Grundrisse, Nummer 24
Dezember
2007

Editorial

Liebe LeserInnen,

Anfang Dezember beschloss das österreichische Parlament eine Novelle des Arbeitslosenversicherungsgesetzes. Der Zugriff von Staat und Kapital auf Erwerbsarbeitslose erreicht damit eine neue Qualität, sowohl was die endgültige Verabschiedung von Grundrechten hinsichtlich Datenschutz, als auch die Möglichkeit von privaten Arbeitskräftevermittlungen, Bezugssperren zu verhängen betrifft. Der Artikel von Karl Reitter dazu zeigt die ganze Breite des Angriffs auf.

Heftig umstritten war in der Redaktion der Text „Raus aus der Sackgasse!“ von Sergio Bologna. Zum einen bietet er interessante Ansätze zu einer Diskussion über politische Handlungsfähigkeit der Prekären, zum anderen wurde der von Bologna affirmativ eingesetzte Begriff der „middle class“ heftig kritisiert, wie auch seine unkritische Position zum „legge Biagi“, das zwar prekäre Beschäftigungs-verhältnisse in den juridischen Rahmen einschrieb, deren negative Auswirkungen (wie die Legalisierung von „Arbeit auf Abruf“) jedoch weit stärker wirken als die paar Verbesserungen für prekär Beschäftigte. Klaus Neundlingers Einleitung hingegen bezieht die starke Seite von Bolognas Text, u.a. die alternative Lesart offizieller Statistiken zum Arbeitsmarkt, auf österreichische Verhältnisse und zeigt deutlich das massive „Ausfransen“ der Beschäftigungsverhältnisse als postfordistische Normalität.

Torsten Bewernitz „Give the Anarchist a theory!“ ist ein weiterer Versuch des produktiven In-Beziehung-Setzens von Anarchismus und marxistischer Theorie, ausgeführt an der Lektüre neuerer anarchistischer Literatur. Der Text von Jens Kastner und Elisabeth Tuider hingegen nimmt das Verhältnis von geschlechtlicher Arbeitsteilung, Gewalt und Widerstand am Beispiel Mexikos bzw. der dortigen sozialen Bewegungen in den Blick. „Sex, Gender und der kalte Blick aufs nackte Fleisch“ ist der Untertitel von Barbara Eders historisch orientierter Analyse (post)pornographischer (Film)Praxen. Erwartungsgemäß gab es dazu die intensivsten Diskussionen. Zentraler Punkt der Kritik war die untergeordnete Bedeutung sowohl politischer Widerständigkeit als auch das Nicht-Verlassen der ästhetisch-visuellen Ebene, der ZuseherInnenposition. Dennoch ist Eders Text in gewisser Weise eine Fortsetzung der Fragen, die in den Beiträgen „Ist Sex subversiv?“ aufgeworfen wurden, bei denen eine queere Sichtweise zu kurz kam.

Martin Birkner nimmt in seinem Essay Neuerscheinungen zur im Moment boomenden Bildungsdebatte kritisch unter die Lupe. Er vermisst in vielen Texten vor allem jene grundsätzliche Ebene der Produktion von Eliten, auf der kritische Detailstudien über soziale Ungleichheiten im Bildungssystem erst aufbauen müssten. Dazu passend präsentieren wir in unserer losen Reihe „MIT NACHDRUCK“ zwei Texte zur gleichen Thematik. „Zerschlagt die Universität“ vom vor kurzem gemeinsam mit seiner Frau Dorine freiwillig aus dem Leben geschiedenen André Gorz ist eine gleichsam wütende wie analytisch gehaltvolle Polemik gegen „Reformen“ im Bildungsbereich. Ein Flugblatt des Verbandes sozialistischer StudentInnen aus 1971 zeigt, wie kritische Intervention an der Universität auch ausschauen kann bzw. konnte.

Ausführlicher als gewohnt sind diesmal die beiden Buchbesprechungen ausgefallen: Dieter Behr rezensiert „Migration und Klassenkampf in der US-amerikanischen Geschichte“ in „Crossing the Border“ von J.A. Chacón und Mike Davis, Elisabeth Steger nimmt sich Alain Badious „Paulus - Die Begründung des Universalismus“ vor.

Für 2008 haben wir uns viel vorgenommen. Gleich zu Jahresbeginn legen wir euch zwei Veranstaltungen ans Herz, an deren Organisation wir beteiligt sind, und zwar mit Brigitta Kuster und Renate Lorenz zu „Sexuell arbeiten“ und von Sarah Diehl zu „Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext“. Nähere Informationen zu beiden Veranstaltungen findet ihr wie immer unter www.grundrisse.net . Im Frühjahr 2008 wird es - auf Initiative der grundrisse - in Wien eine internationale Konferenz zu „Ökonomie, Widerstand und soziale Verhältnisse im Postfordismus“ (so der Arbeitstitel) geben. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren, in Kürze werden wir erste Ergebnisse präsentieren.

WIE AUF DEM TITELBLATT VERSPROCHEN: DIE ABOATTACKE: Die grundrisse stellen aus Prinzip jede neue Ausgabe vollständig ins Netz. Zur Produktion der Zeitschrift sind wir allerdings auf eure Kohle angewiesen. Abonniert also! Verschenkt Abos!! Die ersten beiden 2-Jahres-AbonnentInnen, die neu bei uns eintrudeln, werden mit „Der junge Marx. Philosophische Schriften“, herausgegeben von Stefan Kraft und Karl Reitter beglückt!

Die Bildstreifen verdanken wir diesmal Daniela Kopeinig. Sie hat uns folgende kurze Selbstdarstellung zukommen lassen: „Studentin an der Kunstuniversität Linz (Bildende Kunst - Experimentelle visuelle Gestaltung). Vor ca. 1 Jahr - im Zuge eines Auslandsaufenthaltes in Ljubljana / Slowenien - begann ich mich neben Fotografie, Film und Graffiti mit Comics auseinanderzusetzen. Comics als Medium zur Mitteilung von Erlebtem, Erdachtem, Erwünschtem, Befürchtetem. Das Konzept verfolgt die Umsetzung von (politischen, philosophischen, alltäglichen...) Inhalten mittels Text und Bild. Nähere Infos über Comics und andere Arbeiten unter der Email-Adresse daniela.kopeinig ufg.ac.at“

eure grundrisse-Redaktion
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