Heft 6-7/2004
Oktober
2004

Der Konflikt im Westsudan aus der Geschlechterperspektive

Frauen sind durch Vertreibung und Vergewaltigungen besonders von der Krise im Sudan betroffen.

Krieg wird von der Ar­beitsgemeinschaft Kriegs­ursachenforschung an der Universität Hamburg wie folgt beschrieben: „Ein Cha­rakteristikum des weltweiten Kriegsgeschehens ist, dass es ‚den Krieg‘ nicht gibt. Dies gilt hinsichtlich der Zusam­mensetzung der Kriegsak­teure, der Art der verwende­ten Waffen, sowie des Maßes der internationalen Einbin­dung. Kriegsakteure sind heute zentral organisierte Mi­litärapparate, desintegrierte und sich über kriminelle Ak­tivitäten finanzierende Armeeteile, breite soziale Be­wegungen, Guerillaorganisa­tionen mit staatsähnlichen Funktionen, staatlich unter­stützte paramilitärische Ein­heiten, lokal finanzierte, zersplitterte Guerillagruppen, Privatarmeen, Söldner und zwangsrekrutierte Kinder.“ [1]

Nach Websters Third New Dictionary wird Konflikt so definiert: „As noun it means act of striking together; clash, competition or collusion. As a verb intransitive the word conflict means to contend with or against another in strife or warfare to show variance, incomparability, op­position or disharmony.“ [2] Aus dieser kurzen Definition geht hervor, dass Konflikte soziale Phänomene sind, die bei Kollision, Konkurrenz oder Unvereinbarkeit von di­vergierenden gesellschaftli­chen Interessen auf zwei oder mehreren Ebenen auftreten. Deshalb ist ein Konflikt auch eine Art von natürlicher ge­sellschaftlicher Wechselwir­kung zwischen Subjekten ei­ner Gesellschaft. Diese Wechselwirkungen gilt es im Folgenden zu durchleuch­ten. [3] Lewis Coser definiert Konflikte als „set boundaries between groups within a so­cial system by strengthening group consciousness and awareness of identity of groups within this system“. [4] Waylen analysiert Gewalt in Bezug auf „Dritte Welt Län­der“ anhand der vier politi­schen Kategorien Kolonialis­mus, Revolution, Autorität und Demokratisierung. Diese kombiniert sie mit den Themen Geschlecht, Konflikt und Gewalt. Damit gelingt es ihr auch, die aktive Teilnah­me von Frauen an antikolonialistischen revolutionären und nationalen Befreiungs­bewegungen sichtbar zu ma­chen.

Frauen im Westsudan feiern eine Hochzeit
Foto: Thomas Schmidinger

Alle diese Kategorien ha­ben selbstverständlich ge­schlechtsspezifische Implika­tionen, ob für Frauen, die in den repressiven Wohlstands­bürokratien dienen, oder für Frauen in Widerstandsbewe­gungen. Hierzu gibt es aller­dings noch verhältnismäßig wenige ausführliche Arbei­ten. Macauly veranschaulicht, dass Frauen eine zentrale Rolle für die Demokratisie­rung haben können, zugleich verweist sie auf die Gefahren der Privilegierung eines Ge­schlechts oder anderer ge­sellschaftlicher Gruppen. Sie veranschaulicht, wie arme LandarbeiterInnen, indigene Bevölkerungen, ethnische Gruppen und verarmte städ­tische BewohnerInnen aus politischen Prozessen ausgegrenzt bleiben, selbst wenn sie das formale Recht zu wählen erworben haben.

Fehlende Friedenskultur [5]

Eine Kultur des Friedens lässt sich als (...) Gesamtheit aller Werte, Verhaltens- und Lebensweisen definieren, die auf der Achtung vor dem Le­ben, der menschlichen Wür­de und den Menschenrech­ten, auf der Ablehnung der Gewalt einschließlich jeder Form von Terrorismus sowie auf der Achtung der Prinzi­pien der Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Toleranz und Ver­ständigung zwischen Völ­kern, Bevölkerungsgruppen und Individuen beruhen. [6]

Seit einiger Zeit gibt es im Sudan auf Druck der USA wieder Friedensverhandlun­gen, die aber auf zwei Partei­en begrenzt sind: die Regie­rung und das Sudanese Peoples Liberation Movement (SPLM). Fast die gesamte Zivilgesellschaft wird ausgeschlossen und keine einzige Frau nimmt an den Ver­handlungen teil, obwohl die sudanesischen Frauen mehr als 50 Prozent der Be­völkerung darstellen. Die Dauerhaftigkeit eines mögli­chen Verhandlungserfolges ist sehr fragwürdig, da wie erwähnt trotz der enormen Vielschichtigkeit der Gesell­schaft nur zwei Gruppen ohne jegliche weibliche Mitein­beziehung einander gegen­über sitzen und darüber hin­aus die enorme Kluft zwi­schen Arm und Reich seitens der Regierung ignoriert wird.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Schulmaterialien bzw. die Medien keine Friedenskultur vermitteln. In der Grundschule wird nur ein Gedicht unterrichtet, welches auf den Frieden zwischen SüdsudanesInnen und NordsudanesInnen eingeht. Frie­denserziehung sollte aber grundlegend vom Kinder­garten an beginnen. Da dies aufgrund der mangelnden Strukturen im Sudan nicht möglich ist, sollten Ersatzstrategien entwickelt werden, in die die gesamte Zivilge­sellschaft involviert werden sollte.

Es wurde nun ein Frie­densabkommen zwischen der Regierung in Khartoum und der SPLM abgeschlossen, das den bereits erwähnten Beschränkungen unterliegt. Nun ist zu überlegen, welche Strategien für die außerge­wöhnlichen Probleme wie Armut, wirtschaftliche und politische Instabilität und nicht zuletzt die Situation der Binnenflüchtlinge entwickelt werden sollen. Die Nach­kriegssituation muss aufgearbeitet werden, vor allem was Gewalt gegen Frauen betrifft. Es mangelt an einer ge­schlechtsspezifischen Kriegs­folgenbewältigung. Es müs­sen Modelle der Konfliktlö­sung, Entmilitarisierung und für den Wiederaufbau ent­wickelt werden, an denen Frauen aktiv mitwirken kön­nen. Die fehlende Zulassung von Frauen an der Erarbei­tung der Friedensverträge und die mangelnde Bezug­nahme auf Frauen in densel­ben lässt allerdings Zweifel daran aufkommen, dass Frauen als wesentliche Frie­denserhalterinnen anerkannt werden.

Vergewaltigung als politisches Unterwerfungs­instrument

Die politische Krise in Darfur ist nicht neu und daher ist es kein Zufall, dass die Situation dramatisch explodiert ist. Es wird einerseits in den inter­nationalen Medien bzw. De­batten über Völkermord, eth­nische Säuberung und Verge­waltigung von Frauen berich­tet, andererseits spricht die Regierung von internationa­len Interventionen bzw. Stra­tegien gegen den Sudan, um das Land aufzusplittern. Die Regierung gibt nicht zu, dass Vergewaltigungen als Kriegs­waffe eingesetzt werden.

Markt in Wadi Halfa (Nordsudan)
Foto: Thomas Schmidinger

Ich werde auf die Kon­fliktursache in Darfur nicht ausführlich eingehen, da aus meiner politischen Perspek­tive sich alle Konflikte bzw. Kriege um Ressourcen und Machtverhältnisse drehen. In Darfur gab es und gibt es im­mer wieder Konflikte um Wasser und Weideland. Der Westsudan bzw. das Darfurgebiet wurde und wird von allen Regierungen vernach­lässigt bis die Situation An­fang 2003 eskalierte: Plünderungen, Gewalt, Vertreibung von Menschen, vor allem von Frauen und Kindern. Doch von offizieller Seite werden Frauen unsichtbar gemacht. Im Gegensatz zu den Berich­ten in internationalen Medi­en werden die Vergewalti­gungen bzw. die allgemeine Situation in den sudanesi­schen Medien verschwiegen. In einer Analyse der sudane­sischen Medien kam ich zu dem Ergebnis, dass die Re­gierung nun unter dem Druck der sudanesischen bzw. internationalen Zivilge­sellschaft zugibt, dass es Ver­gewaltigungsfälle gibt, [7] ob­wohl sie, aus „Rücksicht“ auf die internationalen Interessen an sudanesischen Ressourcen, immer versucht hat, die Rea­lität in Darfur zu verschwei­gen. Nicht nur Amnesty In­ternational, das einen umfas­senden Bericht über Gewalt an Frauen zusammengestellt hat (siehe Kasten), sondern auch einige sudanesische NGOs haben darüber be­richtet. Vergewaltigung wird in diesem Zusammenhang als politisches Instrument für die Unterwerfung der so ge­nannten Feinde gesehen, und somit werden die Frauen da­durch geopfert. Die Frage ist, ob Vergewaltigung als Kriegsmethode in der sudanesischen Politik neu ist, [8] denn schon seit Jahren kam es, wie zuletzt im Südsudankrieg zu Verge­waltigungen von tausenden Südsudanesinnen. [9]
Mariam el Sadig zufolge, [10] die über Vergewaltigungen von Frauen in Nord- und West-Kordofan berichtet hat, sind diese Frauen im Alter von 12-70 Jahren. Eine Frau wurde zehn Mal vergewaltigt, bis sie gelähmt war. Auch im Flüchtlingslager Mandela wurden im März vierzig Vergewaltigungsfälle bzw. einige Schwangerschaften festge­stellt.

Zusammenfassend sollten Strategien für die psycholo­gische und medizinische Betreuung der Frauen ent­wickelt werden, vor allem für jene, die sich nun als Flüchtlinge im Tschad befinden. Die Frauen brauchen für die Überwindung ihrer Trauma­ta Hilfe, um ihr Leben wie­der normalisieren zu können.

Entscheidend ist auch, dass die Frauen motiviert werden, sich in der Politik zu engagieren und sie in alle Frie­densverhandlungen zu invol­vieren, da eine bedenkliche Frage gestellt werden muss: Ob ein Frieden im Sudan ohne Miteinbeziehung von Frauen, die 54 Prozent der gesamte Bevölkerung ausma­chen, überhaupt möglich ist und dauerhaft sein kann?

[1Cilja Harders / Bettina Roß: Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden. Perspektiven der feministischen Analy­se internationaler Beziehungen. Opladen 2002: S. 9.

[2Webster’s Third New Dictionary, 1993, Chicago: Encyclo- paedia, and Ominee’s New Somali Dictionary, 1996.

[3Vgl. Adane Tekie Ghebremeskel: Conflict and conflict ma­nagement in the Horn ofAfrica. The case of Somalia. Uni­versität Wien, Dissertation, 1999: S. 20.

[4Zitiert nach Adane Ghebremeskel: Lewis Coser: The Fun- ctions of social conflict. 1959: S. 34.

[5Vgl. Ishraga M. Hamid: Vergessene Frauen am Rande des Lebens. Soziökonomische Analyse der Situation intern ver­triebener Frauen im Sudan. Wien 2004.

[6UNESCO 2001, Art. 60.

[7www.sudanile.com 24.09.04.

[8Vgl. Ishraga M. Hamid: Vergesse Frauen am Rande des Le­hens. Wien 2004.

[9www.sudaneseonline.com Board discussion August 2004.

[10Unveröffentlichte Kopie eine Vortrages von Maraim El
Sadig El Mahadi an der Khartoum Universität vom 08.09.2004.

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