MOZ, Nummer 57
November
1990
Die Kunst am Rad:

Fahrradrikschas in Bangladesh

150.000 Fahrradrikschas — dreirädrige Taxen — gibt es in Bangladeshs Hauptstadt Dhaka. Weit mehr als nur ein scheinbar archaisches Transportmittel, sind die Rikschas ein Stück ‚fahrende Kunst‘ und wohl die buntesten und verziertesten Gefährte der Welt. Eine Bildreportage.

Fotos: Walter Keller
Alptraum eines jeden Stadtplaners. Oft kommt es zu regelrechten Rikscha-Staus
Bemalung einer Rikscha

„Wollen Sie mal hochkommen und sich alles von hier aus ansehen?“, ruft mir ein Polizist freundlich zu. Er steht auf seiner gut zwei Meter hohen Verkehrsinsel mitten auf einer Kreuzung Dhakas, der Hauptstadt Bangladeshs, des ehemaligen Ostpakistan. Sicherlich hat er Mitleid mit mir, weil er beobachtet haben muß, wie ich mich soeben im Zickzack über die Straßenkreuzung gedrängt habe. Dabei mußte ich höllisch aufpassen, nicht überrollt zu werden. Nein, die Gefahren im Straßenverkehr Dhakas gehen nicht nur von der ständig wachsenden Zahl motorisierter Fahrzeuge aus. Es sind vor allem Fahrradrikschas, jene dreirädrigen Gefährte, vor denen man sich in Acht nehmen muß, weil sie in der 7 Millionen Stadt in Schwärmen auftreten und das Bild der Metropole ungleich stärker bestimmen als die Londoner Cabs die britische Hauptstadt. Nirgendwo sonst auf der Welt, wo Fahrradtaxen bertrieben werden, gibt es mehr: 150.000 sind es allein in Dhaka. 300.000 Fahrer, die im Schichtdienst rund um die Uhr arbeiten, befördern täglich Millionen von Fahrgästen. Etwa 20 Prozent der Stadtbevölkerung hängt direkt oder indirekt von dieser Industrie ab - landesweit sind es sogar mehrere Millionen Menschen.

Was ein Rikscha-Wallah befördern muß

Ich nehme das Angebot des freundlichen Polizisten gerne an und klettere zu seinem Arbeitsplatz hinauf. Sofort entwickelt sich ein Gespräch, das er immer wieder kurzzeitig unterbricht, um des unbeschreiblichen Treibens unter uns durch ein paar Armbewegungen Herr zu werden. Aber niemand scheint sich um ihn zu kümmern. Die Fahrer bahnen sich ihren eigenen Weg durch das Gewirr. Und die Fahrgäste, die etwas erhöht hinter ihnen sitzen, scheinen alles mit Fassung zu tragen.

Rikschas in Bangladesh, vor allem die in Dhaka , tragen schon wegen ihrer großen Anzahl zu den regelmäßigen Verkehrsstaus in der Stadt bei. Hinzu kommt die unorthodoxe Fahrweise der Rikscha-Wallahs, wie die Fahrer im Volksmund genannt werden. Sie radeln ihre Fahrgäste ans Ziel, ohne dabei irgendeine Verkehrsregel zu beachten. Straßen, auf denen die dreirädrigen Stahlrösser verkehren, bereiten den Stadtplanern, die an staufreien Konzepten für den motorisierten Nahverkehr arbeiten, Alpträume. Für den Großteil der Bewohner Dhakas jedoch bieten Rikschas die einzig erschwingliche Form des innerstädtischen Transports.

Versuche, die bunten Gefährte, die schon 1937 eingeführt wurden, durch ‚moderne‘ Taxen zu ersetzen, sind von Politikern immer wieder unternommen worden. Für viele von ihnen sind die von Muskelkraft angetriebenen Transportmittel ein Symbol der Unterentwicklung Bangladeshs. Der Ersatz der Fahrradrikschas durch noch mehr Busse oder motorisierte Taxen hätte jedoch schwerwiegende Folgen: Nicht nur die Arbeitslosigkeit stiege drastisch an, auch die Luft in der Stadt würde noch schlechter, als sie heute schon ist. Die mit einem Benzin-Öl-Gemisch fahrenden Autoscooter — die ‚moderne‘ Version einer Fahrradrikscha —, Privatfahrzeuge und schwarze Rauchwolken ausstoßende Lastwagen und Busse verursachen bei vielen Menschen Atemwegsbeschwerden, Augenbrennen und Hustenreiz.

Kunst am Rad

Weil Rikshas in Bangladesh mehr sind als nur ein scheinbar archaisches Transportmittel, würde jeder, der sie aus den Straßen verbannen will, auch ein Stück ‚fahrende Kunst‘ zerstören. Kunst an der Rikscha ist die Kunst der Armen und Unterdrückten. Rikschas in diesem Land, das zu den ärmsten der Welt zählt, sind die buntesten und verziertesten Gefährte der Welt. Kaum ein Dreirad, das nicht liebevoll bemalt und mit zahlreichen Schnörkeln verziert ist. Selbst auf dem Lenker haben viele der Fahrer noch kleine Fähnchen oder Blumenvasen montiert, in denen Plastikblumen durch die Stadt kutschiert werden. Ganz besonders geachtet wird auf die Bemalung einer Holz- oder Zinkplatte, die am Heck angebracht ist. Waren bis vor einigen Jahren noch Darstellungen von Kampfszenen aus dem Befreiungskrieg von 1971 vorherrschend, so sind heute andere Motive besonders beliebt. Es sind vor allem Allegorien, die kunstvoll und farbig das Leben auf dem Land idealisieren. Andere Bilder kopieren in grellen Farben Kinoplakate oder thematisieren bildlich die Überschwemmungskatastrophen, die in brutaler Regelmäßigkeit große Teile des Landes am Ganges und Brahmaputra — die hier Padma und Megna heißen — unter Wasser setzen und Menschen und Tiere hinwegraffen. Westliche Motive haben zunehmend Konjunktur: 8-spurige Autobahnen mit Brückenviadukten und selbst der Lufthansa-Airport-Express, der sich in einer naiven Darstellung am Rhein entlang windet, fehlen nicht.

Vom Kind bis zum Greis: Rikscha-Wallah

Rikscha-Wallah bei der Arbeit. Sie zählen zu den Ärmsten der Stadt

Die Faszination, die von der Farbenpracht der Rikschas und ihren aufgemalten Kunstwerken ausgeht, versperrt die Sicht für das meist harte Leben ihrer Fahrer. Sie zählen zu den Ärmsten der Armen, viele sind noch im Kindesalter, andere, die sich mit ihrer ‚Fracht‘ über die Straße quälen, sicherlich schon über 60 Jahre alt. Gemeinsam ist ihnen, daß sie mager und ausgezehrt sind und verbrannt von der Sonne. Die meisten Rikschafahrer Dhakas sind irgendwann einmal vom Land gekommen. Die wachsende Armut hat sie alleine oder mit ihren Familien in die Stadt getrieben. Einmal in Dhaka, landen sie in den Slums der Großstadt, wo der Traum von einem guten Leben schnell zerbricht. Wenn überhaupt Arbeit gefunden wird, ist es häufig nur die harte Arbeit als Rikscha-Wallah. Der Verdienst ist zu gering zum Leben und zu hoch zum Sterben. Das große Geld machen indes andere: zum Beispiel die Vermieter. Nur drei Prozent der Fahrer sind Eigentümer ihrer Rikscha. 97 Prozent mieten sich ihr Arbeitsgerät von sogenannten Mahajans, die den Großteil der Einkünfte der Fahrer einstreichen.

So ist verständlich, daß jeder Rikscha-Wallah von seiner eigenen Rikscha träumt. Aber für die meisten geht dieser Traum nie in Erfüllung. Wenn die Mahajans gefürchten sind, so gibt es eine Berufsgruppe in der Stadt, die von den Fahrern gehaßt wird: Es sind die Verkehrspolizisten, die immer wieder versuchen, ihre mageren Gehälter durch ‚Bußgelder‘ aufzubessern, die sie willkürlich einfordern. Daß die zehn, zwanzig oder fünfzig Taka, die eigentlich in die Staatskasse fließen müßten, ohne lange Umwege in den Taschen der Beamten verschwinden, muß hier nicht ausdrücklich betont werden.

Ich stehe übrigens noch immer auf der Kreuzung und betrachte fasziniert das Treiben unter mir. „Solche Fotos können Sie wohl sonst nirgendwo auf der Welt machen“, meint der freundliche Polizist auf der Verkehrsinsel. Recht hat der Mann.

Rikschas sind auch Werbeträger. Hier für einen Kinofilm
Rikscha in Tsingtau (1914)
Rikscha in Indien (2012)

Rikschas, auch Laufrikschas, sind kleine, zweirädrige, von einem Menschen gezogene Gefährte zur Personenbeförderung.

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der letzten Zeit werden Rikschas gebaut, die mit einem Fahrrad angetrieben werden. Diese Gefährte heißen Fahrradrikscha (auch: Fahrradtaxi). Traditionell werden Rikschas in Asien genutzt, Fahrradrikschas gibt es aber auch in Europa.

In Indien und vielen anderen süd- und südostasiatischen Ländern finden sich sogenannte Motor- oder Autorikschas, dabei handelt es sich um Trikes, die entweder mit einem Zweitakt- oder einem Dieselmotor betrieben werden.

Die handgezogenen Rikschas sind fast alle aus dem Straßenbild verschwunden. In Indien sind sie nur noch in Kalkutta verbreitet. Auch die unmotorisierten Fahrradrikschas könnten bald abgelöst werden. Nach Ansicht vieler Politiker sei die Arbeit der Rikscha-Wallahs unmenschlich und nicht zeitgemäß. Sie wollen den motorisierten Verkehr nach westlichem Vorbild fördern und verhängen Fahrverbote für die Rikscha-Wallahs.

In Japan sind Laufrikschas in der Nähe von Sehenswürdigkeiten als Touristenattraktion anzutreffen.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Rikscha kommt vom japanischen Begriff jinrikisha (人力車, jin = Mensch, riki = Kraft oder Antrieb, sha = Fahrzeug).[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rikschas in Japan, Ende des 19. Jahrhunderts

Die Rikscha ist eine Erfindung aus Japan. Die Erfindung war ursprünglich für Europäer in Tokio gedacht, die die engen japanischen Sänften nicht benutzen konnten. Egon Erwin Kisch beschreibt die Entstehung der Rikscha in seinem Buch China geheim folgendermaßen:

„Die Jinrikscha kommt aus Japan, wenn auch ihr Erfinder ein Europäer war. Der Mann, der als erster den Einfall hatte, einem Handwagen einen Stuhl aufzusetzen und diesen Fahrstuhl als öffentliches Verkehrsmittel zu verwenden, war der anglikanische Geistliche Reverend M. B. Bailey, o Segnungen des Westens und der Kirche. Das geschah Anfang der siebziger Jahre [1870er] in Tokio.“

„Ein Franzose namens Ménard eilte nach China, nach Schanghai, um eine Konzession für den Rikschaverkehr zu erlangen. Aber die Stadträte der amerikanischen und englischen (später internationalen) sowie der französischen Gemeinde wußten, daß Ersetzung von Tier oder Maschine durch Menschenkraft hierzulande das sicherste Geschäft ist, und dachten gar nicht daran, dem flinken Importeur ein so einträgliches Monopol zu schenken. Sie beschlossen, gegen ansehnliche Steuern zwanzig Lizenzen für je zwanzig Rikschas auszugeben.“

„Monsieur Ménard hätte über den Umstand, eine dieser Lizenzen zu bekommen, recht froh sein können, wenn, ja wenn er Geld genug gehabt hätte, die zwanzig Karren herstellen zu lassen. Er hatte es nicht, und so musste er sich mit zwölfen begnügen. Das mißfiel den beiden Stadtverwaltungen, sie wollten jede Lizenz im Interesse ihrer Steuerkasse zwanzigfach ausgenützt sehen. Am 31. März 1875 entzogen sie ihm die Lizenz, ihm dem Pionier der Rikschas, die noch heute, im Zeitalter von Taxi, Privatauto, Autobus, Motorrad und Straßenbahn, der Französischen Konzession jährlich 267966 Tael und dem International Settlement 337030 Tael einbringen!“

Vornesitzer kommen traditionell aus Thailand oder Indonesien und werden dort Cyclo oder Becak genannt.

Nachbauten klassischer Fahrradrikschas gibt es seit 1989 in Deutschland. Die Firma Velocab hat damit begonnen und die ersten Fahrradrikschas mit Gangschaltung in Deutschland angeboten. Mittlerweile gibt es weitere Anbieter, die das Design und die Technik verbessert haben. So verkaufen die meisten Anbieter Elektromotoren für ihre Modelle.

Elektro-Rikscha[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elektro-Rikschas in Lumbini, Nepal

In Deutschland gelten Fahrradrikschas auch mit Elektromotor als Fahrräder und werden unter bestimmten Voraussetzungen rechtlich als Pedelec eingestuft.

In der Schweiz ist ein Elektro-Rikscha gemäß Art. 14 VTS ein zwei- oder mehrrädiges Fahrzeug mit einem Antrieb von höchstens 2 Kilowatt Leistung. Er darf beladen maximal 450 kg schwer sein und hat eine bauartige Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h, mit Tretunterstützung 25 km/h. Sie haben die Regeln für Fahrradfahrer zu befolgen (Art. 42 Abs. 4 VRV), bei Verfehlungen sind die Bußen in der Ordnungsbussenverordnung (OBV) gleich hoch wie die für Fahrräder. Für das Führen von Rikschas wird im Inland ein Führerausweis der Kategorie B oder F vorausgesetzt (Art. 4 Abs. 5 VZV), ein solcher ist im Ausland nicht gültig. Im Gegensatz zu anderen Verkehrsmitteln wird bei Rikschas für den berufsmäßigen Personentransport (BPT) keine Bewilligung benötigt (Art. 25 Abs. 1 VZV).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Rikscha – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
WiktionaryWiktionary: Rikscha – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Basil Hall Chamberlain: Things Japanese: being notes on various subjects connected with Japan for the use of travellers and others. K. Paul, Trench, Trübner & Co., Ltd., 1891, S. 241–242.