Heft 7/2002
Dezember
2002

Entgrenzte Konflikte

Teil 1:

Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger, zwei Redaktionsmitglieder jener Zeitschrift, die Sie gerade in der Hand haben, oder deren content Ihnen auf andere Weise nutzbar gemacht wird, bewegen sich über Monate in einem für viele fremden Teil Lateinamerikas. Sie führen Interviews, machen Zufallsbegegnungen und kontaktieren langjährige FreundInnen. Aus diesen Aspekten, persönlich-politischer Geschichte und dem Interesse an intensiver Auseinandersetzung, entsteht ein Buch: Niederlagen des Friedens. Gespräche und Begegnungen in Guatemala und El Salvador.

Teil 2:

Erste Reaktionen aus dem lange vertrauten politischen Soli-Umfeld offenbaren Enttäuschung und Unverständnis über die Form der geäußerten Kritik, die sehr rasch die eigentliche Grenzlinie innerlinker Auseinandersetzung berühren und ein gap öffnen, das selbst Verleumdung und Denunziation ermöglicht. Des Pudels Kern kann entlang der Position und Bedeutung von Antisemitismen in linken Analysen und Konzepten identifiziert werden, oder — terminologisch fixiert: ein Ringen um die inhaltliche Dimension von Begriffen wie USA, Imperialismus oder Solidarität. Die Begriffe ”Denunziation” und ”Verleumdung” werden durch den Kontext der Initiativen und Tätigkeiten bestimmt, dessen Imagination in der hier geführten Debatte manchen schwer fällt. Politische Arbeit in Guatemala wurde seit Anfang der 1960er Jahre durch Bürgerkrieg, physische Bedrohung und klare Zuordnungen bestimmt: Regierung/Militär und Guerilla bildeten jenen Antagonismus, der die Positionierung aller weiteren AkteurInnen determinierte. Diese Situation wurde durch die Friedensverträge nur bedingt durchbrochen, vielmehr scheint eine Eskalation dieser brüchigen und halbherzigen Verhandlungsergebnisse gegenwärtig, Fragen von Verfolgung und Exil werden konkret, wenn Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen, ihres Engagements getötet werden. Eine inhaltliche Debatte ihrer Analysen und Beobachtungen wurde den AutorInnen vielfach verweigert, langjährige Zusammenarbeit und gemeinsames Bemühen (konkret Marys im ehemaligen Solidaritätskomitee für Guatemala, nunmehr Guatemala Solidarität) schlagartig beendet, und einige gingen soweit, die beiden AutorInnen als Gefahr in linken Zusammenhängen zu identifizieren, sie als VerräterInnen in die Position des Feindes zu setzen.

Um das Bild von den eurozentrischen Reisenden, die keinerlei Kompetenz und Berechtigung hätten, auch die Linke Guatemalas und El Salvadors kritisch zu betrachten, mussten die VerfasserInnen von zwei gegen die AutorInnen des Buches gerichteten Artikeln in den Zeitschriften Malmoe und Lateinamerika anders schließlich zum Trick greifen, den am Buch beteiligten guatemaltekischen Karikaturisten Camoch totzuschweigen und aus Mary, die in Guatemala aufgewachsen ist und seither fast jährlich das Land besucht, eine uninformierte Touristin zu machen. Aber auch wenn der Co-Autor Thomas nur zweieinhalb Monate im Land war, bleibt die Frage, ob er allein kein solches Buch schreiben dürfte. Können Kompetenzen nicht auch aus der Lektüre, der Erzählung miterworben werden? Muss die ”Authentizität”, das "Abenteuer”, die ”Action” dabei sein, um etwas sagen zu dürfen? Selbstentlarvender kann sich die Actiongeilheit, aber auch die Theorie- und Lesefeindlichkeit dieser Linken kaum darstellen.

Teil 3:

O-Ton eines Briefes der AutorInnen an FreundInnen und Vertraute in Guatemala: Uns wurde mehrfach unterstellt, wir würden mit unserem Buch Personen gefährden. Als Beispiel wurde in einem Artikel für die Zeitung Malmoe von einem österreichischen Filmemacher, der in Mexiko und Guatemala tätig ist, ausgerechnet ein Gespräch mit einem Studenten angeführt, das nicht nur aufgezeichnet wurde, sondern bei dem dieser auch noch selbst bei der Transkription behilflich war und uns genau erklärte, wie wir ihn beschreiben sollten. Der Filmemacher war sogar selbst in unserer WG zu Gast, als der Student Mary beim Abtippen seines Interviews half. Anhand solcher Beispiele wurde uns der generelle Vorwurf gemacht, dass wir mit unserem Buch Menschen gefährden würden. Was heißt das aber, wenn wir zuerst fragen ob wir (Teile) von Gesprächen publizieren dürfen, und ob wir Namen nennen dürfen? Sind Teile der Solidaritätsbewegung der Meinung, dass wir so paternalistisch zu sein hätten, dass wir gefälligst wissen sollten, dass man doch keinE GuatemaltekIn als linke AktivistIn namentlich nennen dürfe? Auch dann nicht, wenn diese selbst anderer Meinung sind?

Wenn wir also — im Gegensatz zu Teilen der europäischen Solidaritätsbewegungen mit Guatemala — keine unkritische Hurra-Solidarität praktizieren, sondern Kritik üben, ist dies keine Aufkündigung von Solidarität, sondern vielmehr der Versuch eines ehrlichen Diskurses über Positionen, die wir nicht allein deshalb für sakrosankt halten, weil sie von Linken stammen, die von vielen europäischen Linken als heldenhafte Kämpfer aus dem Trikont verherrlicht werden. Genau durch diese Verherrlichung werden politische AktivistInnen in Lateinamerika in unseren Augen aber zu Objekten der Solidaritätsbewegung gemacht, in die die Hoffnungen der eigenen Hoffnungslosigkeit in Bezug auf eine revolutionäre Veränderung in Europa projeziert werden.

Teil 4:

Im Buch (S. 74) wird auch eine in Guatemala lebende Österreicherin zitiert, die mit ihren GenossInnen den 11. September feierte. Ihre rückwärtsgewandte Sehnsucht und das Bedauern, die Waffe des Terrorismus reaktionären Kräften überlassen zu haben, mag viele AktivistInnen quälen, die ihre politische Identität aus einem imperialismuszentrierten Universum ableiten. Sympathien oder Verständnis für SelbstmordattentäterInnen zu artikulieren, und jegliche Diskussion über die diesem Prozess inhärenten Antisemitismen zu verweigern, also die Beziehung von Dominanz und Herrschaft der USA gegenüber Lateinamerika isoliert von weiteren politischen Diskursen betrachten zu wollen, musste mit jenem Selbstverständnis kollidieren, das die AutorInnen wie die Redaktion dieser Zeitschrift formulieren. Diese Differenz markiert auch den Übergang linker Streitpositionen zu antifaschistischer Recherche, die gerade im Beispiel der Bin Laden-Euphorie eine Frage der Allianzen und letztlich die einer sinnvollen Verwendung politischer Links-Rechts-Dichotomien berührt. Das Unvermögen der Auseinandersetzung mit der eigenen Volksgemeinschaft, ihren Taten und Kontinuitäten führt mitunter zu dem bekannten Phänomen der Übertragung eigener Vorstellungen und Wünsche auf entfernte Zusammenhänge. Eine Form der Projektion, die — als Solidarität getarnt — die eigene Position sakrosankt erscheinen lässt, stellt das Bedürfnis nach Übereinstimmung in den Vordergrund, die Waffe der Kritik wird verworfen. Die Verdammten dieser Erde wurden in einem manichäistischen Verständnis des Antiimperialismus zum verklärten Objekt der Identifizierung. Diese Konstellation ermöglicht nicht nur die Übernahme von Opferrhetorik, sondern auch die Übereinstimmung mit der (Groß)Elterngeneration, was das Feindbild USA betrifft. Das meinte Eike Geisel, als er einmal dem herrschenden Antiimperialismus Konformismus attestierte.

Wir sind uns selbstverständlich der unterschiedlichen Gründe für die Ablehnung der USA durch guatemaltekische Linke und ÖsterreicherInnen bewusst, schließlich war die Politik der USA in Guatemala seit Jahrzehnten für die grausamen Militärdiktaturen und die Ausbeutung und Unterdrückung der Bevölkerung mitverantwortlich. Trotzdem rechtfertigt dies unserer Meinung nach in keinem Fall die Unterstützung für einen antimodernistischen, antisemitischen Anschlag, bei dem tausende ZivilistInnen in den USA ums Leben gekommen sind. Noch schlimmer wird so eine Aussage, wenn sie von einer Österreicherin kommt, die Nachkommin einer Gesellschaft ist, die nur durch die militärische Gewalt der USA (gemeinsam mit der Sowjetunion und Großbritannien) dazu gezwungen werden konnte, die industrielle Massenvernichtung von Jüdinnen und Juden zu beenden. Während Guatemala den USA eine jahrzehntelange Militärdiktatur (mit-)verdankt, verdankt Österreich den USA die Wiedererrichtung einer halbwegs demokratischen und zivilisierten Gesellschaft. Angesichts dieses Hintergrundes hielten wir es für gerechtfertigt, solche Äußerungen ebenso zu veröffentlichen, [1] wie die Tatsache, dass am 20. Oktober 2001 auf der Demonstration zum Jahrestag der Oktoberrevolution eine größere Gruppe von StudentInnen mit T-Shirts herumliefen und verkauften, auf deren Vorderseite ein Bild von Usama Bin Laden mit dem Spruch ”Es ist Zeit für die Völker sich gegen den Imperialismus zu erheben; Genesis 9:11” und auf der Rückseite mit dem Satz: ”Die USA erleben jetzt was wir jahrelang erleben mussten. Sie bekommen was sie verdienen!” zu sehen war.

Diese Wahrheiten sind zwar schmerzlich und für Teile der guatemaltekischen Linken nicht eben schmeichelhaft, aber wir denken, dass es für eine ehrliche Auseinandersetzung und Debatte über die Situation in Guatemala und für eine inhaltliche Debatte mit der guatemaltekischen Linken unerlässlich ist, auch diese Aspekte aufzuzeigen und nicht nur in kritiklosen Jubel über die Objekte der eigenen Begierde zu verfallen.

Teil 5:

Der von den AutorInnen verwendete Begriff der ”kritischen Solidarität” fordert jene offene Form der Konfrontation, die eine Absage an eine tradierte politische Arbeitsteilung vorsieht und in der herkömmlichen Wertung von Theorie und Praxis Positionen verteilt: jener romantisch verklärte Blick auf das konkrete Tun der GuerillakämpferInnen einerseits, jener zur intellektuellen Produktion — wenn schon nicht Revolution — beitragenden europäischen AkteurInnen andererseits. Den Kontext konkreter Kämpfe beachtend, kann es wenig zielführend sein, Grundsätze linker Überzeugung zu missachten und Kritik an falschen Hoffnungen zu üben, deren Perspektive nur katastrophal genannt werden kann. Es bedeutet eine Möglichkeit der gewünschten Veränderung und transatlantischen Kooperation wahrzunehmen.

[1Wir verzichteten dabei auf eine Namensnennung!

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