Heft 2-3/2003
Mai
2003

Fähnchen im Kopf

Wir erleben es in rascher Abfolge, das politische Weltgeschehen hält Ent­scheidungen für uns parat, wir sollen Angebote affirmieren: kauft Frieden Leu­te, bejaht den Krieg! Wir sollen uns daran gewöhnen, für oder gegen etwas zu sein, Niederlagen machen uns nicht klüger, zum mit­spielen sind wir gezwungen, die Agenda des vorgeblich Politischen — das, was vor­geblich heute zur Entschei­dung steht — wird anderswo gemacht.

Und wir kalkulieren, wä­gen ab zwischen den Übeln, zählen Tote, rechnen uns vergebene Chancen vor, dassel­be Spiel zu spielen (warum nicht auch gegen das Regime x; warum nicht gegen den Krieg y), schultern das Schicksal, alle sind wir tragi­sche HeldInnen, die sich für das kleinste moralische Übel entscheiden müssen. Sie packen uns am heiklen Punkt: Wir können nicht neutral bleiben, nicht teilnahmslos, wir schämen uns beim Gedanken, keine Posi­tion zu beziehen und wissen, dass wir den aggressiven Zy­nismus, die Disposition der Unbeteiligten nicht hinneh­men können.

Also sind wir gegen die­sen Krieg und den Militaris­mus, der Kriege wie diesen zu seiner Aufrechterhaltung braucht. Wir sind gegen die­sen Krieg, weil er die prinzi­pielle Möglichkeit — losgelöst von jeder Begründung — er­folgreicher militärischer Interventionen, die höhere Pro­fite als Kosten für den Ag­gressor verursachen, als Angebot aktualisiert. (Heute sind es Massenvernichtungs­waffen, morgen ein gebrochener Handelsvertrag ...) Wir sind gegen diesen Krieg, weil er das Völkerrecht als politisches Instrument schwächt, indem es sank­tionslos gebrochen wird.

Also sind wir gegen das faschistische Regime der Baath-Partei, gegen deren Terrorregime. Wir haben den BürgerInnenkrieg verfolgt, den Einsatz von Giftgas gegen die kurdische Bevölke­rung, die zahllosen und doch zu zählenden anderen Massaker. Wir wissen, dass de­mokratisch gewählte Regie­rungen dieses Regime aus Ei­geninteresse militärisch in großem Umfang unterstützt haben, der Krieg im Inneren mit unseren Mitteln erfolgt und die verhängten Sanktio­nen noch Waffe in diesem Krieg geworden sind.

Wir beziehen Position und stehen auf verlorenem Posten: die Ambivalenzen und Konflikte, in die uns das stürzt, machen unsere Stim­men vibrieren, wenn wir da­von sprechen, wir hören kaum zu, gehen in der Dis­kussion zum Gegenangriff über (... die Qualität der Ar­gumente unserer FreundIn­nen, an der wir erkennen, dass sie außer sich sein müs­sen, weil in keinem anderen Rahmen sie auf ähnliche Aus­sagen zurückgreifen würden ...) Wir können uns nicht darauf verlassen, dass unsere engsten Freundinnen auf die selbe Seite fallen (ist uns die Entscheidung schwer gewesen, halten wir es noch schwerer aus, dass die ge­wählte Lösung uns nicht einmal mit einem Gefühl der Si­cherheit belohnt).

Zeichnung: Leonardo Cohen

Wie wir im Krieg die mi­litärischen Bewegungen ver­folgen, verfolgen wir das Auseinandertreten unserer Al­lianzen. Was bringt sie dazu, dass ... von ihm hätte ich das nie geglaubt ... was hat sie um den Verstand gebracht ... was ist bei ihm gebrochen? Plötzlich der Graben und auf der anderen Seite stehen dicht an dicht jene, auf die wir uns bislang immer ver­lassen konnten, die uns ein halbwegs optimistisches Wir ermöglichten, mit Gruppie­rungen, die unsere Gegne­rinnen immer schon waren. Gemeinsame Sache mit Anti­semitinnen, einschwenken in die Koalition der Kriegstrei­berInnen. So werden wir be­schäftigt, beschämt, getrennt und der Krieg beginnt, hält ein, geht weiter und unsere Fähigkeit, die Agenda selbst zu bestimmen, kommt nicht zu Kräften.

Kollektive Selbsttechni­ken: Alternativen zu finden zu den aufgezwungenen Alternativen, sich nicht trennen lassen und Kollektive bilden auf Basis gemeinsamer poli­tischer Programmatiken. Uns darauf verlassen, was wir über uns und jene, mit denen wir leben und arbeiten, wis­sen und wenn schon tragisch scheitern, dann daran, dass wir nicht so freundlich sein können, wie wir gerne woll­ten. Für diese Übungen wer­den wir noch oft Gelegenheit bekommen.

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