MOZ, Nummer 54
Juli
1990
Rumänien:

Freies Wort und nichts zu essen

„Jos Komunismul“, „Nieder mit dem Kommunismus“. Trotz dieser in Bukarest allgegenwärtigen Parole wählten mehr als 2/3 der Rumän/inn/en die im Westen als kommunistisch verteufelte „Front zur nationalen Rettung“. Warum dies kein Widerspruch ist, klärt ein Blick hinter die Kulissen der Gesellschaft am Balkan.

Der Wahlkampf ist vorbei
Fotos: Hannes Hofbauer

Ein rumänisches Schicksal. Mit uns zu Tisch sitzt der 50jährige Alin Braileanu, Mitglied der Nationalen Bauernpartei, die vor dem Krieg zusammen mit den Nationalliberalen eine satte Mehrheit im rechtslastigen rumänischen Parlament besaß. Die nachrevolutionären Wahlen im Mai 1990 allerdings brachten den konservativen Bauern magere 2,5% der Stimmen.

Alin Braileanu ist Arzt und wohnt in einem der mitten in die alten Villenviertel hingeklotzten Hochhäuser, 7. Stock — der Lift ist schon lange vor dem letzten Erdbeben steckengeblieben. Sein monatlicher Lohn beträgt 5.000 Lei, zum Schwarzmarktkurs ganze 700 öS bzw. 100 DM.

Alin, den wir in der Parteizentrale von Ion Ratius Nationaler Bauernpartei kennengelernt haben, ist das exakte Gegenteil eines rumänischen Bauern. Mit seinem etwas längeren grauen Haar und der schräg auf dem Kopf sitzenden Baskenmütze erkennt ihn jeder hier in Bukarest als Intellektuellen.

„Am Anfang hatte ich noch Sympathie für die Front zur nationalen Rettung, bis ich bemerkt habe, daß sich dort nach wie vor die alte kommunistische Nomenklatura tummelt“, nennt er uns die Gründe, die ihn zur Bauernpartei gebracht haben.

Alin selbst war noch bis vor zwei Monaten KP-Mitglied. „Dann habe ich bei denen angerufen und gefragt, was ich mit meinem Parteiausweis machen soll, und die haben mir geantwortet: Verbrenn’ ihn!“ Ganz entschieden für die Bauernpartei hat er sich aber noch nicht. Die Wahlschlappe und das peinliche Auftreten des Parteiführers als protziger westlicher Kapitalist lassen Alin an seinem Entschluß zweifeln, am Aufbau der Nationalen Bauernpartei mitzuarbeiten. Ob er sich — später — eine Unterstützung von Iliescus Front zur nationalen Rettung vorstellen könne? „Wenn’s eine sozialdemokratische, ehrliche Partei wird — ohne alte Kommunisten -, könnte es schon sein, daß ich der Front beitrete“, antwortet er.

Seine Unentschlossenheit ist verständlich, wenn man die aktuelle und gesellschaftliche Situation in Rumänien gesehen hat. Politisch im Spannungsfeld zwischen Ost und West, gesellschaftlich am Rande des Abgrunds — das hat in Rumänien schon Tradition.

Auch in Alins Familie. Er stammt aus der rumänischen Oberschicht. Sein Vater war General. Bis zum Jahre 1944 ist er an der Seite Hitlers nach Stalingrad marschiert. Dann hat Rumänien die Fronten gewechselt. „Zu Kriegsende war mein Vater in Berlin, Seite an Seite mit der Roten Armee.“ Ein rumänisches Schicksal.

Explosiv und ...

Die Explosion der gesellschaftlichen Widersprüche zwischen Stadt und Land liegt in der Luft. Wenige Monate nach dem Sturz des Diktators zeigen sich Risse im System der Ernährung der städtischen Proletariermassen. Schon der freie Verkauf auch nur eines kleinen Teils der landwirtschaftlichen Produkte berührt einen der empfindlichsten Punkte der rumänischen Gesellschaft: Nach dem radikalen Bruch des „realen Sozialismus“ mit der althergebrachten ‚parasitären Stadt‘, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts uneingeschränkt über die Dörfer herrschte, stellt sich heute erneut handgreiflich die Frage, wer in diesem verarmten Land wen versorgen wird — um welchen Preis und nach welchen Regeln.

... unversöhnlich

Bis in die 40er Jahre war Rumänien eine informelle Agrar- und Erdölkolonie der europäischen Großmächte, die heimische Oberschicht lebte zumeist vom Grundbesitz und führte auf dieser Grundlage ein ebenso elegantes wie parasitäres Leben in den Städten. Hier sammelte sich jener Teil des in der Landwirtschaft erarbeiteten Reichtums, der nicht ins Ausland transferiert wurde. Die Ruinen dieser gesellschaftlichen Verhältnisse stehen heute noch, insbesondere in Transsylvanien, zur Besichtigung: In den gediegenen alten Stadtkernen der ungarisch, deutsch sowie jüdisch geprägten Städte sind Reichtum und Lebensstil der ehemaligen Oberschicht in Handel und Handwerk zu Stein erstarrt. Heute sind von dieser Schicht, die einst das Stadtbild prägte, nur noch Überreste aufzuspüren: ein weltgewandter ungarischer Herr, der in perfektem Österreichisch der Jahrundertwende erzählt, wie er sein Landhaus, freilich ohne Grund und Boden, über die Jahrzehnte vor der Verstaatlichung retten konnte — ihm selbst ist es allerdings nicht erspart geblieben, sich in der Justizverwaltung zu verdingen. Die ‚häusliche Hilfskraft‘ verschwindet, nachdem sie die Speisen aufgetragen hat, zu ihrer Familie in der Küche, um dort zu essen. Damals, so erzählt der Herr weiter, studierten wir alle in Wien und Budapest, jetzt, nach der Revolution, möchte er seine Verbindungen wieder nutzen, um den Großneffen an der Juridischen Fakultät in der ungarischen Hauptstadt unterzubringern.

Damals ... starben die Bauern — 80% der Bevölkerung — wie die Fliegen an der Mangelkrankheit Pellagra. Damals ... war das Land der größte Maisexporteur der Welt und betrug der Fleischkonsum in den Städten pro Kopf 52 kg im Jahr. Bauernaufstände wurden im Blut ertränkt, und die im Zeichen des Antibolschewismus Anfang der 20er Jahre durchgeführte Agrarreform brachte den Bauern angesichts von Entschädigungsforderungen nur neue Zahlungsverpflichtungen.

Bauern und Städter standen sich in Rumänien nicht nur materiell unversöhnlicher gegenüber als in jedem anderen europäischen Land. Sie waren durch Nationalität, Sprache und Religion klar voneinander getrennt, und die Vermischung beider sollte das Schicksal der Minderheiten in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu den heute erneut aufflammenden ungarisch-rumänischen Konflikten bestimmen.

Im Kreise der Eliten nämlich sammelte sich in der Zwischenkriegszeit der Kern der nicht-rumänisch sprechenden Bevölkerungsgruppen: 1 Million Deutsche, 1 Million Juden und 1 Million Ungarn, die Hälfte davon einfache Leute. Hinzu kam die rumänische Elite des Landes, die sich in der Verwaltung konzentrierte und ebenfalls rund eine Million zählte. Von ihrer wirtschaftlichen und sozialen Rolle her glichen diese Eliten tatsächlich einer kreolischen, das heißt ‚fremdrassigen‘ Oberschicht, wie man sie aus den Kolonien kennt: Vor Ort organisierten diese den Abzug der Ressourcen aus dem Lande, um so unter den gegebenen Verhältnissen selbst am besten zu überleben. Von ihrer Sprache, Kultur und Religion her völlig auf die Metropolen konzentriert, nahmen sie die Bauern als ‚vertierte‘ Wesen wahr.

Bukarester Hinterhof, fertig

Auf in die Städte!

Seit den 30er Jahren allerdings wurde die Explosivität und Unhaltbarkeit dieser erstarrten Verhältnisse immer stärker offenbar. In der nationalreligiösen „Legion des Erzengels Michael“, die hinter sich Hunderttausende zum Kampf entschlossene Bauern sammelte, in den Plänen der Nazis zur Umsiedlung oder Vernichtung des ländlichen Bevölkerungs‚überschusses‘, den sie mit einem Sechstel errechnet hatten, und schließlich in den US-amerikanischen Plänen zur kapitalistischen Zwangsmodernisierung des Landes hinter geschlossenen Grenzen: in alledem kündigte sich der kommende Bruch mit den altghergebrachten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen schon an.

Die stalinistisch-zentralistische Entwicklungslokomotive pumpte dann bis Anfang der 70er Jahre mehr als 10 Prozent der Landbevölkerung in die expandierende städtische Industrie. Als innerhalb des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) Anfang der 60er Jahre unter Federführung der Industriemächte UdSSR, CSSR und DDR der Versuch unternommen wurde, Rumänien erneut auf die Stufe eines agrarischen Hinterlandes hinabzudrücken, konnte die rumänische Führung dies erfolgreich abwehren.

1965 kam, zur Absicherung des eigenständigen Kurses, Ceausescu an die Macht. Nach einer Atempause in den 70er Jahren überschwemmte er die Städte mit einer neuen Welle proletarisierter Bauern — nun aber hielt die Industrialisierung selbst dieses Tempo nicht mehr mit. Der Stadtbevölkerung, die mittlerweile nahezu die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmacht, mangelt es heute an Arbeitsplätzen oder zumindest an Arbeit an diesen Arbeitsplätzen.

Die alte, parasitäre Stadt wurde im Verlauf dieser radikalen Umstrukturierung der Gesellschaft ausradiert, und mit ihr die Eliten, die das Machtzentrum der ehemaligen Gesellschaft dargestellt hatten. Die frühere rumänische Verwaltungsoberschicht führte in den vergangenen Jahrzehnten entweder ein Schattendasein in den eleganten Bukarester Villenvierteln der 30er Jahre oder hatte sich beim Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals schon in den 50er Jahren zu Tode arbeiten müssen. Die Juden wanderten im Angesicht der Erosion ihrer gesellschaftlichen Stellung nach Israel und den USA aus; heute leben nur noch 20.000 Juden in Rumänien. In den ehemaligen deutschen Städten Transsylvaniens zeugt ein überreiches Angebot deutschsprachiger Kochbücher und Literatur in den staatlichen Antiquariaten vom Massenexodus der Deutschen in den 80er Jahren, von den verbliebenen 200.000 haben 80 Prozent ihre Auswanderungsabsicht bekundet. Die Ungarn, ohne Auswanderungsventil und gesellschaftlich zunehmend isoliert, haben die Umwälzungen im Lande am schlimmsten erfahren. Spätestens die dritte Generation aus der alten Elite spürt, daß mit dem Dienstmädchen in der Küche nichts mehr stimmt — der Abstieg ohne Ausweg ist grausam, die repressive Nationalitätenpolitik Ceausescus in den letzten 20 Jahren tat ihr übriges.

Seit dem Sturz des Diktators flüchtet die jüngere Intelligenz verstärkt nach Ungarn. Begleitet wird sie dabei von den städtischen Mittelschichten: „Eine produktive Existenz in der ungarischen Provinz ziehe ich baumelnden Beinen in der staatlichen Apotheke von Tirgu Mures/Márosvasárhely tausendmal vor“, bekundet die Gattin eines ungarischen Stationsarztes. Der Budapester Intellektuelle auf dem Marktplatz der traditionsreichen siebenbürgischen Stadt spürt nur eines: den Dreck, den Balkan, die Rumänen. Schon der Weg durch die Vorstadtsilos macht klar: das rumänische Dorf hat die Stadt überschwemmt.

Der Stadt-Land-Konflikt ist damit keineswegs verschwunden, sondern nur gänzlich umgekrempelt. Das realsozialistische Entwicklungsmodell brachte zwar der Mehrheit der Bevölkerung ein, wenn auch kärgliches, Auskommen am Rande des Existenzminimums. Aber die Industrialisierung hat gleichzeitig die Bevölkerung selbst in Stadt- und Landbewohner gespalten. Schon in den 80er Jahren wurde unter der Decke der staatlichen Unterdrückung der Konflikt um die Verteilung der Ressourcen zwischen diesen beiden Gruppen immer spürbarer. Schuldenrückzahlung, Mißwirtschaft, Korruption und nicht zuletzt der Ausbau der glänzenden Fassade des Regimes ließen die Mittel knapper werden. Mit grobschlächtigen und drakonischen Methoden setzte der zentrale Apparat die Versorgung der Agrarexport-Industrie mit landwirtschaftlichen Produkten und der städtischen Bevölkerung mit einem Minimum an Nahrungsmitteln durch.

„Meine Hühner wurden gezählt, mein Küchengarten vermessen und die Ernteaussichten eingeschätzt, dann wurde mir vorgeschrieben, wieviel Eier und Kartoffeln ich in diesem Jahr abzugeben habe aus der Eigenproduktion — das war fast mehr, als ich überhaupt herausgebracht habe“, erzählt die Bäuerin auf dem Markt.

Palazzo prozzo, unfertig

Drahtseilakt ... ohne Fangnetz

Die wirtschaftliche Lage Rumäniens ist denkbar schlecht. Arbeitslosigkeit, Inflation und Außenhandeltsdefizit steigen, begleitet von einem Sinken der Produktion und der Arbeitsmotivation. Der Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftsordnung hat kein soziales Netz hinterlassen. Die Familie und die Parallelwirtschaft müssen weiterhin das nicht funktionierende Verteilungssystem der Waren und Dienstleistungen ersetzen.

Bedrückend ist die offensichtliche wie auch die verdeckte Arbeitslosigkeit. Im letzten 5-Jahres-Plan, zwischen 1985 und 1990, sollten jedes Jahr 400.000 Jugendliche einen neuen Arbeitsplatz erhalten. Mindestens eine Million jedoch sind arbeitslos geblieben. Jetzt drängen sich über 2 Millionen Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt, und es ist nicht verwunderlich, daß gerade diese Jugendlichen im Dezember 1989 auf die Barrikaden stiegen.

Seit Jahren schon schaffte die Inflation keine Arbeitsplätze, sondern nur Engpässe in der Versorgung und eine Ausdehnung der Schattenwirtschaft. Die letzten staatlich festgesetzten Lohn- und Rentenerhöhungen waren nicht mit einer Steigerung des Warenangebotes verbunden. Die Politik nahm keine Rücksicht auf die Ökonomie, und die proletarische Diktatur besann sich auf den Naturaltausch. Bis fast nichts mehr ging. Seit 1980 ist ein gewaltiger Anstieg der Schattenwirtschaft zu vermerken. Für offizielle Preise sind die Waren nur in den Morgenstunden nach langem Schlangestehen — auch für Milch und Brot — zu erhalten. Die Preise stiegen seither um das Zwei- bis Fünffache.

Sofort nach der Revolution 1989 stieg das Außenhandelsdefizit nach offiziellen Angaben um fast eine halbe Milliarde US-Dollar; die Opposition spricht von zwei Milliarden US-Dollar in vier Monaten. Es wurden hauptsächlich Nahrungsmittel importiert. „Die Revolution in Rumänien hat ihre Kinder nicht gefressen, weil ausreichend Fleisch eingeführt wurde“, meint der strategische Kopf der Revolution, Silviu Brucan, im Interview.

Bis Dezember 1989 war Rumänien das einzige sozialistische Entwicklungsland, das sich von den Auslandsschulden aus eigener Kraft befreien konnte. Die Dissoziationspolitik, das heißt der Abkoppelungsversuch vom Weltmarkt, scheiterte, weil auf dieser Basis keine ökonomischen Erfolge erzielt werden konnten. Das Land ist wieder auf dem besten Weg in Richtung „Dritte Welt“. Die Produktion, der Außenhandel und die Arbeitsmotivation sinken ohne das diktatorische Korsett unaufhörlich. Im Vergleich mit 1989 sind alle Produktionszweige im neuen Jahr rückläufig. Der Arbeitsdienst der Armee und die Zwangsarbeit der Bevölkerung sind eingestellt. Die offiziellen Angaben sprechen von einem Produktionsrückgang von 20%, die Opposition schätzt ihn auf 30%. „Unsere Wirtschaft arbeitet zur Zeit nur mit 70% der Kapazität, die sie noch vor einem Jahr hatte“, meint der Ökonom Virgile Stoenesco. Außerdem arbeiten 20% der Betriebe ohne Gewinn. Sie sind subventioniert und beschäftigen über 2 Millionen Arbeitskräfte, die in einer freien Marktwirtschaft arbeitslos wären.

Das Arbeiten verlernt

Eine brutale Einführung des Marktsystems, die sogenannte Schocktherapie, kann sich leicht ins Gegenteil verkehren, die Folge wäre ein Scheitern der liberalen Absichten und die Wiedereinführung des Dirigismus bzw. noch schlimmer, der Diktatur. Von Zentralwirtschaft, von Diktatur jedoch haben die RumänlInnen genug. Seit fünfzig Jahren sind sie zu Zwangswirtschaft und Entbehrungen gezwungen worden. Ihr Widerstand war die Arbeitsverweigerung und in weiterer Folge das Verlernen der Arbeit schlechthin. Der Staat bezahlte die Arbeit, ohne einen Ausgleich an Waren und Dienstleistungen anzubieten. Das Fazit war, daß die staatliche Autorität sank und die Parallelwirtschaft überhand bekam. Alle streben nach illegalen Geschäften.

Seit der Revolution kann man zwar sagen, was man will, und man bekommt sogar einen Paß. Das heißt aber noch lange nicht, daß sich in der Arbeitswelt etwas verändert hat oder daß Auslandsreisen in den Westen ohne konvertierbare Währung bzw. ohne Einladung von dort möglich wären. Wo soll man diesen Teufelskreis durchbrechen? Nach 50 Jahren Diktatur und Zentralwirtschaft hoffen alle auf die Sanierung der Landwirtschaft.

Im Frühjahr dieses Jahres ist in Rumänien eine ‚Mini-Agrarreform‘ durchgeführt worden. 3 Millionen Hektar sind an ebensoviele Bauern verteilt worden. In einigen Gegenden, besonders im Süden Rumäniens, gibt es noch Land zu verteilen, aber keine Bauern mehr. Freie Bauern, staatliche Agrarbetriebe und Genossenschaften sind zum Wettbewerb aufgerufen.

Mahnkreuze für die Toten auf dem Bukarester Universitätsplatz

Zurück in die Dörfer!

Die alte Elite in den Städten, aber auch ein Teil der neuen Intellektuellen und Industriearbeiter wollen die Bauern, die Ceausescu in die expandierenden Städte katapultiert hat, wieder in ihre Dörfer zurückdrängen. Welche Partei diese Aufgabe ohne Gewalt durchführen kann, steht noch in den Sternen. Bis jetzt gibt es jedenfalls keine Anzeichen dafür, daß die neuen Industriearbeiter wieder Bauern werden wollen.

Besonders die etablierten Intellektuellen sind für einen „Sozialen Dialog“, so auch der Name einer recht einflußreichen Gruppe in Bukarest. Das Verhältnis zwischen Land und Stadt in Rumänien beträgt 50% zu 50%, eine Sozialstruktur, die England schon um 1800 und Österreich um 1890 überwunden hatte.

Eine Szene auf dem Amzeimarkt im Zentrum von Bukarest macht den schärfer werdenden Konflikt zwischen Land und Stadt deutlich. Eine Schäferin verkauft Käse zu deutlich höheren Preisen als im Staatsladen. Der Unmut der Städter wird spürbar. Als ein Käufer den Preis nicht bezahlen will, droht die Lage unkontrollierbar zu werden. Wilde Schimpfduelle arten fast in eine Schlägerei aus. Die Staatsgewalt interveniert nicht. Die Konflikte zwischen Stadt und Land werden neuerdings frei ausgetragen.

Die Opposition

Frei ausgetragen wurden auch die ersten Parlamentswahlen in Rumänien seit über 40 Jahren. Die Vermutungen in der westlichen Presse, wonach Iliescu seine sagenhaften 85% bei den Präsidentschaftswahlen und 66% bei den Parlamentswahlen durch Betrug und Wahlschwindel erreicht hat, haben sich als haltlos erwiesen. Selbst die rumänischen Oppositionsparteien — die großen Verlierer des Wahlganges — haben die Fälschungstheorie ad acta gelegt. „Im ersten Moment habe ich an Schiebung geglaubt, dann sah ich die Resultate und wußte, daß wir die Schuld auch bei uns selbst suchen müssen“, meint der Pressebetreuer der Nationalen Bauernpartei. Und Gheorghe Voimea, Neo-Parlamentarier der Nationalliberalen, schätzt, daß ca. 10%-15% des Ergebnisses gefälscht waren. Der Wahlsieg der „Front zur nationalen Rettung“ steht außer Zweifel.

Warum die Opposition mit 6% für die Nationalliberalen und 2,5% für die Bauernpartei dermaßen schlecht abgeschnitten hat, erklärt sich nicht zuletzt aus der Sozialstruktur des Landes. Es gibt in Rumänien außerhalb der ungarischen Minderheit so gut wie keine Mittelklasse. Die Bauern und die erst vor einer Generation Proletarisierten aber haben Angst vor dem Liberalismus. Auf sie wirken die Verheißungen des Westens — anders als für die Menschen in Ungarn, der CSFR und im Baltikum nicht euphorisierend, sondern bedrohlich. Mit dem Wahlslogan der Nationalliberalen z.B. — „Freiheit, Eigentum, Wohlstand“ — kann in einer Gesellschaft, deren Mitglieder um die tägliche Existenz kämpfen, kaum irgendwer etwas anfangen.

Dazu kommt noch, daß die Führer der ‚Front‘ — Iliescu, Brucan und Roman als Männer der Revolution gelten. Sie waren, nicht wie die Oppositionsführer, jahrelang im Exil, sondern haben — als in ‚Ungnade‘ gefallene Parteimitglieder die Leiden des Volkes zumindest näher miterlebt als die Oppositionsführer Ratin und Campeanu in London bzw. in Paris.

Dem Leben im Exil ist es auch geschuldet, daß sowohl Ratiu als auch Campeanu eine Wahlkampfstrategie haarscharf vorbei an Gewohnheiten und Bedürfnissen der rumänischen Bevölkerung betrieben haben. „Ratiu wäre vielleicht fähig gewesen, Wahlen in England zu schlagen, aber nicht hier“, kommentiert der Aktivist Alin Braileanu den Mißerfolg seines Parteichefs. Der ist — tatsächlich völlig vorbei am rumänischen Alltag — in jeder TV-Show mit exzentrischen Mascherln aufgetreten und hat sich auch derart aufgeputzt an jeder Ecke von Bukarest plakatieren lassen.

Nicht viel besser Campeanu, dessen Konterfei, mit einem aus Brüsseler EG-Sternen zusammengesetzten Heiligenschein umgarnt, die Säulen und Wände der Innenstadt ziert.

Eine ganz andere Art von Opposition ging und geht von den Studenten aus. Seit Wochen halten ein paar Hundert von ihnen den im Zentrum gelegenen Bukarester Universitätsplatz besetzt. Dort herrschte noch bis knapp nach den Wahlen revolutionäre Stimmung, Blumen wurden verteilt, Gedichte verlesen.

Als antiherrschaftliche Kraft wenden sie sich gegen die alte kommunistische Nomenklatura und forderten — wie schon im sogenannten Timisoarer Appell — die Nichtzulassung früherer prominenter Parteimitglieder zu den Wahlen. Diese hauptsächlich gegen Präsident Ion lIliescu und Ministerpräsident Petre Roman gerichtete Forderung war allerdings mit dem überwältigenden Sieg der ‚Front‘ obsolet geworden.

Die Studenten demonstrierten dennoch weiter, ihre politischen Aussagen wurden jedoch zunehmend obskurer. Als dann am 24. Mai spät abends ein USamerikanischer ‚Volkstribun‘ von einer ‚Mittelamerikagesellschaft‘ vor 10.000 Demonstrant/inn/en indirekt dazu aufforderte, Iliescu und die seinen ins Schwarze Meer zu werfen und die Menge applaudierte, mußte man sich fragen, wie instrumentalisierbar die Studentenbewegung geworden war. „Gestern haben wir Nicaragua, Afghanistan und Angola befreit!“, schrie der Amerikaner ins Mikrophon, „und heute sind wir hier!“ Die Antwort der Menge — „SOS-Amerika! SOS-Amerika!“ — lehrte einen das Gruseln.

Neue Radikalität erhielt die Bewegung am 13. Juni, als Polizeieinheiten mit den 500 am Universitätsplatz verbliebenen Demonstranten kurzen Prozeß machen wollten. Die seit Monaten im rechtsfreien Raum gegen Staat und Obrigkeit — sprich Iliescu und seine ‚Front‘ — agierenden Studenten haben weder politisch, noch persönlich viel zu verlieren. Sie bezeichnen sich selbst stolz als ‚Golani‘, Landstreicher, Arbeitslose, eine Bezeichnung, mit der sie Iliescu im Wahlkampf diskriminieren wollte. Tatsächlich sind die meisten von ihnen arbeitslos und ohne Studienplatz, weil sie unter Ceausescu der restriktiven Bildungspolitik zum Opfer gefallen sind. Allein die Nahrungsbeschaffung bereitet ihnen seit Ende des Wahlkampfes — bis dahin sind sie von den konservativen und liberalen Oppositionsparteien bekocht worden — große Schwierigkeiten. Wo nichts ist, kann auch nichts gegessen werden. Zwischen Hunger und Revolte haben sie sich offensichtlich in blanker Verzweiflung für die „Fortführung der Revolution“ entschieden, wie es in der Sprache der Golani heißt.

Die rumänische Staatsgewalt steht den radikal antikommunistischen Demonstranten offen feindlich gegenüber. Ähnlich wie revoltierende Hungernde in Afrika und Lateinamerika werden die Golani von stahlbehelmten Truppen brutal zerschlagen. Der einzige Unterschied zwischen der Revolte in Rumänien und den vielen Revolten in der „3.Welt“ besteht darin, daß hier in Bukarest die Parolen des versuchten Aufstandes eine antikommunistische Diktion haben, während sie in Brasilien oder Algerien antikapitalistisch klingen. Der gesellschaftliche Hintergrund indes ist hier wie dort der gleiche: Es ist der Ruf nach Brot.

Drei Stunden warten für zwei Kilo Käse

Die Front

Die entscheidende politische Kraft ist die „Front zur nationalen Rettung“. Mit 66% der Stimmen verfügt sie über eine 2/3-Mehrheit im rumänischen Parlament. „Seit Jahren haben alle auf Ceausescu geschimpft. Jetzt hat Iliescu den Bonus“, kommentiert der Journalist Artur Silvestri den eindeutigen Sieg der Mitte-Links-Partei.

Schon im April 1989, also ein dreiviertel Jahr vor der Weihnachtsrevolution, soll sich — so die Gerüchtebörse die organisatorische Struktur der ‚Front‘ gebildet haben. Damals haben sechs höhere Parteifunktionäre einen Brief anonym an Ceausescu geschrieben, in dem sie seine Politik als „Verrat an den Ideen des Sozialismus“ brandmarkten. Iliescu und der Chefideologe Brucan waren mit von der Partie.

Die Revolution selbst ist bis heute ein nicht aufgeklärter Vorgang und wird es auch noch eine Weile bleiben. Manche sprechen von Putschplänen, die mit der Sowjetunion abgesprochen waren und denen sowohl der militärische Widerstand des noch unter Ceausescu hingerichteten Verteidigungsministers als auch die Timisoarer Revolution zuvorkamen.
Der Gerüchte gibt es viele in Rumänien. Fest steht, daß die heutige — mittlerweile demokratisch gewählte — Führung das bessere Ende für sich hatte. Und daß die ‚Front‘ im Wahlkampf als einzige erkannt hat, wonach sich die rumänische Bevölkerung jetzt sehnt: Nach Freiheit und sozialer Sicherheit.

„Viele Leute fürchten sich vor dem Kapitalismus, weil sie glauben, daß er ihr Leben noch verschlimmert“, meint der ‚Front‘-Sekretär des 1. Bukarester Bezirks. Eine junge ‚Front‘-Aktivistin macht deutlich, warum sie sich vor dem Liberalismus fürchtet: „Wenn jetzt hier die Subventionen gestrichen werden, verhungern die Leute. Die Front ist der Garant für eine minimale soziale Absicherung.“

Ob die ‚Front‘ eine sozialdemokratische Partei ist — für die sie sich selbst gerne ausgibt —, kann mit Sicherheit nicht behauptet werden. Ihr wirtschaftliches Programm sieht folgendermaßen aus: Schrittweise Einführung des Marktes ohne Kolonialprofite für den Westen. Brennstoffe, Lebensmittel und öffentlicher Verkehr werden weiterhin subventioniert. Privatisieren will die ‚Front‘ die Landwirtschaft und den Dienstleistungssektor, über Schlüsselindustrien soll weiterhin eine staatliche Kontrolle bestehen.

Ob das Programm realistisch ist, darf angesichts der angespannten wirtschaftlichen Situation im Lande bezweifelt werden. Allzu oft beobachtete Streitszenen in meterlangen Menschenschlangen, die für Öl, Käse oder Gemüse anstehen, lassen für die nahe Zukunft Schlimmes befürchten. Zu viele hungrige Mäuler könnten die vorderhand klug wirkende Politik der ‚Front‘ gefährden. Und wie schon aus vielen Beispielen in Ländern der „3. Welt“ bekannt, würden dann politischer Dirigismus und möglicherweise Diktatur erneut auf die Tagesordnung kommen.

Ob Iliescus Mischung aus Sozialdemokratie und Populismus eine solche Entwicklung verhindern kann, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob das Land am Balkan dem ökonomischen Druck aus Westeuropa und den USA standhalten kann. Die Verhinderung einer Kolonisierung Rumäniens betrachtet die ‚Front‘ als ein Gebot der Stunde, denn sonst — so scheint es — droht ein Pogrom der Unbrauchbaren, das Millionen von Arbeitern und Bauern zurück in die Dörfer und damit ins nackte Elend treiben könnte.

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