Grundrisse, Nummer 25
März
2008

Editorial

Liebe LeserInnen,

die 25. Ausgabe der grundrisse liegt vor euch, und auch diesmal erwartet euch eine spannende Mischung linker Theorie und Debatte. Im Frühjahr 2008 sind die grundrisse an einer Menge Veranstaltungen beteiligt, kurz vorgestellt werden diese im zweiten Teil dieses Editorials.

Im Jänner wurde im que(e)r Beisl das Buch sexuell arbeiten. eine queere perspektive auf arbeit und prekäres leben vorgestellt. Für Teile der Redaktion bietet dieses Buch neben dem von Pauline Boudry, Brigitta Kuster und Renate Lorenz herausgegebenen Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit und Zuhause nicht nur einen wichtigen Diskussionsansatz, sondern auch ein Instrumentarium, Geschlechterordnung, koloniale und rassistische Settings sowie Kapitalismus zu analysieren. Neben einer Buchbesprechung findet ihr zu diesen Themen ein der Zeitschrift beigelegtes Plakat mit den zehn Thesen zu „sexuell Arbeiten“. Ein Interview mit Brigitta Kuster und Renate Lorenz wurde nicht rechtzeitig fertig, darum wird es in der nächsten Nummer erscheinen. Seid gespannt!

Einem Teil der aktuellen grundrisse liegt auch die aktuelle Ausgabe von turbulence.ideas for movement bei. Der „Ins Licht hinein“ betitelte Text ist eine unseres Erachtens nach äußerst brauchbare Zusammenfassung der Entwicklung (radikaler) sozialer Bewegungen und linker Thematiken der letzten Zeit (u.B.: Heiligendamm, Klimawandel, Banlieu-Unruhen) und stellt daher eine wichtige Diskussionsgrundlage dar. Eine Veranstaltung mit dem turbulence-Kollektiv ist derzeit in Planung …

Doch nun zu den Beiträgen der vorliegenden Ausgabe:

Stephanie Weiss’ Text über Kommunikations- und Kampfformen der radikalen Linken in Italien lässt nicht nur einen wichtigen, wenngleich auch zum Teil bereits abgeschlossenen Aspekt sozialer Kämpfe zu Beginn des 21. Jahrhunderts Revue passieren, ihre auf Interviews vor Ort basierende Recherche lenkt den Blick auf die Veränderung hinsichtlich der Rolle von Körperlichkeit im politischen Handeln. „Reelle Subsumtion des Lebens unter das Kapital“ von Robert Foltin ist ebenfalls nahe an dieser Thematik. Sein Text verweist auf die Tendenzen des zeitgenössischen Kapitalismus, über die klassische Variante der (teilweise unbezahlten) Aneignung von Arbeit hinaus alle Bereiche des Lebens in den Prozess der Kapitalakkumulation hineinzuziehen.

Die US-Immobilienkrise vor einigen Monaten zeigte erneut die Instabilität der kapitalistischen Ordnung auf. Engelbert Stockhammer analysiert Entstehung, Entwicklung und Auswirkungen dieser Krise und weist auch auf die gar nicht so neoliberalen, sondern vielmehr „pragmatisch keynesianischen“ Antworten der herrschenden Wirtschaftspolitik hin.

Die Wortfluchten Tom Waibels knüpfen an die längst überfällige Publikation der deutschsprachigen Übersetzung von Gayatri Chakravorty Spivak´s bedeutenden Text „Can the Subaltern speak“ an. Die Schwierigkeiten der Übersetzbarkeit des „Nicht-Sprechens“ der Subalternen, aber auch jene der Unterscheidung der Herstellung von Subalternität von anderen Subjektivierungsweisen wie ArbeiterInnenklasse oder Multitude werden behandelt.

Bernhard Dorfers Text „Mit Verfassungsreferenden zur Befreiung“ mag als Bindeglied des Textes von Waibels zum folgenden von Anna Leder gelesen werden. Er zielt aber auf weit grundsätzlichere Fragen der Reichweite der politischen Form in emanzipatorischen Prozessen als das gescheiterte Chavistische Verfassungsreferendum, an dem der Artikel über die „Ökonomie der Barrios“ von Anna Leder anknüpft. In den Barrios, den Wohnviertel der städtischen Armen, wurde die Niederlage mit-besiegelt. Denn Emanzipation kann nur durch kollektives Handeln von unten verwirklicht werden, nicht durch verordneten „Sozialismus“ von oben bei gleichzeitiger Vereinzelung der Menschen. Anna Leder ist im Übrigen Aktivistin des Komitees „Solidarität mit den Clasistas!“, das wir euch im Anschluss an dieses Editorial vorstellen möchten. Einer soeben beendeten Solidaritätsreise des Komitees nach Venezuela verdanken wir auch die Bildstreifen dieser Nummer.

Markus Griesser zeigt in „Farewell to the welfare state?“ vier mögliche Theoretisierungen des Sozialstaates auf. Von den Debatten der frühen marxistischen ArbeiterInnenbewegung über die 1970er Debatte über die „Sozialstaatsillusion“ bis hin zu neo-sozialdemokratischen Ansätzen aber auch der „Dialektik“ von staatskritischen sozialen Bewegungen und sozialstaatlichen Reformen wird der Bogen gespannt – nicht zuletzt für eine Wiederaufnahme einer oft unter allgemein staatstheoretischen Diskussionen begrabenen Debatte. Ausführliche Buchbesprechungen zu „Sexuell Arbeiten“ von Kuster/Lorenz, „Revolutionierung des Alltags von Heide Hammer und Peter Birkes „Wilde Streiks im Wirtschaftswunder“ runden die Ausgabe ab. Wohl bekomm’s!

Eure
grundrisse-Redaktion

Solidarität mit den „Clasistas“!

Mit „Clasistas“ werden in Lateinamerika Strömungen oder Organisationen (vor allem in den Gewerkschaften) bezeichnet, die ihre Politik von einem proletarischen Klassenstandpunkt ableiten. In Venezuela kam es im Zuge der bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Staatsstreich gegen Chávez und der Unternehmersabotage in der Erdölindustrie 2003 auch zur Gründung eines neuen Gewerkschaftsdachverbandes, der UNT ( Nationaler Gewerkschaftsverband der ArbeiterInnen Venezuelas). Innerhalb der UNT formierten sich die„Clasitsas“ 2006 als C-CURA (Strömung für revolutionäre Klasseneinheit und Unabhängigkeit).

2006 stellten die Clasistas die Mehrheit innerhalb der UNT. In der Folge kam es aufgrund der traditionell engen Bindung der UNT an die Regierung Chávez zu einer zunehmenden Polarisierung vor allem in der Frage der Unabhängigkeit von Staat, Kapital und Parteien.

Die Konflikte eskalierten schließlich, als sich Chávez im Zuge der Gründung der PSUV (Sozialistische Einheitspartei Venezuelas) für die Bildung eines Arbeiterflügels innerhalb der PSUV aussprach und die parteipolitische Unabhängigkeit der UNT definitiv verurteilte. Der Präsident versucht so die zunehmenden sozialen Konflikte und Betriebskämpfe, die von der C-CURA unterstützt und getragen werden, unter seine Kontrolle zu bringen und seinem „bolivarischen“ Konzept unterzuordnen. Damit sieht sich die C-CURA (und deren bekanntester Vertreter Orlando Chirino) zunehmend bürokratischer Willkür und staatlicher Repression ausgesetzt.

Mit dem Komitee „Solidarität mit den Clasistas“ wollen wir, eine Gruppe linker GewerkschafterInnen, konkrete Solidaritätsarbeit leisten. Aber vor allem will das Komitee im deutschsprachigen Raum die politische Theorie und Praxis des linken Flügels der venezolanischen ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung im so genannten „revolutionären Prozess“ zur Diskussion stellen.

soli.clasistas gmx.at
www.labournetaustria.at/venezuela.htm

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