MOZ, Nummer 50
März
1990
Marina Zwetajewa:

Die russische Tochter des poetischen Himmels

Marina Zwetajewa, bedeutende Dichterin, wurde in der Sowijetunion bis in die sechziger Jahre totgeschwiegen. Im Zuge von Perestroika und Glasnost wird der Lyrikerin nun Ehre zuteil. Fünfzig Jahre zu spät.

Marina Zwetajewa, Tschechoslowakei 1924
Foto: Carl Hanser Verlag

Gemeinsam haben die amerikanische Schriftstellerin Djuna Barnes und die Dichterin Marina Zwetajewa — in einem Brief an Rilke lehnt sie es ab, als „russische“ Dichterin zu gelten — das gleiche Jahr der Geburt. „Wie sehr einem das Leben erst gehört, wenn man es erfunden hat“ — dieses Resümee, das Djuna Barnes im hohen Alter gezogen hat, verbindet die bis zu Beginn der sechziger Jahre in der Sowjetunion totgeschwiegene Marina Zwetajewa mit der „berühmtesten Unbekannten“ zumindest hinsichtlich der Erfindung. Gehört hat Marina Zwetajewa das Leben insofern, daß es den Wörtern innewohnt „und von hier nach dort überträgt, was nicht mehr in einfacher Form zu haben ist“.

Hineingeboren wird die „Tochter des Himmels, die das Diesseits tanzend verbracht / Mit der Schürze voll Rosen und ohne nur eine zu knicken!“ nicht ins Leben, sondern in die Musik, 1892 in Moskau. Die Mutter, als Pianistin und Malerin hochbegabt, von der Familie aber gezwungen, die beginnende Konzertkarriere aufzugeben, ist enttäuscht, statt des gewünschten, „fast herbeibefohlenen Sohnes Alexander“ mit einer Tochter vorliebnehmen zu müssen, aber „Jedenfalls wird es Musikerin“. Als Marina Zwetajewa, das erste Lebensjahr noch nicht vollendet, das russische Wort für Tonleiter „gamma“ vor sich hersagt, fühlt sich die musikbesessene Mutter bestätigt. So werden die ersten Lebens- und Seelenerfahrungen chromatisch bestimmt und nicht grammatisch geprägt — „die chromatische Tonleiter ist mein Rückgrat, eine lebendige Leiter, auf der alles, was in mir spielbar ist — spielt.“ Mit der „Chromatik als dem Gegenteil von Grammatik“, nämlich „Romantik und Dramatik“, ist die Poetin als junges Mädchen mit ihren ersten Gedichten dann bis zu ihrem Selbstmord in Jelabuga 1941, der nach ihrer Evakuierung, bedingt durch den Überfall der Nazis auf die Sowjetunion, erfolgte, „ganz ins Heft umgezogen“. Ein Bild taucht auf, das die jugoslawische Schriftstellerin Irena Vrkljan mit „Marina im Gegenlicht“ entwirft: „Wenn Marina durchs Zimmer geht, dann trägt sie ihren grauen Kittel mit der tiefen Tasche, in der immer Papier und Bleistift und ein Heft sind.“ Hinter den Türen der Jugend und denen ihres späteren Lebens verbergen sich unaufgeräumte Zimmer, das Schreien von Kindern, zerwühlte Betten. 1926 schreibt sie in der Pariser Emigration von ihrem Wunsch, der ihr nie erfüllt wird: „Der ist mein Gott ... / der mir das eine gibt: / Stille der vier Wände.“ Drei Jahre später hat Virginia Woolf ihr „A Room of One’s Own“ verfaßt. Die gleiche Todesart im selben Jahr mag lediglich in gewisser Hinsicht eine zufällige Gemeinsamkeit der beiden großen Dichterinnen sein.

Über Marina Zwetajewa zu schreiben, erfordert die Offenlegung der Perspektive, aus der sie betrachtet wird, denn so gesehen gibt es drei Zwetajewas: Marina — in den Augen der Liebenden, wie Boris Pasternak, Sergej Efron, Rilke, Sophie Parnok, Assja Zwetajewa; Marina — in den Augen der zeitgenössischen besserwisserischen Schriftsteller, wie Ossip Mandelstam, Valerij Brussow, Leo Trotzki und Majakowski. Oder Marina Zwetajewa — in den Augen der Künftigen — unseren Augen. Und hier sind besserwissende BiographInnen und HerausgeberInnen „Ausgewählter Werke“ der Zwetajewa fleißig am Werke. „Hat ein Künstler eine persönliche Biographie, außer jene im Handwerk? Und wenn es sie gibt, ist sie wichtig? Ist das wichtig, was sie ausmacht, und ist das, was sie ausmacht, richtig“, schreibt sie in ihrem großen Essay über die Bildhauerin und Malerin Natalja Gontscharowa.

Was bleiben wird, sind Tinte und Papier

Gibt es also eine Zwetajewa außerhalb der Poesie? Die Tragik der äußeren Ereignisse bestimmt die Dramatik und die Romantik der Biographie der Worte, ohne sich ganz in ihnen aufzulösen. Zeitlebens wehrt sich Marina Zwetajewa gegen das Sichtbare, denn das materialisierte Leben als Rohstoff paßt nicht in die Erfordernisse des Schaffens. Sie haßt Gegenstände, die ihr eine Bürde sind, denn „was bleiben wird, sind Tinte und Papier“.

Ein weiteres Bild taucht auf: „Im Jahr 1920 sieht man die Zwetajewa in Lumpen, einen Sack mit erfrorenen Kartoffeln auf dem Schlitten.“ Ihre zweite Tochter Irina stirbt dreijährig an Schwäche in einem Kinderheim. Sergej Efron, Sohn einer jüdischen Verlegerfamilie, den die Zwanzigjährige gegen den Willen ihres Vaters, des Gründers des Puschkin-Museums, in Moskau heiratet — einen Juden zu heiraten, war im russischen Großbürgertum eine Mesalliance —, ist zu diesem Zeitpunkt in der Weißen Armee.

Im Jahr 1910 erscheint, vor der Familie verheimlicht, Marina Zwetajewas erstes Buch „Abend-Album“, das sie in Erinnerung an Marie Bashkirtseff dieser widmet. „Marie Bashkirtseff liebe ich wahnsinig, mit wahnsinnigem Schmerz. Ich lebte ganze zwei Jahre in der Sehnsucht nach ihr, Sie ist für mich so lebendig wie ich selbst.“ Nach Aussage der Schwester Anastassja in dem Buch „Kindheit mit Marina“ ist Marina der von den Schriftstellern des Fin de siècle stilisierten Kultfigur, die als völlig verarmte Malerin in Paris an Schwindsucht starb, nie wirklich begegnet. Entflammt durch die Erzählung des Malers Levy, der Marie Bashkirtseff in Paris kennenlernt, tritt Marina in einen Briefwechsel mit deren Mutter, die ihr einige Fotos schickt. Anzunehmen ist aber, daß sie auch die legendären Tagebücher der Bashkirtseff gelesen hat, die letzten Endes zu der Widmung führten. Dem Literaturkritiker Brussow schrieb sie, nachdem er das Buch einer allzu indiskreten Alltagspoesie geziehen hatte, folgende Gedichtzeilen: „Lächle mir huldvoll entgegen / oder beklage mein Schwanken — / Du änderst mich niemals im Leben! / „Klare Gefühle“, „notwend’ge Gedanken / hat mir Gott nicht gegeben (...)“

Marina Zwetajewa, geprägt durch die deutsche romantische Literatur — Hölderlin, Novalis, Bettina von Arnim und auch Heine waren ihr ein Begriff —, mit der sie schon in Kindertagen durch ihr Kindermädchen, aber auch durch die Mutter deutsch-serbischer Abstammung konfrontiert wird, ist damit auch in die romantische Gefühlskultur des späten 18. Jahrhunderts eingetreten. Ihre Liebe war immer rein idealistisch, die auch zur Erfindung des „ewigen Paar(s) der Sich-Nie-Begegnenden“ geführt haben mochte.

Die Liebe zu Frauen, die ihre leidenschaftliche Lyrik, Prosa und Briefliteratur mitbestimmt, mag — in den zeitgenössischen Interpretationen oder auch in gängiger moralischer Ignoranz beiderlei Geschlechts literaturwissenschaftlicher Herkunft — die Zwetajewa bestenfalls im Gegenlicht erscheinen lassen, nicht aber die Helligkeit grellen Scheinwerferlichts auf die sich weder poetologischen noch gesellschaftlichen Normen unterwerfende Dichterin vermitteln. Lediglich darf nach genauer Rezeption jener Texte, die sich ausschließlich an Frauen richteten, mit Vorsicht angenommen werden, daß Marina Zwetajewa wesentlich öfter Frauen geliebt hat, als sie von diesen wiedergeliebt wurde, und darunter gelitten hat, was schließlich dazu führte, ins Reich der Phantasie, der Dichtung auszuweichen. Eine zweijährige Beziehung mit Sophie Parnok, einer russischen Schriftstellerin, zwischen 1914 und 1916 führte nach der Trennung zur „ersten Katastrophe“ im Leben der Zwetajewa.

Sappho im Exil

Anna Achmatowa, deren Gedichte sie von Ossip Mandelstam als „erste Begegnung“ mit der schon damals ziemlich bekannten Poetin wertet, sieht sie zum ersten Mal 1940 in Moskau. Eine Briefstelle an Anna Achmatowa aus 1921 kann eine Facette der Liebesfähigkeit von Zwetajewa ins Spiel bringen: „Ach, wie ich Sie liebe, wie ich mich an Ihnen freue, wie mir weh ist um Sie, wie Sie mich erheben! — Wenn es Zeitschriften gäbe — was für einen Aufsatz würde ich über Sie schreiben! (...) Sie sind mein Lieblingsdichter, ich habe Sie vor langer Zeit einmal — vor ungefähr sechs Jahren — im Traum gesehen.“ Eine gewisse Analogie zum Verhältnis der Bettina von Arnim mit Karoline v. Günderode kann vor allem durch die Einseitigkeit der Zuneigung angenommen werden. Die ärmlichen Verhältnisse der Zwetajewa zwingen sie 1918, ein halbes Jahr im Volkskommissariat für Nationalitäten unter Stalin zu arbeiten. Die Lebensmittelrationen sind so knapp, daß sie sich und die beiden Töchter kaum ernähren kann. Erst 1921 erhält sie durch Vermittlung eines befreundeten Russen eine ständige Lebensmittelration. In diesem Jahr lernt sie auch die Schauspielerin Sophia Holliday (Sof’ja Evge’evna Gollidej) kennen, in die sie sich verliebt und der sie 1937 in dem Buch „Erzählung von Sonečka“ ein Denkmal gesetzt hat.

Bevor Marina Zwetajewa im Jahr 1922 ihrem Mann Sergej Efron ins Prager Exil folgt, entstehen trotz ihrer alltäglichen Mühsal sechs Theaterstücke und die Gedichtbände „Werstpfähle II“, „Schwanenlager“ und „Handwerk“. Den Vorwurf, der ihr von Vertretern der neueren russischen Poesie im Umkreis des Universalisten Welemir Chlebnikow gemacht wird, eine Mythomanin zu sein, die aus dem Leben anderer „das unsichtbare Entzücken ihrer Liebe, ihrer Verlassenheit, ihrer Vermessenheiten und Niederlagen arbeitet“, empfindet die in geradezu anarchischer Unabhängigkeit von der Umwelt lebende Zwetajewa eher als Bestätigung für ihre Auffassung der Dichtkunst. Man nimmt ihr auch übel, daß sie prinzipiell auf seiten der Besiegten steht. So schreibt sie im Ersten Weltkrieg inmitten der Heldenverehrung über den Tod, nach der Ermordung der Zarenfamilie über die Zarenfamilie, im bolschewistischen Moskau über die Weiße Armee, im Prager Exil über die Arbeiterschaft in Moskau und in der Pariser Emigration über Majakowski.

Durch ihr Eintreten gerade für letzteren verliert Zwetajewa zwischen 1929-1939 die meisten Publikationsmöglichkeiten in Paris und wird von den Moskauer Emigranten gemieden. Es gibt ein Motiv für die Verehrung Majakowskis „nach der Ermordung Gumiljews, des Mannes von Anna Achmatowa, gab es Gerüchte“, daß Marina Zwetajewa Selbstmord begangen habe.

„Zum Dank an die öffentliche Teilnahme Majakowskis an der totgeglaubten Lyrikerin widmete ihm Marina ein Gedicht.“ Marina Zwetajewa hat durch ihre „Poesie der Eigennamen“ ein Vermächtnis hinterlassen, das vor allem der französischen „Ecriture feminine“ immanent ist: das Weibliche selbst durch höchste Funktionalität zu dekonstruieren. Wenn „Sonetka“ alle Frauengestalten der Weltliteratur verkörpert, alle Namen auf sich vereint, so erfolgt das aber auch mit der Virtuosität der Zwetajewa im Rhythmischen, dem sie die Syntax ablauscht: russische Lied- und Sagenfolklore, russischer Kirchengesang, die Auslassungen und Kürzel der Zurufe auf der Straße, das Stammeln und Stottern der Erregung, das Stocken des Erkennens verleihen den Erinnerungen märchenhafte Züge.

Mit sechzehn wählt sich Marina Zwetajewa in einer Charlottenburger Gipsabgießerei die Kopie der mythologischen Gestalt und Amazone Aspasia, Geliebte des Achill, aus. Auch Schutzheilige in Rittergestalt, vor allem Nordrußlands und Prags, sind für das nicht ins Leben eintreten könnende Mädchen die Schutzengel, die mit dem Zauberschwert die Hand der Zwetajewa beim Schreiben führen.

Ein russischer ‚Orlando‘ also, der männliche und weibliche Wunschproduktionen in sich vereint? Nicht ganz, denn der wirkliche Spiegel für Zwetajewa war Sappho. In ihrer Hommage an Natalie Barney, „Mein weiblicher Bruder“, zieht sie wahrscheinlich auch ein Resümee ihrer selten geglückten Liebesbeziehungen zu Frauen: „Trauer-Weide! Trauernde Weide! Weide, Körper und Seele der Frauen! Trauernde Nackenneige der Weide. Graues Haar, übers Gesicht geführt, um nicht mehr sehen zu müssen (...) Wenn ich eine Weide verzweifeln sehe, begreife ich Sappho.“

Ein letztes Bild entsteht: „Und das Zimmer, die Farbe der Hände, die Türen da? Glimmendes Lampenlicht von draussen flutet träge an ihrem Körper entlang. Der Körper hängt. Kein Heft mit Gedichten in der tiefen Tasche des grauen Kittels. Nichts.“ Es ist das Jahr 1941.

Auswahlbibliographie:

  • Vrklian Irena: Marina im Gegenlicht. Graz/Wien 1988, Verlag Droschl.
  • Razumovsky Maria: Marina Zwetajewa (1892-1941). Wien 1981.
  • Zwetajewa Anastassja Zwetajewa: Kindheit mit Marina. Wiesbaden 1977.
  • Zwetajewa Marina: Erzählung von Sonečka. Berlin, Lilith
  • Zwetajewa Marina: Gedichte. Berlin 1968, Wagenbach.
  • Ausgewählte Werke. Bd. I, II u. III. Hrsg. v. Edel-Mirawa Florin. München 1989, Carl Hanser.
  • Mein weiblicher Bruder. Brief an die Amazone. Matthes Seitz.
  • Gedichte — Prosa. Russ. u. dt. Leipzig 1987, Reclam.
  • Mutter und die Musik. Bibliothek Suhrkamp 1987.
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