Café Critique, Jahr 1998
März
1998

Faschismus und Demokratie

Die Marxistische Gruppe war Zeit ihres Bestehens eines der Lieblingshaßobjekte vieler Linker. Dieser Haß resultierte hauptsächlich aus dem Auftreten einiger ihrer Mitglieder und speiste sich zusätzlich aus dem Bild, das der Verfassungsschutz von der MG zeichnete. Einer Auseinandersetzung mit der realen Organisation und den Argumenten ihrer Mitglieder wurde oft aus dem Weg gegangen. An dieser meist unreflektierten Ablehnung der MG und der aus ihr hervorgegangenen Nachfolgeprojekte hat sich bis heute nicht viel geändert. Daher ist es nicht verwunderlich, daß in einer Vorankündigung für die gründlich überarbeitete und um vieles ergänzte Neuauflage des damals von der MG herausgegebenen Resultate-Bandes über „Die nationalsozialistische Herrschaft“, bei der nun Konrad Hecker als alleiniger Autor firmiert, illusionslos von der „absehbaren Verständnislosigkeit gegen unsere Argumente“ die Rede ist. Ob sich diese Verständnislosigkeit bewahrheitet, wird sich erst noch zeigen müssen. Bisher wurde das Buch, obwohl es bereits 1996 erschienen ist, nicht besonders stark rezipiert.

Das Beste an Heckers Ausführungen ist, daß er den Demokratiefanatismus des gängigen Antifaschismus nicht mitmacht. Ihm sind die Unterschiede zwischen Demokraten und Faschisten ebenso geläufig wie ihre Gemeinsamkeiten. Während er eine begriffliche Unterscheidung zwischen „alltäglicher klassenstaatlicher Ordnungspolitik“ einerseits und „Völkermord an einem zum inneren Hauptfeind erhobenen Bevölkerungsteil“ andererseits vornimmt, weist er gleichzeitig auf die fließenden Übergänge zwischen nationalsozialistischem und demokratischem Nationalismus hin. Neben der Analyse der besonderen Charakteristika der nationalsozialistischen Ideologie und Praxis, geht es Hecker darum, Elemente staatsbürgerlichen Bewußtseins, die auch für demokratische Gesellschaften konstitutiv sind, aufzuzeigen, und darzulegen, wie diese Elemente durch die Nazis radikalisiert wurden. Seine Hinweise auf eine sowohl für demokratische als auch für faschistische Staatsformen unabdingbare Rechtsordnung, auf die Existenz einer intakten nationalen Moral, auf eine weitgehende gesellschaftliche Arbeitsteilung und darauf, daß die Nazis keine Monster, sondern normale Staatsbürger waren, erinnern an Zygmunt Baumans in Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung entwickelte Zivilisationskritik. Daß Hecker mit seinem Buch dennoch nicht wie Bauman zum Star der globalen Soziologen-Community werden wird, liegt an den unterschiedlichen Schlußfolgerungen, die die beiden Autoren aus ihren Faschismusanalysen ziehen. Während Baumans Faschismustheorie unter Mißachtung der eigenen Forschungsergebnisse in einer Apologetik der westlichen Demokratien und des ihnen eigenen Pluralismus mündet, liefern Heckers Klarstellungen zum Faschismus die Grundlage für eine radikale Demokratiekritik. Über den ideologischen Gehalt des bürgerlich-demokratischen Antifaschismus klärt er ebenso auf, wie über dessen praktisches Kredo, das in Deutschland und in anderen europäischen Ländern erfolgreich zur Anwendung kommt: „Faschismus bekämpft man, indem man ihn durch die Leistungen demokratischer Politik überflüssig macht.“

Besonders erfreulich ist Heckers Kritik an der lange Zeit den linken Antifaschismus prägenden Dimitroffschen Faschismustheorie, die auch heute noch durch so manche linke Broschüre geistert. Die Versuche der kommunistischen Bewegung, mit dem Faschismus zu konkurrieren, anstatt über ihn aufzuklären, werden ebenso kritisiert, wie derdiesen Versuchen inhärente linke Nationalismus. Während die finanzielle Unterstützung der Nazis durch Teile der deutschen Industrie für Generationen linker Antifas der Beweis dafür war, daß Hitler nur der Erfüllungsgehilfe eines von den besonders reaktionären Kapitalfraktionen ausgearbeiteten Plans war, erkennt Hecker in dieser Unterstützung zu Recht den Beleg für die auch im Nationalsozialismus existierende relative „Souveränität des Klassenstaats“ gegenüber der Ökonomie. Die Bemühungen um Einflußnahme auf die Politik, sind gerade ein Zeichen dafür, „daß die Staatsmacht in ihrer Trennung vom Gang der Geschäfte für diesen wichtig ist.“ (S. 60)

Hecker kommt ohne eine systematische Verarbeitung der zahlreich vorhandenen einschlägigen Sekundärliteratur zum Thema aus. Er begnügt sich bei den meisten seiner Ausführungen mit der Interpretation nationalsozialistischer Quellen von Hitlers „Mein Kampf“, bis hin zu den Äußerungen nationalsozialistischer Ökonomen und Wirtschaftsführer. Sein Buch, das in vier Teile über den Begriff des Faschismus, Hitlers Vorstellungen als Politiker, demokratische Faschismustheorie und demokratische Vergangenheitsbewältigung gegliedert ist, bietet über weite Strecken das, was man sich von einer Veröffentlichung aus dem Gegenstandpunkt-Verlag erwartet: radikale, kenntnisreiche, um Aufklärung bemühte, zuweilen polemisch vorgetragene Kritik an Faschismus, Demokratie und den idealistischen Vorstellungen von ihnen. Eine Kritik an Hecker kann sich daher weitgehend nur auf einzelne Aspekte beziehen. Einige dieser Aspekte sind für eine Faschismustheorie durchaus zentral; andere erscheinen vor dem Gesamteindruck des Buches eher nebensächlich.

Da wird beispielsweise der gesamten kritischen Faschismustheorie inklusive der „Marburger Schule“ bescheinigt, Faschismus immer nur als „die Negation des demokratisch Guten“ (S. 11) behandelt zu haben, obwohl in einem der wichtigsten Werke dieser Richtung, bei allem realpolitischen Demokratie-Idealismus seines Autors, Faschismus und Demokratie schon im Titelals zwei sich bedingende und ergänzende „Formen bürgerlicher Herrschaft“ begriffen wurden. Die Kritische Theorie glaubt Hecker ausgehend von einer billigen Polemik gegen die von Adorno postulierte Unmöglichkeit des Dichtens nach Auschwitz locker erledigen zu können und handelt ihre Faschismusanalyse auf Grund recht gewollt anmutender Mißverständnisse unter der Rubrik „Der philosophisch-theologische Ansatz“ (S. 263) ab. Mit Begriffen wird zum Teil so leichtfertig umgegangen, daß aus der industriell betriebenen Judenvernichtung „das Judenpogrom“ (S. 142) wird, obwohl Hecker, was zahlreiche andere Stellen des Buches beweisen, die Unterschiede zwischen einem Pogrom und einer industriell betriebenen Vernichtungsmaschinerie duchaus geläufig sind. Der Einfluß rassistischer Theoretiker auf das Bild, das Hitler sich von den Juden zurechtgelegt hat, wird geleugnet, ohne Personen wie beispielsweise Lanz v. Liebenfels überhaupt zu erwähnen. Die sogenannten „Wiedergutmachungszahlungen“ des postfaschistischen Deutschland an Israel werden zu einem „freiwilligen Akt“ (S. 274) umgebogen. Die Kritik der nationalsozialistischen Herrschaft als Willkürherrschaft wird zwar richtig als Demokratieverherrlichung mittels Abgrenzung gegenüber dem Faschismus kritisiert; die tatsächliche, schon von Neumann konstatierte Verdoppelung in einen Rechts- und Willkürstaat, deren Feststellung nicht zwangsläufig auf eine Apologie des Rechtsstaats hinauslaufen muß, sondern rein analytisch Verwendung finden kann, wird dabei aber gänzlich außer Acht gelassen. Im weiteren wird behauptet, daß im Nationalsozialismus „in den Alltagssorgen der Regierten die großen Pläne der Regierenden ja wirklich nicht im Klartext aufzufinden (sind)“ (S. 256), was neueren Forschungen, etwa von Manoschek oder Goldhagen, die zeigen, daß selbst noch der Vernichtungsantisemitismus den Regierten ein ebenso großes Anliegen war, wie ihre normale alltägliche Behauptung im Führer- und Volksgemeinschaftsstaat, widerspricht.

Besonders ärgerlich ist Heckers Kritik an jenen Antinationalisten, die die Untersuchungen zum und die Kritik am deutschen Sonderweg ins Zentrum ihrer Theorie und Praxis stellen. Zwar teilt Hecker mit den Antideutschen die Einschätzung und Ablehnung der deutschen Wiedervereinigung als „Revision des bedeutendsten Kriegsresultats“ (S. 272), dennoch bleibt ihm eine antideutsche Orientierung völlig unbegreiflich. Seine Kritik an dieser radikalsten Form des Antinationalismus resultiert nicht aus einer Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Argumenten der Antideutschen, sondern aus der Ablehnung von zuvor selbst konstruierten Positionen, die als Argumente der Antideutschen ausgegeben werden. Es wird ihnen unterstellt, ihre Position nicht mehr mit Argumenten zu begründen, sondern nur noch von einem „moralischen Deutschland-Haß“ (S. 269) getrieben zu sein, der sie zu der These von der Existenz eines übergeschichtlichen „unverbesserlich bösartigen Volkscharakters“ (S. 262) der Deutschen führe. Die Zurückweisung dieser These bereitet dann keinem anti-antideutschen Kritiker mehr Probleme. Mit der Masche, Dinge zu kritisieren, die sowieso niemand behauptet hat, weicht Hecker der Auseinandersetzung mit den Analysen zu den deutschen Besonderheiten wertförmiger Vergesellschaftung und den ihnen entsprechenden Modifikationen staatlicher Herrschaftsformen aus.

Ebenso problematisch sind Heckers Ausführungen zur angeblichen Notwendigkeit der Aufbietung ausgereifter Überredungs- und Überzeugungskünste, um aus Staatsbürgern Nationalisten zu formen. Er gibt Hitler mit seiner Annahme, die „nationalistischen Reaktionen“ würden sich „gerade nicht zwangsläufig einstellen“ (S. 182) recht. Auch wenn die massive Agitation für diese „nationalistische Reaktion“ im nationalsozialistischen Sinne ebenso stattfand, wie heute tagtäglich das Werben für den demokratischen Nationalismus zu beobachten ist, stellt sich die Frage, ob Staatsbürger nicht prinzipiell, jenseits nationalistischer Agitation, nur als geborene Nationalisten zu haben sind. Das würde bedeuten, auch ohne Agitation sind Menschen, die sich als Staatsbürger begreifen, immer schon Nationalisten. Wenn das stimmt, kann man demokratischen oder faschistischen Nationalisten ihren Nationalismus auch nicht einfach, wie Hecker sich das vorstellt, „als Fehler (vorrechnen), der sie teuer zu stehen kommt.“ (S. 222) Als Individuum, das seine Interessen in der bürgerlichen Gesellschaft artikuliert, artikuliert der Mensch sich immer schon als fetischistisches bürgerliches Subjekt, dem der positive Bezug auf Warentausch und nationalstaatliche Herrschaft selbstverständlich ist. Dem Subjekt, das im Wertfetischismus verhaftet bleibt, kann man kommunistische Kritik nicht „vorrechnen“.

Für Hecker klingt das Beharren auf der konstitutiven Kraft des Fetischismus für die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft vermutlich wie für seine Genossen vom Gegenstandpunkt (4/96, S. 85) nach dem Abstreiten der Möglichkeit von Erkenntnis innerhalb der wertförmigen Vergesellschaftung. Tatsächlich geht es bei dem Versuch, werttheoretische und -kritische Überlegungen — mithin die Theorie des Fetischismus — in jegliche Analyse, also auch die des Faschismus und der falschen demokratischen Kritik an ihm, einzubeziehen, nicht darum, die Möglichkeit von Erkenntnis und daraus resultierender Kritik zu leugnen, sondern die Bedingungen, unter denen Erkenntnis und Kritik stattfinden müssen und die Schwierigkeiten, die sich aus diesen Bedingungen ergeben, aufzuzeigen.

Unabhängig davon beweist Heckers Buch, daß auch jenseits einer an der Theorie des Fetischismus orientierten Wertkritik bei einer marxistischen Faschismus- und Demokratiekritik trotz Fehlern, Übertreibungen und Verallgemeinerungen viel Nützliches herauskommen kann, das weit über die bisherigen dogmatisch-parteikommunistischen Faschismus- und Demokratietheorien hinausweist.

zuerst erschienen in Unitat 1/1998


Konrad Hecker: Der Faschismus und seine demokratische Bewältigung. Gegenstandpunkt Verlag, München 1996, 352 Seiten, 30,— DM

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