FORVM, No. 415/416
Juli
1988

Ferien vom Ich

„Eines Abends ging Hitler in ein Kino, in dem Kellermanns ‚Tunnel‘ gegeben wurde“, erinnert sich ein Mitbewohner des Wiener Obdachlosenasyls aus dem Jahr 1913, „Hitler wurde fast verrückt. Der Eindruck war so stark, daß er tagelang von nichts anderem sprach“ (Domarus, „Hitlerreden“ 44) und dreißig Jahre später noch seinen Rüstungsminister Speer zum Staunen darüber bringt, „wie oft Hitler von Kellermanns ‚Tunnel‘ ... als einem seiner großen jugendlichen Leseeindrücke schwärmte“ („Spandauer Tagebücher“ 460).

Speer hätte nur einen Blick hineinwerfen müssen. In der ersten Zeile schon schlägt Kellermann jenes Leitmotiv an, das Hitler zeitlebens fasciniert und fascinieren läßt: Den Superlativ. „Das Einweihungskonzert ... war eines der außerordentlichsten Konzerte aller Zeiten“ [*] und ist doch nur ein Vorspiel zum „größten Mann aller Zeiten“ (49) mitsamt dem „größten und kühnsten Projekt aller Zeiten“ (36): Ein Ingenieur mobilisiert die Massen und Milliarden für seinen Plan eines Tunnelbaus zwischen Europa und den USA.

Daraus läßt sich ein Film machen. Der Aufstieg des Helden führt aus der Kinderarbeit in der Kohlengrube quer durch den Kostümfundus hinauf bis zum „geißelschwingenden Phantom über der Erde“ (127), Hunderttausende von Arbeitern marschieren zu Massenszenen auf und die Katastrophe des größten Unfalls aller Zeiten läßt auch nicht lange auf sich warten. Aber der Held hält stand, sein Wille findet Ruhe erst im Triumph des gelungenen Werks.

Das Szenario liest sich gespenstisch prophetisch, nur am Schluß kann Kellermanns Geschichte mit der Weltgeschichte nicht länger mithalten und beruhigt sich in der Fiktion, es gäbe ein Ende, gar ein glückliches. Es gibt aber nur ein Buchende, die Fiktion ist aus der Not eines Literaten geboren, dessen Sujet die eigene Kunstform sprengt: Hat die Handlung sich einmal mit dem Superlativ identifiziert, dann entrinnt sie seiner Konsequenz nicht und muß jede „größte Tat aller Zeiten“ von gestern durch eine noch größere größte Tat von heute überbieten und sich allerlei Gedanken für morgen machen.

Kellermann folgt dieser Logik, soweit er ihr auf dem Papier folgen kann, er wirft „ungeheure Menschenmassen“ (87) aus seiner Tastatur und in eine „Raserei“ (57), die als Kraftwerk sui generis immer neue und stärkere Energien freisetzt. Die Masse macht den Superlativ wahr, dies ist Kellermanns Entdeckung. Aber Kellermann macht nicht die Masse wahr. Dazu bedarf es anderer Künste und Künstler.

„Aber niemand bezahlt mir etwas für meinen Mist“, klagt Kellermanns Schriftstellerkollege Joseph Goebbels am 13.8.1924 seinem „Beichtvater“, dem Tagebuch. [**] „Deshalb komme ich auch im Leben zu nichts. Dieses haltlose Phantasieren in die Zukunft hinein“ treibt den 27jährigen immer verzweifelter hin und her zwischen Manie und Depression, zwischen Bewegungswut und Lähmung. Zehn Tage später findet er den erlösenden Halt, er hält seine erste Rede. „Ein junger Mensch saß direkt vor mir, und ich merkte, wie beim Reden seine Augen anfıngen zu glühen. Seine innere Glut schlug wieder auf mich über“ und nun geht das Spiel nicht mehr kräftezehrend zwischen Manie und Depression innerhalb einer Person hin und her. Sondern aufheizend zwischen zwei Feuern, die alles Lähmende irgendwie verbrannt haben müssen.

Natürlich redet Goebbels auch nach seiner Erweckung noch denselben Mist, den ihm vorher niemand abgenommen hat, aber auf den Inhalt kommt es offenbar nicht an. Inhalte sucht der Leser in Goebbels’ Tagebuch ebenso vergeblich wie in der NS-Programmatik insgesamt, die allen alles verspricht und deshalb wegen ihrer gänzlichen Leere — auch ihren Gegnern — keines Gedankens würdig schien. Aber gerade in der Leere liegt der Schlüssel. Inhalte, gleich welche, stehen dem Phantasieren im Wege. Und im Beiseiteschaffen der Inhalte findet der Faschismus seine Kraftquelle. „Man muß einen Gegner totschweigen oder totschlagen“, resumiert Goebbels auf halbem Weg am 13.3.1937, „und die Defaitisten zerquetschen“ (15.3.1936).

Denn es darf nur Gegner geben. Und die Defaitisten sind die gefährlichsten, weil und sofern Defaitismus mit Bedenklichkeit zu tun hat. „Nur nicht ins Denken kommen. Arbeiten, arbeiten!“ (31.12.1928) „Strich drunter! Weitergehen! Arbeiten!“ (11.3.1929) „Weitergehen! Nicht umschauen!“ (11.4.1929) Warum nur nicht, was gäbe es denn da zu sehen? Außer den Opfern am Wegrand?

Nichts gäbe es da zu sehen, die Furien des Verschwindens hetzen hinter Goebbels und den Seinen her. „Wir sind alle krank. Wir werden innerlich aufgefressen. Vom Dämon. Das ist furchtbar!“ so furchtbar, daß der Dämon mitten im Text weiterfrißt und das Subjekt „wir“ zum Objekt „man“ zernagt: „Und man ist dem unentrinnbar ausgeliefert. Das ist noch grauenhafter. Man arbeitet, um sich zu betäuben! Nachdenken über sich selbst bringt Verzweiflung. Und so geht man weiter! Im selben Schritt und Tritt. Bis an das Ende! Bis an das selige oder unselige Ende!“ (4.1.1926)

Zunächst einmal bis an das selige Ende, bis dorthin, wo das „Innerliche“ aufgefressen ist und der „Dämon“ seinen Schrecken verliert, weil nichts mehr übrig ist, was er erschrecken könnte: Weil das Subjekt des Erschreckens, das schreckhafte Subjekt, sich dem Dämon gleichgemacht hat. „Ferien vom ich. Das tut not!“ (22.11.1929) Die Bildung eines Ich ist Goebbels mißraten, er hat keinen Stand in sich gefunden, aus dem er einen Gegenstand gestalten könnte oder einem Gegenüber begegnen. Er hat nur seinen Mist geschrieben und darf eine Frau nicht einmal aus der Ferne sehen. „Der Eros meldet sich, sobald ich eine Pause im Rasen mache ... Jedes Weib reizt mich aufs Blut“ (15.7.1926), aber er könnte sich „in sie fangen“ (26.3.1931) und nicht wieder loskommen. „Ich will nichts mehr von den Frauen wissen. Die Arbeit nimmt mich in ihre gütigen Arme“ (26.7.1929).

Diese Geliebte verheißt bessere, weil gesteigerte Freuden. Die „Arbeit“ lockt nicht nur mit Ferien vom Ich wie der Orgasmus, der kurze Dauer hat und obendrein in eine (Liebes)Geschichte mit all ihren Beschwernissen an Realität einbindet — die „Arbeit“ winkt mit Dauerferien vom Ich. Ihre Raserei nimmt kein Ende und läßt sich von nichts beschweren. Die Last des Subjekts verflüchtigt sich, und die des Objekts gleich mit: Jeder Gegenstand und jedes Gegenüber stört, weil der eine wie das andere an den mangelnden eigenen Stand erinnert und ihm zugleich Widerstand leistet.

Die Befreiung vom Ich und die Entleerung der Welt sind zwei Seiten desselben Prozesses, jenes Prozesses, innerhalb dessen alles Stehende und Ständische verdampft und aus dem Verdampfen neue Energie zieht. In den hin und her glühenden Augen der ersten Rede schmelzen alle herkömmlichen Differenzierungen und Grenzen innerhalb und zwischen Personen zu einem Nichts zusammen, das um sich greift und aus nichts und wieder nichts etwas macht, das Goebbels mit einigem Recht für eine welthistorische Novität hält. „Die Quintessenz des neuen Menschen stellen wir, wir jungen Männer ohne Tradition und Geschlecht“ (7.7.1924).

Ohne alles. Und das mit ganzer Kraft. „Ich bin der radikalste. Vom neuen Typ. Der Mensch als Revolutionär“ (30.7.1926).

Goebbels ist wortwörtlich der Radikalste, nichts weniger, weil nichts mehr. Er verkörpert jene Steigerung ohne Ende, die Kellermann nur auf dem Papier fingieren konnte, weil er als Schriftsteller noch jener Welt verhaftet war, aus der sein „Tunnel“ herausführen sollte. Kellermann ist ein Bürger, der isoliert an seinem Schreibtisch ein Buch verfaßt, das andere isolierte Bürger dann lesen. Goebbels scheitert als Buchautor, er hat nicht die Ruhe, sich in die Vermittlungen eines Gegenstandes einzulassen, weder am Schreibtisch noch in der Politik. „Wir brauchen heute keine Politiker, sondern Fanatiker und Berserker“ (28.5.1925). Ganz so neu ist der Neue Typ mithin auch wieder nicht, er räumt nur ab, was in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit über den Berserker hinausgeführt hat.

Aber Goebbels räumt ab wie kein anderer. Die Konkurrenz ist groß in den zwanziger Jahren, allerorten schießen Kampfblätter nationalrevolutionärer Zirkel aus dem Boden. Ihre militärisch knappen Titel („Die Tat“, „Der Aufbruch“, „Die Entscheidung“) benennen weder ein Ziel („Der Angriff“, „Der Vormarsch“, „Der Widerstand“) noch einen Adressaten („Die Kommenden“, „Der Vorkämpfer“, „Der junge Kämpfer“), nirgends beschwert ein Attribut den Tatendrang. Alle sind jung, alle wollen mit einem Schlag aus der Lähmung der alten Gesellschaft ausbrechen, alle haben denselben Gegner wie Goebbels: „Das feiste, feile, feige Krämerpack“ (24.4.1925), das bürgerliche Subjekt mitsamt seiner Gesellschaft.

Allenfalls E. Jüngers „Vormarsch“ jedoch könnte im Radikalitätswettstreit mit Goebbels’ „Angriff“ mithalten (und kann es nicht, weil Jünger die Welt auch nur am gut bürgerlichen Schreibtisch in die Luft sprengt). Alle anderen machen sich doch ihre, wie immer vagen, Gedanken über das Wozu und Wohin. Die Kampfblätter variieren das Thema eines nationalen Bolschewismus, v. Salomon stammelt etwas von preußischem Sozialismus, W. Rathenau vom Wachstum der deutschen Seele. Goebbels kennt nichts dergleichen, seine Revolution läßt sich von keinem Inhalt aufhalten.

Auch nicht von taktischen Zögerlichkeiten. „Ihr verdammten Spießer!“ (16.4.1925), tobt der Norddeutsche aus seinem Elberfelder „Mekka des deutschen Sozialismus“ (11.2.1926) gegen die „verkalkten Bonzen in München“ (21.8.1925), in der Zentrale der eigenen Partei. Während er sich von Rede zu Rede überschlägt — „‚Die Radikalisierung des Sozialismus‘. Ein prachtvolles Thema“ (9.12.1925) —, „sind und bleiben die Münchner doch alle Bürger“ (5.6.1929). Alle? „Hitler redet. 2 Stunden. Ich bin wie geschlagen. Welch ein Hitler? Ein Reaktionär?“ Die ganzen zwei Stunden lang hat Hitler gegen die Fürstenenteignung im besonderen und den Bolschewismus im allgemeinen gewettert, „grauenvoll ... Unsinn, du siegst! Ich kann kein Wort sagen!“ Erst anderntags findet er die Sprache wieder und sammelt seine Getreuen. „Das Resultat: Wir sind Sozialisten. Wir wollen es nicht umsonst gewesen sein!“ (15.2.1926)

Es soll sich auszahlen für den eigenen Seelenhaushalt. Der parteiinterne Kampf wird noch Jahre dauern und etliche Köpfe kosten. Aber als er (im sog. Röhm-Putsch) entschieden wird, geht Goebbels gemeinsam mit Hitler über die Leichen seiner ehemaligen Mitrevolutionäre und fühlt sich immer noch als „Sozialıst“. Denn seine „Radikalisierung des Sozialismus“ hat auch dem Sozialismus von Anbeginn die Inhalte ausgetrieben und wegradikalisiert. „Im Rhythmus des Gleichschritts siegt die Idee. Gemeinsamkeit. Sozialismus!“ (7.12.1925). Der Rhythmus des Gleichschritts ist die Idee, darüber herrscht zwischen Hitler und Goebbels keinerlei Dissens, ihr zeitweiliger Streit geht nicht um Inhalte, er geht um die Rasanz, mit der alle Inhalte beiseite geschafft werden: Mit der alles Widerständige niedergetrampelt und alles Selbständige ins Marschieren gebracht wird. „Hitler cunctator!“ (12.6.1930) „Der Zauderer! Der ewige Hinhalter!“ (29.6.1930) „Wir warten, warten. Wann endlich geht der Führer gegen England los?“ (29.7.1940)

„Die deutsche Öffentlichkeit ist in Siedehitze. Alle hatten gefürchtet, England würde die Friedenshand des Führers ergreifen“ (24.7.1940) und der Raserei ein Ende bereiten. Goebbels’ Ungeduld mit Hitler und seine Furcht vor einem mangelnden Gegner entspringen nicht einer Abwägung der Machtverhältnisse und Flottenstärken, sie haben ihren Grund in der Charakterstruktur der Masse. „Die Revolution muß marschieren“ (28.10.1929), sie kann und darf nicht einhalten, denn „die Idee muß rein und kompromißlos bleiben“ (5.11.1929). Und umgekehrt, die Reinheit — vom Ich — wird nur durch Dauerbewegung gesichert, die ihr mangelndes Ziel durch die Steigerung ihrer Selbst und ihrer Gegnerschaft ersetzt.

„Sportpalast wieder einmal überfüllt wie nie“ (22.11.1930), also wie immer, jede Masseninszenierung muß die vorige überbieten und ist deshalb immer „wieder einmal wie nie“, unentwegt ruft Goebbels zum „größten Massenappell, den die Welt jemals gesehen hat“ (8.4.1933). Bis sich schließlich „ein ganzes Volk in Bewegung setzt“ (30.4.1933). Dann ist der Zahlenrausch fürs Erste an seinen Grenzen angelangt, noch mehr können nicht marschieren. Aber sie können sich in eine anderen Rausch steigern, der keine Grenzen kennt. „Die Riesenarena dröhnt vor Wut und Haß und Rachegeschrei“ (22.11.1930), „es herrscht ein unbeschreiblicher Taumel der Verzückung ... Viele sind ganz außer sich“ (22.2.1932) und wollen gar nicht mehr zurück. Sie „rasen eine ganze Stunde in einer Art Besinnungslosigkeit“ (27.2.1932) und „sinnlosem Taumel. So muß das bleiben“ (11.2.1933).

So kann das aber nur bleiben, wenn Hitler endlich gegen die Reaktionäre losgeht, oder gegen England, oder gegen wen immer. „Der Führer will jetzt ... über seine nächsten außenpolitischen Maßnahmen nachdenken. Vielleicht kommt die Tschechei dran ... Vielleicht auch die Ukraine“ (1.2.1939). Es ist ganz gleichgültig, wer als nächster drankommt, Hauptsache daß.

Denn aus Nichts macht nicht einmal Goebbels Masse. „Es fehlt doch der Krieg für die Darstellung des Krieges (in der Propaganda J. L.). Diese Zwischenzeiten sind für uns immer die schwersten“ (22.7.1940). Zwar kann die erlahmende Bewegungswut durch allerlei Surrogate wie Reichsparteitage und Heldengedenken noch eine Weile gestreckt werden, aber „wir feiern zuviel ... Das Volk lacht darüber“ (3.7.1936). Und Schlimmeres kann gar nicht passieren, in der Distanz des Lachens steht jenes Subjekt wieder auf, das zuvor in der Masse untergegangen war. Erst der Krieg treibt ihm das Lachen wieder aus, „unvorstellbare Ovationen. Eine richtige Kampfversammlung wie in der alten Zeit“ (20.1.1940).

Die faschistische Masse ist der Krieg. Sie ist keine revolutionäre Masse, die unter den Fahnen eines Ideals die Bastille oder das Winterpalais stürmt, sie ist der nackte Krieg, der zuallererst die Frage nach Sinn und Zweck erschlägt. Goebbels’ Agitation hat den Krieg nicht nur zum Inhalt, sie führt ihn zugleich, „wir hetzen aus allen Rohren“ (13.6.1940), belegen das Publikum mit einem „Trommelfeuer von Propaganda“ (5.8.1940), schlagen einen „Anti-Lügen-Feldzug“ (16.4.1940) um den nächsten „Greuelfeldzug“ (31.5.1940), und wenn der Gegner, das Urteilsvermögen, sich immer noch nicht geschlagen gibt, „bombardiere ich noch eine Stunde“ (9.3.1929). Die Differenz zwischen Form und Inhalt fällt und reißt die Fähigkeit zur Differenzierung mit sich. Das Subjekt wird zum Reflex zusammengeschlagen, der dann selbst vermittlungslos zuschlägt. Wo Ich war, wird wahrhaft ein Es, das nicht handelt, sondern sich mit seinesgleichen kurzschließt und niedermacht, was noch nicht seinesgleichen ist. „Und er suchte, wen er verschlinge“ (27.3.1926).

Er findet genug, zuerst einmal sich selbst, dann den ersten Zuhörer, dann das ganze Volk. Der Führer ist in eigener Person Masse, er redet seine Klientel in Bewegung dadurch, daß er seine ganz eigene Bewegungswut freiläßt. Goebbels macht nicht Propaganda, er ist Propaganda, lebt seine eigene Botschaft. Seine Raserei überrennt sein Publikum heute wie dessen Raserei morgen die ganze Welt.

Freilich beherrscht Goebbels die Klaviatur wie kaum ein anderer, seine Inszenierungen sind bis ins Detail ausgefeilt und ihre Wirkung wird mit einem Auge ständig überwacht: „Der Sportpalast gleicht einem Irrenhaus“ (15.9.1930). Das mag schon sein, aber Goebbels stellt die Diagnose nicht aus der Distanz des Nervenarztes. Denn mit dem anderen Auge sieht er mitten im allgemeinen Irrsinn jenen, der ihn erst verallgemeinert, am Rednerpult rast er selbst, „ich zittere vor Erregung“ (ebd). Nicht vor gespielter Erregung. Mögen seine Posen noch so raffiniert einstudiert sein, sie werden Wirklichkeit, sobald das Auditorium sie nachahmt und zurückspiegelt. Wenn sie außer sich geraten und stundenlang toben, dann hat der Schauspieler in ihm seine Schuldigkeit getan und der ganze Goebbels geht im Schauspiel auf. „Eine meiner besten Reden. Das Ende: Ein einziger Aufschrei. Ich bin wie aus dem Wasser gezogen“ (18.6.1929) und vielleicht nicht nur vom Schweiße naß.

Dazu braucht er die numerische Masse. In ihr begegnet er sich selbst, mit ihr umarmt er sich selbst. „90% des deutschen Proletariats ist auch nur ein Scheißhaufen. Warum kämpfe ich? Aus Mitleid? Nein, weil ich dem Dämon in mir gehorchen muß!“ (4.4.1925) Nein, weil er dem Dämon gehorchen will, weil er gelernt hat, welche Genüsse der Dämon ihm bietet: Die Dauererregung der Dauerferien vom Ich. „Das Volk ... ist ja so primitiv“ (28.6.1931) und die eigene Gefolgschaft ist noch viel primitiver, „wollen wir die Partei intakt halten, dann müssen wir jetzt wieder an die primitiven Masseninstinkte appellieren“ (4.9.1932). Aber gerade die Primitivität lockt, ihr Bad reinigt von jenem Ich, das sich in der Verachtung schon wieder zu Wort meldet. „Ein brodelndes Menschenmeer“ (1.4.1936), „wir schwimmen alle im Glück“ (8.3.1936). Im Glück des Vergessens, das sich aufstuft und auch vergißt, daß das Stück nur auf der „großen Bühne des Nationalsozialismus“ (24.2.1933) spielt, im Sportpalast.

„Es geht von dieser Halle ein eigentümliches Fluidum aus. Wenn man sie bei Überfüllung betritt, wird man sofort davon berührt und empfangen ... Vor diesem Publikum zu sprechen, ist ein Hochgenuß. Man vergißt dabei Zeit und Raum.“ (23.6.1932)

„Wie lange kann man das noch steigern?“ (22.11.1930) Solange man noch einen Gegner hat. „Aber dann? Bange Frage“ (2.12.1930). Goebbels wähnt die Nazi ein wenig zu früh schon an der Macht, aber sein Weitblick macht ihm mit Recht bange. „Ein Nationalsozialist fühlt sich nur wohl, wenn er kämpfen kann“ (10.7.1932). Deshalb darf er den Kampf nicht gewinnen. Deshalb brechen die härtesten Zeiten für Goebbels nicht etwa nach den Niederlangen an — sie vervielfachen nur seinen Elan —, sondern nach den Siegen. Drei Wochen ist der Krieg gegen Frankreich eben vorüber, „aber diese Ruhe hält man nicht lange aus. Was werden wir erst mit dem Frieden anfangen?“ (12.7.1940)

Irgendwie müssen sie die lästigen Pausen überbrücken, „immerzu am Schreibtisch. Man wird das so müde“ (3.3.1937). Aber dann. „Jetzt ist Schluß mit den Denkschriften, jetzt wird wieder gearbeitet“ (13.12.1932). Denken könnte dabei nur stören, und die Schrift bekommt der Rede schlecht. Goebbels feiert einmal mehr einen „einzigen rednerischen Triumph“, aber aus Versehen geht die Mitschrift unkorrigiert an die Presse: „Das ist eine furchtbare Pleite“ (13.2.1937). Der Text ist Wort für Wort derselbe, aber der Adressat sitzt nicht im Sportpalast. Und je besser eine Rede dort beim Zuhörer ankommt, desto tiefer nickt ein Leser über ihrer Lektüre ein (wie über der des gesamten nationalsozialistischen Schriftguts). Denn „Propaganda heißt Wiederholen, ewig wiederholen“ (8.2.1940).

Die Sportpalastrede hat keinen Gehalt, dazu ist sie da, sie soll vergessen machen. Und die Propaganda insgesamt wird zwar mit dem Kopf gemacht, aber sie ist so wenig Kopfarbeit im herkömmlichen Sinn wie Arbeit überhaupt. Sie hat kein Subjekt, sie hat keinen Gegenstand, sie hat kein Ende, alle Vermittlungen lösen sich in der einen Raserei auf. In der Raserei des Fortschritts. Goebbels’ „Arbeit“ gleicht frappant der „Arbeit“ in der Großen Industrie und im Großen Bureau. Nicht nur die Propaganda wiederholt ewig dasselbe, auch am Fließband und im Aktenfluß sehen die dort Tätigen keinen Gegenstand und kein Ende des ewig selben Handgriffs.

Goebbels kann die Bewegungswut nur steigern, er kann sie nicht schaffen. Die Gegenstände müssen erst andernorts zerrissen und die Subjekte müssen erst andernorts zerrieben sein, bevor sein Haß auf alle Gegenstände und Subjekte offene Ohren findet. Die Masse als Charakterstruktur wird nicht aus dem puren Nichts geboren, sondern aus der fortschreitenden Vernichtung alles In-sich-Stehenden durch die Großtechnik, deren Maschinerie weder in der Natur einen Stein auf dem anderen läßt noch bei ihren Bedienern einen Gedanken auf dem anderen. Der moderne Berserker kommt geradewegs aus der technischen Produktion.

Und wird von der technischen Reproduktion empfangen. Goebbels’ Propaganda ist die Wiederholung der Wiederholung, sie läßt das ewig Selbe ein zweites Mal auf die schon Angeschlagenen los. „Der Rundfunk ist unser schärfstes Kampfinstrument“ (19.12.1939), „und wie immer herrliche Wochenschauen. Das ist Tempo, Schmiß, Zeitgeist“ (10.6.1933). Wie immer.

Die Technik schleift nicht nur die ganze Person zur Bewegungswut ein, sie öffnet dieser Wut auch ein (beinahe) grenzenloses Spiel- resp. Schlachtfeld. „Wie lange kann man das noch steigern?“ Solange die gegnerische Armee den Kinosaal noch nicht besetzt hat.

Goebbels’ Wahrnehmungsfähigkeit war immer schon auf Bilder beschränkt, er bezieht seine Informationen aus Greuelschilderungen und Pamphleten. „Ich lese ‚Fabrik des neuen Menschen‘“, eine Hetze gegen die Sowjetunion, „man wird von Grauen über den Bolschewismus erfaßt. Das muß an die Wand gequetscht werden. Wie eine Spinne. Es darf nichts davon übrig bleiben. Gar nichts!“ (8.6.1936) Ganz so geschwind geht es noch nicht, erst kommen neue Bilder dazwischen. „Der Führer hat Stalin in einem Film gesehen, und da war er ihm gleich sympathisch. Da hat eigentlich die deutsch-russische Koalition begonnen“ (15.3.1940).

Aber die ganze Macht über die Realität gewinnen die Bilder erst, wenn sie nicht nur der Wahrnehmung Ferien von den Gegenständen gönnen, sondern auch der Handlung: Wenn sie die Spinne an die Wand malen und zugleich auf der Wand zerquetschen, an die Leinwand und auf der Leinwand. Die Bilderwelt räumt die Widerstände von Zeit und Raum endgültig beiseite, sie überbietet selbst den Sportpalast. Schließen sich dort Führer und Masse in der gemeinsamen Vernichtungsphantasie kurz, so fallen im Film zusätzlich die Vermittlungen zwischen Wunsch und Erfüllung. Der Krieg hat noch kaum begonnen und „England ist im Denken des Führers schon überwunden“ (16.8.1940). Nicht nur im Denken des Führers, auch auf den Schneidetischen der Filmstudios werden ganze Wochen zu einer Wochenschau zusammengeschnitten und als Waffe ins Gefecht geworfen. „Die Wehrmacht ist jetzt mit dem Kranz der Unbesiegbarkeit bekränzt. Das ist auch ein Kampfmittel“ (15.5.1940). Aber eines, das in der eigenen Hand explodieren kann. Das Publikum läßt sich vom Geschwindigkeitsrausch der Bilder über Gebühr anstecken, bisweilen muß selbst Goebbels „da etwas abbremsen“ (30.6.1941): „Der Illusionismus im deutschen Volk ist wieder bedenklich gestiegen. Dagegen muß man angehen.“ (12.12.1940)

Solange man kann. Wie im Sportpalast steuert Goebbels den Irrsinn nicht nur, er verliert mitunter selbst den Überblick. „Wir haben die Welt mit einer Gerüchteflut erfüllt, daß man sich selbst kaum noch auskennt“ (18.6.1941) und in Gefahr gerät, die letzte noch existierende Differenz zu vergessen. „Wochenschau ... Das ist das wahre Gesicht des Krieges“ (21.4.1941).

Ganz sicher ist sich Goebbels seiner Wahrheit zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, zu unüberhörbar kehrt die verdrängte Realität wieder, „ich schaffe meine gesamten Tagebücher in die Tresore der Reichsbank. Gegen Feuer und Bombenangriffe“ (29.3.1941). Nun wird ihm wiederum bange, und diesmal nicht vor dem Frieden, vor der Zwangsruhe. Sondern vor dem Überdrehen der Geschwindigkeit. „Das ist etwas atembeklemmend“ (6.4.1941) in Nordafrika, Rommel „geht fast zu schnell und zu weit“ (12.4.1941), „es wird einem fast angst und bange bei diesem rasenden Vormarsch“ (15.4.1941).

Wie er seiner Angst Herr wird, läßt sich nur vermuten, der jetzt publizierte Teil der Tagebücher endet mit dem Jahr 1941. Aber nichts deutet darauf hin, daß Goebbels einen anderen Weg einschlagen wird als sein Herr und Meister: Den endgültigen Einstieg in die Bilderwelt, die sich von aller Realität löst und die Geschwindigkeit im Trickfilm explodieren läßt. Der Film, den A. Speer im engeren Führungszirkel mit ansieht, nimmt seinen Ausgang bei der realen Bombardierung Warschaus:

„Man konnte ... die ins Riesige anwachsende Explosionswolke in einer durch filmische Raffung bewirkten Steigerung verfolgen. Hitler war fasziniert. Den Abschluß des Films bildete eine Montage, in der ein Flugzeug sich auf die Umrisse der britischen Insel stürzte; ein Feuerschlag folgte und die Insel flog zerfetzt in Stücke. Hitlers Begeisterung kannte keine Grenzen mehr: ‚So wird es ihnen ergehen!‘, rief er hingerissen aus, ‚So werden wir sie vernichten!‘“ („Erinnerungen“ 241).

Denn aus dem Superlativ läßt sich nicht nur ein Film machen, aus dem Superlativ läßt sich am Ende nichts anderes machen als ein Film.

[*Bernhard Kellermann, Der Tunnel. Der Bestseller wurde 1913 publiziert (und 1931 schon im 283. Tausend aufgelegt), der Film kurz darauf gedreht. Ich zitiere nach einer Ausgabe der Buchgemeinschaft Donauland, Wien o.J.

[**Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente. Herausgegeben von Elke Fröhlich im Verlag K. G. Saur, München — New York — London — Paris, 1987

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)