ZOOM 1/1998
März
1998

Die Freiheit zum Amoklauf

Michael Haneke, der renommierteste österreichische Regisseur, hat viele Filme gedreht. Über die Gewalt im Privaten. Die Bereitschaft, Streit mit der Waffe auszutragen. Auch über die Aufbereitung dieser Exzesse. Um dieses Thema kreist das Werk des Michael Haneke nun schon seit zwanzig Jahren. Da er dieses Phänomen vor allem der österreichischen Gesellschaft zugeschrieben hat, wurde auch er bald zum Nestbeschmutzer gestempelt. Sein Werk ist hierzulande daher geringgeschätzt.

Szenenfotos aus „Benny’s Video“ (1992), zweiter Teil von Michael Hanekes Trilogie über Gewalt im Alltag © Stadtkino, Wien

Mauterndorf und Mödling heißen die blutigen Schauplätze des Herbstes 1997. Zöbern und das Gericht in Linz Urfahr sind in der medialen Chronik fest eingeschrieben. Die Amokläufer und Geiselnehmer sind „Waffennarren“ oder Kinder von solchen. Es sind Ausbrüche aus dem traurigen Alltag ihres kleinen Lebens. Die Schützen und Jäger sprechen vom falschen Gebrauch von Waffen. Das Zerstörungspotential befreit sich.

Tradition haben Selbstmörderinnen und Selbstmörder. Österreich liegt an der Spitze der internationalen Statistik. Selbstmord ist die vierthäufigste Todesursache. Jetzt gibt es die wachsende Gruppe der Mörder, die scheinbar grundlos, im Affekt, aus einer Emotion heraus handeln. Wie schön läßt sich ein Raubmord, im Vergleich zu einer solchen Affekttat erklären. Eine Leerstelle bleibt. Dieser Wunsch nach Auslöschung anderer zur Bewältigung der eigenen Inferiorität wächst ganz offensichtlich.

Und es klingt nach Echo auf eine Gesellschaft, die viel unterdrückte Gewalt in sich trägt. Da zerfällt eine Harmonie, die auf der Gleichsetzung von Aggression und Gewalt beruht hat. Fast jeder kennt die Dorfgasthäuser, in denen die lustige Gesellschaft plötzlich in lautstarken Streit ausbricht. Ein Wort gibt das andere, und schon fliegen die Fäuste. Vor Anlaßgesetzgebung wird gewarnt! Oder noch viel vertrauter: Bis in die eigenen Poren bekannt, ist die Gewalt der Eltern gegen die Kinder. In dieser Welt der Einfamilienhäusler, in denen die Gitterbetten des Ausgeliefertseins schon aufgestellt sind, bevor noch das erste Kind das Licht der Welt erblickt hat. Gautsch, der Amokläufer von Mauterndorf, hat länger gedient. Die historisch weitgehend überwundene Gewalt im Verhältnis zwischen Natur und Mensch hat sich in Österreich zwischen die Menschen geschlichen. Jetzt steht sie als naturgegeben da. Das läßt sie so manifest erscheinen. Und sie ist manifest, aber wer wird denn gleich zu völlig sinnlosem Verbot greifen.

Da sind auch viele Anwälte der Bewaffnung von Privatpersonen. Die Schützenvereine, Jäger, Kameradschaftsbünde. Polizisten und Soldaten reden der freien Wildbahn das Wort und haben den zivilisatorischen Sinn des Gewaltmonopols längst vergessen. Es sind immer mehr Leute, die sich bedroht fühlen. Die Taxler und Wächter und Schließer, die Geldbriefträger und Bankbeamte, die Prostituierten und Pensionisten und dann alle anderen, die einmal in der Nacht unterwegs waren und sich geängstigt haben: eigentlich alle! Und da gibt es den Hund, die Waffe, die nehmen manchem die Angst. Bei den anderen treibt sie die Angst hervor. Österreich hat hervorragende Markenprodukte und Rassehunde. So bewaffnen und behunden sich hier immer mehr Leute. Schließlich sind wir ja alle mündig. (Der Begriff Mündigkeit ist so als Fähigkeit zur selbstbestimmten Gewalttat zu einem ganz besonderen neuen Bedeutungsinhalt gekommen. Die Freiheit ist immer die Freiheit zur Gewalt gegen andere.)

Es gibt nur Schätzwerte zum privaten Waffenbesitz. Am 1. Jänner 1997 waren im Innenministerium 229.668 Waffenbesitzkarten und 110.263 Waffenpässe registriert. Der Mödlinger Amokläufer war Zeitsoldat – früher. Im Amt geht man von zwei Waffen pro Dokument aus. Also dürften zwischen 600.000 und 800.000 Revolver und Pistolen in Umlauf sein. Auch für Gewehre und Flinten, die nicht registriert werden müssen, gibt es nur Schätzungen. Ein bis zwei Millionen Stück meinen Experten aus dem Innenministerium. Und da war doch irgendwann ein Jugendlicher, der seine Familie im trauten Heim mit der Pumpgun umgelegt hat. Die Pumpgun ist verboten worden. Von den 50.000 in Umlauf befindlichen Stück wurden amtlichen Angaben zu Folge 10.000 zurückgegeben. Darin wird doch niemand eine strafbare Handlung sehen. Nur weil man seine Pumpgun behält. In den vergangenen zehn Jahren dürften sich doppelt so viele Menschen bewaffnet haben. In Wien gibt es bereits in jedem dritten Haushalt eine Waffe. Das ist mehr als in Washington.

Es ist die einzige Freiheit, die diese Gesellschaft noch kennt. Die Freiheit zum Gewaltakt. Jede andere wird im Vergleich zu dieser zu einer Belanglosigkeit. Das unbedeutende Dasein kleiner, einsamer Männer wird kurz durchbrochen. Und niemand wird meinen, daß unsere Büchsenmacher, Revolver- oder Pistolenfabrikanten besonderen Einfluß auf die Politik zu nehmen versuchen. Außerdem ist allen mehr gedient, wenn langsam eine Mehrheit und irgendwann alle Österreicherinnen und Österreicher mit einer Waffe ausgerüstet, selbstverteidigungsfähig und frei sein werden. Das wird uns eine Sicherheit geben, wie sie nie vorher größer gewesen sein wird.

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