MOZ, Nummer 58
Dezember
1990

Die Alternativzeitung ist tot — es lebe die Alternativzeitung

Auch wenn alternative Zeitungen sterben, so haben sie doch das etablierte Mediensystem erheblich beeinflußt.

Grafik: Harald Goldhahn

Stellt eine Zeitung wie die MOZ, die in fundamentalistischer Absicht das Gesellschaftssystem in Frage stellt, ihr Erscheinen ein, dann hat man flugs eine Erklärung parat, stirbt sie zudem in einer Zeit, in der das Projekt Kommunismus sein Leben auszuhauchen scheint, dann ist alles klar: Der Exitus des real existierenden Sozialismus, die Verschiebung der Machtblöcke in Europa ist schuld am mangelnden Interesse der LeserInnen. So einfach ist das.

Es ist richtig, daß mit dem Zusammenbruch der totalitären Staaten des Ostblocks für viele insgeheim ein letzter Rest von Utopie gestorben ist und daß diese Entwicklung tiefe Irritationen und eine grundsätzliche Verunsicherung auslöst. Doch als Begründung für das Sterben alternativer Zeitungen ist dieser Erklärungsansatz zu dürftig. Es sind viele Faktoren, die für das Ableben so mancher Traditionszeitung verantwortlich sind.

Bevor wir uns daran machen, einige Aspekte des Zeitungssterbens zu analysieren, werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Als man das Jahr 1968 schrieb und sich eine weltweite Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg wandte und die StudentInnen mit vielfältigen, aus den USA importierten Aktionsformen gegen das Establishment und gegen die Gesellschaft demonstrierten, da schlug auch die Geburtsstunde der alternativen Medien. Denn die Erfahrungen, die die Außerparlamentarische Opposition mit der Berichterstattung der Zeitungen, des Funks und des Fernsehens machte, waren ernüchternd. „Man hatte den Eindruck“, so erinnert sich einer, „als wären die Reporter auf einer anderen Veranstaltung gewesen. Da war das wichtigste weggelassen, und über das Ziel der Demo wurde ohnehin nicht berichtet.“ Was lag näher, als sich eigene Medien, eigene Zeitungen zu schaffen. Die Parole hieß: „Gegenöffentlichkeit schaffen.“ Und sie war kein hohler Anspruch. Ihre Realisierung wurde zur Voraussetzung für die gewaltige Dynamik nicht nur des studentischen Protests, sondern auch für alle Bewegungen danach.

Zuerst gab es nur die Blättchen aus dem anarchistischen Zusammenhang oder solche aus dem Underground der Subkultur. Sie erschienen unregelmäßig, immer dann, wenn man etwas zu berichten hatte, und in winzigen Auflagen für ein überschaubares Publikum. Ehe man sich’s versah, hatten diese Publikationen ihr kurzes Leben wieder ausgehaucht.

Sie hießen „Radikalinsky“, oder einfach nur „Peng“, „Agit 883“ oder „Hundert Blumen“, und der kollektive Arbeitsprozeß war den ZeitungsmacherInnen oft wichtiger als das Produkt selbst. Mitte der siebziger Jahre, die Alternativbewegung begann sich zu formieren, wurde die Landschaft der nichtkommerziellen Medien dann bunter. Drei Zeitungstypen differenzierten sich aus: die ‚Volkszeitungen‘, die ‚Szene-Blätter‘ und die ‚Stadtzeitungen‘. Aber bereits 1980 herschte ein wahres Rauschen im Blätterwald, denn eine Vielzahl weiterer Zeitungstypen hatte sich entwickelt: ‚Stadtmagazine‘, ‚Stadtillustrierte‘, ‚Landzeitungen‘, ‚Stadtteilzeitungen‘, ‚Provinzblätter‘ sowie Zeitungen für Frauen und Lesben, für Schwule und für Jugendliche. Und entsprechend den Themen, die die Protestgruppen besetzt hielten, bildeten sich Umweltzeitungen, Medien der Friedensbewegung, Zeitungen zur Selbsthilfe und alternativen Ökonomie und solche für Gesundheit und Psychotherapie. Doch bereits einige Jahre später war von der Krise der alternativen Medien die Rede und vom Zeitungssterben.

Was war passiert?

Ein alternatives Medium zu machen, das war in der Anti-AKW-Bewegung oder beim Protest gegen die Pershings und Cruise Missiles kein Selbstzweck. Denn mit einem eigenen, einem wirklich unabhängigen Medium hatte man ein wichtiges Instrument in der Hand, die entstellende und oft verfälschende Berichterstattung der etablierten Publizistik zu korrigieren und deren Nachrichten andere, Gegen-Informationen entgegenzusetzen. Vor allem aber dienten diese Medien auch dazu, den Selbstverständigungsprozeß der Szene zu gewährleisten. Sowie aber die gegenkulturellen Lebenszusammenhänge auseinanderfielen, so sind auch die engen Beziehungen zwischen den MedienmacherInnen und den LeserInnen auseinandergebrochen. Die enge LeserIn-Blatt-Bindung — auf die die bürgerliche Presse wegen der Anzeigenkunden einen neidischen Seitenblick warf — ist einer wachsenden Distanz gewichen.

Hinzu kommt, daß der außerparlamentarische Protest, dem die Gegenmedien verpflichtet sind, seit geraumer Zeit erheblich stagniert. Zwar hat sich, vor allem im kulturellen Bereich, ein Bewegungssektor etabliert und institutionalisiert, der eine gewisse Stabilität erlangte, einher ging diese Entwicklung aber mit einem Prozeß der Kommerzialisierung und Anpassung. Schlechte Zeiten für Bewegungsmedien also?

Im Gegensatz zur Blütezeit alternativer Medien, als diese unmittelbar in die politischen Bewegungen eingebunden waren, besteht das Problem alternativer Medien heute darin, daß ihnen die Korrektivfunktion gegenüber den etablierten Zeitungen und dem Rundfunk verlorengegangen ist. Denn in dem Maße, wie auch die bürgerliche Presse über Sachverhalte berichtet, die sie früher ausgrenzte und verschwieg, haben die alternativen Medien kein Monopol mehr für unterschlagene Nachrichten. Einzig in Krisen- und Konfliktzeiten, das zeigt das Beispiel Tschernobyl, kommt ihnen noch eine besondere Bedeutung zu. Und in dem Maße, wie der Bewegungssektor sich professionalisiert, wenden die lokalen Gruppen und Initiativen sich zusehends den etablierten Medien zu, da diese eine größere Publizität versprechen. Damit ist auch das Monopol an Informationen aus der Szene entfallen.

Auch die Moralökonomie der Gegenkultur hat sich aufgelöst. Las man früher selbstverständlich „taz“ und nicht FAZ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“), so muß heute jede Ausgabe aufs neue den Beweis erbringen, daß das Abo sich lohnt. Müssen aber alternative Medien auf dem Zeitungsmarkt mit vergleichbaren Produkten konkurrieren, dann erweist sich der politische Anspruch oft als Fessel. Mangelnde Effizienzkriterien, Skrupel gegenüber Anzeigen, die sich moralisch nicht vetreten lassen, thematische Fixierung auf Grund überkommener Denkweisen sind wenig hilfreich für MedienmacherInnen, die ein frisches und freches Produkt herstellen wollen, das zum Lesen reizt und zudem noch unterhaltsam sein soll.

Das größte Problem aber ist das Geld. Wie recherchieren ohne Geld, wie die Werbung ankurbeln, wie die MitarbeiterInnen bezahlen, die aus dem studentischen Millieu herauswachsen und auf eine normale Entlohnung drängen? Die chronische Unterkapitalisierung, Kennzeichen vieler Alternativprojekte, kann nur durch Selbstausbeutung kompensiert werden. Da wundert es nicht, wenn Redakteur K. zu „Natur“ geht oder Redakteur W. zur „Vogue“, und es gehört schon viel Mut dazu, ein verlockendes Angebot von Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin abzulehnen. Dieses Ausbluten der alternativen Publizistik ist aber nicht erst seit jüngster Zeit zu konstatieren. Seit 1968 ergießt sich ein breiter Strom von jungen JournalistInnen — die sich in einem alternativen Betrieb professionalisiert und qualifziert haben — auf den etablierten Medienmarkt. Und die bürgerlichen Medien nehmen sie mit offenen Armen auf. Denn nach der Devise ‚learning by doing‘ haben sie nicht nur ihr Handwerk gelernt, sondern auch in vielen nervenaufreibenden Diskussion die nötige Durchsetzungskraft erlangt, die im Medienbetrieb nötig ist. Die Alternativmedien sind so zu einem Sprungbrett für den journalistischen Nachwuchs geworden. Nicht zuletzt deshalb ist die Berliner „taz“ des öfteren auch als größte Journalistenschule der Bundesrepublik bezeichnet worden. Das Problem dieses Abwanderungsprozesses ist aber, daß mit dem ‚Ausverkauf‘ der sog. „Edelfedern“, wie die Spitzenschreiber im „Spiegel“-Jargon heißen, auch ein Verlust an Themen verbunden ist. Reüssieren die Abgewanderten bei ihrem neuen Arbeitgeber doch gerade mit demjenigen Sachverstand, der aus dem gegenkulturellen Milieu stammt.

Politischer Background

dieser Entwicklung ist der Sachverhalt, daß die neuen sozialen Bewegungen sich in einem einzigartigen Aneignungsprozeß mit den einfachen Medien- und Kommunikationstechnologien vertraut gemacht haben und dabei eine einzigartige Medienkompetenz entfalteten. Ob Alternativ- oder Ökologiebewegung, ob Friedensinitiative oder Bürgerprotest, alle haben sich auf die Medien gestürzt, um die Publizität der Aktions- und Protestformen zu verstärken.

Der Umgang mit und die Produktion von Medien ist so zu einer Hauptbeschäftigung ganzer Protestgenerationen geworden.

Soll man jetzt darüber lamentieren, daß sie alle nicht mehr existieren, die Blätter, die auf Ansätze einer Tradition zurückblicken? Der Frankfurter „Pflasterstrand“ beispielsweise, der sich trotz eines neuen Geldgebers übernommen hatte und jetzt mit seinem Konkurrenten unter einem anderen Namen erscheint, „Münchner Blatt“, die Mutter aller Stadtmagazine, und die „Kölner Zeitung“, die zum Vorbild einer ganzen Reihe von Volksblättern wurde? Ich glaube: nein. Diese Zeitungen waren Ausdruck einer gesellschaftlichen Bewegung, Ausdruck eines Protestes gegen Mißstände, die von den Parteien und den Medien nicht genügend Beachtung fanden. In dem Maße, wie diese Bewegungen nun ihr Ziel erreichten und ein Problembewußtsein für ihre Themen gesamtgesellschaftlich durchsetzten — bestes Beispiel ist die Ökologiebewegung — sind sie ganz einfach überflüssig geworden.

Der Funktionsverlust alternativer Publizistik hängt aber auch damit zusammen, daß sich die etablierten Medien verändert haben. Zwanzig Jahre Medienkritik sind nicht spurlos an der etablierten Publizistik vorbeigegangen. Waren die Kulturzeitschriften schon immer der Humus für die etablierte Publizistik, so hat auch die Bewegung alternativer Zeitungen einen Innovationsschub bei den etablierten Medien ausgelöst. Schon wegen der Konkurrenz um den Leser sind die Verlage gezwungen, die Medien der ‚zweiten Kultur‘ ernst zu nehmen. Die Bereitschaft von Presse, Funk und Fernsehen, heute auch auf solche Themen einzugehen, die von gesellschaftlichen Minderheiten problematisiert werden, ist mithin das Produkt eines mehr als zwanzigjährigen Prozesses alternativer Medienproduktion.

So ist ein Erfolg der neuen sozialen Bewegungen, nicht nur das Meinungsspektrum, sondern auch das Themenspektrum eminent erweitert zu haben. Themen wie Ökologie, Frauen, Frieden, „Dritte Welt“ usw. sind von den „Experten des Alltags“, wie der Salzburger Medienwissenschaftler Hans Heinz Fabris die LaienjournalistInnen einmal in bewußter Kontrastierung zu ihren ProfikollegInnen nannte, auf die Medienagenda gebracht worden. Mehr noch, die Alternativmedien wurden zum Ideen- und Themenlieferanten für das etablierte System. Und so streiten sich heute „profil“ und „Spiegel“ gegen das Waldsterben, wie die Boulevardblätter sich neben Sex und Crime um die geschlagenen Frauen der Frauenhäuser und um Behinderte kümmern.

Gerade auf lokaler Ebene sind die etablierten Medien dazu angestoßen, ja gezwungen worden, ihrer Informationsverpflichtung zu entsprechen. Stadtmagazine und alternative Lokalblätter haben hier die Lücke aufgezeigt, die sich zwischen dem institutionalisierten Mediensystem und dem Publikum aufgetan hatte. Sie boten lokal oder sublokal orientierte Informationen an (Kontakt- und Kleinanzeigen, Veranstaltungshinweise usw.), die in dieser Form in den Lokalzeitungen keinen Platz hatten. Das hat zur Folge, daß sich nun auch die ‚Großmedien‘ nach ‚unten‘ zu den Rezipienten geöffnet haben. In dem Maße aber, wie Presse, Funk und Fernsehen über alternative Themen berichten, hat das fatale Konsequenzen für die ‚Gegenmedien‘, sie müssen sich ständig neuen Themen, Sachverhalten und Fragen zuwenden. Die alternativen Medien sind damit einem erheblichen Innovationsdruck ausgesetzt, dem am ehesten die etablierten unter den Alternativmedien entsprechen. Zeitschriften wie „Wiener“ und „Tempo“, die einzig dem Zeitgeist verpflichtet sind, sind Ausdruck dieser Entwicklung.

Radikaler Subjektivismus

Zwar konnten die Alternativmedien, die in der Bundesrepublik ab Ende der sechziger Jahre einsetzende Pressekonzentration und die damit verbundene Zunahme von „Ein-Zeitungs-Kreisen“ nicht stoppen, zumindest in den Ballungszentren und Großstädten aber konnte durch das alternative Medienangebot die publizistische Vielfalt wieder etwas erweitert werden. Es wird zudem vermutet, daß durch die Existenz linker Medien insbesondere der Handlungsspielraum progressiver JournalistInnen in den öffentlich-rechtlichen Sendern und den ‚Großmedien‘ erweitert wurde.

Nicht zuletzt sind durch die partizipatorische Medienarbeit auch die Ansätze eines anwaltschaftlichen Journalismus gestärkt worden, der aus seiner Parteilichkeit für bislang unterschlagene Probleme und ausgegrenzte Erfahrungslagen kein Hehl macht. Noch in den 50er und 60er Jahren war im Journalismus ein Objektivitätsanspruch vorherrschend, mitsamt dem Anspruch auf Trennung von Nachricht und Kommentar, der als Königsweg galt. Mit diesem Objektivitätspostulat haben die alternativen Zeitungen gebrochen. Im Gegenteil, ihnen gilt der Bericht der Betroffenen als das Ideal. Durchgesetzt hat sich aber der Bericht in der 1. Person Singular und das Bekenntnis zum Meinungsjournalismus. Zwar hat sich dieser ‚radikale Subjektivismus‘, der die persönlichen Erfahrungen des Autors in den Mittelpunkt stellt, nicht in allen Medien durchgesetzt, es finden sich aber heute Berichte auf der Basis persönlicher Betroffenheit nicht nur in der „taz“, sondern auch im „Wiener“, im „Stern“ oder in der „Zeit“. Das selbstbewußte ‚Ich‘ im Journalismus ist, dank der Alternativmedien, hoffähig geworden.

Auch wenn eingangs das Erklärungsmuster, das die Revolutionen in Europa für das Mediensterben verantwortlich macht, zurückgewiesen wurde, so hat diese Entwicklung doch Fragen aufgeworfen, denen sich auch die linken BlattmacherInnen stellen müssen. Alternative Zeitungen, Radios oder Videogruppen müssen zwar nicht mit dem Zeitgeist verheiratet sein, im Gegenteil, aber analog zu ihrem Aufklärungsanspruch sollten sie den Kairos, den Augenblick der Zeitwende, schon zu packen suchen, ihn auf den Begriff bringen. Nimmt man die ökologische Herausforderung als Maßstab, dann wird offensichtlich, daß viele Medien ihr eigenes Selbstverständnis viel zu wenig anzweifeln, den unausgesprochenen Konsens zu wenig hinterfragen. Dabei kommt es in der gegenwärtigen Umbruchstituation viel weniger darauf an, Antworten zu formulieren, als Denkanstöße zu geben und die richtigen Fragen zu organisieren. Denn bei allem Respekt vor den linken Ansprüchen, bei allen Idealen, deren Lauterkeit hier nicht in Frage gestellt werden soll — auf dem Markt der Meinungen, insbesondere auf dem der Medien entscheidet nur ein Souverän über die Güte, sprich den Absatz des Produktes, und das ist der Leser.