FORVM, No. 352/353
April
1983

Der Zauber des Karl Marx

Er starb wie er lebte: als Aristokrat. „In Wirklichkeit war Marx ein im höchsten Grade kultivierter englisch-deutscher Gentleman“, erinnert sich der russische Historiker und Professor an der Moskauer Universität, Maxim Maximowitsch Kowalewski, der von 1875 bis 1877 „fast wöchentlich“, wie er schreibt, Marx besuchte. [1] Plaudernd, wer in der zukünftigen Gesellschaft niedere Arbeiten verrichten werde, bemerkte Franziska Kugelmann, Gattin seines zeitweiligen Leibarztes: „Ich kann mir Sie auch nicht in einer nivellierenden Zeit denken, da Sie durchaus aristokratische Neigungen und Gewohnheiten haben.“

„Ich auch nicht“, antwortete Marx. „Diese Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein.“ [2]

Fort war er am 14. März 1883, „Mittag 2.30, seine beste Tagesbesuchszeit, kam ich hin — das Haus in Tränen, es scheine zu Ende zu gehen ... Unser braves altes Lenchen, das ihn pflegt, ging herauf, kam herunter: er sei halb im Schlaf, ich möge mitkommen. Als wir eintraten, lag er schlafend da, aber um nicht mehr aufzuwachen. Puls und Atmung waren fort. In den zwei Minuten war er ruhig und schmerzlos entschlummert.“ [3]

„Mohr“, schreibt die jüngste Tochter Eleanor über das epikuräische Sterberezept ihres Vaters, ihn mit seinem Familienspitznamen anredend, „ging aus seinem Schlafzimmer in seine Studierstube, setzte sich auf seinen Lehnstuhl und schlief ruhig ein.“ [4]

Diesen Lehnstuhl hatte dann Engels, bis er darin starb (1895). Dann hatte ihn die jüngste Marx-Tochter Eleanor, bis sie Gift nahm und darin starb (1898).

Die letzten Jahre seines Lebens — seit dem Frühjahr 1875 — wohnte Marx in einem geräumigen Haus mit Gärtchen und prachtvollem Blick ins Grüne, an einer guten Adresse, Nr. 41, Maitlandpark Road, Haverstock Hill, London NW, nahe der Heide von Hampstead, wo er stundenlange Familienausflüge machte. Das Haus steht nicht mehr.

Von seinem Arbeitszimmer blickte er auf den Park. Es war bis obenhin voller Bücher; sie standen und lagen durcheinander, aber Marx fand immer gleich, was er suchte.

Auf dem Ledersofa schlief er täglich ein, zwei Stunden. Abgesehen von Mahlzeiten, Spaziergängen, Besuchen, zahlreichen Krankheiten lebte er in diesem Zimmer von morgens acht oder sieben bis morgens zwei oder drei. Er litt an Schlaflosigkeit. Er ging unermüdlich auf und ab. „Von Tür zu Tür bis zum Fenster“, überliefert Franz Mehring, „zeigte sich auf dem Teppich ein total abgenutzter Streifen wie der Fußpfad auf einer Wiese.“ [5]

Auf dem Kamin Fotografien, Rauchzeug, eine große Menge Streichhölzer, weil seine Zigarren ständig ausgehen. „Das Kapital hat mir nicht einmal so viel eingebracht als mich die Zigarren gekostet, die ich zum Schreiben gebraucht,“ verriet er seinem Schwiegersohn Paul Lafargue. [6]

Im Hause Marx wurde gut gegessen und getrunken. Der Hausherr liebt scharfe Speisen, weil er appetitlos ist und es mit der Leber hat. „Kaviar, geräucherter Fisch, schwere Weine oder Champagner, eine Flasche Rum mit Engels“, denunziert sein Biograph Fritz Raddatz das Wohlleben des kommunistischen Gentlemans. [7]

Für den Familien- und Freundeskreis gibt es kleine Fêten, bei denen Tochter Eleanor Klavier spielt und Marx mit Gattin Polonaise tanzt.

Je älter Marx wird, desto ungeselliger, vom engsten Kreis abgesehen. Betreffs die in London hängengebliebenen deutschen Revolutionäre des Jahres 1848 schreibt Marx, „Engels und ich haben uns ganz von diesem Pack zurückgezogen. Ausnahme macht nur ein mir befreundeter deutscher Arbeiter, dessen Name mir augenblicklich nicht einfällt.“ [8]

In London eintreffende Flüchtlinge vom Ende Mai 1871 niedergebrochenen Aufstand der Pariser Commune gelangen zahlreich bis ins Haus Marx und hinterlassen zwei Schwiegersöhne; Longuet, Mann der ältesten Tochter Jenny; Lafargue, Mann der mittleren Tochter Laura; fast noch einen dritten, Lissaray, in den sich die jüngste Tochter Eleanor verliebt. Vater Marx verbietet die Heirat. Mutter Marx ist schließlich froh, „daß die Unruhe der Communeflüchtlinge aus dem Haus ist.“ [9]

Stattdessen kamen, um 1880, die jungen russischen Revolutionäre. „Zu seiner Verwunderung fand Marx“, staunt sein englischer Biograph Isaiah Berlin, „daß die Nation, gegen die er dreißig Jahre lang vom Leder gezogen hatte, ihm die furchtlosesten und intelligentesten Schüler schenkte.“ [10] Im Hause Marx entstand so etwas wie eine „Zadruga“, eine alte slawische Großfamilie aus emigrierten oder reisenden Jungrussinnen und Jungrussen, mit Marx als „Gospodar“: als Herr und Oberhaupt — so feuilletonistisch sieht es der jüngste Marx-Biograph Friedenthal. [11]

Diese jungen Russen sind anscheinend die ersten, die sich als „Marxisten“ bezeichnen. Marx ist geschmeichelt, daß die erste Übersetzung seines Kapital ins Russische erfolgt (1872). Sie wird von den zaristischen Behörden nicht beschlagnahmt; sie hielten das Buch für so unverständlich, daß es keiner lesen würde.

Marx wird begeisterter Russe. Er, der stets jeden individuellen Terrorismus verurteilte, sympathisiert nun mit den russischen Terroristen. Er, der stets die große Industrie als Vorbedingung des Sozialismus sah, hält den Sprung direkt aus der Dorfgemeinde in den Sozialismus unter bestimmten Umständen für möglich. Er glaubt, daß eine große russische Revolution nahe sei. Man singt in seinem Hause russische Volkslieder und spielt russische Opern auf dem Klavier.

Abgesehen von seinen jungen Russen, dem getreuen Engels und einem engsten Freundeskreis lebt der gar nicht so alte Dr. Marx — als er stirbt ist er 65 — in fast völliger Zurückgezogenheit. Er ist eine Berühmtheit, der Grand Old Man des Sozialismus, an den sich Journalisten, Literaten, distinguierte In- und Ausländer drängen, meist vergeblich.

Auch die Korrespondenz mit Gesinnungsgenossen nimmt ihm Engels zum größten Teil ab. Dr. Marx geht nicht zu Kundgebungen und Versammlungen.

Wohl aber in den feudalen Devonshire Club, als ihn der Oberhausabgeordnete Sir Mountstuart Elphinston Grant Duff zum Mittagessen einlädt. Die älteste Tochter der Königin Victoria, Frau des deutschen Kronprinzen und Gegnerin Bismarcks, war neugierig auf Marx, und Grant Duff soll diese Neugier befriedigen. In einem Brief an sie (1879) schreibt der liberale Abgeordnete, Marx sei „eher angenehm und keineswegs der Herr, der kleine Kinder in ihren Wiegen zu fressen pflegt ... ein gebildeter, besser noch: gelehrter Mann ... mit trockenem Humor ... leicht zynisch ... ich würde ihn gern wiedersehen. Nicht er wird es sein, der — ob er es wünscht oder nicht — die Welt auf den Kopf stellen wird.“ [12]

Marx, der feine Tuchanzüge nach Maß und Monokel trägt, reist im letzten Lebensjahrzehnt unermüdlich zur Kur: nach Karlsbad dreimal; auf die Kanalinseln; in die Schweiz; zuletzt nach Algier, Monte Carlo, Cannes. Er leidet an der Leber, an furchtbaren Furunkeln, an Lunge und Bronchien, an Kopfschmerz und Schlaflosigkeit. Die Kur tut ihm fast immer gut, er ist zäh und erholt sich schnell. Wieder daheim verpatzt er alles durch seine Lese- und Arbeitswut. Er nimmt Unmengen von Arsen und Opium auf ärztliche Verschreibung, ist auch ein tüchtiger Trinker. Milch für seine Bronchien verabscheut er, trinkt sie aber, wenn auch mit einem Drittel Brandy versetzt.

Leben und Reisen finanziert sein Freund, der Textilfabrikant Friedrich Engels, mit einer Jahresrente von 350 Pfund (ab 1869). Damals ist das eine sehr stattliche Summe. Er muß sie laufend aufgebessert haben, das Ehepaar Marx kann und will nicht gut wirtschaften.

Für bettelnde Kinder auf der Straße hat Dr. Marx die Taschen voll Zuckerwerk. Er liebt Kinder und sie ihn. „Er hätte sagen können: Laßt die Kleinen zu mir kommen — denn wo immer er ging, war er von Kindern umringt,“ himmelt ihn seine jüngste Tochter Eleanor an. „Und wie er mir die Geschichte des Zimmermannsohnes erzählte, den die Reichen töteten ...! Oft und oft hörte ich ihn sagen: ... Wir können dem Christentum viel verzeihen, denn es hat gelehrt, die Kinder zu lieben.“ [13]

Seine Enkelkinder ritten ständig auf ihm herum, mit seinen grauen Haaren und schwarzem Bart als Zügel. Dazu sagte er: „Die Kinder müssen ihre Eltern erziehen.“ [14]

Seit 1878 tat Dr. Marx keinen Strich mehr an seinem Hauptwerk Das Kaprtal. Er weigerte sich auch, darüber zu sprechen. Vom ersten Band (1867) bis zu seinem Tod vergingen 16 Jahre ohne die angekündigten weiteren Bände. Als sein Jünger Karl Kautsky ihm eine Freude machen will und sagt, alle warten schon auf den 2. Band, antwortet er: „Ich auch.“ [15]

Er häuft Materialmassen durch allerhand abseitige Studien, Infinitesimalrechnung, Urgeschichte, Geologie, Russisch, Altslawisch, Dänisch, Rumänisch, Türkisch. „Bei der ewigen Wiederholung solcher Unterbrechungen wirst du ja nie fertig“, mahnte Engels. [16] Wurden die Mahnungen zu arg, wurde Marx regelmäßig krank.

Er schlüpfte unters Plumeau und ließ sich verwöhnen von seinen Frauen: Ehefrau, drei Töchter, Hausfaktotum und Geliebte Lenchen Demuth (er hatte einen Sohn mit ihr) und seinem Friedrich Engels (der den Sohn als seinen ausgab, damit im Hause Dr. Marx das Dekorum gewahrt blieb). Bei all seinen Leiden (ewige Furunkeln in der Geschlechtsgegend, Freud, schau herab!) hatte er’s gut.

Nach seinem Tod fanden sich ganze Schachteln von Manuskripten zum Kapital versteckt auf den obersten Regalen der Bücherkästen und weitere kistenweise auf dem Dachboden. Engels fand im Nachlaß „mehr als zwei Kubikmeter Bücher allein über russische Statistik“. [17]

„Fast unvorstellbar“, findet es Engels, daß sein verstorbener Freund „imstande war, das zwanzig Jahre lang zu verbergen.“ [18] Vieles von dem Material, woraus Engels den 2. und 3. Band des „Kapitals“ schälte (1885 bzw. 1894) und Karl Kautsky einen 4. Band (1905/10) war vor dem 1. Band geschrieben und liegen gelassen worden. Sie hätten aus dem Materialwust auch zehn oder zwanzig Bände machen können.

Den Herausgebern ging es wie Marx; nichts wird fertig. „Mein Augenlicht wäre total erloschen“, schreibt Engels, 74jährig über der fast unleserlichen Handschrift sitzend, „bevor ich auch nur zur Hälfte durch wäre.“ Die „Marx-Engels-Gesamtausgabe“ (MEGA) kam in den Zwanziger- und Dreißigerjahren auf kaum ein Dutzend Bände, dann killte Stalin den Herausgeber Rjazanov. „Marx Engels Werke“ (MEW) wuchs in den fünfziger Jahren auf vierzig Bände und enthält weitaus nicht alles. Seit 1975 erscheint eine neue Gesamtausgabe, berechnet auf 100 Bände. Nach bisherigem Erscheinungsrhythmus wird sie fast ebensoviele Jahre brauchen.

Marx verdrängte das Kapital desto erfolgreicher, je älter und behäbiger er wurde. Er hatte es schon, ehe auch nur der 1. Band fertig wurde, seine „nightmare“ und „ökonomische Scheiße“ getauft. [19] Vor seinem Tod äußerte er die Überzeugung, Engels werde schon „etwas draus machen“. [20] Er selber — meint sein schon zitierter russischer Beobachter Kowalewski — „hatte aus dem innigen Umgang mit Heine eine mit der Fähigkeit zur geistreichen Satire verbundene Fröhlichkeit geschöpft und war dank dem Umstand, daß sich seine persönlichen Lebensumstände so günstig als möglich gestaltet hatten, ein lebensfroher Mensch.“ [21]

„Seine Lieblingsbeschäftigungen waren Lesen und Spazierengehen“, übertreibt sein englischer Biograph Isaiah Berlin. „Er liebte die Dichtung und wußte lange Stellen von Dante, Aischylos und Shakespeare auswendig. Seine Bewunderung für Shakespeare war grenzenlos, und das ganze Haus wuchs mit ihm auf: unablässig wurde der Dichter laut gelesen, gespielt und besprochen. Als er bei seiner Ankunft in London festgestellt hatte, daß sein Englisch mangelhaft war, stellte er sich eine Liste von Shakespeares Redewendungen zusammen und lernte sie auswendig.“ [22]

Ähnlich lernte er russisch durch Lektüre von Gogol und Puschkin. Zur Zerstreuung las er „Graf von Monte Christo“ des älteren Dumas, Walter Scott, Balzac und leichte bis sehr leichte französische Romane.

Sein gründlicher deutscher Biograph Franz Mehring fügt zur Leseliste noch hinzu: Homer, Cervantes, Goethe, Heine; Schiller hingegen mochte er nicht; Diderot schon, ferner Byron, Shelley, Fielding. Und, mahnt Mehring, „seinen alten Griechen blieb er immer treu, und die armseligen Krämerseelen, die den Arbeitern die antike Kultur verleiden möchten, hätte er mit Ruten aus dem Tempel gepeitscht.“ [23]

Zum Lesen lag Marx auf seinem Sofa, Romane las er oft mehrere nebeneinander. Erst über 80 Jahre nach seinem Tod landete er auf der Couch des Schweizer Psychoanalytikers Arnold Künzli: Er kriegte einen Verweis wegen eingestandener „Belesenheit auf diesem Gebiet“, nämlich auf dem der Pornographie. Er und Engels haben Geschichten ausgetauscht wie die folgende: „... daß ein kerngesunder Kerl, der nur 24 Stunden in einem russischen Nonnenkloster, tot herauskam. Die Nonnen hatten ihn zu Tod geritten.“ [24]

Hingegen habe Marx, diagnostiziert derselbe Künzli, „das Naturgefühl zeitlebens verdrängt. Zwar hatten seine Töchter sein Haus in London in späteren Jahren offenbar in eine Menagerie verwandelt, mit Katzen, Hunden, Vögeln und Schildkröten. Aber abgesehen von einem Brief an seine Tochter Eleanor, in dem er humorvoll und ausführlich Auskunft über das Befinden ihrer Schützlinge erteilt, hat er sich nie über diese Tiere geäußert. Hätte er eine positive Beziehung etwa zu seinem Hund gehabt“, klagt Künzli. Erst „in dem vom Tode gezeichneten Marx, der, in Algier Erholung von seinem Leiden suchend, kaum noch seiner Gedanken mächtig war, brach das Naturgefühl plötzlich durch.“ [25]

„Hier herrliche Lage“, kritzelte der Kranke an Engels, „die Bucht ... der Hafen ... die Schneegipfel ... Am Morgen um 8 Uhr nichts Zauberhafteres als Panorama, Luft, Vegetation, Europäisch-Afrikanisch wunderbares Melange ... Um 4 Uhr nachmittags again azurblauer Himmel; später wunderschöner Mondabend ... Farbenteilung der Wogen in der fast Ellipsesektion bildenden schönen Bucht: schneeweiß die Brandung, umgürtet von dem aus Blau ins Grün verwandelten Seewasser“. [26]

Das spät aufwachende Naturgefühl geht zusammen mit einer von ihm selbst diagnostizierten „Kopfverfinsterung“. [27] „Mon cher“, klagt er Engels, „Du wie andre family members werden die Irrtümer in meiner Orthographie, Konstruktion und falscher Grammatik ihnen auffallen; fällt mir immer auf bei meiner noch sehr großen Zerstreutheit — erst post festum. Shows you, daß an sana mens in sana corpore noch etwas zu klappern. By the by Reparatur wird sich wohl machen.“ [28]

Nein, nie mehr.

Marx hatte politische Schicksalsschläge relativ gut überstanden, das Scheitern der Revolution von 1848, das Scheitern der Pariser Commune 1871, die faktische Auflösung der Ersten Internationale 1873. Er ging in den Ruhestand. „Unter Ruhe“, schrieb er, „verstehe ich Familienleben, den Lärm der Kinder, diese mikroskopische Welt, die viel interessanter ist, als die makroskopische.“ [29]

Da starb seine Frau (2. Dezember 1881), bald darauf seine älteste, die Lieblingstochter Jenny (8. Jänner 1883). „Der Mohr ist auch gestorben“, prognostizierte Engels. [30]

Dr. Marx war König Lear geworden. Seine Töchter waren nie bös zu ihm, im Gegenteil, aber sie hatten das Haus verlassen, mit Männern, die — wie Dr. Marx überzeugt war — allesamt nichts taugten.

Der Mohr wußte, daß er schon gestorben war. Aus Algier sandte er seinen Töchtern, mit einleitendem Scherz, eine arabische Fabel über seinen Tod:

Zum Schluß, wie der Mayer von Schwaben zu sagen pflegte: setze wir uns ä bissel auf ä hähäre historische Standpunkt ...
 
In einem stürmischen Fluß hält ein Fährmann bereit kleinen Kahn. Um ans Gegenufer zu gelangen, steigt ein Philosoph ein. Entwickelt sich folgender Dialog:
 
Philosoph: Fährmann, Kennst du Geschichte?
 
Fährmann: Nein!
 
Philosoph: Dann hast du 1/2 deines Lebens verloren. Hast du studiert Mathematik?
 
Fährmann: Nein!
 
Philosoph: Dann hast du mehr als die Hälfte deines Lebens verloren!
 
Kaum hatte es der Philosoph gesagt, als Wind den Kahm umschlug und beide, Philosoph und Fährmann, ins Wasser geschmissen; schreit nun
 
Fährmann: Kannst du schwimmen?
 
Philosoph: Nein!
 
Fährmann: Dann dein Leben ist ganz verloren. [31]

Der Philosoph konnte und wollte nicht schwimmen. Nur noch dichten. Aus Algier an Laura:

Vom Garten erwähne ich nicht
(die Nas aber teilweis großen
Vergnügen)
Orangenbäume, Zitronen — ditto:
Mandelbäume, Olivenbäume, etc.;
noch viel weniger Kaktus und Aloes,
die
auch in der Heide wild wachsen
(ebenso
wilde Oliven und Mandeln).
wo unsere Residenz. [32]

Ich habe nur in Verszeilen gesetzt, das der alte Marx als Prosa schrieb, und alle hielten es für wirr. Seine Töchter wohl nicht. Engels schon. Dieser war eher für’s rechtzeitige Sterben:

„Und er selbst“, behauptet er zwei Tage nach dem Tod des Mohren, „war das tatlose Wanderleben so satt, daß neues Exil nach dem europäischen Süden ihm wahrscheinlich moralisch so viel geschadet wie physisch genützt häte ... Alle mit Naturnotwendigkeit eintretenden Ereignisse tragen ihren Trost in sich, sie mögen noch so furchtbar sein. So auch hier. Die Doktorenkunst hätte ihm vielleicht noch auf einige Jahre eine vegetierende Existenz sichern können, das Leben eines hülflosen, von den Ärzten zum Triumph ihrer Künste nicht plötzlich, sondern zollweise absterbenden Wesens. Zu leben, mit den vielen unvollendeten Arbeiten vor sich, mit dem Tantalusgelüst, sie zu vollenden, und der Unmöglichkeit, es zu tun ... nein, tausendmal besser wie es ist, tausendmal besser, wir tragen ihn übermorgen in das Grab, wo seine Frau schläft ...

Dem sei, wie ihm wolle. Die Menschheit ist um einen Kopf kürzer gemacht, und zwar um den bedeutendsten Kopf, den sie heutzutage hatte. Die Bewegung des Proletariats geht ihren Gang weiter, der Zentralpunkt ist dahin ...“ [33]

Was aber war der Zentralpunkt?

„Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“, sagte Engels zwei Tage später am offenen Grabe [34] mit der gewohnten Schneidigkeit des ideologischen Kavalleristen. Ja, dem Anhänger der ökonomischen Geschichtsauffassung des Dr. Marx ist immer noch manches Aha-Erlebnis gegönnt; er begreift ein bißchen mehr als seine nichtmarxistischen Mitmenschen. Doch nur wer außer Marxist auch noch Dummkopf ist, kann heute noch glauben, was Engels über Marx sagte. Zuviel ist seither schiefgegangen in der Geschichte des Sozialismus.

„So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe Mann,“ sagte Engels auf dem Friedhof von Highgate. „Denn Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener Weise am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Befreiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein seiner eigenen Lage“ — usw. usw. — „das war sein wirklicher Lebensberuf.“

Dann hat er ihn verfehlt, lieber Engels, und Du hast es schon gewußt: nehmen wir an, diese Leute bilden sich ein, die Macht zu ergreifen, was schadet das? fragte Engels in einem Brief an Marx. „Die Leute, die sich rühmten, eine Revolution gemacht zu haben, haben noch immer am Tag darauf gesehen, daß sie nicht wußten, was sie taten, daß die gemachte Revolution jener, die sie machen wollten, durchaus nicht ähnlich sah. Hegel nennt das die Ironie der Geschichte ... Nur wenige historische Persönlichkeiten entgehen dieser Ironie.“ Und nachdenklich fügte Engels hinzu, nur im Entwurf seines Schreibens: „Vielleicht wird es uns allen so ergeben.“ [35]

In der Tat erging es euch so.

„Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“ — Fehlanzeige.

„Sturz der kapitalistischen Gesellschaft“ — einen Schmarrn.

„Befreiung des modernen Proletariats“ — wurde nicht gespielt.

„Bewußtsein seiner eigenen Lage“ — schaut es euch an.

Aber das alles macht fast nichts.

„Denn Marx ist vor allem Philosoph“, hätte Engels sagen müssen, wären die beiden nicht unglücklich verliebt gewesen in die Wissenschaft und in die Revolution.

Der Wissenschafter Marx ist längst überholt von anderen, weit furchtbareren Untaten der Wissenschaft. Der Revolutionär Marx ist erst recht überholt von anderen Revolutionären, die weit erfolgreicher waren und denen die Ironie der Geschichte weit schrecklicher noch das Bein stellte.

Nicht seine ökonomischen Weisheiten mit denen er nie zu Rande kam, er verrechnete sich in allen seinen Tabellen, und packte schließlich alles weg. Nicht seine wüsten Intrigen in winzigen Zirkeln von Möchtegern-Revolutionären, während die Revolution entweder gar nicht kam oder ganz anders. Nein, die Philosophie des Privatgelehrten Dr. Marx — sie bewegte die Welt.

Daß Marx vor allem Philosoph war und als solcher in fortdauernden Wellen weltgeschichtliche Wirkung erzielte, auf Arbeiter (auf die noch am wenigsten), auf bürgerliche Intellektuelle (auf die noch am meisten), auf christliche Theologen (kaum geringere Wirkung), auf Studentenbewegte, Alternative, Grüne (auf die ein Stück umwegiger, außerdem sind sie ohnehin Teile der bürgerlichen Intelligenz) — diese fortdauernde weltgeschichtliche Wirkung ist seine größte Niederlage. Denn er zog aus, die Philosophie abzuschaffen durch ihre Verwirklichung — da hat die Ironie der Geschichte gewaltig zugeschlagen.

Vor der Verwirklichung der Philosophie des Dr. Marx graust uns — die Philosophie des Dr. Marx aber ist herrlich wie am ersten Tag.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern.“ [36] Da lachte die Geschichte herzlich, lieber Karl. Nein, ganz umgekehrt: Die Sozialisten haben die Welt nur verändert, es kömmt darauf an, sie verschieden zu interpretieren.

Und hiebei kann die Philosophie des Dr. Marx uns eine große Hilfe sein.

Marx, der Philosoph, war der erste, der uns unverblümt und konkret sagte: in der großindustriellen, großtechnischen, großbürokratischen Gesellschaft kann der Mensch nicht als Mensch leben.

Das sind die Gegenvorschläge des Dr. Marx:

  • Kampf gegen eine Ökonomie, die den Menschen „verstümmelt zum Teilmenschen, entwürdigt zum »Anhängsel der Maschine«“ [37] (oder zum Anhängsel des Mikrochips);
  • Kampf gegen ein Staatsungetüm, das, mit einer solchen Ökonomie total verfilzt, „nur deren Ausschuß“ ist [38] (auch wenn der Ausschuß aus Sozialdemokraten besteht);
  • Kampf gegen eine an solcher Ökonomie orientierte Kultur, in der folglich „kein andres Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als die gefühlsbare Zahlung“; [39]
  • Kampf für eine alternative Ökonomie, für immer neue Formen des „Siegs der Ökonomie der Arbeit über die Ökonomie des Kapitals“, (wie Marx mit Bezug auf die Arbeitszeitverkürzung sagte; [40]
  • Kampf für Alternativen zum Staatsungetüm (auch zum Sozialstaatsungetüm) für eine Vielzahl und Vielfalt „Vereine freier Menschen, die ihre individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt verausgaben“ [41] (die klassenlose Gesellschaft besteht aus entstaatlichten dezentralen Gemeinschaften);
  • Kampf für eine Alternativkultur, in der die ökonomischen Verhältnisse eben nicht mehr ewig in letzter Instanz die entscheidenden sind, [42] sondern „Rückkehr des Menschen als eines menschlichen Menschen innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung, Resurrektion der Natur“. [43]

Gut gebrüllt, alter Löwe. Dein Donner wird noch hallen, Dein Blitz noch erhellen, wenn alle roten, schwarzen und grünen Marxtöter längst schon im Fegefeuer schmoren, in der Spezialabteilung, die der liebe Gott eigens eingerichtet hat, als Strafverschärfung gemeinsam für bornierte Antimarxisten und bornierte Marxisten.

[1Karl Marx, Eine Sammlung von Ernennungen und Aufsätzen, hgg. vom Marx-Engels-Institut, Moskau, Zürich 1934, S 223, 227.

[2Mohr und General, Erinnerungen an Marx und Engels, Berlin 1964, S. 288.

[3Karl Marx, Eine Sammlung von Erinnerungen, a.a.O. (Anm. 1), S. 47.

[4A.a.O., S. 173.

[5Franz Mehring, Karl Marx, Berlin (Ost) 1974, S. 505. — Eine detaillierte Beschreibung Marx’scher Unordnung liefert Paul Lafargue, bei Isaiah Berlin, Karl Marx, München 1959, S 291 ff.

[6Mohr und General, a.a.O., S. 322.

[7Fritz J. Raddatz, Karl Marx, Hamburg 1975, S. 402.

[8Marx an F. A. Sorge, 27.9.1877, MEW 34. S 295.

[9Raddatz, a.a.O.

[10Berlin, a.a.O. (Anm. 5), S. 287.

[11Richard Friedenthal, Karl Marx, München 1981, S. 600f.

[12Erinnerungen an Karl Marx, Berlin (Ost) 1953, S. 105ff.

[13Karl Marx, Eine Sammlung, a.a.O. (Anm. 1), S. 166.

[14Arnold Künzli, Karl Marx, Wien, 1966, S. 302

[15Benedikt Kautsky (Hg.), Friedrich Engels’ Briefwechsel mit Karl Kautsky, Wien 1955, S. 32.

[16Engels an Marx, 1870, MEW 32, S. 426.

[17Engels an Sorge, 1883, MEW 36, S. 46.

[18Engels an Laura Lafargue, 8.3.1885, bei Raddatz, a.a.O. (Anm. 7), S. 481.

[19Raddatz, a.a.O. S. 348.

[20Friedenthal, a.a.O (Anm. 11), S. 582.

[21Karl Marx, Eine Sammlung ..., a.a.O. (Anm. 1), S. 223.

[22Berlin, a.a.O., (Anm. 5), S. 293.

[23Mehring, a.a.O. (Anm. 5), S. 506 f.

[24Künzli, a.a.O. (Anm. 14), S. 300.

[25A.a.O., S. 298f.

[26Marx an Engels, 1882, MEW 35, S. 45 ff.

[27Marx an Engels, 1882, MEW 35, S. 195.

[28Marx an Engels, 28./31.3.1882, MEW 35, S. 51.

[29Marx an Jenny Longuet, 4.6.1882, MEW 35, S. 51.

[30Karl Marx, Eine Sammlung ..., a.a.O. (Anm. 1), S. 171.

[31Marx an Laura Lafargue, 13/14.4.1882, MEW 35, S. 310f.

[32A.a.O.

[33Engels an Sorge, 15.3.1883, MEW 35, S. 459 ff.

[34Karl Marx, Eine Sammlung, a.a.O., (Anm. 1), S. 21.

[35Friedenthal, a.a.O. (Anm. 11) S. 604.

[36Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3, S. 7.

[37Das Kapital, 1. Bd., MEW 23, S. 674.

[38K. Marx/F. Engels, Manifest der Kommunistischen Parteı, MEW 4, S. 464.

[39A.a.O.

[40Marx, Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation, MEW 16, S. 11.

[41Karl Marx, Das Kapital, 1. Band, MEW 23, S. 92.

[42Friedrich Engels, Briefe an J. Bloch und H. Starkenburg, in: „Der sozialistische Akademiker“, 1 (1895), S. 19 f.

[43Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1. Teil, S. 536, 538.

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