Heft 2/2000
April
2000

Deutscher Arbeitswahn und Antisemitismus II

Was unterscheidet das auch in Österreich weitgehend vorherrschende deutsche Arbeitsethos vom britannischen Arbeitsverständnis? Eine Fortsetzung der Gedanken von Ulrike Becker aus Heft 1/2000 von Context XXI.

Der Nationalsozialismus war eine „deutsche Revolution“ mit dem Ziel, eine „arische“ und „judenfreie“ Weltordnung durchzusetzen. Die Vernichtung von „Schacher- und Schmarotzertum“ sollte die „deutsche Arbeit“ und damit die Deutschen befreien. Der exterminatorische Antisemitismus der Deutschen war mit ihrem Arbeitsethos eng verbunden. [1]

Ein Wechselverhältnis zwischen Antisemitismus und Arbeit lässt sich allerdings nicht nur für Deutschland konstatieren, sondern für auf der Warenform basierende Gesellschaften im allgemeinen. Zwischen Antisemitismus und Arbeit gibt es im Kapitalismus einen strukturellen Zusammenhang. Der Doppelcharakter der Arbeit prägt eine Gesellschaft, die durch eine konkrete und eine abstrakte Dimension charakterisiert ist. Diese erscheinen als Gegensatz, da ihr wechselseitiges Verhältnis der oberflächlichen Anschauung verborgen bleibt. Die Abspaltung der abstrakten Seite wird in Anknüpfung an den religiös geprägten Antijudaismus „im Juden“ vergegenständlicht. Die Fetischisierung geht dabei über eine Hypostasierung des Geldes in Gestalt „der Juden“ hinaus: „Die Juden“ werden als Personifizierung des Kapitalismus überhaupt angesehen. Die Befreiung von „den Juden“ kann somit als die Befreiung von den negativen Seiten der Warenvergesellschaftung erscheinen. [2] Doch warum ging die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden gerade von Deutschland aus?

Um einer Erklärung näher zu kommen, warum die Shoah ein deutsches Projekt war, sind vielfältige Spezifika der deutschen Geschichte untersucht worden: Die antisemitisch durchtränkte Geistes- und Kulturgeschichte, die aggressive, verspätete Nationsbildung, die fehlende bürgerliche Revolution und die im vorauseilenden Gehorsam vollzogene Unterordnung der Deutschen unter Vater Staat. Nimmt mensch die Losung „Arbeit macht frei“ ernst, so ist anzunehmen, dass zu den hervorzuhebenden deutschen Spezifika auch ein besonderes Arbeitsverständnis der Deutschen gezählt werden muss.

In der letzten Ausgabe von Context XXI hat Ulrike Becker in ihrem Artikel mit historischen Beispielen verdeutlicht, dass „deutsche Arbeit“ in einer langen Tradition in Abgrenzung von „jüdischer (Nicht-)Arbeit“ konzipiert war. Die Entwicklung des deutschen Arbeitswahns lässt sich jedoch nicht nur auf geistesgeschichtlicher Ebene nachzeichnen, sondern auch auf der Ebene der Produktionspraxis. So spielte bei der Herausbildung des deutschen Arbeitsethos auch die Erfahrung, die während der Industrialisierung in den Betrieben gemacht wurde, eine wichtige Rolle. Anhand der Praxis in den Betrieben lässt sich ein spezifisch deutsches Verständnis von Lohnarbeit aufzeigen. Detaillierte Erkenntnisse darüber hat der US-amerikanische Soziologe Richard Biernacki in einer kulturhistorischen Studie gewonnen.

Biernacki vergleicht in seiner Studie The Fabrication of Labor [3] die britische mit der deutschen [4] Entwicklung des Produktionsbereiches der Wollindustrie sowie die Sichtweise von „Arbeit als Ware“ [5] Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Er verdeutlicht dabei, dass sich diesbezüglich ein britisches Konzept von einem deutschen unterscheiden lässt und untersucht historische Gründe für die unterschiedliche Entwicklung. [6] Unter einem Konzept versteht Biernacki dabei sowohl die Ausformung der Produktionspraxis als auch die gesellschaftlich übliche Sichtweise von „Arbeit als Ware“. Biernacki selbst untersucht nicht den Zusammenhang zwischen den Konzepten und der Ausprägung des Antisemitismus, doch zeigt seine Studie vielfältige Indizien dafür auf, wie sich in Deutschland auch über die Form der Praxis in den Betrieben ein besonderes Arbeitethos durchsetzte, dessen Bezug zum Antisemitismus förmlich auf der Hand liegt.

Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen

Arbeitskraft- und Produktfixierung

Als Forschungsgegenstand hat Biernacki britische und deutsche Wollverarbeitungsanlagen gewählt, da die wirtschaftlichen und technischen Unterschiede in dieser Branche zu Beginn der Industrialisierung in beiden Ländern gering waren. Trotz vergleichbarer Ausgangslage stellt Biernacki bei den Wollwebereien in Britannien und Deutschland entscheidende Unterschiede fest, die das Konzept von „Arbeit als Ware“ betreffen. Anhand vielfältiger Beispiele arbeitet er als wesentliche nationale Differenz heraus, dass in Britannien das Produkt, in dem sich die Arbeit materialisiert hat, im Mittelpunkt stand, in Deutschland demgegenüber die Arbeitstätigkeit sowie der Herstellungsprozess.

So gab es beispielsweise bei der Zuteilung der ArbeiterInnen zu den Webstühlen signifikante Unterschiede. In Britannien durften die ArbeiterInnen die Verteilung häufig selber regeln und im Krankheitsfalle ohne Erlaubnis andere Personen an ihrem Webstuhl arbeiten lassen, für die sie rechtlich die SubunternehmerInnen darstellten. Im Mittelpunkt stand das Produkt, das laut Vertrag fertiggestellt werden musste, unabhängig von der konkreten Produzentin.

In Deutschland wurden die ArbeiterInnen den Webstühlen zugeteilt und mussten für selbstorganisierte Vertretungen die Erlaubnis der Arbeitgeber einholen. Darüber hinaus hielten Unternehmer in Deutschland teilweise Ersatzarbeitskräfte bereit: betriebsinterne „Springer“ für Krankheitsfälle.

Britische ArbeiterInnen verstanden sich dementsprechend im Gegensatz zu ihren deutschen KollegInnen stärker als SubunternehmerInnen, was auch am Sprachgebrauch bezüglich der Erwerbslosigkeit und der Erwerbssuche deutlich wurde. In Britannien wurden Ausdrücke verwendet, die ihre Verbindung zu einem möglichen Arbeitgeber in erster Linie über eine Maschine kennzeichneten. So benutzten arbeitssuchende WeberInnen den Ausdruck „nach neuen Webstühlen Ausschau halten“ („looking for a new pair of looms“). Bei Erwerbslosigkeit sprachen sie davon, „einen Webstuhl verloren“ zu haben („lacked a loom“), wohingegen deutsche WeberInnen erzählten, sie seien „arbeitslos“. In Deutschland betonten erwerbslose Weber, dass sie eine Position als „Gefolgsmann“ suchten und fragten, wenn sie auf Arbeitsplatzsuche gingen, nach einer „Stelle“.

Bei dem Status des/der Quasi-Subunternehmers/in, den britische WeberInnen betonten, handelte es sich nicht nur um die Selbstwahrnehmung, sondern auch um die rechtliche Stellung. Die Eigenverantwortlichkeit auf der Produktionsebene war in Britannien stärker ausgeprägt, bezog sich allerdings auf vom Unternehmer strikt begrenzte Bereiche. Bei den britischen WeberInnen wurde die partielle Selbständigkeit betont, in Deutschland hingegen die Unterordnung und Abhängigkeit. Die Vermutung liegt nahe, dass sich in Deutschland darüber auch die Haltung verschärfte, die Hierarchien fordert und nach einem Führer schreit.

In Deutschland sprach man von „Saal- oder Webmeistern“ und von „Vorarbeitern“, wohingegen in Britannien trotz gleicher Stellung in der Betriebshierarchie mit „operative“, „tuner“ oder „tackler“ auf das Werkzeug Bezug genommen wurde. Aber nicht nur im Sprachgebrauch, sondern auch bei der Interpretation der Arbeitsverträge von AufseherInnen wurde in Deutschland die Autorität, die an sie delegiert wurde, betont. Selbst jene AufseherInnen, deren Position weit unten in der Firmenhierarchie angesiedelt war, galten als „Agenten der Unternehmer“ und konnten im Gegensatz zu den WeberInnen wegen unloyalem Verhalten gegenüber den Fabrikbesitzern fristlos gekündigt werden. Auch verhängten AufseherInnen in Deutschland nicht nur, wie in Britannien, Bußgelder für verminderten Einsatz der Arbeitskapazität wie zum Beispiel für Aus-dem-Fenster-gucken, sondern auch für Missachtung ihrer Autorität, wenn ein/e Weber/in beispielsweise seine Mütze zum Gruß nicht abgenommen hatte. Autoritätshörigkeit wurde in Deutschland auch über die Form der Arbeitsorganisation in den Betrieben hergestellt.

Darüber hinaus lässt sich anhand eines weiteren Beispieles für deutsche WeberInnen eine stärkere Abspaltung von der Zirkulationssphäre aufzeigen. Um bei der Stückpreisbezahlung nicht nur eine hohe Quantität, sondern auch eine adäquate Qualität der Ware zu erreichen, führten die Arbeitgeber in der Wollindustrie sowohl in Britannien als auch in Deutschland Bußgelder für defekte Produkte ein. In Britannien mussten ArbeiterInnen jedoch nicht nur Bußgelder für Produkte bezahlen, deren Fehlerhaftigkeit noch in der Fabrik festgestellt worden war. Zusätzlich wurde meist rückwirkend ein Strafgeld für Waren fällig, die sich erst auf dem Markt aufgrund von Fehlern als nur billiger oder gar nicht verkaufbar erwiesen. War ein firmeninterner Produktinspektor nicht sicher, ob sich eine leicht fehlerhafte Ware ohne Verlust auf dem Markt verkaufen lassen würde, wurde der Lohn dafür bis zur Entscheidung auf dem Markt zurückgehalten. Der Markt galt so als „Richter“ über den Preis des Arbeitsproduktes. Dies führte dazu, dass sogar gelegentlich ArbeiterInnen vorher bezahlte Bußgelder zurückerstattet bekamen, wenn die Ware sich auf dem Markt doch ohne Einbuße verkauft hatte.

In Deutschland wurden, wenn während des Herstellungsprozesses innerhalb des Betriebes keine Mängel entdeckt worden waren, auch dann keine Bußgelder verhängt, wenn später außerhalb des Betriebes Mängel festgestellt wurden. Der Markt hatte keine direkte Relevanz für die Bußgeldverhängung. Darüber hinaus wurden die innerbetrieblich festgelegten Strafgelder in Deutschland meist an Wohlfahrtsorganisationen gespendet. Sie galten als Disziplinierungsmaßnahme und dienten nicht dem direkten Ausgleich für einen Verlust auf dem Markt. Manchmal wurde die Peitsche mit dem Zuckerbrot getauscht und anstelle eines Bestrafungsgeldes ein Bonus für die Produktion tadelloser Ware eingeführt. Die Arbeitstätigkeit stand im Mittelpunkt und wurde in keinem direkten Zusammenhang mit dem Tausch auf dem Markt gebracht. So verweist beispielsweise auch der Ausdruck „Qualitätsarbeit“ auf den Stellenwert der Arbeitstätigkeit für die Herstellung eines den deutschen Maßstäben entsprechenden Produkts. Sie identifizierten sich verstärkt mit der Sphäre der Produktion, dem „schaffenden Kapital“, dem das „raffende“ entgegengesetzt wurde. Auch das im Beispiel angedeutete abgekoppeltere Verhältnis der deutschen WeberInnen zum Markgeschehen mag mit dazu beigetragen haben, dass sie dieses besonders stark als fremd und mysteriös wahrgenommen haben.

Biernackis Studie ist reich an Material: Er untersucht beispielsweise auch die Methoden der Messungen beim Weben, das Buchhaltungssystem, die im Betrieb getragene Kleidung, die Architektur der Fabriken, die zeitliche Gliederung des Herstellungsprozesses. Er zeigt, dass in Britannien das fertiggestellte Produkt von großer Bedeutung war, in Deutschland jedoch den konkreten Handlungen im Herstellungsprozess mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Vermutlich steht damit der Tätigkeitskult der Deutschen in Zusammenhang. Ein beständiges „Schaffen“, dem eine als „fremd“ und „gefährlich“ empfundene abstrakte Sphäre gegenüberstand, für das „die Juden“ standen: „Jüdische (Nicht-)Arbeit“ repräsentierte somit den Gegenpol zur „deutschen Arbeit“.

Angehörige des Reichsarbeits­dienstes beim Appell auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg

Feudal statt liberal

Es sollte deutlich geworden sein, dass sich in Deutschland und Britannien bis zum Ersten Weltkrieg [7] zwei sehr unterschiedliche Konzepte von „Arbeit als Ware“ entwickelt haben. In Britannien stand das Produkt im Zentrum, in Deutschland hatte sich demgegenüber ein Konzept von „Arbeit als Ware“ ausgeprägt, das sich auf die Arbeitstätigkeit konzentrierte, und die Hierarchie auf der Produktionsebene betonte. Diese national differierenden Konzepte wurden in den Betrieben über die Arbeitsorganisation und die Alltagspraktiken der Menschen in der Produktion sowie über den gesellschaftlich üblichen Sprachgebrauch vermittelt und reproduziert. Die national unterschiedlichen Sichtweisen bezüglich Arbeit wurden dabei Biernacki zufolge tiefgreifender über die Produktionspraxis vermittelt als über verbale Kommunikation.

Die Erfahrungen auf der Produktionsebene bildeten seiner Auffassung nach auch die Grundlage dafür, wie die ArbeiterInnen ihre gesellschaftlichen Beziehungen kritisierten und versuchten, diese zu verändern. So stand neben dem Kampf um Lohnerhöhung für die britische ArbeiterInnenbewegung der Tausch der Produkte auf dem Markt im Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung, während in Deutschland der Herstellungsprozess und die eigene Rolle darin betont wurden. Die Deutschen identifizierten sich viel stärker als ihre britischen KollegInnen mit der Produktionsebene und der Arbeitstätigkeit, dem „schaffenden Kapital“, was vermutlich die dem Kapitalismus immanente Abspaltung des Abstrakten vom Konkreten überdimensional verstärkt hat.

Um die Entstehung der unterschiedlichen Konzepte von „Arbeit als Ware“ in Britannien und Deutschland zu erklären, untersucht Biernacki, ob die Entwicklung eines Marktes für Arbeitskräfte zeitgleich mit der eines Marktes für Güter stattfand und wie die Auflösung der feudalen Landwirtschaft sowie der Kontrolle der Gilden über das städtische Handwerk dazu in Beziehung standen.

Er stellt fest, dass in Britannien der Gütermarkt im Vergleich mit dem Markt der Lohnarbeit frühzeitig relativ restriktionsfrei war. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die meisten gesetzlichen Bindungen der Löhne aufgehoben. Der Markt der Ware Arbeitskraft wurde in Britannien somit später und langsamer liberalisiert als der Markt der Arbeitsprodukte. Das entstehende Konzept von „Arbeit als Ware“ orientierte sich dann an dem schon vorher durchgesetzten Konzept für Handelsgüter. Es entwickelte sich darüber hinaus ohne Bezug zur schon lange aufgelösten feudalen Landwirtschaft. Auch die Gilden übten keinen nennenswerten Einfluss auf das britische Konzept von „Arbeit als Ware“ aus. So stand in Britannien eine liberale Auffassung im Vordergrund, in Deutschland demgegenüber eine feudale.

In den deutschen Staaten fand im Unterschied zu Britannien die Befreiung von Handelsrestriktionen für gefertigte Produkte gleichzeitig mit der Entstehung eines formal freien Marktes für Arbeitskräfte statt, allerdings ohne dass der Einfluss der Gilden beseitigt worden war. Zwar verboten in Preußen die Erlässe der Regierung 1810/11 quasi über Nacht die korporativen Regulationen des Handels, aber ohne die Gilden selbst aufzulösen. So behielten die Gilden viele Funktionen. Sie waren beispielsweise in Preußen weiterhin für die Auszubildenden und Meisterprüfungen zuständig und hatten in anderen deutschen Staaten sogar noch weitreichenderen Einfluss. Die städtischen Handwerker verstanden sich dabei als Gegner der Entwicklung eines formal freien Marktes, kämpften gegen die Marktliberalisierung und lieferten in Deutschland somit nicht den Kontext für die Entwicklung des Marktdenkens. Es entstand in Deutschland eine einzigartige Mischform aus formal freiem Handel und korporativer Regulation.

Dazu kommt der Einfluss der feudalen Landwirtschaft. In Britannien waren der Lehensbesitz und feudale Zwangsarbeit bereits abgeschafft, bevor die Regierung die staatliche Regulation der Löhne aufhob. In den deutschen Staaten existierte dagegen die feudale Zwangsarbeit, wenn auch in unterschiedlichem Maße, in der Landwirtschaft weiter, während Beschäftigungsfreiheit und die formal freie Aushandlung von Arbeitsverträgen in den Betrieben bereits durchgesetzt war. Die feudale Sichtweise prägte aufgrund der Fortexistenz der feudalen Zwangsarbeit das sich entwickelnde Konzept von „Arbeit als Ware“ in Deutschland maßgeblich. Deutsche LohnarbeiterInnen identifizierten sich mit der konkreten Arbeitstätigkeit in einer stark hierarchisch gegliederten Betriebsgemeinschaft und verstanden sich selbst wohl kaum als handelnde Marktsubjekte. Die ohnmächtige, rebellische Ablehnung der Zirkulationssphäre steht damit in Zusammenhang.

Britische WeberInnen nahmen sich selbst verstärkt als Subjekte war, die, wenn auch über den Unternehmer vermittelt, ihre Produkte zu Markte tragen. Auch wenn Ungerechtigkeiten beim Tausch der Waren zu Arbeitskämpfen führten, glichen diese nicht, wie bei deutschen LohnarbeiterInnen, einer ohnmächtigen Rebellion gegen die Mystik des Marktes.

Biernackis Studie kann somit auch als Hinweis gelesen werden, warum die ArbeiterInnenbewegung in Deutschland besonders antisemitisch geprägt war. Die gehorsame Einordnung in die Betriebshierarchie sowie die direkte Identifizierung der deutschen ArbeiterInnen mit dem „schaffenden Kapital“ hat vermutlich zu einer aggressiveren Ablehnung der abstrakten Dimension beigetragen und das gesamtgesellschaftliche Klima verschärft: Ein durch einen rebellischen Antisemitismus geprägtes Klima, in dem das revolutionäre Bestreben unter der Losung „Arbeit macht frei“ umgesetzt wurde.

Die Vermutung liegt nahe, dass über eine Verschärfung des „antikapitalistischen Reflexes“ hinaus die Identifikation mit „deutscher Arbeit“ auch zu den von Deutschen im Nationalsozialismus gewählten konkreten Formen des Quälens und Tötens mit beigetragen hat: dem Zwang der Jüdinnen und Juden zu offensichtlich gänzlich unproduktiver Arbeit. [8] Ohne damit Auschwitz erklären zu wollen, möchte ich behaupten, dass in Auschwitz und der Losung „Arbeit macht frei“ die „deutsche Arbeit“ ihre brutalste und zynischste Form gezeigt hat: Es war ein revolutionärer Versuch der Deutschen, sich über die Tätigkeit der Vernichtung von der abstrakten Dimension des Kapitalismus zu „befreien“. Der deutsche Tätigkeitskult, arbeiten um zu arbeiten, suchte seine Vollendung in der Vernichtung um der Vernichtung Willen.

[1vgl. Matthias Küntzel u. a.: Goldhagen und die deutsche Linke. Berlin 1997. Ich danke dem Kreis um die AutorInnengruppe für den Diskussionsprozess.

[2vgl. Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. in: Kritik & Krise, Nr.4/5, 1991

[3Richard Biernacki: The Fabrication of Labor. Germany and Britain, 1640-1914. Berkeley - Los Angeles - London 1995.

[4Zwecks Vereinfachung des Sprachgebrauches benutze ich wie Biernacki die Bezeichnung Britannien und Deutschland unabhängig von der genauen historischen Entwicklung der einzelnen Staatsgebilde.

[5Biernacki benutzt nicht systematisch die von Marx entwickelte Begrifflichkeit und spricht hier nicht von der Ware Arbeitskraft, sondern von „labor as a commodity“.

[6Die von Biernacki getroffene Verallgemeinerung seiner Untersuchungsergebnisse zu einem nationalen Konzept erscheint plausibel, bedürfte jedoch noch genauerer Untersuchungen.

[7Inwieweit diese Konzepte von „Arbeit als Ware“ auch über den Untersuchungszeitraum hinaus nachweisbar sind, müsste noch durch weitere empirische Studien gezeigt werden.

[8Bei Goldhagen finden sich viele Beispiele für diese Form des Quälens. Vgl. Daniel J. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz normale Deutsche und der Holocaust. Berlin 1996.

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