Streifzüge, Heft 2/1996
Oktober
1996

Falls Leserbriefe nicht unerwünscht sind ...

Franz Schandl ist mit zu abstrakt. Vor allem aber scheint er mir von einer idealistischen Geschichtsauffassung auszugehen: zuerst kommt die Theorie, dann die gesellschaftliche Praxis, zuerst die Wissenschaft und dann das Leben.

Was meiner Ansicht die Linke, unabhängig von ihren diversen Ausformungen, allgemein kenn­zeichnet, ist die Ansicht, die Arebeiterbewegung, die sozialistische Weltbewegung sei ein Ergebnis der theoretischen Vorarbeiten des Herrn Marx gewesen. Tatsache aber ist, daß die marxistische Theorie so gut wie nichts Bleibendes hervorge­bracht hat. Weder ist es gelungen, eine nachbür­gerliche Wirtschaftstheorie zu formulieren, noch wurde eine gesellschaftliche Praxis möglich, die den Gegensatz zwischen politischer Macht und der anarchischen List des Einzelnen aufzuheben imstande gewesen wäre. Es war nie die normative Macht einer Theorie, die gesellschaftlichen Wan­del erzwungen hat. Die Theorie hat immer nur die Rolle einer vereinheitlichenden Sprachregelung gespielt. Da sowohl Gott als auch der Absolutis­mus in der bürgerlichen Revolution ihre Legiti­mation verloren haben, mußte eine neue Autorität geschaffen werden, die imstande war, die ver­schiedenen Interessen der Feinde der großbürger­lichen Herrschaft zu vereinen. Diese Klammer wurde gefunden im Begriff Sozialismus (im Zeit­alter des wissenschaftlichen Positivismus, wie sich versteht), dessen Grundlage zum einen eine romantische Vorstellung vom Menschen, zum anderen aber eine heute noch diskutable und umstrittene Theorie der kapitalistischen Wirt­schaft ist.

Für mich stellt sich die Frage nach einer künf­tigen politischen Praxis der antibürgerlichen Opposition sehr pragmatisch: was will ich, wel­chen Rahmen mute ich daher der Freiheit der Indi­viduen, ihre egoistischen Zwecke zu verfolgen, zu? Abgeleitet daraus: Welches sind die geeigneten Mittel, diese Zielvorgaben zu erreichen?

Frage eins einer neuen Linken ist für mich damit: Was paßt uns nicht? Finden wir eine allge­mein akzeptable Formel für den Zustand, den wir erreichen wollen?

Frage zwei: Welche konkreten Schritte, sei es in der Theoriebildung, sei es in der politischen Pra­xis, sind derforderlich, um unserem Ziel näherzu­kommen? Da ich nicht die Allgemeinheit, noch der Sprecher einer Partei oder Glaubensrichtung bin, kann und will ich nur für mich selber reden. Für mich persönlich setzt die Kritik an der bürgerli­chen Herrschaft dort ein, wo es einzelnen Indivi­duen gestattet wird, andere existenziell zu erpres­sen. Hier meine ich, daß ein mit dem Begriff der (immer wieder neu zu definierenden) Menschen­würde vereinbares Überleben aller Individuen allein durch Gemeinschaftsarbeit zu gewährleisten ist. Diese Gemeinschaftsarbeit beinhaltet damit nicht nur die Erhaltung der ökologischen Grund­lagen unserer Existenz, sondern auch die Produk­tion der zur Aufrechterhaltung einer menschen­würdigen Gemeinschaft notwendigen Mittel. Erst wenn diese Grundbedürfnisse einer humanen Exi­stenz gewährleistet sind, darf dem Privategoismus gestattet werden, sein Spiel um Prestige und Macht aufzunehmen. Erst wenn ich die Wahl habe, mich über die Notwendigkeit hinaus zu engagieren oder aber mich persönlich mit dem gemeinschaftlich Produzierten zu begnügen, bin ich frei und exi­stiere tatsächlich für mich.

Mit dieser Forderung, eine in ihrem Umfang und ihren Qualitätsstandards noch zu definie­rende Gemeinschaftsproduktion einzuführen, setze ich dem freien Unternehmertum jene Gren­zen, die es uns möglich machen, trotz der Selbstzerstörungstendenzen der kapitalistischen Markt­wirtschaft ohne Angst vor Not und Untergang in Individualität und Souveränität zu existieren. Es ist keine Frage, daß diese banale Forderung nach (Wieder-) Einführung der kommunistischen Basisproduktion eine heftige Gegenreaktion aller jener Teile der Bevölkerung hervorrufen muß, die bis­her, bewußt oder unbewußt, von der Erpressung anderer profitierten. Ebenso klar ist, daß die Durchsetzung dieser Forderung eine kulturelle Revolution bedeuten würde, die in ihrer Tiefe die der bürgerlichen Revo­lution noch übertreffen würde.

Ich weiß aus vielen fruchtlosen Diskussionen mit linken Individuen, daß mein Ansatz zu einer neuen politischen Programmatik der humani­stischen Linken nicht den (unausgesprochenen und wohl auch uneiengestandenen) Bedürfnissen der „Revolutionäre“ entspriocht. Diese Bedürf­nisse zu thematisieren wäre allerdings eine Aufgabe für sich. Denn es ist nicht ein theoretischer Mangel, der die Linke zum Scheitern verurteilt, son­dern der Ehrgeiz allzu vieler Führer, die im Grunde nur darüber jammern, daß das Volk ihre Führerschaft nicht will.

Mit Grüßen und in der Hoffnung, daß ihr auch „unwissenschaftliche“ Ansichten gelten laßt in Eurem Kreis

Peter Gutjahr, 1070 Wien