FORVM, No. 140-141
August
1965

Der Mensch als Möglichkeit

Stegreif-Rede vor Wiener Studenten

Am 8. Juli 1885 wurde Ernst Bloch in Ludwigshafen geboren, von wohlhabenden Eltern. Zunächst Studium aus Lust am geistigen Abenteuer: Philosophie, Germanistik, Physik, in München, Würzburg, Berlin, dortselbst bei Georg Simmel. Hierauf Reisender großen Stils, aus gleicher Lust, schließlich aber aus Zwang, als jüdischer Emigrant: Zürich, Wien, Paris, Prag, New York, Cambridge (USA). Relativ spät, im 33. Jahr, reift der große Erstling: „Geist der Utopie“. Dann aber, in bis heute sich steigernder Fruchtbarkeit: 1921 „Thomas Münzer“, 1923 „Durch die Wüste“, 1930 „Spuren“, 1933 „Erbschaft dieser Zeit“, 1946 „Freiheit und Ordnung“, 1959 „Prinzip Hoffnung“, 1961 „Naturrecht und menschliche Würde“, 1964 „Subjekt — Objekt“ und „Tübinger Einleitung in die Philosophie“. Den Sprung aus dem Reich des Kapitalismus in das — erhoffte — Reich des Sozialismus ermöglicht 1949 eine Professur in Leipzig. Als der Stalinismus sich von seiner dümmsten und brutalsten Seite zeigt (Blochs Schüler Wolfgang Harich saß bis letzthin hinter Gittern), springt der Philosoph wieder retour, über die unterdessen errichtete Mauer; 75jährig, zeigt er, daß Hoffnung nicht Zuversicht ist, sondern, enttäuscht, dennoch Hoffnung bleibt. Die folgenden, explosiv arbeitsreichen Lehr- und Schreibjahre in Tübingen bringen ihm nicht nur, eigentlich erst jetzt, weltweiten Ruf, sondern, was mehr ist, die Herzen der Jugend. Wir freuen uns, zu seinem Geburtstag gerade dies dokumentieren zu können durch die unveränderte Wiedergabe einer Stegreif-Rede, aus Anlaß der 600-Jahr-Feier der Wiener Universität, vor anderthalbtausend Studenten. Wir halten dies für die Dokumentation einer sonst kaum noch anzutreffenden Fähigkeit des Philosophierens, nicht in fertiger Schrift- oder Vorlesungsform, sondern in freier, mit dern Gedankenfluß sich modulierender Rede.

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