Härte zu regieren.

Die Träume von Weltgeltung, die durch die Siege in den Türkenkriegen noch einmal geweckt wurden, brachen jäh in sich zusammen, als 1742 das weitaus kleinere, aber militärisch schlagkräftige Preußen das Haus Österreich seiner schlesischen Besitzungen beraubte. Die preußische Eroberung Schlesiens bedeutete für die Habsburger den Verlust seiner wohlhabendsten und industrialisiertesten Provinz in Mitteleuropa, in der Breslau zum bedeutendsten Handelszentrum der alten dynastischen Erblande aufgestiegen war. Das Gesetz der Serie hatte sich wieder einmal bestätigt, Habsburg verlor seine entwickeltsten Gebiete an stärkere europäische Rivalen, während es fast wertlose Gebiete im Osten hinzugewann. Außerdem war das deutsche Element des Reiches weiter geschwächt worden, ohne das es keine Zentralisierung geben konnte. Das bürgerliche Element im Habsburgerreich hatte eine weitere Schwächung erfahren, während die Agrarisierung des Reiches im Osten fortschritt.

»Darfs noch a bisserl restaurativer sein?«

Soweit ein kurzer Abriß über die Verlagerung des Schwerpunktes der Habsburgermonarchie nach Osten, ein Prozeß, der von uns deshalb kurz skizziert wurde, weil er entscheidend die intellektuellen Aktivitäten in den Landen der Habsburger bestimmt. Auch er ist ein Prozeß zwischen Traum und Trauma. Traum, weil er an den katholischen Identifikationsstrukturen der Habsburger teilhat, Trauma, weil die habsburgische Paranoia allem bürgerlichen Denken gegenüber seine Entwicklung limitiert. »Zeige mir, wo du lebst, und ich sage dir, wie du denkst.« Die nach Osten abgedrängte Geographie der habsburgischen Besitzungen verhindert die Okzidentalisierung österreichischen Geistes, die volle Entfaltung jener Strömungen des Rationalismus, die auch im Frankreich der Gegenreformation so selbstverständlich zu finden sind.

Zwar nehmen die habsburgischen Erblande, darunter nicht nur Österreich, sondern auch Böhmen und Mähren an allen intellektuellen Strömungen der neuen europäischen Geschichte teil, aber im Vergleich zu den Ländern des Westens erscheinen diese Bewegungen entstellt, unvollständig, ja manchmal geradezu karikiert.

Und so stellt sich einem unvoreingenommenen Beobachter doch zuallererst die Frage nach den Ursachen der offensichtlichen Verspätung, mit der Österreich auf kulturelle und politische bzw. sozioökonomische Bewegungen reagiert. Und man fühlt sich gedrängt zur Untersuchung der Gründe, warum von diesem östlichen Rand einer vorgeblichen Mitte zwar künstlerische, insbesondere musikalische, aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine im eigentlichen Sinne intellektuellen Impulse ausgegangen sind, wobei wir uns hier hauptsächlich auf Philosophie und Geisteswissenschaften beziehen. Nirgendwo kommt es in Österreich, und zwar in den »stürmischen Jahrhunderten« des Geisteslebens zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert zu wirklich originellen Äußerungen, geschweige denn zu solchen, die im übrigen Europa ein Echo gefunden hätten.

Sind das nicht Fakten, die den Hintergrund bilden für eine immer wieder konstatierte und wohl auch beklagte Provinzialität dieses Teils Europas?

Provinzialität — seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ist im Habsburgerreich die Gegenreformation endemisch, und sie ist die Mittelmäßigkeit per se, da sie keinen ernstzunehmenden Gegner vorfindet. Die Jesuiten bemächtigen sich des geistigen Lebens, besetzen die Universitäten, die Habsburger werden eher überrollt. Ein Kepler kann nur durch den Schutz Rudolfs I. überleben, eine permanente Sicherheit gewinnt er dadurch nicht. Der französische König kontrollierte, indem er sich zum Schiedsrichter im religiösen Bürgerkrieg machte, den Prozeß der Gegenreformation, mit dem Resultat, daß sich innerhalb dieses Prozesses alle Grundlagen für die Aufklärung entwickelten (Kosellek).

Die Habsburger sind Getriebene der Jesuiten und das hat zur Folge, daß selbst die Theorien der Gegenreformation aus Spanien importiert werden. Der Provinz ist jede Theorie suspekt, selbst jene, die sie legitimieren könnte.

Unter den Jesuiten wird das Barocktheater favorisiert, die Schaulust, das emotionale Ergriffensein gefördert, jene scheinbar unmittelbare Sinnlichkeit, die die entschiedenste Gegnerin der »theoretischen Neugierde« (Blumenberg) des aufsteigenden Bürgertums ist. Die Gegenreformation in den österreichischen Landen ist ein einziges Programm zur Verhinderung dieser »theoretischen Neugierde«, die auf Rationalität und Naturbeherrschung abzielt.

Der Geist wird aus den Universitäten vertrieben und findet sein Refugium in der Küche. Die Küche als Refugium des Geistes, man aß sicherlich in keiner Stadt des Heiligen Römischen Reiches so gut wie in Wien oder Prag. Die Kreativität des menschlichen Erfindungsreichtums zieht sich aus der Öffentlichkeit in die Privatsphäre zurück. Das Glück innerhalb der eigenen vier Wände, jene longue durée des österreichischen Geisteslebens, ein Motto, das durch Jahrhunderte bestimmend sein wird.

Das Habsburgerreich wird zum Champion der Gegenreformation und Restauration unter dem Motto: »Darfs noch a bisserl restaurativer sein.« Unter den Auspizien einer nicht vorhandenen Öffentlichkeit entwickelt sich jenes berühmte Wiener Phäakentum, das in deutschen Landen als Kunst des Wiener Lebensstils gepriesen wird.

Nach einer nicht vorhandenen Aufklärung, geschweige denn Revolution, restauriert Österreich seine eigene Restauration und findet hierin in Metternich die Genialität, die ihm auf anderen Gebieten nicht zuzusprechen ist. In Kaiser Franz I. erreicht die Mittelmäßigkeit der Habsburger ihren vorläufigen Höhepunkt, der einige Jahrzehnte später nur durch Kaiser Franz Joseph übertroffen werden sollte.

Während in den deutschen Landen die theoretische Aufarbeitung der Französischen Revolution durch Kant, Fichte und Hegel, also im Deutschen Idealismus, ihren Höhepunkt erreicht und eine Theorie bürgerlicher Hegemonie erarbeitet wird, hinter die es kein theoretisches Zurück mehr gibt, widmet sich in Wien Adam Müller einer organischen Staatstheorie, die noch immer die uneingeschränkten Privilegien des Adels organizistisch verbrämt. Das Fichtesche Ich, das sich selbst setzt, war Kernstück einer bürgerlichen Weltauslegung, die durch Bildung und Arbeit die Natur erkannte und seine eigene Gesellschaft schuf. Es war ein prototypischer Begriff für jene »theoretische Neugierde«, die Goethe im »Faust« als Merkmal des abendländischen Menschen überhaupt verewigt hat.

Und die Geschichte erzählt von einem Versuch, das Kantische System in Österreichs pädagogischer Provinz einzuschleusen. Unter dem Vorwand, da die gesellschaftliche Krise ohnehin schon so weit offenkundig sei, daß sie von niemandem mehr geleugnet werden könne, könnte man sich nun ruhig der Kritik stellen. Dieses Argument, von österreichischen Pädagogen im Anschluß an Kant verwendet, um dessen System in Österreichs Schulen einzuführen, stößt unmittelbar auf den brüsken Widerstand des Kaisers Franz I.

Der Kaiser ist ganz dagegen eingenommen, und da ihm der Direktor der Schulen und Studien in Wien, Herr von Birkenstock, das kritische System anpries, so drehte sich der Kaiser herum und sagte: »Ich will ein für allemal von diesem gefährlichen System nichts wissen«.

(Briefe an Kant: Conrad Stang, Brief vom 2. Oktober 1796)

In dieser symbolischen Abkehrung des Kaisers drückt sich das Verhältnis von Macht zur Intellektualität in der österreichischen Tradition aus. Die körperliche Drehung des Souveräns ist zugleich intellektuell hilflos wie praktisch schlau und zeigt die notorische Sprachlosigkeit, mit der in Österreich auf einen intellektuell vorgetragenen Angriff einzig reagiert werden kann.

Nicht zufällig favorisieren die Herrschenden das österreichische »Phäakentum«. Denn nur die politisch-ökonomische Wende eines Glückstrebens, das sich im Intellekt selbst als praktisch befriedigte Neugierde erfüllt, macht den Intellektuellen zum enfant terrible, zum Feind der Herrschenden. Zum Feind der Herrschenden wird der Intellektuelle nicht als Stellvertreter des Volkes, sondern schlicht seiner selbst.

Die Restaurationsperiode ist eine einzige Züchtigung des intellektuellen Geistes und schafft jenen Habitus des österreichischen Intellektuellen, der im vorauseilenden Gehorsam die Wünsche seines Herrn erraten will. Die Haltung eines Giordano Bruno ist in Österreichs Landen unbekannt, eher entspricht da schon dem österreichischen Charakter Galileo Galilei, der ım Vertrauen darauf, daß die Wahrheit keiner Blutzeugen bedarf, mit gutem Gewissen seine Theorien widerruft.

Aber vielleicht wäre selbst ein Galilei für den österreichischen Geist jener Epoche schon eine Zumutung, der österreichische Intellektuelle widerruft seine Theorien, ehe er sie noch formuliert hat. Die Zensur der Restauration wird in österreichischen Landen verinnerlicht und führt zu einer Blockade des Intellekts, von der es allen Anschein hat, als ob sie vom Intellektuellen selbst gewollt würde. Die Selbstkastration im Austausch für eine Beamtenstelle auf Lebenszeit, die Universitätsprofessur als Lohn für permanent geübte Anpassung, diese Verhaltensweisen haben in Österreich Tradition.

Selbst ein so bedeutender romantischer Philosoph wie Friedrich Schlegel, der die Erneuerung Europas in einer Rekatholisierung sah und eine Zeitlang in der Staatskanzlei Metternichs angestellt war, verließ angesichts einer Politik, die aus bloßen Rankünen und Hofintrigen bestand, fluchtartig Wien.

Das Jahr 1848 verwandelt die bürgerliche Revolution in ein gesamteuropäisches Ereignis, diesmal ist es nicht der Versuch, die Revolution zu exportieren wie nach 1789, sondern es sind nationale bürgerliche Elemente, die in Deutschland, Österreich und anderen Teilen Europas die Revolution wagen. Die blutige Niederschlagung der Bewegung in Wien, die ohnehin hauptsächlich von den freien Berufen und den Studenten in Ermangelung eines starken Bürgertums getragen wird, verstärkt nur die Tendenzen österreichischen Geisteslebens in Hinblick auf Anpassung und Kadavergehorsam. Es ist nur eine weitere Niederlage bürgerlichen Freiheitsstrebens, die in der österreichischen Kultur die endgültige Trennung von Politik und Intellektualität bedeutet. Im Reich der Habsburger sind die Intellektuellen nun eben einmal keine Politiker und die Politiker keine Intellektuellen, so etwas hat die Politik nicht nötig.

Vor diesem Hintergrund, der Atmosphäre des Nachmärzes und der Biedermeierzeit, in der sich jedes geistige Leben in die Privatheit zurückzieht, muß man jenes fin de siècle der österreichischen Literatur und Kunst sehen, die Österreich Weltgeltung eingebracht hat.

Die Erfahrungen einer entpolitisierten Bürgerlichkeit sind es, die sowohl Broch wie Musil, Schnitzler wie Hofmannsthal geprägt haben. Für Kraus und Roth liegen die Dinge etwas anders. Die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen kann sich nur im Versteckspiel mit der Zensur entwickeln und so wird die Satire, die so meisterhaft von Johann Nestroy angewandt wird und in deren Tradition auch Karl Kraus steht, zum Ventil, um den kleinbürgerlichen Charakter des Regimes zu verspotten. Spott und Zynismus, das sind die einzigen Ausdrucksmöglichkeiten eines Geistes, der sich aus der öffentlichen Sphäre verdrängt sieht. Das bürgerliche, selbstbewußte »Ich« war in Österreich vernichtet worden, ehe es sich konstituiert hatte. Philosophisches Denken, das in der Offentlichkeit keinen Ausdruck finden konnte, fand seine Zuflucht in der Literatur.

»Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist.«

Wir sind jetzt wieder beim Ausgangspunkt unserer Betrachtung angelangt, beim Buch von José María Pérez Gay und seinem Versuch, den Untergang des Imperiums im Werk von Autoren nachzuvollziehen, die großteils fast Philosophen sind. Kann man nach unserer Beschreibung das Buch von José María Pérez Gay besser verstehen?

Der Kaiser Franz Josef erfand sich eine Ersatzbourgeoisie, die Juden. Sie, die immer schon im Handel tätig gewesen waren, bauten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die mährische Textilindustrie und die verarbeitende Industrie rund um Wien auf, sie gründeten Handelsniederlassungen und stellten einen Gutteil der bürgerlichen Intelligenz. Politisch durch ihre religiöse Sonderstellung leicht kontrollierbar, stellten sie eine Schicht dar, die dem Kaiser auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war und sich keine politischen Alleingänge leisten konnte. Das radikale bürgerliche »Ich« konnte sich so durch sie gerade nicht ausdrücken. Die Intelligenzia des ausgehenden Habsburgerreiches bestand, obwohl der jüdische Bevölkerungsanteil in der Monarchie nur 4 Prozent betrug, zum Großteil aus Juden. Die antikapitalistischen und antiintellektualistischen Gefühle breiter Volksmassen ließen sich so leicht kanalisieren, im Antisemitismus.

Es ist sicherlich ein Paradox österreichischer literarischer Entwicklung, daß gerade in der großen Literatur der Jahrhundertwende und danach die durch das System auferlegten Zwänge dialektisch auf die Spitze getrieben werden. Der Zerfall des Ichs wird zum Ausgangspunkt der Reflexion und erreicht damit eine theoretische Intensität, die von vielen als die Vorwegnahme des Postmodernismus interpretiert wird. José María Pérez Gay zeigt in seinem Buch die ganze Dichte jener Zeit, die sich ja in Österreich nie in ihrer politischen Form entwickelt hatte, und wie dieser Untergang prototypisch für ganz Europa steht. Die Auflösung der Bürgerlichkeit und der allgemeingültigen Werte im Werk von Broch und Musil, das ist sicher einer der Hauptpunkte des Buches von José María Pérez Gay.

Die große österreichische Literatur entsteht in dem Augenblick, als der aus Politik und Öffentlichkeit ausgeschlossene Intellektuelle diese Demütigung in Stärke verwandelt. Denn es ist eine Demütigung, die befreit, der Autor, der nur seinem Werk verantwortlich ist, der Jahre unter Ausschluß der Öffentlichkeit monomanisch dafür selbst seine Gesundheit opfert, das ist typisch für die Haltung innerhalb der österreichischen Literatur.

Daraus erklärt sich aber auch eine apolitische Haltung der österreichischen Literaten, ein radikales Unverständnis für Politik, das sie das Phänomen Hitler nicht adäquat verstehen läßt. Für viele von ihnen ist die Weltliteratur und ihre Literatur ihre Welt. Die von Pérez Gay zitierte Haltung Musils auf dem Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur im Paris des Jahres 1935 ist dafür symptomatisch:

Das was ich hier und über das Thema sagen kann, hat einen apolitischen Charakter. Immer schon habe ich mich der Politik ferngehalten, weil ich dafür kein Talent habe. Ich habe niemals verstanden und werde es wohl auch nie verstehen, daß die Politik etwas ist, das uns alle angeht. ... Die Politiker sind daran gewöhnt, in der Kultur die Beute ihrer Aktivität zu sehen, so wie die Krieger früher die Frauen. Die Abneigung, die wir gegen den autoritären Staat, sei es den sowjetischen oder den faschistischen hegen, verdankt sich dem Umstand, daß wir uns an die parlamentarische Demokratie gewöhnt haben, so wie man sich an ein abgetragenes, aber angenehmes Gewand gewöhnt hat. Man muß die Kultur mit apolitischen Mitteln verteidigen, jede Kulturpolitik wird sonst von einem Mißerfolg gekrönt sein.

So sprach einer der größten Romanciers Österreichs, einer, dem die österreichische Tradition die Politik schon vor seiner Geburt ausgetrieben hatte. Das »Idiotische« im griechischen Sinne der großen österreichischen Literatur lag eben darin, ungerührt von der Weltlage, in der Rasumofskygasse oder auch in Bad Ischl große Literatur zu schreiben. Während Max Horkheimer 1932, also noch vor Hitlers Machtergreifung, das Vermögen des Instituts für Sozialforschung ins Ausland transferierte, konnte sich Egon Fridell, der große österreichische Kulturhistoriker, am Tag des Einmarsches der Nazis nur mehr durch den Sprung in den Tod der Verhaftung durch die Gestapo entziehen. Er hatte in typisch österreichischer Tradition geglaubt, daß die Assimilation an die herrschenden Verhältnisse auch im Österreich der Nazis zum Überleben reichen würde.

Nach dem Tod des großen Über-Vaters, des Kaisers Franz Josef, der 68 Jahre, länger als je ein Monarch vor oder nach ihm die Geschicke seines Reiches gelenkt hatte, zeigte sich nur allzu deutlich, daß alle Assimilationsversuche der jüdischen Bourgeoisie und Intelligenz nichts gefruchtet hatten. Der Antisemitismus der Massen, die viel mehr mit antikapitalistischem Ressentiment, denn mit religiösem Haß zu tun hatte, traf die jüdische Minorität völlig unvorbereitet, sie war ja ein Teil der Kultur des Landes geworden, in dem sie lebte.

Dieses »Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist«, jene Verse, die Friedrich II. im 15. Jahrhundert in sein Tagebuch geschrieben hatte und die fast zum Leitmotiv österreichischen Charakters geworden sind, erwiesen sich als Falle, aus dem es für Tausende kein Entrinnen gab. Wo anders als in Wien hätte die Verdrängung erfunden werden können, wo anders die Bedrängung des »Ich« von zwei Fronten, vom kaiserlichen »Über-Ich« und vom »Es«, dem man hierzulande allerdings einen größeren Spielraum einräumte als im protestantischen Norden. Dieses von der Irrationalität, von der Begierde permanent bedrohte »Ich«, das sich in einem ständigen Belagerungszustand befindet, war die Verarbeitung eines guten Stückes österreichischer Geschichte der letzten 200 Jahre.

Dieses von zwei Seiten in die Zange genommene »Ich«, das zwischen Manie und Depression, Größenwahn und Selbstvernichtung schwankt, ist es nicht das »Ich« Brochs und Musils? Wenn die Freudsche Psychoanalyse die Wendung in die Welt der Neurosen vollzieht, von denen der einzelne zwar nicht geheilt wird, deren Aufarbeitung aber ein enormes Befreiungspotential enthält, so ist die Wendung von Broch und Musil in die Literatur ein Selbstheilungsprogramm gegenüber einer Zeit und Welt, die nicht im Belieben des einzelnen steht. Ich meine, daß José María Pérez Gay im »Imperio perdito« diesen Punkt als entscheidend für die beiden angesehen hat. Über Musil schreibt er:

Seine Arroganz basierte auf einer anderen Sicherheit: Musil glaubte der einzige Schriftsteller zu sein, der das Imperium mittels eines Romans wieder aufleben lassen konnte. Wer hätte sich auf ein ähnliches Unternehmen eingelassen? Niemand hat, und das ist der Schluß, zu dem Elias Canetti kommt, zurückweisen können, daß Musil dieses untergegangene Österreich war und daß niemand es mehr war, und mit dieser Sicherheit eroberte er das Recht, über Österreich zu schreiben, als ob er über sich selbst schriebe.

»Denn nur als ästhetisches Phänomen kann die Welt gerechtfertigt werden», dieser Aphorismus Nietzsches hat für viele Schriftsteller des Wiener fin de siècle Gültigkeit, für niemanden aber so sehr wie für Broch oder Musil. Da die bürgerlichen Illusionen eines »Ich«, das weltverändernd wirken könnte, längst ausgetrieben sind, ist das einzige, worauf dieses »Ich« noch Einfluß hat, die Schaffung und Wiederschaffung der Welt in der Literatur. Hier ist jedes Wort vom Autor abhängig, er kann schaffen und vernichten nach Belieben, Literatur ist die Welt der Möglichkeiten. »Der Tod des Vergil« Brochs ist der Versuch der Rekonstruktion von Totalitäten, der obsessive Wunsch, alles, was gesagt werden kann, zu sagen:

Ich wollte alles festhalten. Alles, was geschah und was geschieht. Ich konnte es nicht.

— Du hast es erreicht Vergil.

— Nein, der Hunger nach Wissen hat mich verschlungen ... Deshalb wollte ich alles schreiben. Das ist Literatur. Ich wollte alles festhalten. Das ist die Ungeduld des Wissens. Das ist der Sinn der Literatur, niemand kann weiter gehen.

Das radikale Aufgehen des Individuums in seinem Werk, das ist das Geheimnis der Literatur, die inmitten und nach der Krise des Habsburgerreiches geschrieben wird. Es gibt etwas, das geschrieben werden muß, es ist, als ob das »Es« diese Werke schreiben würde. Zeugnisse der Zeit, des Untergangs und als ob sich ein Weltgeist dieser Individuen bedienen würde. Es ist eine trotzige Intellektualität, die in und doch über ihrer Zeit steht. Gleich Nietzsche affirmiert Musil: »Ich schreibe für Leser, die noch nicht einmal geboren sind.« Dieses »Ich«, das in der Geschichte Österreichs so gedemütigt worden war, hatte sich in sich selbst eingeschlossen und Österreichs Literatur seine größten Romane beschert.

Und Karl Kraus? Brecht läßt in den »Geschichten von Herrn Keuner« diesen folgendes sagen:

Herrn Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen: »Ich bin ein Gegner der Zeitungen«, sagte Herr Wirr, »Ich will keine Zeitungen«. Herr Keuner sagte: »Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen, ich will andere Zeitungen.« ... Herr Wirr hielt den Menschen für hoch und die Zeitungen für unverbesserbar, Herr Keuner hingegen hielt den Menschen für niedrig und die Zeitungen für verbesserbar. »Alles kann besser werden«, sagte Herr Keuner, »außer dem Menschen«. (78)

Auf wen würden diese Sätze besser zutreffen, als auf Karl Kraus, jenem unbestechlichen Kritiker der »Journaille«, wie er sie nannte, die er zum Zerplatzen brachte, indem er ihr den Spiegel vorhielt. Durch weit über dreißig Jahre formte Kraus mit seiner Publikation »Die Fackel« in Wien eine Gegenöffentlichkeit, die fast ausschließlich durch seine Sprachkritik gekennzeichnet war. Aber dennoch war die Kraussche Sprachkritik in ihrer Radikalität einer sozialen Kritik der Gegebenheiten oft bei weitem überlegen. Wie für Wittgenstein waren für Kraus die »Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt« und keine journalistische Niederträchtigkeit entkam dem Auge jenes Richters, der nur die Wörter richtig pronounciert wiederholen mußte, um die Urheber zu entlarven.

In seiner Autobiographie »Die Fackel im Ohr« erinnert sich Canetti dieser unvergleichlichen Fähigkeit von Karl Kraus:

Daß man mit den Worten anderer alles machen kann, erfuhr ich von Karl Kraus. Er operierte mit dem, was er las, auf atemberaubende Weise. Er war ein Meister darin, Menschen in ihren eigenen Worten zu verklagen. Das bedeutete nicht, daß er ihnen dann seine Anklage in seinen ausdrücklichen Worten ersparte, er lieferte beides und erdrückte jeden.

Kraus repräsentierte ein heroisches »Ich«, das in der Rolle des Einzelkämpfers im Namen einer Moral der Unbestechlichkeit die herrschende Korruption und Gedankenlosigkeit vor seinen Richtstuhl zerrte. »Die Fackel«, die zu einer Institution im Wiener Geistesleben wurde, editierte er allein und er schrieb ein Drama »Die letzten Tage der Menschheit«, in dem er die Greuel und die Dummheit des Krieges persiflierte.

»Die letzten Tage der Menschheit« sind der Erste Weltkrieg als Drama, das die traditionelle dramatische Form sprengt und das sich über Zitate, über das, was wirklich gesprochen wurde, dramatisch zusammensetzt. Jede Sprache, jede Sprechweise hat ihre eigene Dramaturgie, ein eigenes Gesetz, das gerade gegen den Willen der Sprechenden verrät, was er wirklich sagt, wenn er auch etwas anderes meint. In den »Letzten Tagen der Menschheit« treten hunderte Sprechweisen auf, gefärbt durch die verschiedenen Dialekte, was dazu führt, daß das Stück eigentlich nur in Wien richtig verstanden werden kann. Während in Wien fast jeder Mittelschüler einige Szenen aus diesem Drama auswendig kann, ist es schon in Deutschland fast unverständlich, geschweige denn in einer anderen Sprache, was dazu geführt hat, daß Kraus außerhalb des deutschen Sprachraumes praktisch unbekannt ist. Kraus repräsentierte aber, trotz der Wut, die er bei seinen Gegnern hervorrief, doch ein Stück jener Wiener Seele, die ihn bis heute unvergessen gemacht hat. In den »Letzten Tagen der Menschheit« hatte er sich eine Rolle selbst zugedacht, die des Nörglers. Der Nörgler ist der einzige, der gegen den kollektiven Wahn und seine Verzierungen durch die »Ingenieure der Lüge« die Wahrheit sagt. Aber der Nörgler ist in Wien eine respektierte Figur, und ihr verzeiht man auch den Spott und die Satire, mit der sie die Stadt bedeckt. Kraus war sicher der politischste von den im Buch von José María Pérez Gay beschriebenen Autoren, was ihn jedoch nicht daran hinderte, zur Verteidigung von Dollfuß, dem Kanzler des faschistischen Ständestaates, anzutreten. Für Kraus war Hitler das größte Übel und darin sollte er wohl recht behalten.

José María Pérez Gay beschließt mit Joseph Roth und in einem Epilog mit Elias Canetti den Reigen der österreichischen Autoren, in denen sich das Drama des Untergangs der Habsburgermonarchie spiegelt. Im Falle von Joseph Roth erhebt sich für uns allerdings die Frage, besitzt Roth jenes Format, reflektiert sich in seinen Werken wirklich die ganze Dramatik des Untergangs eines »Ich«, das Epoche gemacht hat? Ist es im Falle Roths nicht sein ganz persönliches Schicksal, das nur am Rande in den Untergang einer Epoche verwoben ist? Das sind Fragen, die einem Leser im letzten Abschnitt kommen könnten.

José María Pérez Gay gelingt es im »Imperio perdito«, jenes fin de siècle Wiens wieder zum Leben zu erwecken, jene Welt der Cafes, die Epoche gemacht hat. Über Anekdoten beleuchtet er einen kleinen Kosmos, der von einem regen Geistesleben geprägt war, der eine eigene Öffentlichkeit im Moment des Untergangs der Monarchie und nachher darstellte. Über die Biographien und das Lebenswerk der einzelnen Autoren eine ganze Epoche des Geistes nachzuzeichnen, stellt einen faszinierenden Versuch dar, fast ein neues Genre des Essays zu begründen. In diesem Versuch betritt José María Pérez Gay Neuland, weil er sich an eine Totalität der Beschreibung heranwagt, an etwas, das eigentlich nie zur Gänze beschrieben werden kann.

Literatur:

  • R. Kosellek, Kritik und Krise, Frankfurt/Main 1976
  • P. Anderson, El Estado Absolutista, Mexico 1976
  • H. Blumenberg, Der Prozeß der theoretischen Neugierde, Frankurt/Main 1976
  • B. Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner, Frankfurt/Main 1972
  • R.A. Kann, Geschichte des Habsburgerreiches, Wien 1982
  • G. Liedl, Materialien und Überlegungen zur Mentalitas Austriaca, unveröffentlichtes Manuskript, Wien 1989
  • G. Liedl, Methodische Vorüberlegungen: Intellektualität — Österreich, unveröffentlichtes Manuskript, Wien 1989
  • G. Hödl, Habsburg und Österreich 1273-1493, Wien 1988
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