Streifzüge, Heft 1/1998
März
1998

Einerlei

Europas Historiker erforschen den Kommunismus

„Wenn es die Sowjetunion nicht gegeben hätte, die Vereinigten Staaten hätten sie erfinden müssen“ — schrieb Günther Anders 1980 (Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 2, S. 18) und war wieder einmal insofern seiner Zeit voraus, als er die Existenz der Sowjetunion in die Vergangenheit setzte. Tatsächlich gilt dieser Satz nach dem Untergang der Sowjetunion in einem noch viel umfassenderen Sinn. Bezog sich Anders einst hauptsächlich auf die Waffenproduktion und beschränkte die Gültigkeit seiner Spekulation auf das Verhältnis USA-SU, so dient die vergangene Existenz der Sowjetunion mittlerweile zur Legitimation für den gesamten Zustand der Welt: sie wurde post festum globalisiert.

Es geht offenkundig um den allseitigen Wunsch, jene Dialektik der Aufklärung zu verdrängen, die das Barbarische als Moment der Moderne begreift. Diesem Wunsch gemäß verfährt die Apologie der Moderne manichäisch: sie benötigt ein Reich des Bösen, das sie vollkommen von sich abscheidet und isoliert, um alle gesellschaftlichen Zusammenhänge, die zwischen diesem Reich und dem eigenen existieren, zu verleugnen (Die Apologeten des ‚Realen Sozialismus‘ kommen dem übrigens entgegen, wenn sie ihrerseits die Folgen der Oktoberrevolution wie ein Experiment in einem Laboratorium begreifen, systematisch isoliert, bei dem dann irgendwann dem wissenschaftlichen Team einige Fehler mit dem Wertgesetz passiert wären). Den Nationalsozialismus als Reaktion auf den Bolschewismus zu deuten, ist bereits eine gängige Argumentation geworden; den Kapitalismus als Reaktion auf den Kommunismus zu interpretieren, gelang selbst Nolte bisher nicht. Wie aber läßt sich dann verdrängen, daß die Oktoberrevolution eine Folge des Ersten Weltkriegs war — des ersten großen Gipfelpunkts, den die Akkumulation des Kapitals in Europa erklomm? (Wenn Gott gut ist und allmächtig, woher kommt dann derTeufel?) So lautet das Problem, vor dem der Manichäismus steht. Es gibt nur eine Lösung: Die Existenz der Sowjetunion muß aus ihren eigenen Toten abgeleitet werden.

Das Mysterium, das hier erfordert ist, wird durch den Fetisch der Zahl gestiftet: mit ihm wird von den gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen Menschen zu Tode gebracht wurden, abstrahiert, denn in diesen Zusammenhängen könnte wie in kommunizierenden Gefäßen der Druck der außerhalb des Reichs des Bösen liegenden Welt sichtbar werden. Und die Heimatländer der ursprünglichen Akkumulation zählen bekanntlich nicht gerne die Toten, auf denen sie ihren Wohlstand aufbauen.

Das Guinness Buch der bösen Rekorde

In Frankreich haben Historiker dem Reich des Bösen nun endlich Rechnung gelegt und eine Art Guinness-Buch der Rekorde in Sachen Crimes, terreur, répression veröffentlicht („Sur une tragédie de dimension planétaire ... le primier livre de référence“): rechtzeitig zum achtzigsten Geburtstag der Oktoberrevolution versuchen sie im Schwarzbuch des Kommunismus [1] alle zusammenzurechnen, die im Namen des Kommunismus — d.h. in solchen Staaten, die sich auf das Ziel des Kommunismus beriefen — ermordet wurden und kommen summa summarum auf die Zahl von 85 bis 100 Millionen — die sich wie folgt aufteilen: für China wird die runde Zahl von 65 Millionen Opfern berechnet; für die Sowjetunion werden 15 bis 20 Millionen veranschlagt; es folgen Kambodscha und Nordkorea mit je 2 Millionen; Afrika (Angola, Moçambique, Äthiopien) mit 1,7 Millionen, Vietnam mit 1 Million und Lateinamerika (Kuba, Nicaragua) mit 150.000 Ermordeten. Den weißen Umschlag des 850 Seiten dicken Buchs ziert eine verkaufsfördernde Schleife — sie ist zugleich die Seele des Ganzen; auf ihr steht geschrieben, worum es einzig geht, worin Ziel und Methode zusammenfallen: „85 millions de victimes“ (und darunter der Name des Verlags). Mittlerweile sind bereits 100.000 Exemplare verkauft — und der Verlag könnte also die Schleife folgendermaßen ergänzen: ‚Bereits 100.000 Gesamtopfer und 100.000 Gesamtauflage‘.

Als Priester, der ins Mysterium der Zahl einweiht, fungiert der Herausgeber des Sammelbands Stéphane Courtois — der einst zum maoistischen Verein „Vive la Révolution“ gehörte, mittlerweile jedoch Anschluß an die akademische Gruppe ‚Vive le capital‘ gefunden hat. Ort der heiligen Handlung ist die Einleitung. Hier sprang der Herausgeber für den verstorbenen Ex-Kommunisten François Furet ein, der ursprünglich für das Vorwort vorgesehen war und der bereits in seinem 1994 erschienenen Buch Le Passé d’une illusion — Die Vergangenheit einer Illusion — den kommunistischen Dämon exorziert hatte. Courtois nun vereint „Rassen-Genozid“ und „Klassen-Genozid“ zur Kommunion des Opfers: „le génocide ‚de classe‘ rejoint le génocide ‚de race‘“ (S. 19). Der Totalitarismus ist hier bis zur Symmetrie im Satzbau perfektioniert; die Opfer werden buchstäblich auf die Waage der Totalitarismustheorie gelegt: „Der Hungertod eines ukrainischen Kulaken-Kinds, das vom stalinistischen Regime bewußt dem Hunger überlassen wurde, ist ebensoviel ‚wert‘ wie derTod eines jüdischen Kinds im Warschauer Ghetto, das vom Naziregime dem Hunger überlassen wurde.“ („la mort de faim d’un enfant de koulak ukrainien déliberérément acculé à la famine par le régime stalinien ‚vaut‘ la mort de faim d’un enfant juif du ghetto de Varsovie acculé à la famine par le régime nazi.“ S. 19) Es geht um das Abwiegen der Opfer — nicht um die Verhältnisse, die sie zu Opfern machten. Der Historiker überträgt auf die Toten genau jenen Wahn des Quantitativen, dem die Lebenden zum Opfer fielen. Der Erfolg seines Bandes in Deutschland ist damit vorprogrammiert.

Courtois rundet nicht nur die 85 Millionen Opfer, die sich aus den einzelnen Beiträgen des Bandes schätzungsweise ergeben, auf 100 auf, er möchte vor allem die Totalitarismustheorie auf dieser Basis neu durchrechnen, um die Gleichung Hitler = Stalin, die überall als Grundgesetz der demokratischen Mathematik anerkannt ist, durch eine andere zu ersetzen: Stalin (= Lenin = Trotzki) ist gleich — nach Adam Riese und Ernst Nolte — Hitler mal vier! Denn nach den Berechnungen von Courtois hat der Nationalsozialismus nur 25 MillionenTote gefordert: auf diese Zahl kommt er scheinbar durch einen Trick: er klammert einfach die toten Soldaten der Kriegshandlungen aus — und berücksichtigt nur die Opfer unter der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten und unter den Kriegsgefangenen. Damit wendet er aber auf den Nationalsozialismus eben genau jenes Modell an, das ihm zur Berechnung der Opfer des Kommunismus dient — und diesem vermag nicht einmal Courtois die Toten des Krieges zuzuschlagen. In den Augen des Nolte-Anhängers fällt dem Nationalsozialismus also keine größere Schuld am Zweiten Weltkrieg zu als dem ‚Kommunismus‘. Vor allem aber wird damit bestritten, daß der Krieg der Wehrmacht und die Vernichtung der Juden eine Einheit bildeten. Wer hier immer noch nicht begriffen hat, wem diese Arithmetik am meisten nützt, erfährt es am Ende der Einleitung, wenn Courtois schreibt: „Neuerdings hat die Hervorhebung einer ‚Einzigartigkeit‘ des Genozids an den Juden, die die Aufmerksamkeit auf seine außergewöhnliche Grausamkeit lenkt, die Wahrnehmung vergleichbarer Tatsachen in der kommunistischen Welt behindert.“ (S. 33)

Dies ging sogar einigen Mitarbeitern des Bandes zu weit. Zwei der wichtigsten, Nicolas Werth und Jean-Louis Margolin, protestierten in einem Artikel in Le Monde gegen die vereinfachenden Thesen ihres Herausgebers. Doch im Grunde tun die empörten Mitarbeiter ihrem Projektleiter Unrecht: der Priester der Opfer-Kommunion hatte in seiner Einleitung nichts anderes getan, als die Zahlen beim Wort zu nehmen, die ihm von seinen Ministranten gereicht wurden, die Abstraktion also zu vollenden, die in der Methodik der einzelnen Beiträge selbst angelegt ist. Freilich zeigt sich dabei eine durchaus unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit zur Differenzierung. Die Zahl ist das Ziel — auf dem Weg dazu bemüht sich jedoch so mancher Autor um Devianz, allein schon um sich als akademisches Subjekt zur Geltung zu bringen. Dies betrifft neben den Beiträgen von Andrzej Paczkowski über Polen und Karel Bartosek über die Tschechoslowakei vor allem Nicolas Werths Aufsatz über die Sowjetunion, der fast 300 Seiten umfaßt. Während Courtois etwa Hungersnöte umstandslos als Vernichtungsmethoden rubriziert, unterscheidet Werth zwischen den Opfern des Bürgerkriegs, der Arbeitslager, der Hungersnot (man stelle sich etwa die diesbezüglichen Zahlen in einem ‚Schwarzbuch des Kapitalismus‘ vor), der Umsiedlung und der Liquidierung politischer Gegner (für die Zeit der ‚großen Säuberung‘ kann er genau 681.692 Erschießungen nachweisen). In den meisten seiner Berechnungen liegt er eigentlich unter den sonst von Antikommunisten lancierten Zahlen: im Jahresdurchschnitt faßten die Lager nach seinen Berechnungen 2 bis 2,7 Millionen Häftlinge.

Wie eng dennoch der Spielraum solcher Differenzierung oder besser Dividierung ist, den Nicolas Werth in seinem Beitrag zuläßt, zeigt sich gerade dort, wo über die Epoche der Sowjetunion hinausgegangen und ein Vergleich mit dem Zarenreich angestellt wird: so kommt Werth für die Zarenzeit zwischen 1825 und 1917 auf 6.321 politische Todesurteile, die Tscheka indes habe bereits innerhalb von zwei Monaten 10.000 bis 15.000 Exekutionen erreicht — und darin erblickt der Autor in Sachen Terror eine „veritable kopernikanische Revolution“ (S. 91). Hätte er im Schwarzbuch der bürgerlichen Gesellschaft — Kapitel Frankreich! — nachgeschlagen, wäre ihm die Wende nicht mehr so kopernikanisch vorgekommen: die Bilanz des Jahres II der Französischen Revolution lautet: 17.000 Todesurteile und 35.000 bis 40.000 Tote — und dies bei einem wesentlich kleineren Land, mit wesentlich kleinerer Bevölkerungszahl. [2] Wenn schon Totalitarismustheorie auf arithmetischer Basis — dann ordentlich und wirklich total.

In der Logik des Schwarzbuchs der Rekorde liegt auch, daß der Beitrag über China — jenes Land, das doch am meisten zur Gesamtbilanz des Kommunismus beigetragen hat — beinahe der kürzeste ist. Mit seinen knapp hundert Seiten hat er etwa dieselbe Länge wie das Kapitel über Osteuropa oder das über die Dritte Welt. Jean-Louis Margolin macht nicht viele Geschichten um die Zahlen. Die Kulturrevolution wird als Folge von „Pogromen“ rationalisiert (S. 574). Für die Zeit zwischen 1959 und 1961 konstatiert der Autor — wieder ein Rekord — die „größte Hungersnot der Geschichte“ (S. 530ff.) und berechnet mit verschiedenen Hochrechnungsverfahren 20 bis 43 Millionen Tote, die er sogleich auf das Konto von Mao verbucht. Eigentlich übernimmt Margolin die nationalkommunistische Ideologie Maos und kehrt nur deren Vorzeichen um: die katastrophalen Folgen des „Großen Sprungs nach vorn“, mit dem der Staat das Land aus der Dritten Welt in die Zweite katapultieren wollte, werden aus der Willenskraft d.h. negativ ausgedrückt: aus dem „Starrsinn“ des großen Führers erklärt.

Weißbuch des Nationalsozialismus

Das Schwarzbuch aus Frankreich ist vor allem ein Weißbuch für Deutschland. Die deutsche Presse griff begierig nach den neuen Zahlen über den Kommunismus, rief einen neuen Historikerstreit aus — und nahm bei dieser Gelegenheit die Reduktion der Naziopferzahlen auf 25 Millionen wie ein Geschenk dankbar aber diskret entgegen, ist doch hiermit implizit anerkannt, daß Deutschland keine besondere Schuld am Zweiten Weltkrieg trifft. Zugleich hat man mit dem Schwarzbuch das Gegengift zu Goldhagen parat: Jede neuaufflammende Diskussion über den ‚eliminatorischen Antisemitismus‘ läßt sich in Hinkunft mit Zahlen ersticken. Während die FAZ das eine Mal mit „Einhundert Millionen“ (13.11.97), das andere mit „Hundert Millionen Tote“ (26.11.) titelte (damit die Schleife des Buchumschlags noch übertrumpfte) und hinzufügte: „viermal mehr als der Nationalsozialismus“, konnte sich die Hamburger ZEIT offenkundig nicht mehr zurückhalten und platzte mit dem Sinn, der diesen Zahlen in Deutschland zukommt, heraus — die Schlagzeile ihres Dossiers lautet: „Der rote Holocaust“ (21.11.) — natürlich ohne Anführungszeichen. Die Nationalzeitung oder die Junge Freiheit konnte keine bessere mehr finden; nicht einmal der SPIEGEL, der darum vielleicht verzichtete, die spektakuläre Publikation mit einer Titelgeschichte zu würdigen.

In den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ist die Totalitarismustheorie eben gefährlicher als anderswo. Political correctness dient hier nur als Suggestivfrage: im Interview mit der ZEIT (Wolfgang Proissl) antwortet Courtois auf die Frage nach der Einzigartigkeit von Auschwitz genau so, wie man es von ihm in Deutschland erwarten darf: „Die Kommunisten haben die gleichen Schreckenstaten vollbracht. Meiner Meinung nach gibt es keine Spezifität des Völkermords an den Juden. Andere haben andere Völkermorde begangen ... Einzigartig ist an Auschwitz allein die industrielle Tötungsmethode. Nur die Nazis haben das getan. Doch Auschwitz war nicht charakteristisch für den Judenmord. Noch ehe Auschwitz eröffnet wurde, sind bereits zwei Millionen Juden durch Erschießung, Verhungernlassen und auf andere Weise von den Nazis ermordet worden — also nach den gleichen Methoden, nach denen Stalin etwa die Kulaken getötet hat.“ Keine weiteren Fragen mehr hierzu: die Zahl hat ihre Wirkung getan und alle Fragen nach dem systematischen Zusammenhang der Tötungen vor und in Auschwitz erledigt. Immerhin folgt dem Interview in pluralistischer Manier nicht nur eine begeisterte Rezension von Heinrich August Winkler, sondern auch eine grundsätzliche Kritik von Rudolf Walther.

Weniger korrekt, sondern wie immer unnachahmlich salopp stellt der SPIEGEL (Nr. 48) die Suggestivfrage: „War der rote Völkermord genauso schlimm wie der Nazi-Holocaust?“ Und offener als anderswo plappert der Journalist, Carlos Widmann, das deutsche Interesse an dem Buch aus: die Neugier der westlichen Öffentlichkeit auf den „roten Völkermord“ sei bis zum Erscheinen dieses Buchs „erstaunlich begrenzt“ geblieben. „Dieses laue Interesse steht in einem gewissen Widerspruch zur unentwegten Beschäftigung mit der Terrorherrschaft der Nazis und der Ermordung von sechs Millionen Juden“; wobei nicht versäumt wird, einige maliziöse Bemerkungen über Goldhagen einzustreuen. Die eigentliche Aufmerksamkeit des SPIEGEL jedoch richtet sich auf das Zahlenmaterial: in einer eigenen übersichtlichen Grafik werden die Ergebnisse des Schwarzbuchs nicht nur anschaulicher als im Buch selber präsentiert — sie werden auch nach oben hin korrigiert: das Hamburger Nachrichtenmagazin versteht sich als das bessere, periodisch erscheinende Schwarzbuch des Kommunismus: die von Werth errechneten 15 Millionen Opfer der Sowjetunion werden mit 35 Millionen überboten; die 400.000 bis 1 Million der chinesischen Kulturrevolution mit 4 bis 10 Millionen (ohne Angaben von Quellen versteht sich). Bei den 25 Millionen Opfern der Nazis verzichtet der SPIEGEL auf jede Korrektur. Wenn jedoch der rechtsextreme französische Europa-Abgeordnete Bernard Antony den Sinn des ganzen Schwarzbuch-Unternehmens ausspricht und einfach sagt: „Dagegen war Hitler doch ein Milchknabe“, distanziert sich das deutsche Nachrichtenmagazin despektierlich: dies sei eine „plumpe Reaktion“. FOCUS (Nr.48) wiederum unterscheidet sich vom SPIEGEL durch eine ebenfalls plumpe Vereinfachung der Zahlen-Grafik. Dafür jedoch werden die Zahlen hier wesentlich eindrucksvoller personifiziert: ein großes Porträt Stalins mit der Bildunterschrift „Der Beelzebub“ steht einem kleiner dimensionierten und tiefergestellten Bild Hitlers gegenüber, das die Unterschrift „Der Teufel“ trägt. Den Teufel mit Beelzebub austreiben — das ist auch das wahre Motto der Totalitarismustheorie in Deutschland.

Eine jämmerliche Farce bietet hingegen der Freitag (28.11.): Als sollte der Geständniswahn der Moskauer Schauprozesse noch einmal vorgeführt werden, outet sich Michael Jäger „als Kommunist“, um sich im selben Atemzug dem Souverän als geläuterter, Deutschland treu ergebener Staatskommunist zu empfehlen, indem er rückhaltlos das Schwarzbuch von Courtois verteidigt und eine Totalitarismustheorie nach Art der PDS oder der Grünen formuliert: „Im 20. Jahrhundert verwirklichten alle, was sie für die Wissenschaft hielten. Hitler die Rassenlehre, Stalin die Theorie der ‚absterbenden‘ Klassen. Die Baumeister der Kernkraftwerke berufen sich heute noch auf den Forschungsprozeß.“ Und obendrein die Fleischesser auf die Evolutionstheorie.

Die ursprüngliche Akkumulation des Bösen

Die ‚Opferbilanz‘ löscht die heterogenen Bedingungen des gewaltsamen Todes aus — das ist ihre ideologische Aufgabe. Ein Begriff des Stalinismus aber könnte nur aus dieser Heterogenität gewonnen werden (die sich etwa auch im diskontinuierlichen Auftreten der Massenverbrechen niederschlägt) — im genauen Gegensatz zum Nationalsozialismus, dessen Vernichtungspolitik im Zusammenwirken wie in der Konkurrenz der beteiligten Institutionen geradezu homogen und kontinuierlich entwickelt wurde: sein Fluchtpunkt ist die totale Identität; industrielle Tötung nichts anderes als konsequent zu Ende geführter Rassismus und Antisemitismus. Ein Schwarzbuch über den Nationalsozialismus, das nur die Zahlen der Opfer enthielte, wäre dennoch (auch wenn es deren haarsträubende Minimierung durch Courtois korrigieren würde) so sinnlos wie das vorliegende über den Kommunismus. Entscheidend für den Begriff der nationalsozialistischen Herrschaft sind nicht die Zahlen der ermordeten Juden, sondern die Tatsache, daß jeder einzelne Jude unmittelbar und wie immer er sich auch verhalten mochte, von der Vernichtung bedroht war; welche Quantität diese Vernichtung dann erreichen konnte, hing von Faktoren ab, die außerhalb des Nationalsozialismus lagen.

Dies bedeutet auch, daß im Falle des Stalinismus Einzeluntersuchungen zu bestimmten Bereichen der Repression weiterführen als jede Gesamtschau. Solche monographischen Studien sind umso weniger spektakulär und aufsehenerregend, je mehr sie von der Abstraktion der bloßen Zahl abweichen und konkrete Verhältnisse und gesellschaftliche Zusammenhänge zu dokumentieren suchen. Das Buch ‚Archipel GULag — Stalins Zwangslager‘ von Ralf Stettner [3] bietet im einzelnen weniger neues Quellenmaterial als eine brauchbare Zusammenfassung bisheriger Forschungsergebnisse. Zu einer kritischen Theorie des Stalinismus könnte es beitragen, weil es die Geschichte der sowjetischen Lager nicht isoliert als bloßes Terrorinstrument darstellt, sondern in den Zusammenhang der gesellschaftlichen Entwicklung des Landes rückt. Freilich huldigt auch Stettner — er ist wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Bundestag — dem Manichäismus, indem er das Land selbst isoliert betrachtet: Sozialismus als fensterlose Monade. Was bleibt anderes übrig, als diesen Zusammenhang anhand von Stettners Untersuchung zu rekonstruieren.

Eine gewisse Affinität von Staatskommunismus und Zwangsarbeit zeigt sich bereits im Oktober 1917, wenn Lenin die Zwangsarbeit vorschlägt, um die „Staatsmaschinerie ins Laufen zu bringen“ (S. 45) — ähnliche Argumente finden sich zur selben Zeit auch bei Trotzki. Kann aber Lenin und Trotzki zugute gehalten werden, daß sie diese Staatsmaschinerie nach eigenem Bekenntnis nur vorübergehend laufen lassen wollten, um nämlich die Weltrevolution anzuheizen und das Absterben des Staates in die Wege zu leiten, so wäre auch die Zwangsarbeit zunächst nur als ephemere Maßnahme anzusehen. Von einer umfassenden ökonomische Nutzung der Arbeitskraft der Häftlinge kann jedenfalls bis Mitte der zwanziger Jahre keine Rede sein.

Die Ausbreitung der Revolution scheiterte bekanntlich an Deutschland — die sowjetische Staatsmaschine lief — ohne Lenin und ohne Trotzki — weiter und benötigte neue Energie: Da die Sowjetunion keine Kolonien besaß und mit ausländischem Kapital nicht rechnen konnte, mußten innere Kolonien geschaffen werden, in denen mittels Zwangsarbeit das nötige Kapital akkumliert werden konnte — um mit der Industrialisierung des Auslandes Schritt halten zu können und dort die bei aller Abschottung notwendigen Investitionsgüter einzukaufen. Was in der ursprünglichen Akkumlation des Westens auf getrennten Bahnen verlief — die Enteignung der Bauern und die Versklavung der kolonialen Bevölkerung — wurde in der verkürzten, nachgeholten Akkumulation zusammengezogen: die enteigneten Bauern selber dienten in den Lagern als Sklaven. 1929 war das „Jahr des großen Umschwungs“: in der Dekulakisierungs-Aktion wurde die Landwirtschaft kollektiviert, d.h. die mittleren Bauern enteignet; Millionen von ihnen wurden in Lager eingewiesen oder zur Zwangsarbeit in entlegene Gebiete verbannt. Der GULag entstand als integriertes Element der nachgeholten Akkumulation, und er blieb es, bis sie abgeschlossen war. Ralf Stettner zeigt im einzelnen, wie das Strafrecht hierzu als Rekrutierungsinstrument verwendet wurde: war etwa 1921 noch als Höchststrafe 5 Jahre (!) vorgesehen und der Ausdruck ‚Strafe‘ überhaupt gestrichen, so wurde dieser Begriff 1934 wieder eingeführt und die Höchststrafe nach sukzessiver Erhöhung seit Mitte der Zwanziger Jahre 1937 auf 25 Jahre festgelegt.

Das Lagersystem wurde zu einer Zeit ausgebaut, als das Land an einem akuten Arbeitskräftemangel litt. Mittels Terror sollten die fehlenden Arbeitskräfte herbeigezwungen, die abstrakte Arbeit aus den Menschen herausgepreßt werden. Die Zwangsarbeit wurde vor allem für die Großprojekte der ersten Fünfjahrespläne mobilisiert: den Ausbau des Eisenbahn- und Straßennetzes (z.B. Ausbau der Transsib, Bau der Baikal-Amur-Magistrale) die Errichtung von Kanälen (z.B. Moskwa-Wolga-Kanal), Erdarbeiten etc. — mit einem Wort: Schaffung von Infrastrukturen für die Industrie. Dies war die Voraussetzung der Industrialisierung — nicht anders als im Westen, nur daß sie im Osten in einem radikal verkürzten Zeitraum vonstatten ging. Und diese Verkürzung wurde nicht zuletzt durch die Nähe Deutschlands erzwungen. Besondere Bedeutung erlangte die Zwangsarbeit der Lagerinsassen darum auch während das Angriffs der deutschen Wehrmacht: große Häftlingskontingente wurden in kriegswichtigen Bereichen wie der Rüstungsindustrie, beim Bau strategisch wichtiger Verkehrslinien und bei Verteidigungsbauten eingesetzt. Und nach 1945 erhielt die Zwangsarbeit noch einmal grundlegende Bedeutung, als die Arbeitskräfte der von den Deutschen ermordetenen 20 Millionen Menschen ersetzt werden mußten, um die von den Deutschen zerstörte Produktion wiederaufzubauen. So hat Deutschland — natürlich im Verein mit Österreich — auch auf diese Weise seinen Beitrag geleistet (Exportweltmeister der Barbarei müßte es im Schwarzbuch des Nationalsozialismus heißen).

Mitte der fünfziger Jahren hatte nicht nur Stalin, sondern auch der GULag in vieler Hinsicht ausgedient: seine Hauptaufgaben waren erfüllt, für die jetzt anstehenden Aufgaben arbeitete er zu ineffizient, war volkswirtschaftlich gesehen nicht mehr rentabel. Man benötigte in dieser Phase vor allem ‚freie Arbeit‘, qualifizierte und motivierte Facharbeiter. Das Wirtschaftssystem hatte sich konsolidiert und modernisiert, die industrielle und infrastrukturelle Erschließung rohstoffreicher Gebiete war weitgehend vollzogen; durch den jahrzehntelangen Einsatz der Häftlinge waren viele Gegenden kultiviert worden, und es gelang nunmehr in größerem Umfang, ‚freie‘ Arbeiter zu bewegen, in diesen Gebieten zu arbeiten. Der Konflikt mit der chinesischen Führung, die erst begonnen hatte, die Akkumulation anzuheizen und sich darum weiterhin an der früheren Sowjetunion orientierte, konnte nicht ausbleiben. Diese schließlich politisch rationalisierte Ungleichzeitigkeit trug durch den Abzug der sowjetischen Techniker und den Lieferstopp für sowjetische Maschinen wesentliches zum Akkumulationskollaps in China um 1960 bei.

Rückblickend bleibt der genaue Anteil der Zwangsarbeit an der Gesamtproduktion der Sowjetunion schwer zu ermessen; ja alle Zahlenangaben die Lagerinsassen und die Toten der Lager betreffend schwanken in der Studie über das GULag-System ähnlich wie im Schwarzbuch des Kommunismus — dabei setzt Stettner bei einer höheren durchschnittlichen Zahl von Lagerinsassen an (für den Zeitraum von 1937 bis 1941 zwischen 3 und 13,5 Millionen); bei der jährlichen Todesquote geht er von 3 bis 10 Prozent aus. Allerdings läßt sich gerade hier die innere Situation der Lager nicht von der äußeren der Sowjetunion trennen — das begreift sogar ein Referent des Deutschen Bundestags: „Einen erheblichen Anstieg der Todesrate brachte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit sich. Die nach Osten verlegten Häftlinge wurden in völlig überfüllten oder nur improvisiert eingerichteten Lagern untergebracht, Versorgung und Verpflegung wurden knapp. Erst mit der Verbesserung der Verpflegung und der medizinischen Versorgung 1948 bis 1950 gelang es, die Sterbequote in den Lagern auf die der örtlichen Zivilisten zu senken.“ (S. 190)

Nicht nur in diesem Punkt wird die Differenz zum NS-Vernichtungslager deutlich. Die Studie von Ralf Stettner belegt eindrucksvoll, daß das Arbeitslager vor allem ein Mikrokosmos der stalinistischen Arbeitsgesellschaft war; so wurden hier im Prinzip dieselben Arbeitsmethoden und Produktionskriterien angewandt wie in der übrigen Gesellschaft: „Wie überall führten auch die Lager zu Zeiten des ersten Fünfjahresplanes die ‚wirtschaftlichen Rechnungsführung‘, den ‚Wettbewerb‘ und das ‚Stoßbrigadlertum‘ ein.“ (S. 285) Die Zwangsarbeitslager waren im Grunde das, was die Linke (in Ost und West) immer in den NS-Vernichtungslagern sehen wollte: der Staat realisierte hier unter verschärften Bedingungen nichts anderes als die gewöhnliche kapitalistische Rationalität. Es handelte sich wirklich um eine entsetzliche Version der kapitalistischen Fabrik — während die NS-Vernichtungslager wie eine Industrie gewordene Projektion funktionierten — kapitalistische Rationalität wurde im Nationalsozialismus mit antisemitischer Konsequenz am ‚anderen Objekt‘ negiert, um sie zu bewahren: durch die Vernichtung der Juden, auf die man das Real-Abstrakte dieser Rationalität projizierte. Auf diese Weise ‚konkretisierte‘ sich die Volksgemeinschaft des Dritten Reichs. Moishe Postone spricht darum von Auschwitz als einer deutschen Revolution: „Auschwitz war eine Fabrik zur ‚Vernichtung des Werts‘, d.h. zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten.“ Die Personifizierung jedoch ist kein spontaner Vorgang, keine ‚automatische‘ Verblendung wie etwa der Warenfetisch — sie wurde vielmehr in mühsamer deutscher Wertarbeit hergesteilt: vom „Wucherjuden“ bis zum „raffenden Kapital“, von Luthers „Teufelsbrut“ bis zu Hitlers „internationalem Finanzjudentum“ — ohne diese Personifizierung sind die Baupläne der Vernichtungslager nicht denkbar.

Die sowjetischen Zwangsarbeitslager wären demgegenüber als Konzentrationslager im Wortsinn zu sehen: die ganze sowjetische Gesellschaft wurde hier konzentriert, und darum bringen die Lager eine Grundtendenz der staatshörigen Arbeiterbewegung in reinster und barbarischster Form zum Ausdruck: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ — dieses alte Arbeiterbewegungsmotto findet sich auf den Spruchbändern vieler Lager.

Emigration ins Reich des Bösen

Besonders einprägsam wird der Arbeitsalltag des Stalinismus in Aufbruch, Hoffnung, Endstation dokumentiert — einem 700 Seiten umfassenden Buch über die österreichischen Emigranten in der Sowjetunion [4] —, da diese Studie von Barry McLoughlin, Hans Schafranek und Walter Szevera ihre umfangreichsten Kapitel der Emigration von Facharbeitern und Schutzbündlern widmet. Bei der Schutzbund-Emigration handelt es sich um jene Angehörigen der Selbstschutzorganisation der österreichischen Sozialdemokratie, für die nach dem gescheiterten Aufstand im Februar 1934 an ein Bleiben in Österreich nicht mehr zu denken war. So flüchteten etwa 750 von den insgesamt etwa 1.200 Vertriebenen in das ‚Vaterland der Werktätigen‘ — vertrieben aus dem Vaterland derer, die verkündeten, das Gotteswerk zu tun. Bekannt ist der große Anteil der Schutzbündler bei den Interbrigadisten im spanischen Bürgerkrieg; weniger erforscht ist ihr Schicksal in der Sowjetunion, wo sie meist als einfache Arbeiter Beschäftigung fanden — und zugleich einer anderen Art von Repression ausgesetzt waren als jener, die ihnen von Österreich her ein Begriff war.

Die Zahlen hierzu sind mit etwas sorgfältigeren Methoden recherchiert als jene des Schwarzbuchs von Courtois: mindestens 190 der in die Sowjetunion geflüchteten Schutzbündler wurden vom NKWD verhaftet, die wirkliche Zahl ist vermutlich höher, da die Autoren in über 100 Fällen die individuellen Schicksale während der stalinistischen ‚Säuberungen‘ noch nicht klären konnten; ungefähr 30 wurden — zum großen Teil 1938 in Moskau — erschossen, „die Zahl der im Gefängnis, bzw. im GULag Umgekommenen ist unbekannt; man kann jedoch davon ausgehen, daß höchstens 10-15 Prozent die mörderischen Haftbedingungen überlebten“ (S. 344); 46 Schutzbündler lieferte das NKWD während der Periode des Hitler-Stalin Pakts (1939-1941) an die Gestapo aus. Eine größere Anzahl, etwa ein Zehntel der ursprünglich in die Sowjetunion geflüchteten Schutzbündler, kehrte nach 1938 freiwillig zurück — und das heißt also: ‚heim ins Reich‘. Der Nationalsozialismus feierte diese Heimkehr der verlorenen Söhne mit einem eigenen Buch als Triumph über die Sowjetunion — zu einem Zeitpunkt als der Angriffskrieg gegen dieses Land bereits im vollen Gang war.

Gerade die Genauigkeit, mit der in dem ganzen Buch — auf der Basis neuen Materials aus den Moskauer Archiven — die Zahlen über die Situation dieser vielen unbekannt gebliebenen Emigranten und Emigrantinnen ermittelt werden und der Lebenslauf jedes einzelnen ‚Falls‘ rekonstruiert wird, verleiht der Darstellung eine gewisse Plastizität: sie vermag etwas von der beklemmenden Lage in der Sowjetunion zu evozieren und das Pathos und die Rhetorik Lügen strafen, die in den Erinnerungen der ‚Prominenten‘, der Schriftsteller und Partei-Intellektuellen, diese Lage — bei aller möglichen Kritik — verklären. Jedes bürokratische Detail des Daseins wird erwähnt, von der Anzahl der Formulare, die auszufüllen sind, bis zu den jeweiligen Preisen für Brot, Butter, Schuhe etc., von denunziatorischen Nebenbemerkungen in diversen Berichten bis zu den kleinsten innerbetrieblichen Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz ... In gewisser Weise müssen wohl die bürokratischen Strukturen im einzelnen nachvollzogen — d.h. in ihrer ganzen alltäglichen Wirksamkeit beschrieben — werden, um die Eigenart des bürokratischen Systems überhaupt anschaulich zu machen. Die andere Möglichkeit bestünde bloß darin, Kafka zu imitieren.

Auch wer hier nach Munition sucht, um über das Ende des Kalten Kriegs hinaus weiterhin auf die toten Staatskommunisten zu zielen, wird so rasch nicht fündig werden: er findet vielleicht Brauchbares in einigen scharfen moralischen Bemerkungen, mit denen die Fakten kommentiert werden — etwa wenn vom „menschenverachtenden politischen Opportunismus und Zynismus“ (S. 411) der KPÖ-Führung die Rede ist, die sich für Verhaftete nicht oder auf sehr zweifelhafte Weise einsetzte. Im besonderen jedoch gelingt es nur in wenigen Fällen, die Schuld der einzelnen Funktionäre kenntlich zu machen — es entsteht im Ganzen eher der Eindruck eines diffusen Schuldzusammenhangs, der zwar aus den sozialen und politischen Verhältnissen abgeleitet werden kann, aber hinsichtlich der individuellen Beteiligung mehr Fragen entstehen läßt, als beantworten kann.

„Wir halten ihn aber nicht für ein eindeutiges Element“, heißt es in einem der zahlreichen zitierten Berichte (S. 316), die dazu dienten, jemanden zu verdächtigen. Niemand hielt sich im Innersten wohl selbst für ein eindeutiges Element der bürokratischen Staatsmaschine, jeder spürte in sich die Vieldeutigkeit in seiner Einschätzung der aktuellen Situation, der gerade ausgegebenen Losung, in seinem Verhältnis zur geforderten Arbeitsdisziplin, in seinen persönlichen Beziehungen zu bereits verdächtigten ‚Elementen‘ ... Und darum entstand überall die hektische Bemühung — „Wachsamkeit“ genannt —, diese als negativ empfundene Uneindeutigkeit auf andere zu projizieren — die schließlich als feindliche, fremde Elemente stigmatisiert, ausgegrenzt, liquidiert wurden. Im Unterschied jedoch zur Welt des NS-Staats wurden diese uneindeutigen, fremden und feindlichen Elemente nicht systematisch rassistisch gekennzeichnet. (Selbst als Legitimationsideologie mißbraucht, boten die Schriften von Marx, Engels und Lenin hierzu keine wirkliche Handhabe.) Und gerade diese permanente, ja sich steigernde Unsicherheit in der Identifizierung des Fremden und Feindlichen, das rassistisch nicht eindeutig fixiert werden konnte (oder durfte), macht die eigentümliche Dynamik der stalinistischen Säuberungen aus: jeder konnte prinzipiell ein solches Element sein, im nächsten Moment aus irgendeinem, kaum erkennbaren Grund von den anderen dazu gemacht werden: es gab keinen Ariernachweis. Darum konnte hier die Trennlinie zwischen Tätern und Opfern in ganz spezifischer Weise durch eine Person hindurchgehen; Brecht hat dafür im Lehrstück eine spielerische Form gefunden und in der Maßnahme in gewisser Weise die Moskauer Schauprozesse vorweggenommen. Dem Nationalsozialismus aber ist das Ritual dieser Prozesse so fremd wie dem Badenweiler-Marsch die Ästhetik des Lehrstücks.

Solche spezifischen Menchanismen stalinistischer Repression entgehen allerdings der Studie von McLoughlin, Schafranek und Szevera, da sie nicht viel anders als das Schwarzbuch des Kommunismus die reale Stalinsche Abschottungspolitik einfach nachvollzieht und nur die Vorzeichen ändert: die Sowjetunion erscheint auch hier als systematisch isoliertes Laboratorium, in dem entweder alles schief läuft oder Beelzebub himself die Experimente leitet. Eine Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie findet jedenfalls nicht statt — und das legt schließlich nahe, daß diese Theorie der Studie in weiten Teilen zugrundeliegt. Was im Schwarzbuch des Kommunismus explizit behauptet wird, tritt hier nur assoziativ zutage. Wie bei Courtois aber dient das Warschauer Ghetto zur Identifizierung, wo es an begrifflichem Denken mangelt — über die Evakuierung der Emigranten aus Moskau nach Andishan (Usbekistan) „in Viehwaggons“ schreibt Hans Schafranek: „Vor dem Krieg eine Bezirksstadt mit 60.000 Einwohnern, schwoll Andishans Bevölkerung durch endlose Züge von Verbannten und Evakuierten auf nahezu eine Million an ... Ein solcher Ansturm von freiwilligen und unfreiwilligen Zuwanderern hätte auch unter anderen politischen Voraussetzungen ein organisatorisches Chaos hervorgerufen. Aber Menschenleben waren in Andishan nahezu wertlos. Bei Ulrich Nebenführs Schilderung fühlt man sich unweigerlich an die Berichte aus dem Warschauer Ghetto erinnert.“ (S. 575) Dabei war die Evakuierung für Juden doch die Rettung vor jener Vernichtung, für die das Warschauer Ghetto als Rampe füngierte. Es macht eben einen Unterschied, ob die mit Menschen vollgestopften Viehwaggons sich auf Auschwitz zu oder von ihm weg bewegen.

Tatsächlich jedoch hätte das Material den Autoren nicht wenige Möglichkeiten eröffnet, über solche unwillkürlichen Assoziationen hinaus zu einer bewußteren Reflexion des Verhältnisses von Stalinismus und Nationalsozialismus zu gelangen. In dem Kapitel über die Facharbeiter von Walter Szevera heißt es etwa: „Auffällig sind insbesonders die vielen antisemitischen Äußerungen von Heimkehrern, vor allem zwischen 1935 und 1938 ... in einer Zeit also,in der man sich (in Österreich; G.S.) solcher Sprachmuster noch nicht zwingenderweise befleißigen mußte (sic!). So vermerkte ein 1937 heimgekehrter Emigrant, daß ‚dort massenhaft viele Funtionäre und Direktoren angestellt‘ seien, die sich ‚fast ausschließlich aus Juden rekrutieren; sie sind gegen die Bevölkerung äußerst grausam.‘ Andere berichteten davon, die Staatsführung liege ‚ausschließlich‘ in jüdischen Händen ... Manche ließen sich zu der Feststellung hinreißen (sic!), daß Kommissare alle Juden seien und von den Erträgen der russischen Bauern leben würden. Laut einem Bericht ... traten während einer Schlägerei anläßlich einer Betriebsversammlung schwere antisemitische Ausschreitungen seitens österreichischer Facharbeiter zutage. Österreicher schrien in der Versammlung andere Ausländer mit ‚Saujuden‘ an ... Antisemitismus war ein schweres Delikt in der sowjetischen Rechtssprechung und konnte Haftstrafen nach sich ziehen. Bei den Facharbeitern jedoch drückte man in der Phase des Ersten Fünfjahresplans ein Auge zu, in der Folge der Parteisäuberungen 1936 reichten solche Aussagen für eine Strafanklage, häufiger jedoch für einen Landesverweis aus.“ (S. 118) So konnte sich hier der Antisemitismus, der bekanntlich auch eine Leidenschaft von Stalin war, nicht offen und unbegrenzt entfalten — im Gegensatz zu dem der „Heimkehrer“ nach Österreich.

[1Stéphane Courtois u.a.: Le livre noir du communisme. Crimes, terreur et répression. Paris 1997

[2Zu den Zahlen vgl. den Beitrag von niemand anderem als François Furet im 26. Band der Fischer Weltgeschichte. Frankfurt am Main 1982. S. 69

[3Ralf Stettner: „Archipell GULag“: Stalins Zwangs lager. Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928-1956 Paderborn usw. 1996

[4Barry McLoughlin, Hans Schafranek, Walter Szevera : Aufbruch, Hoffnung, Endstation. Österreicherinnen und Österreicher in der Sowjetunion 1925-1945. Wien 1997

Der Text erscheint Ende Mai 1998 in dem neuen Buch von Gerhard Scheit: Mülltrennung. Beiträge zu Politik, Literatur und Musik, das der Hamburger Konkret-Verlag herausbringt.