MOZ, Nummer 46
November
1989

Der Wiener Narrenturm

Ein rationales Monument des Wahnsinns

Architektur als Teil eines Disziplinierungsprozesses. Die Geschichte eines josephinischen Baudenkmals.

Der Disziplinierungsprozeß, in Gestalt des Spitalswesens als innerkolonisatorische Maßnahme gegen ‚infame Menschen‘, mit dem der Josephinismus dem modernen Staat den Weg bereitete, prägte dessen Institutionen der Macht (Justiz, Militär, Kirche, Verwaltung, Schule etc.). Und er schlug sich architektonisch-architekturpsychologisch, etwa im Bau von Internierungsanstalten, Arbeits-, Zucht-, Irrenhäusern und Spitälern, nieder. Den massiven Demonstrationswillen staatlicher Macht repräsentiert selbst der scheinbar so unverdächtige Spitalsbau, der sich — ursprünglich aus christlich-humanitärem Geist kommend — immer stärker zu technokratisch und sanitärpolitisch orientiertem Denken wandelte. Das Bestreben, mit wissenschaftlich-pragmatischen Methoden, durch zahlreiche Verordnungen und Patente disziplinierend zu wirken, erkannte bald den Vorteil der ‚geschlossenen Anstalten‘ zur schnelleren Durchsetzung ihrer Ziele der ‚Vermachtung‘.

Die Ausschließung von sogenannten „Anormalen und Asozialen“ nach gesellschaftlichen Imperativen, die hartnäckige Grenzziehung zwischen Gesunden und Kranken und deren Aufbewahrung in psychiatrischen Asylheimen, Besserungshäusern und — zum Teil — auch in Spitälern, die Genese der modernen Heilanstalt also zeigte sich auch beim Entstehen eines neuen Bautyps von Haftanstalt, den Michel Foucault mit „Geburt des Gefängnisses“ [1] umschrieb. Das Bestreben, disziplinierend zu wirken, vollzog sich in Wien am Beispiel des Allgemeinen Krankenhauses am Alsergrund geradezu idealtypisch mit der Errichtung des Narrenturms, erbaut 1783/84 zur Unterbringung der „Wahnwitzigen“.

Joseph II. nahm an den sozialen und hygienischen Zuständen des „Großarmenhauses“ Anstoß und verlangte, die Anlage zum Gemeinwohl umzufunktionieren. Der Neuplan sah vor, die zumeist schon bestehenden Gebäude zu adaptieren. Das Areal befand sich nicht in der (befestigten) Stadt, sondern lag außerhalb der Befestigungsmauern in frischer Luft. Dort erhielten die Invaliden, Bettler, Landstreicher, Armen und Kranken ärztliche Betreuung, medizinische Fürsorge und Almosen aus Staatsmitteln. Den Quellen nach wurden per Hofdekret mehrere Direktiv-Regeln zur statistischen Erfassung aller „siechen und eklhaften incurablen Personen“ erlassen, die dann Anlaß zur Neugestaltung eines Zentralspitals gaben. Der Inbetriebnahme des Allgemeinen Krankenhauses waren zahlreiche Diskussionen vorangegangen, die man ohne weiteres auf heutige Verhältnisse übertragen könnte. Schon der Maßstab und die Ausdehnung des Zentralspitals übertrafen die damals üblichen Bauaufgaben. Der gesamte Komplex des Großarmenhauses und Soldatenspitals wurde um weitere axial angelegte Höfe erweitert. Die Planung eines chirurgischen Bauwerkes verlangte damals keine große architektonische Meisterschaft, die Einzelheiten sind daher wenig wichtig. [2]

Modell des Narrenturms
Bild: Museen der Stadt Wien TM Inv.Nr. 2174

Unter der Leitung des Baumeisters Joseph Gerl wurde mit dem Um- und Neubau begonnen, doch die Planung stammt vermutlich von dem kaiserlichen Leibarzt Dr. Joseph Quarin, der bereits im Februar 1783 zum Direktor des neuen Hauptspitals ernannt wurde. Vorbild war sicherlich das Zentralspital „Hôtel Dieu“, das der Monarch mit Dr. Quarin 1777 besucht hatte. Gerade im Hinblick auf den kreisrunden „Narrenturm“ gibt es erstaunliche Parallelen zwischen Wien und Paris, wo bereits um 1780 Entwürfe für ein kreisrundes Spital (Bernard Poyets Projekt für das Hôpital Ste. Anne) zur Diskussion standen. Das Studium französischer Spitalsanlagen zeigt sich auch in der baulichen Gestalt neuartiger Architekturschöpfungen. So verdankt das frühe Wiener Spitals- und Wohlfahrtswesen Dr. Quarins Kenntnissen über die „École de Chirurgie“ (1769-75) die Errichtung eines Militärspitals (das „Josephinum“) und einer medizinischen Universität (das „Anatomische Theater“ in der Alten Universität).

„Der Irrenturm“, farbiger Karton von C. Pippich
Bild: HM Inv.Nr. 59937

Bau für medizinische Zwecke zur Heilung von Geisteskranken

Das „Tollhaus“ — wegen seiner Form im Volksmund als „Kaiser Josephs Gugelhupf“ verniedlicht — wurde von dem gebürtigen Franzosen Isidor Canevale als Pavillon an der äußersten, wohlweislich entferntesten Stelle des Grundstücks errichtet. Eine gewisse optische Abschirmung wurde schon durch die Lage des Gebäudes erreicht; hinzu kommt der in sich geschlossene Charakter des Bauwerks. Es handelt sich bezeichnenderweise bei dem Irrenhaus um den einzigen neuerrichteten Bau der gesamten josephinischen Bauphase. Somit wurden die Geisteskranken räumlich bewußt vom Rest des Spitals ausgesperrt und architektonisch herausgeschoben; auch semantisch ist der Bau ein völlig anderes Gebilde (Rundbau).

Der „Narrenturm“ (so seine heutige, ebenfalls verulkende Bezeichnung) weicht als Baukuriosum radikal von den ‚normalen‘ Trakteinteilungen des Spitals ab. Seine Form ist zugleich architektonisches Programm wie politisches Glaubensbekenntnis. Canevale gelang es sowohl ideologisch und symbolisch als auch ästhetisch-anschaulich, den Geist des Josephinischen Reformismus in eine prägnant revolutionäre Baugestalt zu bringen.

Es handelt sich bei diesem autonomen Gebäude um ein festungsartiges Gebilde in Kreisform, und gerade in dieser Hinsicht weist der „Narrenturm“ auf den Revolutionsklassizismus in Frankreich hin. Gewiß, Architekt Canevale — aus Vincennes stammend — war mit den aktuellen Strömungen und Theorien seiner Zeit bestens vertraut, aber man sollte die Dispositionen des Grundrisses weder auf geometrisches Kunstsinnen allein beschränken noch es überbewerten. Man kann, wie es zuletzt Hellmut Lorenz tat, die außergewöhnliche Form auf topographische Verhältnisse bzw. auf die Beengtheit des Areals zurückführen, quasi die Grundrißform als ‚Grundstückproblem‘ hinstellen. Lorenz schreibt zwar, „eine Weiterführung des traditionellen Rastersytsems war hier (an diesem Ort; Anm. d. Autors) jedenfalls nicht mehr möglich“, räumt aber zugleich ein, daß der Zwang zur ‚regelmäßigen‘ Ausbildung in der denkbar unpraktikablen, weil formalistischen Form des Kreises freiwillig gesucht wurde — eben aus Gründen der Gegensätzlichkeit zum erstellten weitläufigen Blockraster. Lorenz: „... darüber hinaus dürfte auch der planende Arzt Quarin eine solche äußerliche Angleichung der Irrenanstalt an die ‚normalen‘ Trakte des Spitals nicht gewünscht haben.“ [3]

Bemerkenswert ist jedenfalls, daß der abrupte Gegensatz zum Quadratraster des Spitals keinesfalls nur als technische Angelegenheit für eine günstige Zerlegung des Grundstückes zu erklären (man hätte beispielsweise in Richtung Nord-Osten auf das heutige Gelände des „Josephinums“ ausweichen können) oder bloß als stilistische Zäsur zwischen Barock und Klassizismus zu deuten wäre, sondern die exzentrische Stellung des „Narrenturms“ zeigt, daß die üblichen Kriterien ‚Öffnen‘ und ‚Schliessen‘ hier nicht verwendet werden sollten; aus Sicherheitsgründen jedoch wurde ihm eine geographisch-strategisch ‚sichere‘ Marginalzone des Grundstückes zugewiesen. Neben der räumlichen Vorkehrung einer Sicherheitszone im Spitalskomplex entspricht auch die innere Raumaufteilung in Zellen denen einer Sicherheitsarchitektur. Deutlich ‚spricht‘ die architektonische Form — die undurchdringliche Zylindermasse — die geistige Gesinnung des Behälters aus: das „Aus- und Einsperren“. Der quer eingeschobene Wärtertrakt, der auch die Rundgänge zu den Einzelzellen erschließt, überblickt in jeder Richtung den gesamten Ringblock. Dadurch ist bei minimalem Personalaufwand eine bessere (weil ständige) Überwachung der Insassen gewährleistet. Foucault nannte dieses Prinzip der Zentralüberwachung bezeichnenderweise ein „panoptisches System“. Es zeigt sich bei näherem Hinsehen, daß sich die äußere Form aus einem inneren Formenzwang heraus entwickelt und ergeben hat. Hier zeigt sich eine Problemstellung der Architektur: die Geometrie des Baues dient nicht mehr ausschließlich der Überwachung des äußeren Raumes, sondern bereits der inneren, subtileren Kontrolle der Insassen. Der Formenzwang gilt sowohl für den Architekturbetrachter als auch für den Architekturbenutzer. Wendet sich die Schale psychologisch als drastische Verkörperung der Funktion des Baues an den Betrachter, so scheint dies noch gerechtfertigt; das Bauwerk will sich — in vielleicht ostentativer Weise — ‚mitteilen‘, mit dem Betrachter ‚kommunizieren‘. Die repressive Architektur im Inneren jedoch wird für den Benutzer zum undurchdringlichen Monument der Gewißheit des Eingesperrtseins (ein „tödliches Schweigen“) und in seiner architektonischen Negativität bemerkbar unerträglich. Die Form ist mehr als Ausdruck der körperlichen Gewalt und Züchtigung, sondern betont, ja überhöht symbolisch die Unerbittlichkeit des körperlichen Kerkers für die Seele. Die nackten Zellenmauern, die nur von winzigen Fensterschlitzen durchbrochen werden, lassen die ernste Formgebung zu vollendeter Bedrückung gelangen.

Isidor Canevale: Grundriß des Narrenturms, Plan vom neuerbauten Narren-Haus, 1783
Bild: HM Inv.Nr. 71612

Steingewordenes Grauen

Beim „Narrenturm“ ist die architektonische Gestaltung auf ein Minimum reduziert; außen wurde er ursprünglich zur Gänze mit Rustikaverputz verkleidet, was ihm, in Verbindung mit den schmalen Fenstern, einen wehrhaften, kargen Charakter verleiht. Die vergitterten kleinen Zellenfenster hatten den Zweck, daß „... der Narr sich nicht aus dem Fenster hinausstürzt“. Das kräftige Bossenmauerwerk ist nicht nur unauffällig gegliedert — die Geschosse werden durch leicht hervorstehende Kordongesimse voneinander getrennt. Auch das Eingangsportal ist völlig schmucklos.
Im Inneren des Turmes ist fast alles so erhalten wie zur Zeit seiner Entstehung: beim Anblick der mächtigen Eingangstüren mit ihren schweren Metallsprangen gruselt’s einen. Gegen den Himmel schlichten sich die Regelgeschosse im gleichen Einerlei; kleine winkelige Höfe mit abbröckelndem Gemäuer verfinstern den Ausblick. Entsetzen packt einen bei dem Gedanken, daß es für die unglücklichen Menschen, die hier eingesperrt waren, keinen Ausweg gab, nicht einmal in den Freitod. Der Verbindungstrakt für die Wärter teilt den Kreishof in zwei ungleiche Stücke. Besonders das schmale Treppenhaus bringt die Allseitigkeit der Figur aus der Balance. Auch die Erschließung zur Außenwelt bringt eine Unregelmäßigkeit in den Grundriß: durch die Aussparung eines Kreissegments wegen der Einfahrt zum Hof. Im Kern ist der Rundbau eine einfache Ziegelgewölbekonstruktion, welche kompakt Zelle an Zelle mit Rundbögen aneinanderreiht. Das Rund hatte in jedem seiner fünf Stockwerke 28 segmentförmige Zellen mit Abortstelle und Eßnapf. Dicke Mauern verhinderten, daß das Schreien und Toben durchgehört wurde. Der Einsamkeit der Klosterzelle ähnlich, findet die Besessenheit josephinischer Baugesinnung auf Kargheit, Zweckmäßigkeit und innere Kraft in den trostlosen Zellen ihre deutlichste Ausprägung.

Scherzbild mit einem Verliebten vor dem Narrenturm
Bild: ÖNB-LW 73437

„Angesichts der hier unmittelbar ‚sprechenden‘, menschenverachtenden Qualitäten architektonischer Form“, merkt Hellmut Lorenz an, „wird man jedenfalls zögern müssen, diesen Bau auf Grund seiner formalen Parallelen zu den modernen Tendenzen des französischen Revolutionsklassizismus als besonders gelungene, moderne Lösung der Wiener Architektur dieser Zeit zu charakterisieren.“ [4] Wie wahr! Die französischen Projekte stehen als Schulbeispiele sowohl einer humanitären Idee als auch einer Konzept-Kopfarchitektur, die gegenüber dem Status quo und der allgemeinen Baupraxis entweder als ‚undurchführbar‘ (sie erhoben vielfach keinen Anspruch auf Verwirklichung!) galten oder als megalomane Formvision, die unabhängig von jeglicher Nutzung als „reine Kunstwerke“ stehen. Der „Narrenturm“ hingegen verrät große Zugeständnisse an Wirtschaftlichkeit und an ein wachsendes Repräsentationsbedürfnis bürgerlicher Baukultur als neuem Herrschaftsapparat. Canevale entfernte sich gar nicht so radikal von den gesellschaftlich-ökonomischen Prämissen und akademischen Techniken seiner Zeit, wie es den Anschein hat. Er inkorporierte zwei Prinzipien der rationalen Architektur, nämlich Struktur (Gewölbekonstruktion) und formale Geometrie (Zylinder/Kreis), ohne freilich den Zweck des Bauwerkes zu vernachlässigen.

Modell
Bild: IM Inv.Nr. 2174

Die runde Form sollte nicht nur Symbol der Tollen sein, nach der Redensart „tourner la tête“, sondern sie bedeutet auch Sparsamkeit. In naiver Übereinstimmung mit der Logik jenes positivistischen (Naturwissenschafts-)Denkens der Frühaufklärung war der Kreis die feinste Figuration, weil er bei maximaler Grundfläche und minimalem Umfang die geringsten Herstellungskosten an Baumaterial, Technik und Ausführung verlangt. „Sparsam war es“, schrieb Erna Lesky, „auf möglichst knappem Raum, wie ihn der Zirkel begrenzte, möglichst viele Menschen unterzubringen: 200-250 Tolle mit Wärtern, soviel als nötig. So wuchs der Bau zu fünfstöckiger Höhe mit 139 Zellen.“ [5]

„Nachricht an das Publikum über die Einrichtung des Hauptspitals in Wien 1784“

Profaner Zweck

Die rationellste Operation am Kreis ist die radiale Aufteilung in regelmäßige Segmente. Diese Grundrißgestaltung ist — so verschieden sie vom übrigen Komplex wirkt — nichts anderes als die Fortsetzung und gleichzeitig die Umkehrung des barocken Blockrastersystems (Kreisgeometrie anstatt Quadratgeometrie). Canevale wollte nicht eine reine Kunstform schaffen, wie sie noch im Barock oder in der Renaissance beliebt war, sondern der „Narrenturm“ verrät bereits die Auseinandersetzung mit einem Rationalismus, der die sachlichen und präventativen Forderungen des Raum- und Bauprogrammes exakt erfüllt. Die Festsetzung der Gebäudemaße, -teile und -masse aus einer Abfolge gleicher modaler Einheiten ist als solche ebensowenig originell, wie der spiegelbildliche Grundriß damals als revolutionär oder avantgardistisch galt. Man kann sogar provokativ behaupten, der Entwurf stelle im gewissen Sinn einen Rückfall in die Banalität dar, im Sinne eines Verfalls der humanistischen Proportionslehre der Renaissance, nicht weil er anti-anthropomorph in seinen Dimensionen wäre, sondern weil seine Geometrie ausnahmsweise nicht auf Schönheit beruht, sondern auf dem Zwang des Zweckes oder Gebrauches (d.i. Beherrschung). Der „Narrenturm“ stellt keineswegs ein Bild vollkommener Schönheit dar — wie Albertis Entwurf einer Kreiskirche etwa —, sondern er erfüllt bloß seinen profanen Zweck, und das absolut. Seine ‚Grundrißornamentik‘, wenn man so will, entsteht zufällig aus der zweckmäßigsten und einfachsten Disposition der Bauelemente. Er ist das Diagramm eines nur scheinbar auf ideale Form ausgerichteten Utilitarismus. Erscheint die daraus resultierende Ornamentik trotzdem als ‚ideal‘, so nur in ihrer unerbittlichen und wohldurchdachten Absicht und Technik der Überwachung. Raffiniert ist die Art und Weise, mit der die modulare Ordnung benutzt wurde, um bessere Zustände der Lenkung und Kontrolle zu erreichen. Der ‚perfekte Grundriß‘ wäre derjenige, der sowohl die äußere als auch die innere Sicherheit garantiert und es ermöglichte, zusätzlich noch alles zu kontrollieren. Nicht zufällig stimmt die Vorliebe des 18. Jahrhunderts für stern- oder kreisförmige Stadt- und Militäranlagen mit ihrem Hang zur Disziplinierung von Raum und Zeit mit den Intentionen des „Narrenturmes“ überein. Monumentale Symmetrie impliziert Macht, Achsen, Ordnungsprinzipien und Geometrie Naturbeherrschung, zwangsläufig und stillschweigend.

Das Prinzip der Macht wird weniger von den Menschen, die sie besitzen oder ausüben, verkörpert als vielmehr von den Institutionen und deren baulicher Gestalt in ihrer Konzentration von Körpern, Instanzen, Massen und Apparaturen. Architektur kann die Wirkung der Macht noch verstärken und erhöhen und die Wirkung der Überwachung intensivieren, auch wenn ihre Durchführung durch Menschen sporadisch und mangelhaft ist. Dazu schrieb Michel Foucault (dem ich dieses Essay verdanke): „Der architektonische Apparat ist eine Maschine, die ein Machtverhältnis schaffen und aufrecht erhalten kann, welches vom Machtausübenden unabhängig ist; die Häftlinge sind Gefangene einer Machtsituation, die sie selber stützen.“ [6] Tatsächlich war der Bau die erste ausbruchssichere Irrenanstalt in Europa, in der man so etwas wie Sachlichkeit bei der Architektur und Behandlung der Kranken finden konnte. In einem überlieferten Handschreiben gab der Monarch selbst dem Leiter Dr. Quarin genaue Anweisungen, wie die Irrsinnigen unterzubringen und zu behandeln wären (siehe Kasten). Neben einer Heilungsbehandlung unter einer guten medizinischen Polizei, die die Tobsüchtigen vor sich selbst und die anderen vor ihnen zu schützen hatte, galt Josephs II. Sorge der baulich-sanitären Verbesserung gegenüber den damals üblichen Zuständen, indem er den Narren ein eigenes Haus baute. Gleichwohl bleibt zu bemerken, daß der weitsichtige Kaiser den unmittelbaren pragmatischen Bezug zwischen wohnlicher und sozialer Zufriedenheit im Interesse des Status quo erkannte. Der „Narrenturm“ ist weder damals noch später als ein Zeichen des humanitären Fortschrittes zu werten, sondern ein verfeinertes Instrument der Kontrolle.

P.S.: Als besondere Ironie gehört zum „Narrenturm“, daß er ausgerechnet als ‚Aussichtswarte‘ des Kaisers diente. Gern stand er — so wird berichtet — oben auf der Altane des letzten Stockes und blickte auf das Werk unter ihm: „Das große Krankenhaus mit den 2.000 Betten, das Gebärhaus, verschwiegen und versperrt wie seines, und das Findelhaus, das seine Kinder auf das Land entsandte. Mochten die Tollen unter ihm schreien und toben. Auch sie waren in guter Hut. Und alles, Krankenhaus, Gebär- und Findelhaus, Siechen- und Tollhaus, unter einer einzigen Direktion ...“ [7]

[1So der Untertitel von Foucaults grundlegender Veröffentlichung „Überwachen und Strafen“, Frankfurt/Main 1977 (suhrkamp Taschenbuchverlag, stw 184).

[2Eine vollständige Bau- und Anstaltschronik liefert das Vorwort von Univ. Doz. Dr. Erna Lesky in der Faksimile-Ausgabe „Nachricht an das Publikum über die Einrichtung des Hauptspitals in Wien“ (org. 1784); Nachdruck: Wien 1960.

[3Noch immer die beste Analyse des „Narrenturms“ ist´von Dr. Hellmut Lorenz in seinem Beitrag „Die bauliche Entwicklung des Allgemeinen Krankenhauses bis zu Joseph II.“ in der Festschrift „200 Jahre AKH“ (Hrsg. v. Helmut Wyklicky u. Manfred Skopec, Wien/München 1984, S. 31-35; Zitat S. 41.

[4Hellmut Lorenz, a.a.O., S. 42.

[5Erna Lesky: Vorwort zur „Nachricht an das Publikum über die Einrichtung des Hauptspitals in Wien“, a.a.O., S. 21.

[6Michel Foucault, a.a.O., S. 258.

[7Erna Lesky, a.a.O., S. 23.

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