MOZ, Nummer 49
Februar
1990
Zur Person Peter Greenaways:

Death, Decay, Decomposition and ...

Fragmentarische Anmerkungen

Peter Greenaway, in dessen Filmen sich eine Fülle an Ideen entfaltet, schuf mit seinem fünften Spielfilm die bisher radikalste Summe seines Schaffens und ein meisterhaftes Beispiel Schwarzen Humors: die Parabel menschlicher (Ohn)Macht und eine Hommage an die Revolte.

A TV DANTE
Foto: ORF

Es ist ein schonungsloser Blick auf menschliche Grausamkeit ... eine Reise in die Zonen unserer Leidenschaften, die wir kaum kennen, vor denen wir uns fürchten, die uns erschrecken, entsetzen und schockieren, die aber jeden von uns verfolgen.

(Peter Greenaway, August 1989)

1.

Peter Greenaway inszeniert den Schrecken.

Zuletzt in „The Cook, The Thief, His Wife & Her Lover“:

Eine grelle Geschichte, die sich innerhalb von 10 Tagen vor und in den Räumlichkeiten eines Restaurants abspielt. Das „le hollandais“ ist die große Welt im Mikrokosmos, die Kultur von Vergewaltigung, Mord, Kannibalismus ...

Der Dieb, materialistisch, sexistisch/misogyn, rassistisch, regiert tyrannisch die Szene, agierend vor dem Hintergrund riesiger Reproduktionen eines Gemäldes, das ihm als Vorbild dient: der von Frans Hals 1616 geschaffenen Darstellung feist-dumber, satt-strotzender, selbstgefälliger Bürger/Offiziere der Sankt-Georgs-Schützengilde. Er frönt einem falschen Hedonismus als Ausdruck seines erstohlenen Wohlstands und dem (ungeliebten) Ideal des opulenten Mahls zwecks Aufpolierung seines Ansehens.

Im Glauben, daß die erklommene Saturiertheit bereits alles sei, unterwirft der Dieb, ein Nachkomme von „Ubu roi“, auch dieser ein skrupelloser Einfaltspinsel und jämmerlich-feiger Usurpator, Modell all der ordinären, klein/bürgerlichen Diktatoren, seine Umwelt. Ohnmächtige Leidtragende seiner tobenden, brachialen Zwangsherrschaft, ausgesetzt den schamlosen Kränkungen, unflätigen Schikanen, sexuellen Grausamkeiten und zerstörerischen, alles hinwegfegenden Gewalttätigkeiten sind ‚die anderen‘: der Koch, die Frau, der Liebhaber, die Anhängerschaft, das Personal, die Gäste.

Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber
Foto: NEF 2

2.

Greenaway zeigt „das Porträt eines neureichen, ungehobelten Schufts und widerwärtigen, gefährlichen Ganoven ... Und damit ein Abbild Thatcher-Englands, das durch Raffgier, Egoismus und Konsumismus chrakterisiert ist“. In diesem Großbritannien der „vulgären, phantasielosen, anti-intellektuellen Thatcher-Regierung und ihrem Pendant, der neuen Yuppie-Mittelklasse“, produzierte er „den politischsten Film, den ich je gemacht habe“, über „diese Epoche, die nur an Reichtum und Eigennutz interessiert ist. Nach dem Motto: plündern, was du erwischst, und halte dich daran fest“.

Es ist seine Abhandlung der spätbürgerlichen Verschleiß-Gesellschaft, die in ihrer Maßlosigkeit „täglich die Welt vergewaltigt“ und alles hinunterwürgt, seine Metapher des „gierigen Zeitalters, in dem es nichts gibt, das nicht verschlungen wird. Bis es schließlich nichts mehr gibt, das gefressen werden kann, dann werden wir uns gegenseitig auffressen“.

3.

Greenaway, geboren 1942 in Newport, Wales, ausgebildet an einer Kunsthochschule, arbeitete zunächst als Maler, Illustrator und Autor von Erzählungen und Filmkritiken, ehe er eigene Filme herstellen wollte.

Um das Filmhandwerk zu erlernen, nahm Greenaway eine Anstellung als Cutter an. Im „Central Office of Information“ war er mit der „Organisation von Bildern“ und dem Problem von Manipulation konfrontiert, da er Dokumentarmaterial zu Propagandafilmen über das „britische Empire“ zusammenschnitt: „Die Softpornographie der Information.“

1966 entstanden seine ersten experimentellen Stücke, seither erfindet Greenaway Filme, wenige Minuten bis über drei Stunden lang. Die Arbeiten lösten nicht selten Verwirrung aus. Der schwierige Stil und die schwer dechiffrierbaren, oft schockierenden Inhalte bewirkten, daß sich sein Publikum lange Zeit auf einen kleinen Kreis von Spezialisten beschränkte. Das änderte sich erst mit „The Draughtsman’s Contract“ (1982), der zum Erfolg wurde, dem Filmemacher zu weitreichendem Ruhm verhalf.

Verschwörung der Frauen
Foto: Classic Film

4.

Greenaway lehnt das Kino-Modell der traditionellen Narrationen ab, das für ihn „nichts anderes als totale illusionistische Masturbationsmassage ist“.

„Der Film ist ein viel zu ergiebiges kreatives Medium, als daß man es nur den Geschichten-Erzählern überlassen sollte.“ Greenaway ist „nicht besonders an einer ‚Realismus‘ genannten Chimäre — in England eine filmische Obsession — interessiert“. Er bevorzugt „Kunstwerke, die sich ihrer Künstlichkeit bewußt sind“, und setzt gegen den ‚mainstream‘ gefühlvoller Kino-Nettigkeiten und herkömmlicher Erzählarten sein Konzept von einem Ideen-Kino. Kompromißlos entwirft er anspruchsvolle Reisen in Welten der Einbildungen und Täuschungen, artikulierte Filme, „die die Künstlichkeit des Spiels betonen“, deren Motive, Räume, Figuren, Ereignisse sich zu unverwechselbaren „Bildern“ eines Manieristen aus Leidenschaft zusammenfinden.

Seine „Arbeitsweise und kultureller Hintergrund sind apolitisch, rational, haben mit dem konventionellen Erzählkino wenig zu tun“. Die Filme sind vielmehr „Essays, sind Diskurse, die sich einer unterhaltenden Erzählform bedienen“. Da aber „das Erzählen einer Geschichte etwas vollkommen beliebiges ist, und um aus dieser Beliebigkeit herauszukommen“, erfindet Greenaway „Systeme, universelle Strukturen, die dieses Durcheinander organisieren“.

In all seinen Filmen sucht er „immer nach Gliederungen, Ordnungen, die an der Oberfläche der Dinge liegen“. Ähnlich den Mustern, nach denen Menschen das „Leben“ in buchhalterischer ‚Genauigkeit‘ festhalten: „Da wird versucht, die Welt nach Buchstaben zu ordnen. Und was kommt dabei raus? Schauen Sie in einem Lexikon unter ‚h‘ nach. Was finden Sie dort? Heaven und hell nebeneinander, happiness und Hitler. Alles zusammenhangslose Sachen, die plötzlich eine Gruppe bilden, bloß weil sie den gleichen Anfangsbuchstaben haben.“

Der Kontrakt des Zeichners
Foto: ORF

5.

Greenaway bringt das angestaute Inventar seines Wissens und Denkens in Bewegung, um aus Geschichtetem seine Geschichten, aus der Aufzählung die Erzählung zu machen. „Aus (zahlreichen) Quellen entsteht durch verschiedengradige bewußte und unterbewußte Verfahren ein Drehbuch, das Gelegenheit bietet ...
wieder einmal mit Taxonomien zu spielen — gebrauchten, nicht mehr gebrauchten, ganz und gar erfundenen, unwahrscheinlichen, irrelevanten oder unmöglichen.“

Innerhalb formal streng gebauter und präzise strukturierter Dramaturgien, voll von visuellen, akustischen, verbalen Verweisen und Zitaten, entwickelt Greenaway die Handlungen seiner Filme. Er, der „die Anekdote, die metaphorische Geschichte, die Allegorie liebt“, komponiert und komprimiert das unerschöpflich reichhaltige Material: gesammelte Weltanschauungen und -verwerfungen, philosophische und kunstbezogene Kenntnisse, natur- und kulturhistorische Gedanken; Tatsachen, Fiktionen, Mythologien, auch Privates und Apokryphes. („Das Kino kann unmöglich ein Fenster zur Welt, ein Stück des Lebens sein.“)

„Ich bin Enzyklopädist, in meinen Filmen kondensieren sich die jahrhundertealten Erfahrungen der europäischen Kultur.“ Seine Produktionen sind das dichtgewebte Netz einer „Enzyklopädie in Progress“, keineswegs die prall gefüllten, post-modern- und bedeutungsentleert-schillernden Verwirr-Spiele eines Zeremonienmeisters.

Greenaways „Filme funktionieren auf mehreren Ebenen. ... Man braucht viel Zeit, um sie zu verstehen, um die Bedeutungen herauszufinden. Ich möchte Filme machen, die man sich immer wieder ansehen kann und jedesmal mehr davon hat“, die „Spaß“ machen, Spaß als Auf- und Anregung, am Mit-, vor allem Nachdenken.

„Gewiß, die Dinge in meinen Filmen sind manchmal etwas ex-zentrisch und verschoben, doch was unwahrscheinlich ist, ist noch lange nicht unmöglich. ...
Zeichen lesen, Anspielungen verstehen, Strukturen erkennen (ist) keine selbstquälerische Anstrengung, sondern einer der wahren Genüsse der Kultur.“

Dennoch stolpern verzweifelnde Rezensenten über solch verschlungene Gedanken, erfahren solch Bild/Sprache als ratlos machende, provokative Zumutungen, solch Film/Texte als verwirrende Konfrontationen in einem Labyrinth der „intellektuellen Ausschweifungen, Delirien des Geistes, Ausgeburten einer hybriden Phantasie“.

Der Bauch des Architekten
Foto: Czerny Film

6.

Greenaway praktiziert Filmemachen ohne Entlastungsmechanismen für „Athleten der Enthaltsamkeit“ (Foucault) also für Konsumenten, denen Kino als Ort der Entschärfung dient, die Filme mit distanziertem Blick betrachten wollen. Seine Visionen sind Expeditionen ins dunkle, grauenerregende Reich monströser Rache-Dramen, der Mischung aus Gewalt, Erotik und Satire, nachfolgend der „jacobean revenge tragedy“ — (diese auch Vorläufer von Jarry, Artaud, Bunuel, Bataille, dem „Absurden Theater“ und dem „Theater der Grausamkeit“).

Auf dem Greenawayschen Projektions-Feld („lebendiges Kino, ... das von den wirklich wichtigen Dingen handelt und kein Stück Popcorn-Unterhaltung ist“) findet „Leben“ als Ver-Dichtung statt, drängt sich alles zusammen bis zum spürbaren, unausweichlichen Schock; Körper und Sexualität und Arbeit und Gier und Macht und Tod; Entfremdung, Verdinglichung, Vermarktung, Verstümmelung. Hier ist das Kino ein „Vergnügungspark der Wollust“ am Schauen auf all die menschliche Körperlichkeit, voll von Nacktheit, Kopulation, Essen, Trinken, Rülpsen, Erbrechen, Ausscheiden, Blut, Verwesung und Zersetzung. Aber auch der Blick auf „die Melancholie und die Sehnsucht nach etwas, das nicht /mehr/ oder noch nicht existiert“.

7.

Greenaway beginnt seine Filme mit festgelegten Handlungsträgern, häufig basierend auf fatalen, widersprüchlich scheinenden Kollisionen, und füllt sie ab diesem Ausgangsmoment mit ungewohnten Inhalten und Strukturen zu planmäßigen Zusammenhängen. Die Motive und Darstellungen, in erlesenen, distanzwahrenden Tableaus arrangiert, sind verkettete, wiederkehrende Themen, die Greenaway quer durch seine Filme aufnimmt, weiterführt, variiert und immer dichter schichtet.

Mit sarkastischer Ironie ‚erzählt‘ er vom Abstand zwischen Wahrnehmung und „Wissen“ und „Wahrheit“ und verstellenden Vor-Bildern; demonstriert und montiert Versuche kalkulierter Welteroberung und rigoroser Organisation der Materie.

Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber
Foto: NEF 2

8.

Greenaway präsentiert besessene, fakten- und fortschrittsgläubige, nimmersatte „Gralsritter“, die all ihr „Denken der Welt“ in Systeme, Reglements, Normierungen pressen.

Die männlichen (!) Figuren flüchten in Vorstellungs„bilder“ und verfallen konventionalisierten Klischees, vermeintlich objektivierten „naturgemäßen Weltbildern“. Um Irritationen und Verunsicherungen zu entgehen, kanalisieren sie jegliche Beziehung, selbst Entscheidungen über Gefühle, in vertraglich verknappte Übereinkünfte und Festlegungen. Ihre Disziplinierungen und Logistik führen schließlich zu Unterwerfung und Hervorbringung verkümmerten, pervertierten, repressiven Daseins unter einer utilitaristischen Moral.

Greenaways Repräsentanten entgleitet aber zunehmend die Kontrolle über ihre Ordnungsgebäude und Vernetzungswerke. Obwohl sie nach genau kalkulierten Plänen vorgehen, geraten ihre „neutralen Ansichten“ zu trügerischen Erscheinungen; sie selbst werden zu hilflosen Akteuren einer von ihnen abgetrennten Wirklichkeit.

„In all meinen Filmen treibe ich meine Charaktere bis an den Rand des Abgrunds.“

Peter Greenaway
Foto: NEF 2

9.

Greenaway treibt sie sogar weiter, hinein in ohn-mächtige Panik, in den Wahn-Sinn, am Ende sind die Männer ausmanövriert, ohne Überlegenheit, ohne übersichtliche „Aufgeklärtheit“.

Sie werden zu „draughtsmen“: Figuren im Damenspiel. Über Generationen hinweg gedemütigt, gewinnen die Frauen, nehmen Rache an den Eitlen, vom Glanz der Macht Geblendeteten, alles beherrschen Wollenden. Die Strafe für die unter dem Verlust der „Vernunft“ Leidenden ist stets der Verlust des Lebens.

Auch dem Dieb, dem pöbelhaften Aufsteiger, der „für das Ekelhaft-Böse schlechthin steht“, stopft seine Frau für immer den ungezügelt gefräßigen Mund. „Sein Tod ist das einzige denkbare Ende am Schluß — insofern ist es ein sehr moralischer Film.“

10.

Peter Greenaway arbeitet seit 1984 an der auf 33 Cantos konzipierten Video-Produktion A TV DANTE. Nach dem infernalischen Abendmahl voll Gebrüll und Schweigen ist der Weg offen zum Gesang der Engel und dem Gebrüll der Dämonen, zur Reise in die Tiefen von „Satan’s empire“.

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