Grundrisse, Nummer 35
September
2010

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Vorweg möchten wir uns bei Philippe Kellermann in aller Form entschuldigen. Sein Artikel Marxistische Annäherung an den Anarchismus?, erschienen in der # 33, wurde ohne seine Zustimmung beim Korrekturlesen verändert. Auf unserer Webseite ist die richtige Version zu finden.

Eigentlich wäre ja für die Nummer 35 kein Themenheft geplant gewesen, dennoch ist es eines geworden! Aus diesem Überschwang heraus haben wir auch gleich beschlossen, ab sofort jede Ausgabe mit einem Schwerpunkt zu versehen. Dazu findet ihr am Ende des Editorials einen „Call for papers“!

Der Schwerpunkt dieser Nummer lautet das commune als alternative? debatten und kritiken des gemeinsamen. Damit wollen auch wir den in letzter Zeit verstärkten Diskussionen über gesellschaftliche Alternativen Rechnung tragen. Neben den Debatten über „Solidarische Ökonomie“ und Commons als nicht-kapitalistische Gemeingüter (mehr darüber in der Buchbesprechung von Andreas Exner) wird vor allem in postoperaistischen Zusammenhängen seit geraumer Zeit die Auseinandersetzung über „das Commune“ geführt. Was aber macht das Gemeinsame der Multitude aus und legt somit die Basis für ein Common Wealth – so lautet ja der Titel des neuesten Buches von Michael Hardt und Toni Negri? Juliane Spitta zeigt in ihrem Beitrag die Fallstricke der historischen Diskussion über Gemeinschaft auf und eröffnet eine dezidiert nicht-autoritäre Perspektive des Diskurses zum „Communen“. Isabell Lorey wiederum nähert sich dem Gemeinsam Werden über die Organisierung der Prekären – nicht zuletzt in der EuroMayday-Bewegung, Gerald Raunig hingegen stellt in seinem Text Etwas Mehr als das Commune die Brauchbarkeit des Diskurses zum Communen für eine Perspektive der Befreiung selbst in Frage, bietet jedoch eine überraschende Alternative an. Der Text von Karl Reitter setzt sich – wenngleich unter einem doch sehr anderen Gesichtspunkt – ebenfalls kritisch mit den Debatten zum Communen auseinander; und zwar mit dem oben bereits erwähnten Buch Common Wealth von Hardt und Negri. Unseren Schwerpunkt beschließt ein Text von Carlo Vercellone, der die Transformation des Profits in Rente im Rahmen der postfordistischen Transformation des Kapitalismus in den Blick nimmt. Aus einer darauf aufbauenden Analyse der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus verweist er auf die kollektive Aneignung des Communen als politische Perspektive. Letztgenannter Text ist ein Vorabdruck aus den in Kürze im Unrast-Verlag erscheinenden Buch Die Krise denken. Finanzmärkte, soziale Kämpfe und neue politische Szenarien. Dieser von Andrea Fumagalli und Sandro Mezzadra herausgegebene Sammelband entstand im Rahmen eines Seminars des italienischen Netzwerks UniNomade. Der Entschluss zur Übersetzung des Bandes wurde im Rahmen von Diskussionen innerhalb der grundrisse-Redaktion gefasst und gemeinsam mit Thomas Atzert und Sandro Mezzadra verwirklicht. Darauf sind wir schon ein wenig stolz und freuen uns schon auf die Präsentationsveranstaltungen im Herbst. Darüber werden wir gesondert informieren – nicht zuletzt in unserem Newsletter, zu dem mensch sich unter www.grundrisse.net anmelden kann.

Außerhalb des Schwerpunkts liegt die Arbeit Nach dem Operaismus? von Max Henninger. Darin wird die Geschichte des Operaismus bilanziert und kritisch nach dessen Zukunft gefragt. Jens Kastner reflektiert in Delegation und politische Dilemmata über Probleme und offene Fragen des zapatistischen Organisationsverständnisses. Buchbesprechungen und Rezensionsessays zu unterschiedliche Themen beschließen diese Ausgabe.

Abschließend wollen wir euch noch auf die Online Zeitschrift Sozial.Geschichte hinweisen, die kostenlos unter http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=22626 abgerufen werden kann.

Weiterhin prekär ist die finanzielle Situation des Kulturzentrums Amerlinghaus am Spittelberg, in dem nicht nur die Redaktionssitzungen der grundrisse stattfinden, sondern sich auch viele andere politische, kulturelle und soziale Initiativen und Gruppen treffen. Die Verhandlungen mit der Gemeinde Wien um die Inflationsanpassung der Subvention scheinen gescheitert zu sein. Wer seine Solidarität mit diesem für die selbstorganisierte, nicht konsumorientierte Wiener Kultur- und Politszene wichtigen Ort ausdrücken will, findet auf der Website des Amerlinghauses nicht nur nähere Informationen zum aktuellen Stand der Dinge, sondern auch eine Online-Petition, einen Vorschlag für ein Mail an Herrn Bürgermeister Michael Häupl sowie die Bitte um und Erläuterungen zur Beteiligung an einer Aktion zur Überbrückung des Finanzloches bis zum Ende dieses Jahres – vor allem um die Gehälter der vier Angestellten finanzieren zu können! Amerlinghaus bleibt!

http://www.amerlinghaus.at

Call for Papers:

Nicht zuletzt die aktuelle Krise des kapitalistischen Systems in ihrem Zusammenfallen mit dem Abschwung der globalen Protest- sowie der Sozialforenbewegung hat die Frage nach politischer Kollektivität und Organisierung erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Wie kann den Auf- und Abwärtsbewegungen sozialer kämpfe antizyklisch Dauer verliehen werden? Wie können Widerstands- und Emanzipationserfahrungen kommuniziert und unterschiedliche Bewegungen miteinander verbunden und somit effektiver werden? Was können, was müssen wir aus dem Scheitern der parteimäßig verfassten Organisationen lernen? Schließen sich Repräsentationskritik und politische Organisierung gegenseitig aus? Warum sprechen wir von Organisierung und nicht von Organisation? Wie kann politische Kollektivität nach dem Ende des demokratischen Zentralismus aussehen? Und last but not least: was ist der POLITISCHE Einsatz von Organisierung angesichts der Krise der Politik? Fragen über Fragen, die wir uns und hiermit auch euch stellen. Sachdienliche Hinweise, argumentative Provokationen und weitere Fragestellungen sind erwünscht, solange sie 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Fußnoten) nicht überschreiten und bis 30. Oktober 2010 bei uns eintreffen. Diskussions- und Überarbeitungsmodus finden sich hier: http://www.grundrisse.net/wir_ueber_uns.htm

Solidarität mit allen von der Repression betroffenen AktivistInnen!

In der letzten Zeit gehen die staatlichen Repressionsorgane verstärkt gegen soziale Bewegungen vor. Der Prozess gegen die Tierrechtler_innen (die 2008 monatelang in U-Haft genommen wurden) läuft bis jetzt mit ungewissem Ausgang, aber mit einer offensichtlich „dünnen Suppe“, was die Beweislage betrifft. Am 29. Jänner wurde eine Demonstration gegen den rechtsextremen Ball des Wiener Korporationsrings untersagt, eingekesselt und von hunderten Personen die Personalien aufgenommen. Viele davon haben schon Anzeigen wegen der Beteiligung an einer untersagten Veranstaltung bekommen. Bei einer Demonstration gegen antifeministische Väterrechtler_innen am 12. Juni wurde eine Person festgenommen und zwei Wochen in U-Haft gehalten. Und auch gegen antirassistische Demonstrant_innen, die am 29. April durch einen Sitzstreik den Abtransport eines Fußballers des migrantischen Sportklubs FC Sans Papiers verhindern wollten, haben bereits Verfahren stattgefunden.

Am 6. Juli fanden in Wien Hausdurchsuchungen in mehreren Wohnungen und einem selbst verwalteten Raum statt, drei Personen wurden festgenommen, am 20. Juli eine vierte Person. Den Verhafteten wird vorgeworfen, Mistkübel vor dem AMS Redergasse angezündet und eine „antikapitalistische Erklärung“ dazu auf indymedia gestellt zu haben. Diese vier Personen blieben bis 23. August in Untersuchungshaft, obwohl die Beweislage sehr dürftig war und ist. Auffällig ist, dass es sich dabei um Personen handelt, die alle in der letzten Zeit sehr aktiv waren, z.B. in der Bewegung der Studierenden im Herbst 2009 oder als Antirassist_innen. Angeblich soll gegen sie wie gegen die Tierrechtler_innen einer der „Mafiaparagraphen“ 278ff angewendet werden, der sich immer mehr als Werkzeug zur Verfolgung sozialer (emanzipatorischer) Bewegungen herausstellt.

Die Betroffenen benötigen eure finanzielle Unterstützung, auch wenn sie jetzt wieder in Freiheit sind (etwa um Anwält_innen zu bezahlen)!

Kontonummer: 28257989807
Bankleitzahl: 20111 (Erste Bank)
Name: Grünalternative Jugend Wien
Verwendungszweck: Antirep2010
IBAN: AT872011128257989807
BIC: GIBAATWWXXX

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