MOZ, Nummer 58
Dezember
1990
Stasi-Ausstellung in Leipzig:

Der real existierende Nick Knatterton

Um das Volk vor sich selbst und anderen zu schützen, war den Mitarbeitern der Stasi nichts zu aufwendig, nichts zu schwierig und nichts zu dumm. Mit deutscher Gründlichkeit hielten sie ein Volk in Schach. Methoden und Ergebnisse dieser Arbeit sind bis auf weiteres in der „Heldenstadt“ Leipzig zu besichtigen.

Wir geloben — erfüllt von revolutionärer Leidenschaft und Entschlossenheit, all unsere Kräfte für die weitere Festigung und Stärkung der Deutschen Demokratischen Republik einzusetzen, mit all unserem Wissen und Können den allseitigen und zuverlässigen Schutz des Sozialismus zu gewährleisten und das friedliche Leben der Bürger zu sichern.

Der so eingeschworenen Sicherheitstruppe der nun ehemaligen DDR ist schon jetzt eine Ausstellung gewidmet. Unter dem Titel „Macht und Banalität — Indizien des Verbrechens“ werden im ehemaligen Stasi-Gebäude in Leipzig Fundstücke aus dem Equipment der Staatshüter gezeigt. Organisiert wurde die Ausstellung von Mitgliedern des Leipziger Bürgerkomitees, die rund um die Uhr über die insgesamt elf Kilometer Stasiakten wachen und darauf hoffen, daß diese Altlasten eine Entsorgung erfahren, die es auch ermöglicht, Betroffene zu rehabilitieren. Solange dies nicht geklärt ist, wollen die Aktenhüter der „Heldenstadt“ im Gebäude der Stasi ausharren.

Später sollen dort wieder Akten lagern, denn die vormalige Besitzerin des Gebäudes ist die Alte Leipziger Versicherung und meldet Ansprüche auf das Gebäude an, allerdings als Depot für die eigenen Akten.

Wir geloben — auf der Grundlage und in konsequenter Durchsetzung der Beschlüsse unserer Partei und Regierung, mit hoher politischer Reife, standhaft und kompromißlos den Feind zu bekämpfen, seine verbrecherischen Pläne und Absichten und Maßnahmen rechtzeitig zu erkunden und zu vereiteln, dem Feind keine Chance für seine gegen Frieden, Demokratie und Sozialismus gerichteten Machenschaften zu lassen.

Die Stasi-Ausstellung im Stasi-Gebäude samt dem ihm eigenen realexistierenden Chic ist auf Authentizität bedacht. Mit den versiegelten Glasvitrinen, den darin akkurat ausgelegten Requisiten dieses gigantischen Geheimdienstes hat sie das Ambiente eines Völkerkundemuseums in Winsen an der Luhe. Sieht man das Material, mit dem hier geheimdienstlich gegen den Feind gefochten wurde, fühlt man sich allerdings an die Asservatenkammer von Nick Knatterton erinnert.

Doch bevor der Besucher der Ausstellungen in dieses Kuriositätenkabinett gelangt, kann er die Grundlagen der geheimdienstlichen Tätigkeit sehen. Angefangen mit heroischen Treuschwüren („Wir geloben ...“), martialischem Wandschmuck (Marke Bettvorleger) und Literatur („Karl. Marx und Friedrich Engels zur Konspiration des Klassenkampfes des Proletariats“ — ohne Verfasser — nur für den Dienstgebrauch, herausgegeben 1983 zum Anlaß des Karl-Marx-Jahres) sind Wandteller, Schießeisen und Uniformen ausgestellt. Auf einer Wandzeitung ist die Organisationsstruktur dieses volkseigenen Betriebes, der wohl als einziger tatsächliche Plansollerfüllung vorweisen konnte, schematisch dargestellt. Auch die Mitarbeiter (MAs) werden den Ausstellungsbesuchern vorgestellt: So erfährt man, wer denn nun die GMS gewesen sind, die Gesellschaftlichen Mitarbeiter Sicherheit: DDR-Bürger mit staatsbewußter Einstellung, die ausschließlich ehrenamtlich gearbeitet haben. Allerdings bleibt uns das Betätigungsfeld der OibE erstmal verschlossen. Diese Offiziere im besonderen Einsatz arbeiteten nämlich absolut geheim. Ferner gab es HIM (Hauptamtliche inoffizielle MA), U-MAs (Mitarbeiter, die Spione anwarben), IMBs (Inoffizielle Mitarbeiter mit Feindverbindung) und die IMs (Inoffizielle Mitarbeiter).

Unglaublich aber wahr: die Geruchsproben der Staatsfeinde im Stasi-Archiv
Foto: Martin Jenichen/Transit

Wie akribisch diese Firma arbeitete, kann man anhand eines Protokolls erkennen, das Mitarbeiter erstellten, nachdem sie eine Parole an einer Hauswand entdeckten: „SED und Stasi sind bankrott.“ Neben Uhrzeit, Ort und dem Namen des Mitarbeiters war auf dem A4 Blatt zu lesen: „Schriftoberkante 2,50m; Schriftunterkante 1,70m; Strichbreite 3-4 cm; Länge der Losung 1,60 m; Schreibschrift; Losung hatte eine hohe Öffentlichkeitswirksamkeit. Anschließend Losung übermalt.“

Wir geloben — in enger unlösbarer Verbundenheit mit dem Volk der DDR, die revolutionäre Wachsamkeit zielstrebig und umfassend zu erhöhen und die kameradschaftliche Zusammenarbeit mit den Werktätigen der DDR, mit den Kämpfern und Patrioten an der unsichtbaren Front als bedeutende Quelle der Organe des Ministeriums zu vertiefen.

Was so versprochen, das wird auch nicht gebrochen. Dafür sorgten in unendlicher deutscher Kleinarbeit 85.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Zum Beispiel, indem sie die gesamte Post, die ins Ausland oder umgekehrt gesandt wurde, kontrollierten. Davon zeugen in der Ausstellung all die Briefe, die mit wunderschönster Sextanerschrift adressiert, an die Deutsche Welle, Redaktion Plattenteller oder an Showgrößen wie Rudi Carrell und Tony Marshal geschickt wurden. Sie wurden anscheinend alle einbehalten und fallen so unter die zwei bis fünf Prozent der Post, die nie über ein Stasi-Büro hinauskamen. Die meisten Briefe wurden allerdings nur geöffnet, kopiert und dann weitergeleitet. Wurde der Poststempel beschädigt, wurde einfach mit stasieigenen Stempeln der Brief neu abgestempelt. Bei neugestempelten Briefen aus Japan flog der Schwindel schnell auf: stand doch auf dem Brief in allerbestem Deutsch JAPAN. Gemerkt haben es alle, nur die Stasi scheinbar nicht. Beim Kampf an der unsichtbaren Front (Briefe und Päckchen) wurden nicht nur die Grüße an die Liebsten gelesen, sondern auch Geld geklaut und Sachen wie Tonbandkassetten entwendet. Die liebevoll bespielten Kassetten mit Musik von Tony und Rudi wurden einer sinnvollen Bestimmung zugeführt: Auf ihnen wurden abgehörte Telefongespräche aufgezeichnet.

Wir geloben — als Erben des Vermächtnisses Wladimir Lenins die unzerstörbare Bande der Freundschaft und der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion, dem ersten Arbeiter- und Bauernsstaat der Welt und den anderen Staaten der sozialistischen Gemeinschaft wie unseren Augapfel zu hüten, das im gemeinsamen jahrzehntelangen Kampf gegen den Imperialismus, für den Aufbau des Sozialismus/Kommunismus geschmiedete und bewährte Kampfbündnis mit den sowjetischen Tschekisten und den Bruderorganen der anderen sozialistischen Staaten durch neue Siege über den gemeinsamen Feind zu stärken.

Für die MAs im Außendienst des Ministeriums für Staatssicherheit, bei etwaigen Observationen, mußte der Schein gewahrt bleiben. So sind in der Ausstellung auch die Utensilien der Maskenbildner und Friseure ausgestellt, die aus behaarten Mittdreißigern fünfzigjährige Glatzköpfe zauberten, aus Männern Frauen machten und schlanke Herren in bierbäuchige Kumpels verwandelten. Dieser Kunstbauch verbarg aber nicht nur Schaumgummi, sondern auch eine weitwinkelige Kamera. Gerade diese Acessoires geben die Arbeit der allseits gefürchteten Stasi der Lächerlichkeit preis. Die Geschichte über die Geruchsproben der Staatsfeinde, die dann in Einmachgläsern zu Hunderten in den Kellern der Stasi lagern, glauben auch nur die wenigsten. Ist aber dennoch perfide Realität. Heimlich wurde in Wohnungen von Oppositionellen eingebrochen, um aus Kleidungsstücken Geruchsproben herauszuschneiden. Deutsche Schäferhunde wurden speziell für eine eventuelle Geruchsfahndung geschult, um den Stasileuten bei der Schnüffelei behilflich zu sein. So schlummern in den Kellern so mancher Archive Hunderte von Geruchsproben von Leuten, die dieser Staat nicht riechen konnte.

Schlußpunkt der Ausstellung ist ein riesiger Aschehaufen, Zeugnis einer der letzten Amtshandlungen von MAs der Staatssicherheit: die massenhafte Vernichtung der Akten. Ein Vorgang der neudeutsch als ‚verkollern‘ bezeichnet wird: Die Akten werden vebrannt und dann mit Wasser vermischt.

Wir Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit sind jederzeit bereit, alle Aufträge von Partei und Regierung bedingungslos und mit schöpferischer Initiative in Ehren zu erfüllen, die Deutsche Demokratische Republik, in der die Ideen von Marx, Engels und Lenin revolutionäre Wirklichkeit wurden, mit unserer Person, bis zum Einsatz des eigenen Lebens, entschlossen zu verteidigen. Das geloben wir.

Stasi, Macht und Banalität — Indizien des Verbrechens — Das Bürgerkomitee zeigt Stasifundstücke, Dienstag bis Samstag 14-19 Uhr, Große Fleischer Gasse, 7010 Leipzig