Heft 5/2001
September
2001

Education is the main priority, because there’s too much poverty in our society

(A Train Express. Home Group 1999)

Der Satz ist wahr — natürlich: und empirisch belegbar. Die Bildungsquote der Bevölkerung in Österreich steigt, ebenso der Wohlstand usw ... [1] Die Universitäten waren offene (für den Zeitraum 1971/72 bis 2001), das Netzwerk sozialer Unterstützungen für Studierende war besser und wurde erst durch diverse Sparpakete und fehlende Investitionen in die Universitäten noch schlechter. Studentinnen sind in der jeweilig aktuellen Alterskohorte der StudienanfängerInnen seit einigen Jahren in der Mehrzahl. [2]

Aber so haben es die Rapper in der Eingangszeile wohl nicht gemeint. Es stimmt, Bildung öffnet Aufstiegskapital als auch Widerstandskapital, zumindest deren Möglichkeit.

Ein biographischer Exkurs Donna Haraways [3] betont das Potential an Subversion, das nationalstaatlichen Ausbildungskalkülen entgegengesetzt wird. In der Situation des Kalten Krieges studiert eine „streng katholisch aufgewachsene“ Frau Zoologie, Literatur und Philosophie und widersetzt sich der vorgesehenen Position der Technokratin durch eine Vielfalt devianter Praxen: ihr sozialistisches, feministisches Engagement, ihre Gestaltung des Alltagslebens, ihre universitäre Karriere in der Verbindung getrennt gedachter epistemologischer Räume, die ebenso eindimensionaler feministischer Rezeption unzugänglich bleibt. Solche Häufungen zeichnen selten populäre Erfolgsbiographien und selbst große Anstrengungen, diese glaubhaft unter stabilisierende Dissidenz in der Intention des kapitalistischen Systems zu ordnen, überzeugen nicht.

Die Erfolge der Bildungsexpansion in Österreich sind schlicht beeindruckend. Was für Schulen für den Zeitraum um 1920 (besonders für Wien) gilt, gilt für die Universitäten um die 60er Jahre.

Diese eben getätigte Stellungnahme ist insofern empörend, als sie ablenken kann von klaren Reproduktionsaspekten des österreichischen Bildungssystems (Klasse, Schicht, Standesstrukturen, Patriarchat. [4]

Die Analyse des diffusen Feldes der Bildung ist relevant, sie thematisiert Statusauseinandersetzungen, elitäre Segregationen und arbeitet an einer der vielen Bruchlinien gesellschaftlicher Dynamik.

Der Sektor Wissenschaft/Forschung/Bildung wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren jene Generation ausscheiden, die in der Expansionswelle der 70er in Karrierepositionen beinahe gedrängt wurde. Diese prägen das Milieu akademischen Wohlergehens, das neidische Blicke und Unverständnis provoziert; nun ergänzen Kritik an Geschlossenheit und langweiliger Reproduktion in der Lehre oder schlicht fehlende Aktivität im Bereich der Forschung und Leistungsstreben einander.

Ob gerade die gegenwärtige Generation junger AkademikerInnen Plätze zu besetzen beginnt und dabei nicht auf dem Selbstverständnis sozialdemokratischer Wohlstandsmehrung basiert? In der verbleibenden Zeit werden sie Teil jener umherschweifender ProduzentInnen, die Antonio Negri [5] und andere — in den spezifischen Kämpfen der italienischen Linken gewachsene TheoretikerInnen — beschreiben und stark zu machen versuchen. Das Schielen auf bestehende oder zu konstituierende Netzwerke — und im Ideal das subversive Potential ihrer AkteurInnen — verführt nur jene, die von vorgesehenen Plätzen abstrahieren können; vielfach durch den Einsatz übermäßiger Kapitalien. Der soziale Aufstieg will mit seinen — vor allem zeitintensiven — Einstiegshürden kalkuliert und verdient sein. Maßnahmen, die einer Straffung und konsequenterweise einer Verkürzung der Bildungsphase dienen, wirken — wie die autoritäre Volksschullehrerin und Ministerin gerne betont — disziplinierend, die Besetzung der Hierarchieebenen darf durch ökonomische Anforderungen erhöhter Qualifikation nicht beeinträchtigt werden.

Foto: Lisi Ponger, Juli 2001

Der Elitegedanke ist aus konservativen Konvoluten hinreichend bekannt, doch die Begeisterung, der anhaltende Siegestaumel bleibt in seinen Versuchen, alte Distinktionen als neue Modelle zu stabilisieren, überraschend und doch lächerlich. Der Spott resultiert aus jener Ironie, die ihre rhetorischen und politischen Stärken nützt und den absurden Versuchen konservativen Denkens, das nie Intellektualität erfüllen kann, trotzt. Sie verharren in ihren Traditionen, der Pädagogik des Rohrstabes oder des delirierenden Männerbündischen mit oder ohne Fahnen und Wichs. Doch diese oberflächliche Unterscheidung — diese konkrete Bruchlinie im Männerbündischen — treibt manchen Ingenieur verbissen voran und ist zugleich Funktion national verfasster Bildungssysteme. Maturanten — häufig Söhne bildungsferner Schichten — wird im Zuge der Expansion des sekundären Ausbildungsbereichs suggeriert, den sozialen Aufstieg in wenigen Schuljahren geschafft zu haben. Sie besetzen entsprechend den geltenden Anforderungen eine Stufe über dem vormaligen proletarischen Idealtypus des Facharbeiters und werden in ihrer Planungs- oder Kontrollfunktion und gehobenem Lebensverdienst in ihrer Männlichkeit, versehen mit dem historisch-bröckelnden aber nach wie vor wirksamen Attribut der Halbbildung, bestätigt.

Emanzipatorische Bildung (mit Bildung als Leerstelle — d.h. ohne bürgerliches Bildungs- und Selbstfindungsgeschwätz — obwohl auch gegen dieses manchmal so leicht nichts einzuwenden ist) ist eine Waffe im Kampf um eine gerechtere, widerständige und selbstbestimmte Gesellschaft.

Wissen ist Macht: Bildung alleine beseitigt die Armut?

Das stimmt. Wissen ist Macht, aber Wissen beseitigt nicht selbstverständlich die Armut. Wissen ist das Wissen der Macht, es ist auch die Unterdrückung, die Dienerschaft, das Erlernen verlorener Perspektiven, Schuldbewusstsein und so weiter. Unglücklicherweise ist uns die Argumentationsstütze „Wahrheit“ — die in diesem Zusammenhang sehr hilfreich ist [6] — in der Feststellung der Regimehaftigkeit von Wahrheit (Foucault) verloren gegangen. Wahrheit (Wahrheitsregime) sind die herrschaftlichen Prozeduren „wahr“ und „falsch“ konkret zu scheiden. Die Wahrheit, das Wissen sind Teil des gesellschaftlichen Zusammenhanges, der gesellschaftlichen Verhältnisse. Und so können die Wissenschaft und das Wissen als unhinterfragte Methodiken (Die Orthodoxie der empirischen Fundierung — Basissätze o.ä. oder ebenso der wissenschaftliche Marxismus) nicht einfach so zu Gerechtigkeit [7]. führen.

Um die Philosophie der vorliegenden Sätze wieder hinter uns zu lassen. Wissen ist sozial spezifisch, schichtspezifisch: Was als wissenswert gilt, unterscheidet sich schichtspezifisch und ebenso geschlechtsspezifisch stark. Ebenso unterscheidet sich das Prestige verschiedener Wissensarten schichtspezifisch — d.h. konkreter: manch Arbeiterkind möchte lieber Fussballer werden und manch Juristensohn muss Jus studieren. Dies hat mit der kulturellen Grammatik verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen zu tun. Nicht umsonst sprechen die Rapper der Eingangszeilen von „Streetknowledge“, [8] das es zu erlernen gilt. Objektive Leistungsanforderungen — die meist spektakulär unverhohlen elitär und unreflektiert vorgetragen werden — bevorzugen mittelschicht- und oberschichtrelevantes Wissen. [9]

Die Forderung, die diverse ministerial mit Bildungsagenden betraute Personen in Ö zur Zeit so gerne in den Mund nehmen, nach „lebenslangem Lernen“ und „lebenslanger Qualifiaktion“ verkommt sehr schnell zu einem lebenslangen Zwangskorsett notwendiger Anpassung an fremdbestimmte Erfordernisse und individualisierter Verantwortung.

Denn wer was kann, der wird’s schon zu was bringen, sagen die Adeligen, Grossindustriellen und schlagenden Burschenschafter der österreichischen Bundesregierung und deren Umfeld.

Die Eigenart dieser akademischen Verbindungen liegt nicht in der vermeintlichen Überlegenheit, erworben durch Initiation, Imitation und Anpassungsfähigkeit. Ihr beachtliches Prinzip beruht auf der Übereinkunft, dass auch der Dümmste aus ihren Reihen versorgt wird. Sie geben stets an ihresgleichen weiter, weshalb Ehre und Treue als Tugenden gefeiert werden.

Können, Leistung und auch Qualifikation sind gesellschafts- und herrschaftsspezifisch, und eben patriarchal.

Wissen weiß auch die Machtverhältnisse. Und so zeigen die Herrschaftsempiriker eben auch gerne, dass Armut und Dummheit zusammenhängen. Nur eben in völliger Verkennung der Tasache, dass verschiedene Kapitalien das Bildungsverhalten, die Bildungschancen usw. beeinflussen.

Wie gerne sich Gehrer und KonsortInnen darüber beklagen, dass diese faulen StudentInnen nicht schneller studieren! Viele halt, weil sie arbeiten müssen — und mit Studiengebühren noch mehr arbeiten werden müssen.

Reichtum als Bildungskriterium und Leistungskriterium. Wer sich´s leisten kann, wird was.

Bildung ist ein Instrument der autoritären, politischen und gesellschaftlichen Führung, sie dient ihrer Macht und ihrem Expansionsstreben

Das Kriterium der Selektion wird wesentlich in den Schoß der Familie gelegt. Wenn alle gesellschaftlichen Ebenen mit identifizierten Mitgliedern der Volksgemeinschaft besetzt werden sollen, dann muss in der Folge der primäre und sekundäre Bildungsbereich seine Subjektivierungsfunktion [10] wahrnehmen und die Welt der Farben und Symbole der bürgerlichen Revolution, für viele aber Raum und Zeit selbstbestimmten Lernens und Arbeitens, entrücken. Eine ausreichende Anzahl williger DienstleisterInnen wird herangezogen, illegalisierte MigrantInnen bleiben Gegenstand der politischen Rede, Bedrohungsszenario und funktionalisierte Masse. Das perfide Spiel wird prolongiert bis das Terrain der Auseinandersetzung auf jene Topographien ausgedehnt wird, die sich jenseits konservativer Hegemonie situieren. Die Problematik liegt in der Anerkennung der Ausweitung der Kampfzonen.

[1Bildung ist nach wie vor einer der zentralen Faktoren des Statuserwerbes und Klassenerhaltes einer Gesellschaft. Nur ist sie eben eng gekoppelt an Klassenherkunft und Geschlecht. Vgl. Walter Müller, Hildegard Brauns, Yossi Shavit und Susanne Steinmann, Bildungserträge im Systemvergleich, Vortrag auf der Sektionssitzung der DGS/ÖGS auf dem Kongress für Soziologie 1998 / Freiburg.

[2besonders in den kultur- und geisteswissenschaftlichen Fächern

[3Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt/New York: Campus 1995.

[4Qualifikation ist eine männliche Kategorie - z.B. kaum Uni-ProfessorInnen in Österreich (vgl. Anna Schulte, Putzen, Tippsen und Tarife. Unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung der Qualifikation und des Fachwissens von Frauen und Männern, in: Argument 236, 3 / 2000, S. 413-423).

[5Antonio Negri, Maurizio Lazzarato, Paolo Virno: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin: ID Verlag 1998.

[6Herzhaft könnten wir ansonsten uns auf die Wahrheit beziehen und ihre Erlösungskraft preisen.

[7Wobei Gerechtigkeit wohl ebenso recht wenig sagt, weil es Auseinandersetzung darüber, was gerecht ist, immer gegeben hat. Frau BM Gehrer findet es z.B. gerecht, Faulenzer und Trittbrettfahrer an der Universität über Gebühren zu „lenken“ oder treffender formuliert, zu disziplinieren. Nur wer Geld hat, hat Zeit

[8Vgl. Paul Willis Studie über Arbeiterkultur in Schulen und Statuserhalt als Subalterne (vgl. Paul Willis, Spass am Widerstand Gegenkultur in der Arbeiterschule, Frankfurt (Syndikat) 1977).

[9Antonio Gramsci fordert in diesem Kontext emanzipatorische Praxis gegen herrschende Leistungsanforderungen und herrschenden Sinn (vgl. ebenso Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Frankfurt 1993) und auch Maos Konzept der Kulturrevolution ist unter diesem Aspekt nicht so ganz einfach mit einem „Pfui Teufel“ zu belegen.

[10entsprechend dem Althusserschen Modell der Anrufung als Subjekte im herrschaftlichen Zusammenhang.

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