Streifzüge, Heft 1/1999
März
1999

Deutsche Grüne

Auf eine umfassende Geschichte der deutschen Linken nach dem Zweiten Weltkrieg wartet man schon lange. Die beiden amerikanischen Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits und Philip S. Gorski haben sie jedoch, anders als sie im Untertitel ihres Buches Grün schlägt rot. Die deutsche Linke nach 1945 versprechen, nicht geschrieben. Was sie verfaßt haben, ist eine Untersuchung über die Grünen in der BRD. Sie konzentrieren sich vollkommen auf die grüne Partei, deren Ideologie, Programmatik und Praxis. Alles, was vor den Grünen in der Linken existierte, interessiert Markovits und Gorski nur als „Vorläufer“ der von ihnen untersuchten Partei. Jene Gruppierungen, die später neben dieser Partei die Linke der BRD ausmachten, interessieren sie nur in ihrem Verhältnis zu den Grünen. Inhaltliche Diskussionen, die links von den Grünen stattgefunden haben und stattfinden, blenden sie weitgehend aus.

Ihre Abneigung gegenüber weiter links stehenden Gruppen ist offensichtlich. Die Autonomen treten — wenn überhaupt — in ihren Ausführungen, bei denen sie sich kaum auf Literatur von linksradikalen Autoren zu Geschichte und Theorie der Linken stützen, nur als gewalttätige Demonstranten in Erscheinung. Die Gewalt von Demonstrationsteilnehmern ist für Markovits und Gorski schlichtweg „Vandalismus“. Bei der Schilderung von „Ideologie und Aktivität“ der K-Gruppen aus den 70er Jahren geben sie ihr Bemühen um differenzierte Darstellung auf und qualifizieren beispielsweise die Faschisierungsthese des Kommunistischen Bundes als „Schlachtruf ‚Faschismus‘“ ab. Andere Gruppierungen, wie etwa die Marxistische Gruppe, kommen bei ihnen erst gar nicht vor. Die halbwegs theoretisch fundierten Auseinandersetzungen in der marxistischen Linken werden von ihnen für unwichtig erklärt. Die Frage etwa nach dem Verhältnis von Staat und Kapital ist für sie nur eine „umständliche Diskussion“ und natürlich „haarspalterisch“.

Über die Mitglieder bewaffneter Gruppen haben sie nicht viel mehr mitzuteilen, als daß diese „wenig Skrupel“ gehabt hätten. Über die erste Generation der RAF schreiben sie in der Manier von Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex und offenbaren dem Leser, was auch allen „Terrorismus“-Forschern in der BRD immer als erstes einfällt, wenn sie jemanden die Entstehung der RAF erklären wollen, nämlich daß Andreas Baader ein „Problemkind“ war. Man wundert sich, warum bei anderen Linken nie jemand auf die Idee gekommen ist, zu fragen, wie die in ihrer Jugend wohl so drauf waren, und ob beispielsweise Joschka Fischers Pubertät etwas mit seiner heutigen Begeisterung für Gewalt, solange sie vom Staat ausgeübt wird, zu tun hat.

Für besonders verwerflich befinden Markovits und Gorski die Kontakte der RAF mit der DDR, deren Antifaschismus sie nicht nur kritisieren, sondern schlichtweg ablehnen, während sie der BRD bescheinigen, ihre Auseinandersetzung mit dem NS sei „zwar unzureichend ( ), aber ernsthaft ( )“ gewesen. Zu ihren Einschätzungen des bewaffneten Kampfes paßt auch ein Schaubild über die Entstehung der westdeutschen Grünen und das Spektrum der westdeutschen Linken am Ende ihres Buches, bei dem alle Bewegungen, Gruppierungen und Parteien schön mit Pfeilen verbunden sind. Nur die RAF, das Sozialistische Patientenkollektiv, die Bewegung 2. Juni und die Revolutionären Zellen sind mittels eines durchgehenden Striches von allen anderen aufgeführten Gruppen abgetrennt. Sie werden aus der Linken ausgegrenzt. Da muß man sich fast schon wundern, daß Markovits und Gorski immerhin doch noch Zweifel an der Staatsschutz-Behauptung vom Selbstmord der RAF-Gefangenen in Stammheim erwähnen und die Berufsverbote der Brandt-Regierung als „eines der schändlichsten Kapitel in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie seit 1945“ bezeichnen.

Grüne Revolutionäre?

Vieles von dem, was Markovits und Gorski über die Grünen schreiben, trifft eindeutig nur für die Entstehungsphase und bedingt vielleicht noch für Teile der Konsolidierungsphase der Partei zu. Dennoch formulieren die beiden fast durchgängig im Präsens und bezeichnen die Grünen beispielsweise als „Anti-Establishment-Partei“.

Die Neuen Sozialen Bewegungen, aus denen die Grünen zum Großteil hervorgegangen sind, könnte man nach den Ausführungen von Markovits und Gorski für einen ziemlich revolutionärenHaufen halten. Die NSB hätten den Staat stets als „Hauptgegner“ betrachtet. In Wirklichkeit war der Staat für die überwiegende Mehrheit der Aktivisten und Aktivistinnen der NSB natürlich nicht der Gegner, sondern der Ansprechpartner, um dessen Verständnis man buhlte und auf dessen Einsicht man hoffte. Die beiden Autoren schreiben, die NSB „agieren zwischen Establishment und Systemopposition“ und verschweigen dabei, daß sie das fast durchgängig in Hinwendung zu ersterem und in Abgrenzung zu letzterem getan haben und auch weiterhin tun.

Völlig verblüffend ist Markovits und Gorskis Einschätzung der Theorien, die der grünen Praxis zugrundeliegen. Wenn sie schreiben, den „grünen Ideologen“ sei es um eine „Rekonstruktion des marxistischen Sozialismus“ gegangen, so mag das ja auf so manche Parteitheoretiker und -theoretikerinnen, insbesondere aus dem Kreis der Ökosozialisten, noch zutreffen. Markovits und Gorski gehen aber viel weiter und interpretieren „das Projekt der Grünen insgesamt als eine vollständige Rekonstruktion des Marxschen Sozialismus.“ Schön wär’s gewesen.

Bei der Schilderung der Auseinandersetzungen zwischen Fundis, Ökosozialisten, Radikalökologen und Realos sind ihre Sympathien eindeutig, und man braucht von Jutta Ditfurth oder Thomas Ebermann nicht besonders viel zu halten, um sie gegen die tendenziösen Angriffe von Markovits und Gorski zu verteidigen. Während die Tätigkeiten von Ökosozialisten bei ihnen „Machenschaften“ sind, Jutta Ditfurth und die Radikalökologen Angelegenheiten stets „hochschaukeln“ und Fundis „ihre Fehler“, die ihnen von den Realos doch aufgezeigt wurden, prinzipiell nicht einsehen, gelten Leute wie Joschka Fischer, Otto Schily oder auch die meisten Ostgrünen als „originell“, „innovativ“ und „talentiert“. Sie sind bei Markovits und Gorski moralisch integer und haben „Augenmaß“. Konrad Weiß, den sie selber mit seiner Aussage zitieren, jederzeit für „eine neue wertkonservative Alternative zum Parteienspektrum“ bereitzustehen, wird in den höchsten Tönen gelobt. Überhaupt sind die Ostgrünen die eigentlichen Helden im Buch der beiden amerikanischen Politologen. Sie hätten auch nach der Wiedervereinigung nicht aufgehört Dissidenten zu sein und ihre Rolle im gesamtdeutschen Bundestag weitergespielt: „als Störenfriede, Kritiker und Mahner.“ „Einmal ein Dissident, immer ein Dissident“ soll nach Markovits und Gorski das Motto der ostdeutschen Bürgerrechtler sein, die ihre Widerständigkeit inzwischen mit Vorliebe in die CDU einbringen oder im Feuilleton der FAZ zur Schau stellen.

Das Bündnis 90 sei so ziemlich die einzige Gruppierung, die die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Realsozialismus nicht instrumentalisieren will. Von der DDR als „Auschwitz in den Seelen“ und ähnlichen Aussagen bürgerbewegter Ostdeutscher scheinen sie noch nie etwas gehört zu haben.

Natürlich lieben Markovits und Gorski auch die TAZ. Sie sei die einzige Zeitung gewesen, die schon sehr früh und solidarisch über die Dissidenten in der DDR und im übrigen Osteuropa berichtet habe. Das reaktionäre Zeug, das man regelmäßig in der TAZ lesen kann, werde dort nur gedruckt, um dem eigenen Anspruch, „unberechenbar und kritisch zu sein“, gerecht zu bleiben.

Linker Nationalismus

Das vergleichsweise Beste an Markovits’ und Gorskis Buch ist die durchgängige Kritik an rechten Tendenzen in der Linken. Sie konstatieren, daß die Grünen in der BRD „etwas unmißverständlich ‚deutsches‘“ an sich haben und kritisieren die romantisierende Naturverbundenheit, nationalistische Tendenzen und vor allem einen teilweise antisemitisch aufgeladenen Antizionismus sowohl bei den Grünen als auch bei anderen Linken. Ihre Kritik bleibt aber ambivalent. Erstens schaffen sie es nicht, die Gründe für solche Tendenzen in der mangelnden Radikalität der Kapitalismuskritik der Linken zu verorten. Zweitens sind sie vor allem in ihrer Nationalismuskritik keineswegs konsequent. In ihrem Bemühen, die Kritik nationalistischer Tendenzen nicht zu einer allgemeinen Diffamierung der Linken verkommen zu lassen, sind sie in ihren Einschätzungen oft viel zu zurückhaltend. Sie betonen, daß sie keineswegs davon ausgehen, „daß die Grünen den Nationalismus wieder als einen akzeptablen Diskurs in die bundesdeutsche politische Diskussion einführten.“ Dabei hatten die Grünen durchaus einen nicht unwesentlichen Anteil daran. Konnte man von Konservativen und Sozialdemokraten ohnehin nichts anderes erwarten als eine verstärkte nationalistische Mobilisierung, so gaben die Grünen dem neuen deutschen Nationalismus insbesondere nach der Wiedervereinigung seinen zivilgesellschaftlichen Anstrich.

Markovits und Gorski stilisieren die Grünen zu überzeugten Wiedervereinigungsgegnern, wobei man sich fragt, warum man von ihrem Widerstand so wenig gemerkt hat und sich statt dessen noch allzu gut an das kollektive Absingen derNationalhymne im Deutschen Bundestag nach der Maueröffnung im November 1989 erinnert, dem sich nur eine einzige grüne Abgeordnete eindeutig verweigert hat. Die meisten Grünen waren bei der Wiedervereinigung eben nicht antinationalistisch, sondern plädierten lediglich für ein sanfteres Zusammenwachsen, damit es die Deutschen in ihrem neuen Reich auch schön kuschelig haben. Markovits und Gorski bringen das Verhältnis von grün und deutsch durchaus auf den Punkt, wenn sie die Grünen als „besondere Ausdrucksformder deutschen Linken und somit als komplizierte Facette der ewigen ‚deutschen Frage‘“ bezeichnen. Ungewollt bringen sie damit zum Ausdruck, daß die Lösung der „ewigen ‚deutschen Frage‘“, nämlich die endgültige Abschaffung der deutschen Nation, auch die Abschaffung der Grünen als Partei beinhalten würde.

Selbst wenn der Antinationalismus bei den deutschen Grünen jemals in dem Ausmaß existiert haben sollte, wie die Autoren behaupten, kann man sich heute sicher sein, daß sie inzwischen beim Vaterland angekommen sind. Markovits und Gorski, die sich die blödsinnige Unterscheidung von bösem Nationalismus, gutem Nationalgefühl und noch besserem Verfassungspatriotismus, mit der schon Generationen von Linken ihren Nationalismus zu legitimieren versuchen, zu eigen gemacht haben und daher zwar eher völkische nationalistische Tendenzen bei Grünen und anderen Linken kritisieren, andererseits aber ein konstruktives Verhältnis zum demokratischen Nationalismus einklagen, scheint das noch nicht auszureichen. Sie meinen, Grüne und Linke müßten heute „ihre vor 1990 vertretene Auffassung von Nation und deutscher Macht überdenken und neu definieren.“ Für diese Neudefinition, die in Wirklichkeit schon längst stattgefunden hat, erteilen Markovits und Gorski auch gleich noch ein paar Tips: „Nationalismus (sollte) in bestimmten Fällen und unter besonderen Bedingungen von progressiven Kräften unterstützt werden, auch außerhalb der Befreiungskämpfe eines unterdrückten Volkes in der Dritten Welt.“ Die Realität macht derartige Empfehlungen endgültig überflüssig. Joschka Fischer, der sich heute unbefangen zu seiner Liebe zu Deutschland bekennt, vertritt seit letztem Jahr weltweit den Nationalismus jenes Kollektivs, das sich auch dann noch unterdrückt und bedroht fühlt, wenn es halb Europa dominiert.

Andrei S. Markovits /Philip S. Gorski: Grün schlägt rot. Die deutsche Linke nach 1945. Aus dem Englischen von Ilse Utz. Hamburg: Rotbuch Verlag, 1997, 607 S., 58,— DM

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