ZOOM 4+5/1996
Oktober
1996

Explosive Erdlöcher

79 Waffenlager hat die CIA in den fünfziger Jahren im Westen Österreichs angelegt. Wer wußte davon? Wofür waren die Waffen gedacht? Und warum schweigen die Beteiligten?

Was sollten denn das für Depots sein? Es ergibt keinen Sinn, da sich die USA nach 1955 wirklich bemüht haben, Österreich beim Aufbau seines Bundesheeres zu helfen.

Manfried Rauchensteiner

„Sorry guys, there’s no gold.“ Mit der Übergabe der Lagepläne beendete die US-amerikanische Botschafterin Swanee Hunt den Wirbel um die 79 von der CIA in Österreich angelegten Waffenlager Ende Jänner dieses Jahres ebenso medienwirksam, wie sie diesen nur neun Tage zuvor inszeniert hatte.

Zwei Wochen lang rückten die dunklen Seiten der österreichischen Nachkriegszeit ins Licht der Öffentlichkeit und brachten den Mythos der unbefleckten Neutralität ins Wanken. Da berichtete ein britischer MI-6-Agent von mutmaßlichen Fallschirmabsprüngen britischer Sondereinheiten über Kärnten während der ungarischen Revolution, dort meldete sich ein hochrangiger Nazi im Sold des amerikanischen Geheimdienstes CIC zu Wort. Sogar Pläne für einen Atomwaffeneinsatz in Salzburg tauchten auf. Der ORF strahlte einen Bericht von Monika Halkort und Teddy Podgorski jun. über die „Operation Easeful“ aus dem Jahr 1991 neu aus – allerdings in einer um entscheidende Passagen gekürzten Fassung. Die spektakuläre Reportage, die sich auf das Aktenstudium des amerikanischen Historikers Christopher Simpson stützte, war die einzige Recherche, die in Folge der Enthüllung der Gladio-Affäre durch den italienischen Ministerpräsidenten Andreotti in Österreich angestellt worden war. Halkort und Podgorsky jun. waren damals vom ORF-Intendanten Bacher, der seinen Freund Fritz Molden als ehemaligen CIA-Agenten falsch dargestellt glaubte, in die Wüste geschickt worden.

Aber schon die Tatsache, daß Andreotti bereits im Oktober 1990 im italienischen Parlament festgestellt hatte, daß der in ganz Europa operierende geheime NATO-Geheimdienst auch in Österreich aktiv gewesen war, blieb in der hitzigen Debatte unerwähnt. [1] Eine Untersuchung dieser doch sehr schwerwiegenden mutmaßlichen Neutralitätsverletzung – immerhin aus dem Munde eines Ministerpräsidenten – fand nie statt. Das Ausbrechen des zweiten Golfkriegs Anfang 1991 tat sein übriges, daß die Angelegenheit schnell wieder in Vergessenheit geriet.

Institutionalisiertes Vergessen

Es verwundert daher kaum, daß auch jetzt die Vögel im Walde bald wieder schwiegen. Noch bevor entscheidende Fragen gestellt werden konnten, herrschte wieder Ruhe im Land. Der Vorgang erinnerte stark an den Umgang mit dem Gladio-Skandal in anderen europäischen Ländern vor fünf Jahren. „Alle Rufe nach öffentlicher Erörterung der klandestinen Angelegenheit verstummten binnen nur einer Woche“, schreibt Leo Müller in „Gladio – das Erbe des Kalten Krieges“ über den Umgang mit der Affäre in der BRD. Die deutschen SozialdemokratInnen, die zunächst lauthals ein Einschreiten der Justiz gefordert hatten, zogen ihre Forderung sehr bald zurück. Es blieb bei einer geheimen Beratung in der Parlamentarischen Kontrollkommission der Geheimdienste – von der die Grünen darüber hinaus ausgeschlossen waren.

In der neutralen Schweiz wurde zwar ein eigener parlamentarischer Untersuchungsausschuß eingesetzt, um Licht in das Dunkel der Affäre zu bringen, doch der nationale Geheimdienst blockte die Ermittlungen erfolgreich ab. Nach Andreottis Enthüllungen trafen sich ab Oktober 1990 mehrmals VertreterInnen der Nachrichtendienste aus Großbritannien, Frankreich, der BRD, Spanien, Norwegen, Luxemburg, Belgien und Italien, um Abwehrmaßnahmen gegen allzu intensive Recherchen zu koordinieren.

Mit der Einsetzung einer Historikerkommission (deren Bericht bei Drucklegung dieser Broschüre noch nicht vorlag) wurde der Forderung nach Aufklärung der Hintergründe auch in Österreich formal Genüge getan. Der Kommission unter der Leitung des Generaldirektors für öffentliche Sicherheit Michael Sika gehören die Historiker Stefan Karner, Oliver Rathkolb und Manfried Rauchensteiner sowie als „beratender Zeitzeuge“ Hugo Portisch an. [2] Sie sollen unter anderem klären, ob mit der Anlegung der US-Depots österreichisches Recht verletzt wurde. [3] „Die Schnelligkeit, mit der von heute auf morgen eine Historikerkommission aus dem Boden gestampft wurde“, vermutet der Historiker Christian Stifter, „zeugt davon, daß man bemüht ist, das Ganze auf einer sachlich beglaubigten Ebene in einen Kanal umzuleiten, der dafür sorgt, die Angelegenheit auf längere Sicht hin behandeln zu können. Damit hat man sich einerseits legitimiert, daß etwas getan wird. Auf der anderen Seite ist dies aber auch eine spezifisch österreichische Lösung, das mögliche Einschlafen und Vergessen gewissermaßen zu institutionalisieren.“

Akten unter Verschluß

Kommissionsmitglied Rathkolb beschreibt deren Aufgabe sehr vorsichtig. Man werde festzustellen haben: „Soweit kommen wir mit den vorhandenen Unterlagen und das und das müßte noch dazugeliefert werden, um eine korrekte historische Aussage zu treffen.“ Dies wäre vermutlich eine ganze Menge, mit Betonung am Konjunktiv. Denn es wäre wohl naiv anzunehmen, daß wesentliche Akten in nächster Zeit – wenn jemals – offengelegt werden. Das beginnt schon beim eigentlichen Anlaß der Untersuchung. Die CIA-MitarbeiterInnen, die unter der Leitung des Österreich-Direktors im State Department (dem amerikanischen Außenministerium), Don Kursch, Ende Jänner nach Wien kamen, um die ÖsterreicherInnen beim Auffinden der Lager zu unterstützen, reisten mit ausgesprochen leichtem Gepäck an. Die dünne Mappe, die sie mit sich führten, enthielt lediglich die Lagepläne der Depots und sonst nichts. Selbst auf diesen war jeder Hinweis auf die zugrundeliegende Operation geschwärzt.

In Österreich existieren nur im Kriegsarchiv Akten zu den 33 in den sechziger Jahren geräumten britischen Lagern. Sowohl Waffen als auch die von den Briten zur Verfügung gestellten Unterlagen wurden damals vom Bundesheer übernommen. Letztere liegen heute beim Heeresabwehramt – allerdings unvollständig. Das Innenministerium hat alle Akten, die älter datieren als 1972, vor sechs Jahren vernichtet. Dort, wo am ehesten entsprechende Papiere zu finden sein müßten – im Heeresnachrichtenamt –, herrscht erwartungsgemäß Funkstille. Dem Innenministerium teilten die Hütteldorfer Heeresspione knapp mit, daß keinerlei Akten existierten.

Ist Österreich anders?

Wo immer diese Akten auch liegen mögen, ohne Zugang zu ihnen wird sich der wohl heikelste Punkt im Zusammenhang mit den US-amerikanischen „covert operations“ kaum klären lassen: die Frage nach der Involvierung österreichischer Stellen, insbesondere des Bundesheeres, beziehungsweise in der frühen Phase des Innenministeriums. In praktisch allen europäischen Ländern, in denen eine gladioartige Struktur existiert(e), waren nationale Geheimdienste – zumeist militärische – in die Operationen eingebunden. Und überall erfüllte diese Struktur zwei Funktionen. Sie diente der Aufstellung von PartisanInnen im Falle einer sowjetischen Invasion, sollte aber ebenso jede demokratische Machtergreifung von KommunistInnen (zu denen mancherorts auch SozialdemokratInnen gezählt wurden) durch entsprechende Maßnahmen bis hin zu einem Putsch verhindern. Diese „Strategie der Spannung“ wurde primär in Ländern mit einer starken kommunistischen Partei – Italien, Frankreich, Belgien – entwickelt, aber auch in der neutralen Schweiz existierten noch 1990 ähnliche Pläne.

Die USA hielten eine sowjetische Invasion oder die Teilung Österreichs zwar für eine denkbare Option – ernsthaft befürchtet haben sie eine solche allerdings nie. [4] In einem Bericht des Auslandsdienstes der USA vom Januar 1948 werden beispielsweise eine Zahl von Hinweisen angeführt, daß – solange die Sowjetunion ihre Auslandspolitik nicht völlig umkremple – diese eine Teilung wohl kaum beabsichtige. Trotzdem bauten die Amerikaner auch in Österreich eine Struktur im Sinne der erwähnten ersten Gladio-Funktion auf. Umsomehr ist davon auszugehen, daß dieser auch die zweite, nach innen gerichtete Funktion zukam. Der US-Auslandsdienst fand auch hierzu deutliche Worte: „A strongly anti-Communist government on the edge of the Soviet sphere cannot help but encourage anti-Communist forces all over Europe.“ [5] Diese wichtige Rolle nicht durch entsprechende geheime Operationspläne abzusichern, wäre aus amerikanischer Sicht fahrlässig gewesen.

Aus der Analogie mit dem übrigen Europa kann vermutet werden, daß auch in Österreich die nationalen Kompetenzen für die verdeckten Operationen nach Errichtung des Bundesheeres diesem übertragen wurden. Beweisen läßt sich all dies bis heute nicht. Die mögliche Involvierung des Bundesheeres, so Oliver Rathkolb, „gehört zu den bestgehütetsten Geheimnissen der Republik.“ Solange aber dieses nicht gelüftet wird, gibt es angesichts dessen, was an verdeckten Operationen von Schweden bis in die Türkei entworfen wurde, keinen vernünftigen Grund für die Annahme, daß gerade Österreich anders gewesen ist.

Verdeckte Operationen

Was die im Jänner entdeckten Waffenlager betrifft, läßt sich nur eines mit Sicherheit ausschließen: Daß sie, wie Fritz Molden nicht müde wird zu erzählen, auf Initiative der Regierung Figl angelegt wurden. Die ab Ende 1948 von den Amerikanern an die sogenannte B-Gendarmerie gelieferten Kriegsgüter, die zur Aufrüstung eines zukünftigen Heeres gedacht waren, wurden alle 1955 dem neuen Bundesheer übergeben. Sie wurden im übrigen spätestens durch eine Publikation des kommunistisch dominierten „Österreichischen Friedensrats“ im Jahr 1951 publik – zumindest jenen, die von ihnen wissen wollten. [6] Nach allem was bekannt ist, begann die CIA in diesen Jahren gerade erst mit der Errichtung ihrer Geheimdepots. Daß diese zu einer der zahlreichen von Frank Wisner und seinem „Office for Policy Coordination“ (OPC) bei der CIA ausgeheckten verdeckten Operation gehörten, steht wohl außer Zweifel. Nur zu welcher?

Variante 1: Olahs Sonderprojekt

Dieser Interpretation hängt der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner an. Nachdem der damalige Chef der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft Franz Olah mit seinen Leuten 1950 erfolgreich die als „Oktober-Putsch“ bekanntgewordenen Streiks gegen das vierte Lohn-Preis-Abkommen niedergeknüppelt hatte, erhielt er von den Amerikanern nicht nur über Gewerkschaftskonten Geld zugeschanzt, sondern auch Waffen und insbesondere in Österreich damals kaum zu beschaffenden Plastiksprengstoff. [7] Für Rauchensteiner war dieses Projekt „der einzige Ansatz für Paramilitarismus in der Zweiten Republik“.

Mehr als 2000 Mann haben Olahs „Wander-, Sport- und Geselligkeitsverein“ nach dessen eigenen Angaben angehört. Doch bedenkt man, daß sich bis heute niemand gefunden hat, der vom ehemaligen sozialdemokratischen Innenminister für den Untergrundkampf ausgebildet wurde – auch 1969 nicht, als Olah wegen Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern vor Gericht stand –, stellt sich die Frage, ob diese Zahl nicht etwas zu hoch gegriffen ist. Olahs Projekt war nur eines von vielen. Daß die CIA gerade für dieses eine so große Zahl an Waffenlagern angelegt haben soll, erscheint zumindest erklärungsbedürftig. Olah selbst gibt sich reichlich bedeckt: „Es gibt gewisse Dinge in einem Staat, über die man überhaupt nicht redet. Auch nachher nicht.“ Sein im gleichen Atemzug ausgesprochenes Dementi, seine Organisation habe „mit den Waffendepots nichts zu tun“ gehabt, kann natürlich ebensogut Desinformation sein. Mit Sicherheit ließ Olah Materiallager anlegen – etwa in Wien oder am Fuß des Paß Lueg. Dort, in Golling, so Olah in seinen Memoiren, lagerte die Winterausrüstung für eine komplette Kompanie. Große Waffenlager hätte es aber nur zwei oder drei gegeben.

Variante 2: Das Stay-behind-Konzept

Die wohl naheliegendste Interpretation ist die, daß die Lager zur oben geschilderten Struktur gehörten – in Österreich stilvoll „easeful“ (= gemütlich) genannt. Im Falle einer sowjetischen Invasion wären amerikanische Spezialeinheiten mit Fallschirmen abgesprungen und von eingeweihten ÖsterreicherInnen zu den Lagern geführt worden. Oliver Rathkolb vertritt die These, daß „die ganze Anlage der Lager primär als zusätzliche Ausrüstung für amerikanische Fallschirmjägereinheiten gedacht war“ (in die die ÖsterreicherInnen nicht eingeweiht gewesen seien). Ein ähnlicher Vorgang ist aus entsprechenden Übungen bekannt, die etwa in Belgien oder auch in Südtirol durchgeführt wurden – dort allerdings sehr wohl unter Beteiligung sogenannter „Eingeborenenelemente“. [8] Andererseits hätten sich bei antikommunistischen Terroranschlägen in Österreich die einheimischen Stay behinds Sprengstoff aus den Depots beschafft. Auch die Anschläge in Südtirol hätten Gelegenheit geboten, sich aus diesen zu „bedienen“. Konkrete Hinweise dafür gibt es aber keine. [9]

Simon Preston, in den fünfziger Jahren als Agent des britischen Geheimdienstes MI 6 mit der Errichtung britischer Depots in Österreich betraut, ist sich sicher, daß auch die österreichischen Lager für derartige Operationen angelegt wurden. Der Militärhistoriker Rauchensteiner kann sich dies kaum vorstellen: „Ich kann dazu nichts sagen, mir ist das neu. Wenn es so wäre, wäre die Frage der österreichischen Neutralität irrelevant.“

Variante 3: Sabotageaktionen in Osteuropa

Es ist wohlbekannt, daß die USA in den fünfziger Jahren in den sozialistischen Ländern Sabotageakte durchgeführt haben. Ebenso denkbar sind geplante Einsätze im sowjetisch besetzten Osten Österreichs oder die Unterstützung etwa von ungarischen AntikommunistInnen. Österreich bzw. die westliche Besatzungszone wäre hierfür die ideale Ausgangsbasis gewesen. Die Depots hätten in diesem Szenario als Materiallager für derartige Spezialeinsätze gedient. Es wäre wohl wenig opportun gewesen, ÖsterreicherInnen einzuweihen, und die Frage, warum keinE ÖsterreicherIn von ihnen gewußt haben will, klärte sich so von selbst. Rathkolb hält eine solche Funktion für zumindest „theoretisch möglich“.

„Es deute“, so Rathkolb, „einiges in die Richtung, daß sich die Amerikaner exklusiv den Schlüssel vorbehalten haben. Die Amerikaner haben den Österreichern offensichtlich nicht getraut.“ Der Sprecher des US-Außenministeriums, Nicholas Burns, deutete ähnliches an: Österreich sei das einzige Land gewesen, „in dem die aufeinanderfolgenden Regierungen in der Zeit des kalten Kriegs nicht über die Lage dieser Orte Bescheid wußten“. Die Regierung vor 1955 habe aber ihre Zustimmung zur Anlegung der Depots gegeben und einige Regierungsmitglieder müßten bis in die siebziger Jahre Bescheid gewußt haben.

Eine scharfe Trennlinie zwischen den verschiedenen verdeckten Operationen läßt sich nicht ziehen. Sie alle waren miteinander verwoben und wurden zentral von Frank Wisners OPC-Büro geplant. Mögen die Lager auch für ein bestimmtes Unternehmen angelegt worden sein, so hätten vermutlich (oder im Falle von Variante 3 haben vielleicht sogar) die USA bei der Umsetzung eines jeden der genannten Pläne auf die vergrabenen Waffen und Sprengmittel zurückgegriffen.

„Eine gewisse politische Brisanz“

In der ersten Aufregung nach Bekanntwerden der Waffendepots wurde allerorten über deren Ursprung und Funktion philosophiert. Manche der angestellten Spekulationen haben sich mittlerweile als falsch herausgestellt. Besonders zahlreich sprossen die Vermutungen in Hinblick darauf, ob ÖsterreicherInnen – und wenn ja, welche – in die Lager eingeweiht waren (siehe Kasten). Von österreichischer Seite wurden dabei – im Gegensatz zur amerikanischen – die für verdeckte Operationen vorgesehenen Rüstungsgüter mit erstaunlicher Hartnäckigkeit mit jenen verwechselt, die für die B-Gendarmerie und das künftige Bundesheer gedacht waren.

Tatsächlich läßt sich bislang nur darüber spekulieren, welche österreichischen Regierungsvertreter der höchsten oder vielleicht auch nur der zweiten Ebene informiert waren. Schwer vorstellbar ist aber, daß nicht auf der untersten Ebene österreichische Paramilitärs eingeweiht waren, die die Lager zu warten hatten und am Tag X amerikanische Fallschirmjägereinheiten zu diesen führen sollten. [10] Einzig beim „Kurier“ meldete sich ein Informant, der angab, von einem Waffenlager zu wissen. Er sei 1950 Miglied einer kleinen Kampftruppe des Innenministeriums gewesen, die im Falle einer sowjetischen Annexion Widerstand leisten sollte. Ein zweiter Informant schilderte gegenüber der Zeitung, wie die US-Army bei der Errichtung der Depots vorgegangen ist.

Überhaupt scheint bei den ÖsterreicherInnen im Laufe der vergangenen vierzig Jahre einiges an Wissen „verloren“ gegangen zu sein. (siehe „Ich weiß was, was Du nicht weisst“ weiter unten). Bereits 1949 sagten die beiden wegen einer neonazistischen Verschwörung zum Tode verurteilten (allerdings schon bald darauf begnadigten) Theodor Soucek und Hugo Rössner bei ihrem Prozeß aus, sie hätten mit Wissen westlicher Besatzungsmächte Partisanentruppen für den Fall einer sowjetischen Invasion aufbauen wollen. Und schon damals tauchten Berichte über geheime Waffenlager in der Steiermark und in Oberösterreich auf. Dieser Zusammenhang mit neonazistischen Aktivitäten ist wenig erstaunlich – die amerikanischen Geheimdienste bezogen nicht wenige ihrer Nachkriegsmitarbeiter aus dem Kreis von Nazis – und vielleicht mit ein Grund für die erstaunliche Vergeßlichkeit der ÖsterreicherInnen. Ein näherer Blick auf die neonazistisch-geheimdienstliche Zusammenarbeit könnte womöglich einiges mehr an Unannehmlichkeiten für das Selbstverständnis der Zweiten Republik ans Tageslicht bringen als die Verletzung der militärischen Neutralität.

Es war ausgerechnet ein ehemaliger Verteidigungsminister der FPÖ, der heutige liberale Nationalratsabgeordnete Friedhelm Frischenschlager, der nach Bekanntwerden des Waffenskandals laut darüber nachdachte, was mit dieser „politischen, personellen und materiellen Infrastruktur“ nach 1955 geschehen sei – eine Frage, „die eine gewisse politische Brisanz“ berge. Theoretisch, so Frischenschlager, wäre es möglich, daß in Österreich solche „subversiven, informellen Strukturen“ bis heute bestehen.

Quellen:
Leo A. Müller: Gladio – das Erbe des Kalten Krieges. rororo, Hamburg 1991;
Hugo Portisch: Österreich II – Der lange Weg zur Freiheit. Kremayr & Scheriau, Wien 1986;
Erich Schmidt-Eenboom: Schnüffler ohne Nase: Der BND – die unheimliche Macht im Staate. ECON, 3. Auflage, Düsseldorf 1993;
Franz Olah: Die Erinnerungen. Amalthea, Wien 1995;
Informationen für Alle, Sondernummer 6/XIII. Jahrgang, Wien 1965;
Geheime Allianz, ORF, 5.4.1991 bzw. 22.1.1996;
apa, 22., 23. und 24.1.1996;
apa, 22., 23. und 24.1.1996;
Kurier, 23., 24. und 28.1.1996;
Salzburger Nachrichten, 23. und 27.1.1996;
Der Standard 23.1.1996;
Neues Volksblatt, 23.1.1996;
profil 5/96, 29.1.1996;
News 5/96;
Volksstimme 5/1996, 1.2.1996;
Der Spiegel 5/96;
Die Presse, 12. und 13./14.4.1996;

[1Siehe etwa die explizite (wenngleich sicher nicht beabsichtigte) Auslassung in den „Salzburger Nachrichten“ (23.1.1996). Lediglich der „Kurier“ (23.1.1996) berichtete, daß die Anlegung geheimer Waffendepots in Österreich bereits vom Leiter des damaligen militärischen Nachrichtendienstes vor dem Gladio-Untersuchungsausschuß im italienischen Parlament zur Sprache gebracht worden war.

[2Weitere Mitglieder sind der Generalsekretär für auswärtige Angelegenheiten Albert Rohan, der Leiter des Völkerrechtsbüros im Außenministerium Franz Cede, Generaltruppeninspektor Karl Majcen, der Leiter des Verfassungsdienstes Wolf Okresek, der Leiter der Gruppe für Umfassende Landesverteidigung im Bundeskanzleramt, Gustav Kaudel und VertreterInnen der Länder.

[3Bestimmungen des Strafgesetzbuches, gegen die mit Anlegung der Lager bzw. ihrer unterlassenen Räumung nach 1955 möglicherweise verstoßen wurde, sind: Neutralitätsgefährdung, Vorbereitung zum Hochverrat, Ansammlung von Kampfmitteln und Bildung einer bewaffneten Verbindung.

[4Wobei die „Furcht“ schon dadurch gemindert wurde, daß das eigentliche strategische Interesse der Amerikaner an Österreich – die Sicherung der Nord-Süd-Achse der NATO – durch eine Abtrennung des Ostteils nicht wirklich gefährdet gewesen wäre.

[5Die SPÖ wird in demselben Bericht übrigens als die antimommunistischste aller sozialistischen Parteien Europas charakterisiert.

[6Daß die für Österreich vorgesehene Armee bereits existierte, war den Sowjets bei den Staatsvertragverhandlungen natürlich bekannt. Vermutlich wußten sie aber auch über weitere Operationen Bescheid. In der kommunistischen Tageszeitung „Die Wahrheit“ war zum Beispiel am 28.4.1949 zu lesen, es solle eine „Sabotageorganisation aufgestellt werden, die sich auf die legale österreichische Wehrmacht stützen soll“ (das wiederzuerrichtende österreichische Heer wurde in diesen Jahren noch „Wehrmacht“ genannt).

[7Plastiksprengstoff ist typisch für Sabotageaktionen. Beginnend mit 1949 lieferten die Amerikaner beispielsweise derartigen Sprengstoff (M 4) auf Initiative von Wisners OPC an ukrainische „stay-behinds“ – zumeist ehemalige Angehörige des von Reinhard Gehlen während der Nazibesatzung geschaffenen Spionagenetzes. Diese Operation war der „Prototyp für Hunderte weltweiter Aktionen der CIA“; siehe Simpson: Der amerikanische Bumerang, S. 209ff.

[8Nicht überall blieb es bei Übungen. In Zusammenhang mit der Operation in der Ukraine (siehe Fußnote 7) ließen sowohl die USA als auch Großbritannien von ihnen zu Agenten ausgebildete Exil-Ukrainer mit Fallschirmen über ihrer Heimat abspringen; siehe Simpson: Der amerikanische Bumerang, S. 211 und dort angeführte Quellen.

[9Soweit bekannt, stammten die Waffen und Sprengmittel der Südtirolterroristen der sechziger Jahre großteils aus alten Wehrmachtsbeständen. Wolfgang Pfaundler, einer der führenden Köpfe im „Befreiungsausschuß Südtirol“ (BAS) und mit der Beschaffung von Waffen, Sprengstoff und Geld betraut, sagt, ihm seien zwei Tonnen (!) Sprengstoff der Naziwehrmacht, die „nichts gekostet“ haben, in einem Nordtiroler Steinbruch „zur Verfügung“ gestanden. Die Geldgeber gibt er bis heute nicht preis. Es habe aber einen Kanal zu einer „angesehenen internationalen Organisation“ gegeben. Deren Verantwortliche seien in den effektiven Verwendungszweck der für Südtirol abgezweigten Gelder nicht eingeweiht gewesen.

[10Von den vor dreißig Jahren geräumten britischen Lagern ist dies bekannt. „Örtliche Paramilitärs wurden ausgebildet, um die Lager zu nutzen“, schreibt auch der „Boston Globe“, der die Affäre ins Rollen gebracht hat.

Ich weiß was, was Du nichts weißt

Es war die österreichische Regierung unter dem Kanzler Leopold Figl, die die amerikanische Regierung um diese Waffenlager ausdrücklich gebeten hat. Und die hat dann die CIA mit den Waffenlagern beauftragt.

Fritz Molden, Verleger

Ich habe davon nichts gehört.

Ludwig Steiner, ehemaliger Sekretär von Außenminister Karl Gruber

Steiner durfte nichts wissen.

Fritz Molden

Ich hätte es in meiner damaligen Funktion wissen müssen, wenn es offiziell gewesen wäre. Es wäre mir sicherlich zu Ohren gekommen, wenn die Amerikaner die besagten Lager mit Duldung der zuständigen heimischen Stellen angelegt hätten.

General i. R. Wilhelm Kuntner, als Adjutant in Graz „einer der ersten in der B-Gendarmerie“

Das ist unglaubwürdig.

Christopher Simpson, Historiker, zu den österreichischen Reaktionen

Von diesen Waffenlagern und von der ganzen Aktion hat die gesamte österreichische Regierung von Bundeskanzler Leopold Figl abwärts gewußt. Das, was hier die Amerikaner gemacht haben, war der österreichischen Regierung äußerst willkommen. Die Regierung hat nicht nur von den Waffenlagern, sondern auch von den Aktionen „stay behind“ bzw. „easeful“ gewußt.

Richard Helms, in den fünfziger Jahren beim „Office for Strategic Services“ (OSS) für Österreich zuständig, 1966 bis 1973 Chef der CIA

Daß Österreich darüber nichts weiß, ist Blödsinn! Das Gastland war ja immer informiert.

Ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter

Ich nehme an, daß Österreich das einzige Land war, in dem die aufeinanderfolgenden Regierungen in der Zeit des Kalten Krieges nicht über die Lage dieser Orte Bescheid wußten. Die Regierung vor 1955 hat aber ihre Zustimmung zur Anlegung der Depots gegeben. Einige Mitglieder dieser Regierung müssen bis in die siebziger Jahre über die Waffenlager Bescheid gewußt haben.

Nicholas Burns, Sprecher des US-State Departments

Ich bin sicher, daß es noch genügend Zeitzeugen gibt, die vor allem im Umfeld des heutigen Kameradschaftsbundes zu suchen sind.

Siegfried Beer, Historiker

Batman, Robin und die nuklearen Himmelsboten

Die USA dachten sogar an den Einsatz taktischer Atomwaffen in Östterreich. Im „Field manual No. 5–26“, welches in den frühen siebziger Jahren an in Deutschland stationierte Infanterietruppen ausgegeben wurde, finden sich Pläne, für den Fall eines Rückzugs wichtige Infrastruktureinrichtungen durch Nuklearminen, sogenannte „Atomic Demolition Mines“ (ADM, Sprengkraft 0,3 Kilotonnen), zu zerstören. Die Codenamen für diese Operationen, bei denen beispielsweise der Salzburger Flughafen „mit minimalsten Nebenwirkungen“ gesprengt werden sollte, lauteten „Batman“ – die Atommine wird unter einem Sandhaufen verlegt –, „Robin“, „Pinguin“ und „Joker“ – die NATO-Zentrale wird in die Luft gejagt.

Ein weiteres Beispiel für den geplanten Einsatz von Atomminen findet sich in Anhang J des Anfang der sechziger Jahre für das europäische Kriegsgebiet entworfenen NATO-Operationsplans No. 10–1. „Nukleare Botenteams“ sollten auf Befehl des NATO-Kommandos mit Atomminen im Gepäck über den Alpen abspringen. Die Minen wären dann von den „Eingeborenen“ („indigenous elements“) gelegt worden. Als Ziele waren feindliche Transport- und Kommunikationsmittel vorgesehen. Der Operationsplan wurde 1963 von einem US-Seargent den Russen zugespielt. Nach damaligen Angaben aus CIA-Kreisen seien die Papiere vom KGB verfälscht worden. Der Plan sah darüber hinaus für den Fall einer sowjetischen Besetzung Österreichs vier Operationsgebiete für PartisanInnen vor: Mieders südlich von Innsbruck, Bad Ischl, die steirische Gleinalm und im Osten Gloggnitz am Semmering.

Quellen:
Der Standard 27./28.1.1996;
profil 5/96, 29.1.1996.
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