MOZ, Nummer 58
Dezember
1990
Schwerpunkt Museum:

Das Zeitphänomen des Bewahrens

Vorkehrungen für die Zeit nach der großen Katastrophe und se­lige Erinnerung an vergangene Zeiten scheinen die Gegenwart außer Kraft gesetzt zu haben. Museen, Archive und Erhaltungs­einrichtungen aller Arten erleben einen Boom sondergleichen. Leben wir in einer „versteinerten Kultur"?

Bemalter Schädel aus Hallstadt, Biedermeierzeit
Foto: Naturhistorisches Museum

Museum — als Kind ging ich nicht gerne an einen solchen Ort, mit dem ich entweder überheizte oder von kalter Zugluft durchwehte Räume verband, aufmerksames So-tun-als-ob-es-mich-interessierte, nicht zu reden vom Flüstergebot und den Verkrampfungszuständen des Stützapparates, hervorgerufen durch steifes Stillstehen oder gemessenes Abschreiten der Ausstellungsquadratur. Das Außer-Zeit-Gesetzte erforderte gesetztes Benehmen, und auch die Zeit schien immer stillgestanden zu haben, wenn ich auf meiner ersten Armbanduhr den Zeigerlauf verfolgte.
Nicht zufällig hatten die ersten verordneten Schulausflüge das Bezirks-Heimat-Museum zum Ziel, in Floridsdorf, wo die Rauchkuchl installiert war, jedoch eine Arbeiter-Bewegung nicht vorkam. Ist doch nach der offiziellen Definition des ICOM, des „International Council of Museums“, ein Museum ein Konservierungs- und Ausstellungsort von Relikten früherer Epochen unserer kulturellen Evolution.

Je rascher sich allerdings die Zivilisation evolutionär ändert, umso schneller werden jene Zivilisationselemente als veraltet ausselektiert, die gerade eben noch gegenwärtige Neuheit symbolisierten. Als Symbol gelten sie noch immer, jedoch als Symbol von gestern, von einem Gestern, das rosige Beruhigung ausstrahlt.
Museum und Geschichte — wäre das eine ohne das andere zu denken? Bis es zur Ausformulierung des Begriffes der „Geschichte von unten“ kam, bestimmten die schriftlichen und gegenständlichen Überlieferungen der Herrschenden das Wissen um die Vergangenheit. Arbeiter- und Frauenbewegung rückten das Ungeschriebene, das Gelebte in den Mittelpunkt der Auffindung ihrer spezifischen Vorgeschichte, um ihr Stimmund Existenzrecht zu untermauern, um Selbst-Bewußtsein zu gewinnen.
Mittlerweile scheint es allen menschlichen Lebewesen an eben diesem Zustand zu mangeln. Angesichts der flüchtigen, im „Zeitalter der Geschwindigkeit“ kaum mehr bewußt erfahrbaren Gegenwart, angesichts der nicht mehr ungewissen, sondern gewiß bedrohlichen Zukunft wird das eben noch heute Gewesene zum zentralen Thema — und rückerinnert. Die Angst vor dem Verschwinden prägt die Kultur des Augenblicks, in der alles katalogisiert, archiviert wird, was demnächst schon nicht mehr sein könnte.

So dient die nunmehr faßliche nahe Vergangenheit als verortete Orientierungshilfe, sozusagen als Haltegriff, um mit den Unsicherheiten der Gegenwart leben zu können.

Leben beinhaltet natürlich auch soziale Zusammenhänge, und so erstaunt es nicht, daß auch jene dem Erhaltungsdrang unterliegen, wie zum Beispiel die versuchte Festschreibung von Ehe und Familie in der Verfassung zeigt. Konservieren und konservativ haben nicht nur zufällig den gleichen Wortstamm.

Zukunftsorientiertes Denken ist überschattet von der drohenden Zerstörung des menschlichen Lebensraumes, von Treibhauseffekt und Ozonloch, vom atomaren Supergau, von Umweltverschmutzung und von der Angst vor einem Dritten Weltkrieg, den der sogenannte Golfkonflikt in Aussicht stellt.

Das Museum bloß als Aufbewahrungsort von Kulturgegenständen aus fern zurückliegenden Epochen hat also ausgedient, ohne daß es als Institution abgelöst wäre. Ganz im Gegenteil hat es eine umfassende Erweiterung erfahren und die Begrifflichkeit für das Zeitphänomen des Bewahrens geprägt: Musealisierung.

Ganze Landschaftsstriche werden als Nationalparks und Forschungsreservate eingerichtet, kulturelle Nutznießer sind nur mehr die Wissenschafter, im Dienste der Menschheit natürlich. In den Zoos wird vermehrt Augenmerk darauf gelegt, die letzten erhaltenen Exemplare einer Spezies artgerecht zu halten, damit sie noch rechtzeitig als Gen-Reserve Eingang in die Labors finden können, denn die „freie Wildbahn“ ist nicht mehr.

Die Wissenschaft hat sich den veränderten Bedingungen angepaßt: Geforscht wird, um die Katastrophe vorweg zu nehmen, erbbiologische Untersuchungen im Rahmen der Gentechnologie sollen den Menschen für die nachkatastrophische Zeit rüsten. „Fehler“ der Erbmasse sollen behebbar sein, die biologische Fortpflanzung scheint zu riskant und wird zunehmend durch künstliche Verfahren ersetzt.

Der Mann als Maß aller Dinge wird zum Spielball seiner Vermessenheit.

Um die Welt wieder ins Lot zu richten, kommt der Musealisierung der Alltagswelt tragende Bedeutung zu. „Die Restaurierung ganzer Innenstädte, das systematische Zusammentragen und Ausstellen aller kulturellen Bestandteile setzt unbestreitbar die radikale und umfassende Vergegenständlichung der lebendigen Kulturformen voraus“, meint der französische Philosoph Henri Pierre Jeudy und redet von einer „Versteinerung der Kultur“.

Anthropologie und Gentechnologie

Das Erbe wird scheinbar bewahrt jedoch wofür?

In diesem komplexen Spannungsfeld ist auch eine kleine Ausstellung im Naturhistorischen Museum in Wien anzusiedeln. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Anthropologie werden durch die räumliche Verortung der Installation „DNS — Molekül des Lebens?“ im Rassesaal des Museums angesprochen. Denn Wiens Anthropologische Abteilung ist auf makabre Weise mit der gentechnischen Forschung verbunden.

Die Künstlerin Lorenza Eppacher vergrößerte die Abbildung einer DNS-Spirale ins Zig-Tausendfache und befestigte die überdimensionalen Punktwolken über den Totenschädel-Schaukästen, die der Veranschaulichung des rassischen Unterschiedes dienen sollen. Lisbeth N. Trallori wies in ihrem Vortrag „Das Leben — ein Molekül“ anläßlich der Eröffnung auf die Querverbindungen zwischen Rassentheorie und Gentechnologie hin. Hier dienen äußere sogenannte Rassemerkmale für Auslese und Ausmerze, dort Abweichungen von der Genstruktur. Der einzige Unterschied liegt in der sinnlich nicht erfaßbaren Winzigkeit der DNS-Spirale, die nur mittels hochtechnologischer Einrichtungen dechiffriert werden kann.

Die anthropologische Abteilung wurde noch unter Kaiser Franz Josef gegründet. Aus dieser Zeit soll auch der ausgestopfte männliche „Neger“ stammen, der, hartnäckigen Gerüchten zufolge, nun in die Kellerräume des Museums verbannt ist.

Die Abteilung umfaßt heute folgende Sammlungen:

  • die Osteologische Sammlung mit ca. 25.000 Skeletten aus der Zeit des Jungpaläolithikums (ca. 30.000 Jahre) bis zur Gegewart;
  • die somatologische Sammlung mit Individualdaten, Haarproben und ähnlichem von über 800 Angehörigen verschiedener Völker und Rassen;
  • die erbbiologische Sammlung: Hier befinden sich die Befunde aus Vaterschaftsgutachten, d.h. normale menschliche (männliche!) Erbmerkmale von ca. 30.000 Österreichern;
  • die anthropologisch-erbbiologische Begutachtungsstelle, die sich mit der Erstellung von Vaterschaftsgutachten für die österreichischen Gerichte befaßt und
  • das humangenetische Informationszentrum, das hauptsächlich auf Anfragen in- und ausländischer medizinischer und anthropologischer Institute über die Verteilung normaler menschlicher Erbmerkmale in der österreichischen Durchschnittsbevölkerung Auskunft erteilt.

Über jenes Zentrum steht im Museumsführer aus dem Jahr 1978 folgender Text: „Im Naturhistorischen Museum in Wien wurde im Jahr 1976 ein humangenetisches Informationszentrum gegründet, das sich mit der Erfassung von Individualdaten normaler menschlicher Erbmerkmale von 30.000 Österreichern befaßt. Nach der datenmäßigen Erfassung wird die österreichische Bevölkerung in ihrem derzeitigen Erscheinungsbild wissenschaftlich erfaßt sein. Damit erbringt Österreich in der Gegenwart einen Beitrag zur Darstellung seiner Bevölkerung im Lichte der Rassenkunde.“

Die immer wiederkehrende Zahl der Dreißigtausend stimmt bedenklich: Werden hier die Materialien zum Vaterschaftsnachweis zu Forschungszwecken verwendet, an internationale medizinische und anthropologische Stellen weitergegeben? Das Informationsbedürfnis in diesen Fragen scheint von zuständigen Stellen nicht besonders ausgeprägt zu sein — niemand will etwas wissen.

Aus der Biographie eines österreichischen Anthropologen:

Einer der letzten Leiter der Anthropologischen Abteilung, Johann Jungwirth, der diese Position von 1965 bis 1974 innehatte, schien sich als Deutschstämmiger besonders für diese Aufgabe zu eignen.

Aus seiner Biographie, ebenfalls im Museumsführer erschienen: „Väterlicherseits deutsche Kleinbauernfamilie, mütterlicherseits deutsche Bürgerfamilie ... 1940 Kriegsfreiwilliger der deutschen Wehrmacht ... 1942 diverse Verdienstkreuze und Auszeichnungen, Universitätsassistenz, 1943 Dozent des Reichsstudentenwerkes.“ Der Berufung konnte er allerdings nicht folgen, da er Dienst an der Waffe leistete. Seiner Profession als Anthropologe ging er wieder ab 1959 nach: als gerichtlich beeideter Sachverständiger für menschliche Erbbiologie beim Landesgericht Eisenstadt. 1965 avancierte er zum Regierungsrat, um anschließend die Leitung der Anthropologischen Abteilung zu übernehmen. „Im Herbst 1967 und 1968 nahm er an Ausgrabungen in Tell Dab’a in Unterägypten teil. Die wertvollen Skelette aus diesen Grabungen sind Bestandteil der Osteologischen Sammlung.“

Herr Jungwirth gründete im gleichen Jahr die Erbbiologische Begutachtungsstelle seiner Abteilung und 1974 die humangenetische Familienberatungsstelle.
Während seiner Wirkungszeit war der Rassesaal allerdings geschlossen. Sein Nachfolger Szilvássy sah es als vordringliche Aufgabe an, die zwanzig Jahre versperrte Schausammlung „den Anforderungen, die an ein modernes wissenschaftliches Institut gestellt werden, anzupassen, um Mißverständnisse zwischen den einzelnen Völkern abzubauen“. Jungwirth dürfte dies aus mehr als nur finanziellen Gründen nicht möglich gewesen sein.

Das Naturhistorische Museum in Wien scheint die Österreich-spezifische Ausformung des „Umfassenden Museums“ zu sein. Alles hat (seinen) Platz: die Sonderausstellungen zu Dinosauriern und Ozonloch, der Kindersaal und das humangenetische Informationszentrum unter einem Dach — wo sonst gibt’s diese Vielfalt?

Zum Thema Museum finden Sie in diesem Heft noch:

  • Die Region als Museum — Andrea Komlosy über die Industriearchäologie im Waldviertel
  • Lernort für politisches Leben — „Das Museum der Arbeit“ von Christine Weber-Herfort
  • „Film als Museum“ thematisiert Gabriele Jutz
  • Das Reale, die Kunst und die Weiblichkeit — Birge Krondorfer über das heimliche Museum

Weiterführende Literatur:

Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphänomen Musealisierung. Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstruktion der Erinnerung, Klartext Verlag, Essen 1990

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)