Heft 5-6/2005
Oktober
2005

„Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit“

Zum Genozid an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches

Während der Genozid an den ArmenierInnen auch 90 Jahre nach der Tat in der Türkei ein Tabuthema bleibt, wird er in Europa, vor dem Hintergrund des geplanten EU-Beitritts der Türkei, erstmals zu einem auch medial diskutierten Thema. Die Mitverantwortung des einstigen Verbündeten des Osmanischen Reiches, der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, kommt dabei in der Debatte hierzulande wohlweislich nicht vor.

Bis zum 19. Jahrhundert bildeten die ArmenierInnen im multiethnischen Osmanischen Reich ein Millet unter vielen. Die ArmenierInnen stellten so nach dem traditionellem islamischem Recht der Dhimma zwar Untertanen zweiter Klasse dar, waren wie die anderen Dhimmis keinen besonderen Verfolgungen ausgesetzt. Dies änderte sich jedoch unter dem Eindruck der Modernisierung und des aufkommenden Nationalismus im 19. Jahrhundert. Einerseits führte die kapitalistische Modernisierung zu ähnlichen Denkstrukturen, wie der europäische Antisemitismus, der die abstrakte Seite des Kapitals und die Zirkulationssphäre einer Bevölkerungsgruppe zuordnete, die in den osmanischen Städten als „Händler“ identifiziert wurden, andererseits führte der aufkommende Nationalismus am Balkan, das Wegbrechen des Großteils des europäischen Teils des Osmanischen Reiches und der koloniale Zugriff europäischer (christlicher) Mächte auf das osmanische Territorium [1] zu einem Bedrohungsszenario der osmanisch-islamischen Bevölkerung die sich in paranoiden Weltverschwörungsszenarien entlud.

Im Gegensatz zu Europa entlud sich der Hass auf die vermeintlichen „Wucherer“ und Händler jedoch nicht an der jüdischen Bevölkerung, sondern an den armenischen Christen. Teile der armenischen Bevölkerung, die im 19. Jahrhundert in die großen Städte eingewandert waren und dort durch den Kontakt nach Europa zu einem gewissen Wohlstand gekommen waren, boten sich dem paranoiden Hass auf die Zirkulation und die Moderne besser an, als die alte jüdischen Minderheiten der osmanischen Städte. Die Stereotype mit denen ArmenierInnen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts belegt wurden, glichen zunehmend jenen, die in Europa gegen die jüdische Bevölkerung gepflegt wurden. Die armenische Bevölkerung wurde als heimatlose Wucherer betrachtet, die als geschickte Händler die islamische Bevölkerung ausbeuten würden und über beste internationale Verbindungen verfügten. Die (vermeintliche) Unterstützung durch christliche Mächte, insbesondere durch das zaristische Russland, ermöglichte die Einbettung dieser Vorstellungen in eine weltweite christliche Verschwörung. Wie die Juden in Europa, wurde die Armenier jedoch nicht nur mit dem Kapital identifiziert, sondern auch mit einem anderen Aspekt der Moderne: Da sich viele armenische Intellektuelle aus ihrer anachronistischen Situation als wohlhabende Bürger, die rechtlich jedoch Staatbürger zweiter Klasse bildeten, für eine Modernisierung des Staates und die Gleichheit all seiner Bürger eingesetzten, boten sich die Armenier zugleich an, mit dem Liberalismus identifiziert zu werden. Die andere Antwort auf die politische Marginalisierung der armenischen Bevölkerung bildeten die sozialrevolutionären und kommunistischen Gruppen, wie die Hintschaq-Bewegung, die es der konservativen islamisch-osmanischen Oligarchie ermöglichten, die armenische Bevölkerung auch noch kollektiv des Sozialismus zu verdächtigen. Ähnlich der jüdischen Bevölkerung in Europa, wurden die ArmenierInnen im späten osmanischen Reich somit mit allen Formen der Moderne identifiziert, mit dem Kapitalismus und Liberalismus ebenso, wie mit dem Sozialismus.

Obdachlose Frauen
Foto: Wegner

Auch deutsche Diplomaten formulierten selbst die Ähnlichkeit ihres eigenen Antisemitismus mit den antiarmenischen Stereotypen im Osmanischen Reich. Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, der von 1897 bis 1902 als deutscher Botschafter in Istanbul residierte, erklärte: „In der Türkei bilden die Armenier für Handel und Wandel das bewegende Element, für die ärmere Bevölkerung aber, namentlich auf dem Lande, eine wahre Geißel. In dieser Richtung ist ihre Geschäftspraxis weit verderblicher als diejenige, welche man in Deutschland gemeinhin den Juden vorwirft. Der Jude kann hier weder gegen die Griechen geschweige denn gegen den raffinierten und gewissenlosen Armenier aufkommen.“ [2] Erste, noch weniger organisierte Pogrome gegen die vermeintlich „gewissenlosen Händler“ fanden bereits seit den 1890er-Jahren, also noch lange vor Beginn des 1. Weltkrieges statt.

Bereits mit der Ansiedlung islamischer Flüchtlinge aus dem Kaukasus, die vor der russischen Invasion in das Osmanische Reich geflüchtet waren, verschlechterte sich die Situation der armenischen Bevölkerung im Osten des Reiches. Die von russischen Christen vertriebenen Abchasen, Tscherkessen und Tschetschenen griffen immer wieder lokale Armenier an um sich für das selbst erlittene Leid zu rächen und sich des armenischen Besitzes zu bemächtigen. Dazu kamen seit den Verlusten Bosnien-Herzegowinas (1878) und Bulgariens (1908) und den Balkankriegen (1912-1913) immer mehr türkische Flüchtlinge aus dem Balkan, die in den armenischen und kurdischen Gebieten Ostanatoliens angesiedelt wurden und die der dort lebenden christlichen Bevölkerung, bestehend aus Armeniern und aramäischsprachigen Assyrern, besonders feindlich gesonnen waren.

Zu ersten großflächig organisierten Pogromen kam es bereits im September 1995, die vom deutschen Pfarrer Johannes Lepsius bereits als „Vernichtung des armenischen Volkes“ beschrieben wurden, denen „ein einheitlicher, schon seit Jahren vorbereiteter Plan zu Grunde“ [3] liege. Mit dem Beginn des ersten Weltkriegs in den das Osmanische Reich an der Seite des Deutschen Reiches und der Österreichisch-Ungarischen Habsburgermonarchie eintrat, wurde jedoch erst der Weg zu einer organisierten genozidalen Politik gegen die christlichen Bevölkerungsgruppen im Osten des Reiches frei. Die vom Turanismus [4] ideologisch untermalte Kriegsbegeisterung des seit 1908 an der Macht befindlichen nationalistischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (Jungtürken), machte den Weg zu einer genozidalen „Lösung“ der „armenischen Frage“ frei. Unter dem Vorwand einer Bedrohung der Einheit des Reiches durch die armenische Nationalbewegung, der eine Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner Russland vorgeworfen wurde, begannen erste Deportationen aus den Grenzregionen im Osten.

Am 27. Mai 1915 gab der der osmanische Innenminister Talaat Pascha schließlich den offiziellen Befehl zur Deportation der Armenier. Im Laufe des Juni, Juli und August wurden insgesamt rund 1,5 Millionen ArmenierInnen und einige hunderttausend ebenfalls christliche AssyrerInnen aus Ostanatolien nach Syrien und in den Irak getrieben, wo viele von ihnen in wasserlosen Wüstengegenden ums Leben kamen und die Überlebenden von osmanischen Truppen massakriert wurden. Nur wenige Überlebende konnten bei der arabischen Bevölkerung Zuflucht finden. Als das Osmanische Reich 1915 den Genozid an den ArmenierInnen abwickelte stand es international jedoch keineswegs isoliert da. Vielmehr gehörte es zu den Hauptverbündeten Österreichs und Deutschlands im ersten Weltkrieg. Während einzelne deutsche Diplomaten und Kirchenkreise, wie der Pfarrer Johannes Lepsius korrekt ihre Beobachtungen an das deutsche Außenministerium berichteten, wurde von deutscher Seite aus Rücksicht auf den kriegswichtigen Verbündeten über den Völkermord geschwiegen. Die Nachrichten der eigenen Diplomaten wurden der deutschen Öffentlichkeit weitgehend vorenthalten. In den „Richtlinien für deutsche Journalisten“ vom 7. Oktober 1915 heißt es: „Über die Armeniergreuel ist folgendes zu sagen: Unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei dürfen durch diese innertürkische Verwaltungsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet, sondern nicht einmal geprüft werden. Deshalb ist es einstweilen Pflicht zu schweigen. Später, falls direkte Angriffe des Auslandes wegen deutscher Mitschuld erfolgen sollten, muss man die Sache mit größter Sorgfalt und Zurückhaltung behandeln und stets hervorheben, dass die Türkei schwer von den Armeniern gereizt wurde.“ [5] Der Verbündete wurde jedoch auch militärisch weiter unterstützt. Deutsche Militärs bildeten osmanische Truppen aus und kommandierten teilweise sogar ganze Truppenteile derselben Armee, die die Armenier deportierte und ermordeten. Mindestens ein hoher deutscher Militär, der für den Bau der Bagdadbahn zuständige Oberstleutnant Boettrich, unterzeichnete auch eigenhändig Vernichtungsbefehle auf deren Grundlage zur Zwangsarbeit an der Bagdadbahn abgestellte Armenier ermordet wurden. So waren die letzten Armenier, „die in diesem Genozid umgebracht wurden, waren denn auch die Arbeiter der Bagdadbahn.“ [6]

Aber nicht nur das Deutsche Reich, auch die österreichisch-ungarische Habsburgermonarchie gehörte 1915 zu den Verbündeten des osmanischen Reiches. Wenn auch österreichische Militärs, aufgrund der im Vergleich zu Deutschland eher veralteten Militärtechnologie, nicht unmittelbar osmanische Truppenteile kommandierten und damit auch nicht im selben Ausmaß direkt in den Genozid verwickelte waren, so hätte die Habsburgermonarchie als wichtiger Verbündeter des Osmanischen und des Deutschen Reiches doch Einfluss auf die Politik der jungtürkischen Regierung nehmen können. Gerade von Wien, wo mit dem Mechitaristenkloster seit 1810 eines der wichtigsten Kulturzentren der Armenier in Europa lag, hätten sich viele ArmenierInnen erwartet, dass es der mörderischen Politik des Kriegsverbündeten nicht protestlos zusehen würde. Dies belegen eine Reihe von verzweifelten armenischen Hilfsgesuchen an die k. u. k.- Regierung, u.a. das Gesuch des Katholikos, des Oberhaupts der armenischen Kirche. Tatsächlich berichteten auch einige österreichische Diplomaten über den Genozid nach Wien, wurden jedoch vom österreichischen Boschafter in Istanbul, Marktgraf Johann von Pallavicini gestoppt. Auch die Habsburger opferten die ArmenierInnen letztlich auf dem Altar militärischer Bündnispolitik. Proteste wurde, wenn überhaupt, nur halbherzig vorgetragen.

Provisorisches Begräbnis in einem Flüchtlingslager
Foto: Wegner

Auch die österreichische Öffentlichkeit wurde – ähnlich wie die deutsche – medial auf Linie gehalten. Dabei wurde nicht nur über den Genozid geschwiegen, sondern teilweise sogar die antiarmenischen Stereotype übernommen. So schrieb etwa die Reichspost: „Unter den Armeniern gibt es eine widerliche Schicht von Steuerpächtern und Getreidewucherern, die den ohnehin schwer zinsenden türkischen Bauern bis aufs Blut peinigen.“ [7] Auch die Wiener Zeitung und das Neue Wiener Tagblatt veröffentlichte im Juni 1915, also am Höhepunkt des Genozids, eine Erklärung der osmanischen Botschaft, die die Niederschlagung des Aufstands von Van, bei dem sich erstmals die armenische Bevölkerung bewaffnet ihrer Deportation wiedersetzte, mit folgenden Worten rechtfertigte: „Rußland machte sich die Unwissenheit und die Naivität eines Teiles der armenischen Bevölkerung zunutze, indem es ihr beibrachte, sich gegen die ottomanische Regierung zu erheben, und Rußland ist nicht errötet, als es die, übrigens vorübergehende und durch diese aufrührerische Bewegung in Basche Kalek und der Umgebung von Wan geschaffene Lage, als das Ereignis des Erfolgs seiner Waffen der Welt gegenüber hinstellte. Die ottomanische Regierung hat in Ausübung ihrer Souveränitätspflicht den Aufstand unterdrückt.“ [8]

Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch die Tatsache, dass nicht nur die Regierung selbst, sondern auch die ansonsten kritischeren Teile der öffentlichen Meinung in Österreich zu den Massakern an den ArmenierInnen schwiegen oder gar die Sichtweise der Regierung in Istanbul übernahmen. So berichtete etwa die sozialdemokratische Arbeiter Zeitung über den Aufstand von Van, die Russen „und die armenischen Banden“ hätten „vor der Räumung von Wan die muselmanschen Stadtviertel und sodann auf der Flucht das armenische Viertel in Brand gesetzt, Frauen und Mädchen vergewaltigt, unter der Bevölkerung ein Blutbad angerichtet und jene Personen, die sich in das amerikanische Institut geflüchtet haben, getötet, indem sie das Gelände in Brand steckten.“ [9] Bereits nach dem der Großteil der Armenier des osmansichen Reiches vernichtet worden waren, berichtete die Arbeiter Zeitung statt über den Genozid am 7. April 1916 über „Russische Truppen, namentlich armenische Banden, die die Vorhut der Russen bilden“, die bei ihrem Vormarsch in Ostanatolien angeblich „unerhörte Grausamkeiten und Verbrechen an der Bevölkerung, die in den vom Feinde besetzten Dörfern zurückgeblieben ist, namentlich an Greisen und Verwundeten“ [10] verüben würden. Auch Die Fackel von Karl Kraus ergriff durch den Nachdruck eines von Else Marquardsen verfassten protürkischen Artikels, den die Zeitschrift aus dem deutschen Balkan-Heft übernommen hatte, für die Regierung in Istanbul Partei. [11]

Eine kritische Thematisierung des Genozids blieb in Österreich einem Autor vorbehalten, der bei einer Reise nach Syrien, 1929 überlebenden armenischen Flüchtlingskindern begegnete, die in einer Teppichfabrik in Damaskus arbeiteten. Franz Werfel war vom Leid dieser teils verstümmelten und in tiefstem Elend lebenden Kinder überwältigt und begann sich intensiv mit dem Leiden der ArmenierInnen zu beschäftigen. In Wien lernte er schließlich einen Mönch des Mechitaristenklosters kennen, der als Kind selbst die verzweifelte Verteidigung einiger tausend Armenier am Musa Dagh erlebt hatte. Werfel, selbst jüdischer Herkunft, sah zu Beginn der Dreissigerjahre im immer brutaler werdenen Antisemitismus der Nazis eine Parallele zur Verfolgung der ArmenierInnen im Osmanischen Reich. Sein im November 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland erschienener Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ sprach zwar diese Parallele nicht explizit an, allerdings wussten seine ZuhörerInnen bei Lesereisen in Deutschland nur zu genau, dass hier nicht nur ein Roman über den Völkermord an den ArmenierInnen erschienen war, sondern auch eine Warnung vor dem deutschen Vernichtungsantisemitismus. Und auch die Nazis hatten verstanden: Werfels Buch wurde bald nach seinem Erscheinen verboten. Erst nach der Shoah wurde es zum weltweit bekannten Hauptwerk des Autors. Werfel ist heute in Armenien der bekannteste österreichische Autor. Die armenische Gemeinde in Wien setzte ihm heuer im Rahmen eines feierlichen Gedenkens ein Denkmal in Wien, jener Stadt aus der (nicht nur) er vertrieben wurde.

Ganz anders die Mehrheit der deutschen und österreichischen Gesellschaft. Deutschland und Österreich sahen dem Genozid nicht nur zu. Teilweise beteiligten sie sich daran und nach vollbrachter Tat, wurde das Verbrechen der Verbündeten so rasch wie möglich vertuscht. Adolf Hitler, der 1939 kurz vor dem Überfall auf Polen auf dem Obersalzberg die rhetorische Frage stellte „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armeniern?“ hatte vermutlich über seinen Parteigenossen Scheubner-Richter, der 1915 deutscher Konsul in Erzerum war, vom Genozid an den Armeniern erfahren. Die Straflosigkeit mit der dieser Genozid möglich und das Vergessen dem er anheim gefallen war könnten ihn darin bestärkt haben, dass auch die Vernichtung der Jüdinnen und Juden ungestraft möglich sein könnte.

Tatsächlich sind gewisse Parallelen zwischen dem Genozid an den Armeniern und der Shoah nicht zu leugnen. Die armenische Bevölkerung des osmanischen Reiches sah sich ähnlichen Stereotypen ausgesetzt, wie die jüdische Bevölkerung in Europa. Beide wurden mit der Moderne, mit Kosmopolitismus und mit der Zirkulationssphäre des Kapitalismus assoziert. Die antiarmenische ist damit der antisemitischen Projektion weit ähnlicher als der rassistischen. Bezeichnend ist hierbei die Parallele die auch antisemitische Zeitgenossen des Genozids an den ArmenierInnen selbst zogen. So erklärte General Fritz Bronsart von Schellendorf, der damalige Chef des osmanischen Feldheeres in Istanbul: „Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit des anderen Landes, in dem er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Hass, der sich in mittelalterlicher Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte.“ [12]

Nur etwas mehr als zwei Jahrzehnte später sollte sich dieser Hass in Deutschland zur systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung steigern. Dass diese nicht mehr nur als „handwerkliche“ Vernichtung, wie im osmanischen Reich, sondern auch als perfekt funktionierende Vernichtungsindustrie ablief, war neben der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte im industrialisierten Deutschland auch Resultat der Verknüpfung eines „Antisemitismus der Vernunft“ (Hitler) mit gesellschaftssanitären / bevölkerungspolitischen Vorstellungen. Die Totalität der Vernichtung ist darüber hinaus der stärkeren Beteiligung der zur Volksgemeinschaft zusammengeschweissten deutschen Bevölkerung am Verbrechen und dem damals herrschenden apokalyptischen Wahn als Aspekt des Nationalsozialismus als Politische Religion geschuldet. Dies alles ermöglichte eine noch gründlichere Vernichtung als jene der ArmenierInnen im Osmanischen Reich. Eine gewisse Vorbildwirkung des Genozids von 1915 kann jedoch trotz dieser Unterschiede nicht ausgeschlossen werden.

[1Eine Finanzkrise stellte das Osmanische Reich seit 1881 de facto unter die Finanzhochheit der Gläubigerstaaten Großbritannien, Niederlande, Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn. Mit sogenannten „Kapitulationen“ wurden zudem große Teile der christlichen Bevölkerungsgruppen des osmanischen Reiches unter den Schutz europäischer Mächte gestellt.

[2zit. nach: Schaller, Dominik J.: Die Rezepion des Völkermordes an den Armeniern in Deutschland, 1915-1945, in: Kieser, Hans-Lukas / Schaller, Dominik J.: Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah; Zürich 2002: S. 523f

[3zit. nach: Hofmann, Tessa: Verfolgung und Völkermord. Armenier zwischen 1877 und 1922, in: Hofmann, Tessa (Hg.): Armenier und Armenier – Heimat und Exil; Hamburg, 1994: S. 20

[4Pantürkische ideologische Strömung, deren Namen sich von einem mythischen Heimatland der Turkvölker mit dem Namen „Turan“ herleitet. Der Turanismus strebt die Vereinigung aller Turkvölker in einem nach ethnischen Kriterien organisierten Großreich an.

[5zit. nach Manutscharjan, Aschot: Armenier fordern Anerkennung des Genozids, Die Welt, 23. April 2005

[6Die Zeit, 11.12.2003 Nr.51

[7zit. nach Ohandjanian, Artem: Armenier, Der verschwiegene Völkermord; Wien / Köln / Graz, 1989: S. 188

[8zit. nach Ohandjanian, 1989: S. 181

[9Arbeiter Zeitung Wien, 21. August 1915

[10Arbeiter Zeitung Wien, 7. April 1916

[11Ohandjanian, 1989: S. 188

[12zit. nach Julius H. Schoeps: Der verdrängte Genozid. Armenier, Türken und ein Völkermord für den bis heute niemand die Verantwortung übernehmen will. Internet: http://www.compass-infodienst.de/Compass/compass_extra/schoeps.htm

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