MOZ, Nummer 47
Dezember
1989
Nationalparks in Österreich

Der Ruf der Wildnis

Natur — (k)ein Erlebnis mehr? Zwischen „Gemma Biotop schaun“ und alltäglich vermeldeten ökologischen Katastrophen wird der menschliche Lebensraum immer beengter. In Österreich bewerben sich drei geplante Nationalparks unterschiedlichen Modellcharakters um internationale Anerkennung.

Landschaftsgebiete, die international als Nationalpark anerkannt werden wollen, müssen sich folgender Kriterien würdig erweisen: Die Naturausstattung muß auf einem Mindestflächenbereich Lebensgemeinschaften soweit als möglich einer natürlichen Entwicklung überlassen, wobei keinerlei Nutzung der Ressourcen zulässig ist. Lenkende Eingriffe sollen auf ein Mindestmaß begrenzt sein. Falls der Terminus Naturlandschaft nicht angewandt werden kann, können auch naturnahe Gebiete nationalparkfähig sein. Natur das schließt menschliche Einwirkung, Gestaltungsmöglichkeit, schlicht „Kultur“, aus. Wildnis pur. Die Diktion stammt nicht von ungefähr, sondern aus den USA des vorigen Jahrhunderts. Im Rahmen der New-Conservation-Bewegung wurde 1872 das nördliche Felsgebirge als Yellowstone-Nationalpark unter Schutz gestellt. Die Natur war von den Einwanderern aus einem fernen Kontinent wieder in den „ursprünglichen“ Zustand versetzt worden, nachdem man die dort ansässigen Indianer in Reservate ausgesiedelt hatte. Kontemplativ konnte das wahrnehmende Auge nun vor der formenden Hand verherrlicht werden, in naturversunkener Transzendenz die bloß menschliche Dimension ablegen.

Der alte Kontinent und seine Heimat

Im dicht besiedelten Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der klassischen Wiege der Kultur, stellte sich der Bezug naturgemäß anders dar. Einsame, unkultivierte Weiten konnten nicht unter Schutz gestellt werden, und so wandte sich das Auge dem Naheliegenden, dem überschaubaren Mikrokosmos der Macht zu. Die konservative Heimatschutzbewegung formulierte ihr diffuses Unbehagen an der Moderne, indem sie die malerische und poetische Landschaft der Vergangenheit idealisierte. Bedrohlich waren aber nicht so sehr die ökologischen Folgen der Industrialisierung, sondern die kulturlosen Arbeitermassen in den städtischen Ballungsgebieten. Der Musiker Ernst Rudorff forderte 1880 Schutzgebiete für die „unantastbaren Heiligtümer der Natur und der Geschichte“. An Umorientierung der Produktionsweise wurde schon damals nicht gedacht. 1921 wurde der erste deutsche Naturschutzpark „Lüneburger Heide“ eingerichtet, der Heimatschutz erstreckte sich jedoch auch auf Denkmal- und Brauchtumspflege. Erst durch die schwierige Ernährungslage nach dem Ersten Weltkrieg wurde bemerkt, wieviele deutsche Flüsse sich bereits in Kloaken verwandelt hatten und den heimkehrenden Fischern keine Lebensgrundlage mehr boten.

Proletarisches Naturerleben

Der Touristenverein „Naturfreunde“ wurde 1895 in Wien gegründet und verband mit dem Konzept des „sozialen Wanderns“ politische Forderungen und Naturerleben. Arbeiterwandergruppen trugen — für die Agitation unterwegs — Flugblätter im Rucksack. Naturgenuß sollte kein Selbstzweck sein, sondern das Schauen, Lernen und Sammeln von sozialen Einsichten umfassen. Der Zusammenhang von Umweltzerstörung und kapitalistischem Profitinteresse war schon zu einer Zeit ein massiver Kritikpunkt, als die ArbeiterInnen noch um freies Wegerecht durch die weitläufigen Privatbesitzungen kämpften.

Kraft durch Freude

Während der Zeit des Nationalsozialismus machte Bewegung in der freien Natur Körper und Geist fit für den bevorstehenden Krieg, der organisierte Massentourismus (es reisten 2 Millionen Deutsche) setzte Maßstäbe für zukünftige Völkerwanderungen zur Ferienzeit. Der Autobahnbau schlug breite Breschen in die deutsche Heimaterde, die ein eigens angestellter Reichslandschaftsanwalt der Reichsautobahnen, Alwin Seifert, wie folgt dokumentierte: „Die materiellen Notwendigkeiten unseres Landes fordern immer größere Eingriffe in die Natur unseres Landes ... und wegen ihrer Verdichtung eine verstärkte Beachtung der Forderung, daß die Technik ein Anliegen in engster Naturverbundenheit durchzuführen hat.“ Der Gegensatz von Technik und Natur war nun also ästhetisch aufgehoben, die Monumentalbauten von Industrie- und Kraftwerksgesellschaften sind Zeitzeichen und Zeitzeugen, damals wie jetzt.

Fortschritt, Wachstum und Technik der Wirtschaftswunderzeit ließen den Naturschutzgedanken verblassen. Bis 1960 gab es in Österreich 50 Schutzgebiete, die sich, bis auf wenige Ausnahmen, auf kleine und kleinste Landstriche beschränkten. Die Natur als landschaftlicher Erholungsraum wurde erst dann wieder interessant, als die Maximen profitorientierter und fortschrittshöriger Politik über die Verschlechterung der subjektiven Lebensqualität nicht mehr hinwegtäuschen konnten. In zunehmendem Maße wurden Teile der Bevölkerung für ökologische Fragen sensibilisert.

Tiergartenarm in der Stopfenreuther Au
Fotos: Ulrike Sladek

Land am Strome

Mitte der siebziger Jahre wurden die ersten Fälle von massiver Grundwasserverseuchung bekannt (z.B. Mitterndorfer Senke). 1978 stimmte die österreichische Bevölkerung gegen die Einrichtung eines Atomkraftwerkes, was die Elektrizitätswirtschaft zum Anlaß nahm, die Intensivierung des Wasserkraftwerksausbaus voranzutreiben. Legitimiert wurde diese Bestrebung mit dem vielstrapazierten Argument der Arbeitsplatzbeschaffung und Prognosen über einen angeblich stark ansteigenden Strombedarf. Angesichts des geplanten Donaukraftwerkes bei Hainburg fand der Unmut von Umweltschützern und anderen Personenkreisen von links bis rechts, die der sozialdemokratischen Allmachtsphantasie schon überdrüssig waren, ein Ventil.

Bildet die Grundlage der artenreichen Flora und Fauna:

Fünf Jahre Weihnachtsfrieden in Hainburg

Die Stopfenreuther Au wurde besetzt, konservative Jungpolitiker waren schneller am Konservieren als autonome Umweltschützer am Diskutieren, und im Nu war ein Volksbegehren zur Schaffung eines Nationalparks initiiert. Eine bekannte Galionsfigur, Konrad Lorenz, fand wieder den richtigen Boden unter den Füßen, um Verhaltensforschungen anzustellen (das hatte er schon einmal als NSDAP-Mitglied getan), und Österreichs auflagenstärkste Tageszeitung fand endlich genug Druckerschwärze, um ihrem Unmut an der politischen Landschaft rechten Ausdruck zu geben.

Die Donaukraft (damals noch DOKW) ließ sich aber von Auhirschen, Rotbauchunken und von so manchen schwarzbraunen Unterholzbewohnern nicht einschüchtern und produzierte Kraftwerksvarianten am laufenden Strom. Engelhartstetten, Wolfsthal und Wildungsmauer sind nach wie vor für ganz unromantische Stelldicheins der Strom- und Betongiganten gut.

Aus der Kraftwerksverhinderungsbewegung entstand im Sommer 1986 ein Verein „Nationalparkplanung Donau-Auen“, dessen Präsident Bernd Lötsch seither die Interessen der schutzlosen Natur stellvertretend wahrnimmt. Im Planungsbüro werden die wissenschaftlichen Grundlagen zur Schaffung der Schutzgebiete erarbeitet, die artenreiche Flora und Fauna beforscht und katalogisiert. Die von Wien an unbehinderte Fließstrecke der Donau bildet ein fruchtbares Wechselspiel zwischen stehenden Augewässern und Hochwasserüberflutung. In diesem Lebensraum pflanzen sich 41 Säuger, 109 Brutvogelarten, 8 Reptil-, 12 Amphibien- und 46 Fischarten fort. Menschen war es bislang so knapp an der Donau etwas zu feucht, und so entspricht das Gebiet von vornherein den internationalen Nationalparkkriterien. Doch ganz so reibungslos geht die Errichtung eines solchen nicht vonstatten, denn erstens ist das Interesse der Donaukraft an der Donaukraft noch nicht erlahmt, und zweitens gibt es doch Probleme mit der Spezies homo sapiens. Wenn sie schon dort nicht lebt, so fischt sie, besonders die urbane Abart, oder schlägert Holz oder geht dem Jagdvergnügen nach (siehe Artenreichtum). Und derartige Nutzungen sind nicht erlaubt.

Stehende Augewässer ...

Vom Fischler und von Fischern

Das Gebiet der Donau-Auen steht zum Großteil in Besitz der österreichischen Bundesforste, das heißt, daß ein konkreter Ansprechpartner, nämlich der Landwirtschaftminister, etwaigen Wünschen zur Verfügung steht. Und tatsächlich, Minister Fischler hatte ein offenes Ohr für die Probleme der Parkdesigner. Er erteilte Weisung an alle untergebenen Oberförster und Waldhüter, die Baumbestände nur in Zusammenarbeit und Absprache mit Auen-Anwalt Lötsch zu pflegen, abzuholzen oder aufzuforsten. Mit den Fischern ist das eine andere Sache. Sie sind ein umtriebiges Völkchen und stammen zu zwei Drittel nicht aus den anliegenden Dörfern, sondern aus der Großstadt Wien, ihre Organisation, der Arbeiterfischereiverein, hat via „Neue AZ“ schon schwere Bedenken geäußert, die von einem Mitglied der Nationalparksplanungsstelle als Hetzkampagne der Naturzerstörer empfunden wurde. Dabei sind es gerade die Sportfischer, die nicht jedes kleinste schwimmende Etwas an der Angel aus dem schützenden Naß zerren, sondern nur die bei den verschiedenen Wettbewerben gefragten Sorten.

regelmäßig durchfeuchtete Auwälder ...

Ein historisches Ereignis?

„Eine Nation schafft sich ihren Nationalpark“ — unter diesem Motto wurde im Juli 1989 ein Optionsvertrag zwischen dem WWF-Österreich-Präsidenten Gustav Harmer, Bernd Lötsch und Carl Graf Abensperg und Traun abgeschlossen, der den Ankauf der Regelsbrunner Auen zum Inhalt hat. Kredit und Zinsen betragen über 80 Millionen Schilling, die in einer Schutzkauf-Aktion aufgebracht werden sollen. Ein zimmergroßes Stück Au (10qm) wird zum Beispiel schon um öS 200 feilgeboten, wobei ich mir allerdings überlegen würde, auf so engem Raum mit so vielen Tieren zusammenzuleben. Eine 100qm-Wohnung ist schon um den Spottpreis von öS 2.000 zu erstehen. Leider erfahre ich im Nachsatz, daß dieser Kauf nur ein symbolischer Akt sei, ich aber dem WWF bei seiner bisher größten Aufgabe zur Seite stehe, besser gesagt Herrn Harmer, der mit seinem persönlichen Vermögen für den Kredit haftet.

Doch das alte Sprichwort, das den Geldfluß beschreibt, trifft auch auf die Auen am Donaustrome zu. 25 Millionen Schilling sind schon definitiv lokalisiert (d.h. noch nicht am Konto eingetroffen, jedoch verbindlich zugesagt). Umweltministerin Marilies Flemming hat den Ankauf von 500.000qm Augebiet um 10 Millionen aus ihrem Fundus zugesagt, allerdings muß sie noch eine Rücksprache in Steuerangelegenheiten mit Finanzminister Lacina abhalten.

freie Fließstromstrecke: die Vogelinsel

Weltausstellung und Danubium

Die unverwechselbare österreichische naturkundliche Erlebnislandschaft an der Donau, eng verschränkt mit den Kulturgütern der Region, trägt während der Weltausstellung 1995, so sie stattfindet, den klangvollen Namen Danubium. Eine zeitgemäße Form, sowohl die Auen zu retten als auch das von Verfall bedrohte Frühbarockschlößchen Petronell neuem Glanze zuzuführen. Hier soll nach dem Wunsch und Willen der Nationalparkplaner eine wissenschaftliche Station zur restlosen Erforschung des Donauraumes Unterkunft und touristische Aubegleitung ihren Ausgang finden. Der Besucherstrom, der anläßlich des Großereignisses 1995 zu erwarten ist, muß kanalisiert werden, damit die geschützten Gebiete nicht dem Moloch Massentourismus zum Opfer fallen. Wieviele Hochwässer die schöne blaue Donau wohl noch führen wird, bis sie am Lauf gehindert oder von unberührten Auwäldern beschattet wird? In der Zwischenzeit begebe ich mich in die Berge, denn auch dort, in kargen alpinen Regionen, gibt es einen Nationalpark. Gibt es ihn?

Land der Berge

Zum Höhenvergleich: Der Wiener Stephansdom vor der geplanten Staumauer
Foto: Alpine Allianz

An einem wunderschönen Herbsttag steige ich in Lienz/Osttirol aus dem Zug, um in fachkundiger Begleitung das erste Nationalparkprojekt Österreichs zu begehen. Der Erhaltungsgedanke von alpiner Fauna, Flora und Gewässern hat in den Hohen Tauern Tradition. Schon 1909 wurde ein Verein „Naturschutzpark“ gegründet. Durch die Schenkung eines wohlmeinenden Kärntner Industriellen (hatte er vielleicht ein schlechtes Gewissen?) gelangte der Österreichische Alpenverein (OeAV) 1918 in den Besitz von 4qkm alpiner Landschaft im Raum Großglockner/Pasterze. Dieses Gebiet konnte der OeAV durch den Ankauf von weiteren 280qkm vergrössern. 1971(!) unterzeichneten die Landeshauptmänner von Salzburg, Tirol und Kärnten in Heiligenblut eine Vereinbarung zur Schaffung eines Nationalparks Hohe Tauern, „zum Wohle der Bevölkerung, Nutzen der Wissenschaft und zur Förderung der Wirtschaft“. In den darauffolgenden Jahren stand dann offensichtlich letzteres Interesse im Mittelpunkt. Langgehegte Projekte zur Nutzung der reichlich vorhandenen Wasserkraft fanden ihren Höhepunkt in der Variante eines Speicherkraftwerkes Dorfertal/Matrei, das die Ableitung aller bedeutenden Gletscherbäche auf der Südseite der Venediger- und Glocknergruppe vorsah. Eine 222m hohe und 320m breite Talsperre, 10 Fahrminuten von der Ortschaft Kals entfernt, sollte dem Auffangbecken als Staumauer dienen.

Widerstand und Integration

Die Kalser Bevölkerung, vorneweg die Kalser Frauen, die sich von dem Monument der Technik gleich hinter der Hausmauer bedroht fühlten, rebellierten. In einer Abstimmung sprachen sich 63% der Dorfeinwohner gegen den Kraftwerksbau aus und gelangten dadurch zu kurzem nationalen Ruhm. Naturschutzorganisationen, vereinzelte Grüne und vor allem Bundespolitikerinnen der ÖVP nahmen sich der guten Sache zur Rettung des Dorfertales an. Der Kraftwerksbau konnte verhindert werden.
Seither ist „unsere Marilies“ in aller dort Ansässiger Munde. An der Zugangsklamm zum geretteten Almtal gemahnt eine Gedenktafel aus Holz (einem Marienbildstock nicht unähnlich) an» Marilies Flemming, Marga Hubinek und einen gewissen Josef Riegler (dzt. noch Vizekanzler).

Die Integrationsfähigkeit der Umweltministerin hat den aufständischen Jungbauern der Gegend den Rücken gestärkt. Zwei oppositionelle Bürgerlisten innerhalb der ÖVP sind das Ergebnis. Grüne kommen nicht vor, auch keine Roten, auch keine Blauen. Alle 16 Sitze im Matreier Gemeinderat werden von der ÖVP eingenommen, sechs davon von innerparteilichen Widersachern. Das schmerzt besonders Bürgermeister Andreas Köll, der zur Besserung der Finanzlage der Gemeinde gerne eine Schischaukel errichten möchte. Das Gebiet ist zwar dafür höchst ungeeignet — lawinengefährdete, bachzerfurchte Steilhänge müßten mit großtechnologischem Einsatz aufbereitet werden — aber Verhältnislosigkeit war ja schon oft ein Merkmal von Gemeindevätern.

Kaputter Wald und viele Gemsen

Oberforstrat Anton Draxl, Leiter der Geschäftsstelle der Nationalparkkommission Hohe Tauern, Abteilung Osttirol, weiß während unserer Rundfahrt durch das Kalser- und Virgental ebensoviele Geschichten zu erzählen, wie sein Titel lang ist. Stolz führt er mir die ersten sichtbaren Erfolge seiner Naturund Heimatschutz-Initiativen vor (Brauchtumspflege eingeschlossen). Ein Mann guten Willens, der, ebenso wie die beiden Vertreter der „Jungen Liste Matrei“, die Vor- und Nachteile eines Nationalparks abgewogen hat. Eine Umsetzung des Naturschutzgedankens nach streng internationalen Kriterien scheitert aber an der Nutzungsproblematik.
Die im betroffenen Gebiet ansässigen Bauern betreiben hauptsächlich Almwirtschaft im Nebenerwerb und sind auf Einkünfte aus Fremdenverkehr und Jagdpacht angewiesen. Der Baumbestand ist durch die Überhegung an Jagdwild, hier hauptsächlich Gemsen, schon schwer geschädigt, doch die heilige Kuh Jagd im heiligen Land Tirol zu schlachten undenkbar. Da wäre die Verhinderung des Kraftwerksbaus noch einfacher gewesen. Da auch die betriebene Almwirtschaft nationalparkunwürdig ist, wurde ein Zonierungsplan erarbeitet, der die stufenweise geringere Nutzung bis zur unberührten Kernzone regelt. Natur und Bürokratie — davon können die Tiroler ein flottes Liedchen trällern.

Der museale Charakter

Bei der letzten Konferenz der IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Ressources) 1982 in Bali wurde die Einbeziehung von Kulturlandschaften, die von Bauern und Hirten in traditioneller Weise bearbeitet werden, in Nationalparkzonen beschlossen. Dörfliche Gemeinschaften als Ausstellungsobjekte wäre die letzte Stufe einer konsequenten Befolgung des Schutzgedankens. Die nach ästhetischen und vergangenheitsromantisierenden Kriterien schützenswerten alpinen Landschaften könnten zu einem großen, lebendigen History-Land erklärt werden, die ‚natürlich gewachsene‘ Bevölkerung könnte ihr Auslangen durch die in der Randzone eingerichteten Touristikbetriebe, Eintrittsgelder, Perchtenlauf und Bergführungen sowie staatliche Unterstützungen finden. Natur und Mensch wären, regional gesehen, endlich wieder eins.

Wenn der Nationalparkgedanke, wie offensichtlich angestrebt, ein Instrumentarium bzw. Argumentationshilfe zur Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts darstellen soll, belebte und nicht ausgestellte Landschaften das Ziel sind, stellt sich die Frage der legistischen und finanziellen Absicherung. Im Falle des Schutzgebietes der Hohen Tauern erwies sich das Heiligenbluter Abkommen von 1971 als reichlich unverbindlich. Der Tiroler Landtag entschloß sich erst im heurigen Jahr unter dem Druck dringlicher Anfragen, eine gesetzliche Verankerung des Nationalparks ins Auge zu fassen.

Algenteppich in der Wachstumsphase

See im Eck oder Lacke im Winkel

Das letzte Ziel meiner herbstlichen Rundreise war der Seewinkel im Burgenland. Über die verheerenden Zustände in dieser Region ist in der MONATSZEITUNG im September dieses Jahres schon ausführlich berichtet worden. Hier, im Burgenland, ist die Grüne Alternative die Hauptbetreiberin, die letzten Reste des vor 15 Jahren noch ausgedehnten Lackengebietes zu retten. Eine Marilies Flemming hat sich meines Wissens noch nie hierher verirrt, und auch das Füllhorn des Umweltministeriums hat sich bislang verschlossen gezeigt. Einzig der WWF hat ein altes, charakteristisches Gebäude gekauft, den Seewinkelhof, in dessen Garten zwei Feuchtbiotope und viele Nistkästen auf vergangene Zeiten der in den Auen so vielgepriesenen Artenvielfalt verweisen.

Nach wie vor nisten in den noch nicht vertrockneten Feuchtgebieten zahlreiche Bodenbrüter, die klassischen Störche sind auch noch da, jedoch auch schon viel geringer an Zahl. Das einzige, was blickbeherrschend zunimmt, ist die Fläche der Riede. Trotz Neupflanzungsverbot rücken sie immer näher an die restlichen Lacken heran, die Düngeund Schädlingsbekämpfungsmittel lassen das Gleichgewicht der Feuchtgebiete kippen. Im Neusiedler Gemeindegebiet werden gerade eben die letzten Hutweiden parzelliert — von Romantik weit und breit keine Spur. Von der Pußta ebenfalls nicht. Dafür gibt es zahlreiche Lokale, die sich Csardas nennen.

getrocknete Algen: so hart wie Preßkarton

1977 hat die UNESCO dem Neusiedler See und dem Seewinkel den Status „Biosphere Reserve“ verliehen. Die offiziellen Aussendungen der Landesverwaltung zum Naturraum Neusiedler See sind durch einen breiten Katalog an schutzwürdiger Landschaft gekennzeichnet, aufgelistet wurde aber offenbar jeder Grashalm, der noch irgendwie unbeschädigt oder nur teilinvalid ist.

Trotzdem oder gerade deswegen sind die Bestrebungen intensiviert worden, die Relikte vormals großer Weiten, Salzlacken und die dazugehörigen Pflanzen und Tiere im Rahmen eines Nationalparkprojektes zu schonen. Bei Redaktionsschluß stand das Ergebnis der Illmitzer Seekonferenz noch nicht fest, vielleicht zeichnen sich deutliche Fortschritte zur Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts ab. Die vom WWF gekaufte und betreute Rinderherde scheint ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Hoffentlich finden die armen Viecher genug zum Fressen, war mein Gedanke angesichts der endlosen Weingärten und der kleinen Steppenfläche.

Hier ruft zwar keine unberührte „Wildnis, jenes geheimnisvolle, wissenschaftlich und ästhetisch unerschöpfliche Evolutionserbe“, wie sich Au-Professor Lötsch auszudrücken beliebt, entscheidende Schritte zur ökologischen Verbesserung müßten aber sofort gesetzt werden. Ein diesbezügliches Entwicklungsprogramm könnte zukunftsweisender und beispielhafter sein als die Errichtung eines Wissenschafts- und Erbauungstempels, eines Asyls für einige wenige handverlesene BesucherInnen.

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