Grundrisse, Nummer 45
März
2013
Michael Seidman:

Gegen die Arbeit

Über Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris, 1936-1938

Mit einem Vorwort von Karl-Heinz Roth und Marcel van der Linden.
Heidelberg: Verlag Graswurzelrevolution, 2011, 477 Seiten, Euro 24,90.

Barcelona und Paris: Gegen die Arbeit

Die Volksfrontregierungen in Frankreich und Spanien von 1936 und die damit verbundenen Kämpfe gehören zu den großen und umstrittenen Ereignissen der Revolutionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Nach dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationalen 1935 versuchten die Kommunistischen Parteien klassenübergreifende Volksfronten gegen den europäischen Faschismus und japanischen Imperialismus zu schmieden. In Spanien unterstützte sogar die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT (Confederación Nacional del Trabajo) die Volksfront aus SozialistInnen, KommunistInnen und bürgerlichen Liberalen, die im Februar 1936 die Wahlen gewann. Nach dem vorerst gescheiterten Putschversuch rechtsgerichteter Teile des Militärs, geführt von General Franco, im Juli 1936, kam es vor allem in der Provinz Katalonien zur sozialen Revolution. Das Bürgertum floh aus Barcelona, die meisten Fabriken wurden in Folge von Arbeiterkomitees der CNT übernommen. Auf ihrem Höhepunkt hatte die CNT bis zu zwei Millionen Mitglieder in Spanien und ihre Hochburg war Katalonien.

In Frankreich gewann die Volksfront im Mai 1936 Wahlen und bildete bis Juni 1937 unter Führung des Sozialisten Leon Blum eine Regierung, die von der KPF im Parlament unterstützt wurde. Als Reaktion auf Generalstreik und illegale Fabrikbesetzungen führte die Volksfrontregierung die 40-Stundenwoche sowie zwei Wochen bezahlten gesetzlichen Urlaub ein, was damals in Europa eine große Errungenschaft darstellte. Das französische Bürgertum war aber stärker als das spanische; bis auf die Verstaatlichung der Rüstungsindustrie blieb die kapitalistische Eigentumsordnung unangetastet. Oft wurde in der Linken später diskutiert, wer die spanische oder französische Revolution verraten haben soll oder ob es in diesen Ländern damals überhaupt eine revolutionäre Situation gab. Die zentrale Streitfrage bezüglich des spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) ist bis heute, ob die soziale Revolution die Voraussetzung für die Gewinnung des Krieges gegen die FaschistInnen war oder ob erst in einem möglichst breiten Bündnis und einer zentralisierten Armee der Krieg gewonnen werden musste, um an die Möglichkeit einer sozialen Revolution überhaupt denken zu können.

Michael Seidman, Professor an der University of North Carolina (Wilmington), wählt in seinem Buch Gegen die Arbeit einen ganz anderen Zugang: Er untersuchte Arbeitskonflikte auf der Betriebsebene und die Rolle der Gewerkschaften in Paris und Barcelona zwischen 1936 und 1938. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die ArbeiterInnen die neu gewonnen Freiheiten dazu nutzten, sich den Zumutungen der Lohnarbeit zu entziehen und weniger arbeiteten als zuvor sowie die Produktivität senkten. Außerdem kam es trotz linker Regierungsbeteiligungen weiter zu Streiks. Er argumentiert, dass die FunktionärInnen, sowohl der kommunistisch-dominierten Gewerkschaft CGT (Confédération générale du travail) in Frankreich als auch der spanischen CNT, glaubten, dass Arbeiterbeteiligung und die Demokratisierung der Fabrik zu einer Rationalisierung und Steigerung der Produktivität führen würden. Dabei liebäugelten sogar einige mit den Management-Ideen von Henry Ford oder dem Traum von Autostädten.

Da die Macht der UnternehmerInnen geschwächt war, konnten CGT und CNT in Teilen der Industrie über die Einstellungen von ArbeiterInnen entscheiden, was auch die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften besonders attraktiv machte. Die Mitgliederzahlen der CGT wuchsen z.B. von 800.000 (1935) auf 4 Millionen (1937) an (S.449). Die Disziplinlosigkeit von ArbeiterInnen wurde in Folge zum direkten Problem der Gewerkschaften. In Frankreich appellierte die CGT, die Produktion müsse wegen Rezension und Kriegsgefahr gesteigert werden. (Im März 1936 waren die Truppen Nazideutschlands in das entmilitarisierte Rheinland einmarschiert.) UnternehmerInnen und liberale BündnispartnerInnen übten dagegen Druck auf die Regierung aus, die 40-Stundenwoche wieder abzuschaffen. Das Festhalten der ArbeiterInnen an der verkürzten Arbeitswoche trug zur Sprengung der Regierungskoalition bei, so Seidman. „Die Volksfront war wegen ihrer Ausweitung der Freizeit beliebt und es war kaum überraschend, dass ihr Ende von Arbeiteraktionen gegen die Erhöhung der Arbeitszeit ausgelöst wurde“ (S. 422). In Spanien wollten trotz des Bürgerkrieges zwischen der Republik und den Putschisten 1936 und 1937 viele Arbeiter in Barcelona nicht auf den Sommerurlaub verzichten (S. 219). Schließlich unterstützte auch die CNT Disziplinierungsmaßnahmen gegen ArbeiterInnen wie die Einführung von Arbeitszertifikaten. Die Konflikte in Paris und Barcelona gelten Seidman als Beispiel für ArbeiterInnenwiderstand gegen die Zwänge des Arbeitsraumes und der Arbeitszeit. Er macht die oft verdeckten Formen des alltäglichen Widerstandes in den Betrieben sichtbar.

Seidmans Buch stützt sich auf reiches Quellenmaterial, vor allem auf Dokumente von Betriebsversammlungen, aber auch Berichte von UnternehmerInnen. Die englische Fassung des Buches erschien schon 1991 bei University Press of California. Es ist der Verdienst des Verlages Graswurzelrevolution und der ÜbersetzerInnen, dass die innovative Studie jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Interessant ist, dass Seidmans Kritik die kommunistischen und anarchistischen Gewerkschaften gleichermaßen trifft. Es ist auch eine indirekte Kritik am Linkskommunismus, der oft den Eindruck erweckt, alles löse sich in Wohlgefallen auf, wenn ArbeiterInnenkomitees in den Betrieben die Macht übernehmen. Der Rückgang von Produktivität wird dann immer mit dem Eingreifen von bösen ParteifunktionärInnen erklärt, durch das die ArbeiterInnen ihren Enthusiasmus verlieren würden. Seidmans Buch gibt indirekt auch orthodoxen KommunistInnen Argumente in die Hand, die behaupten, dass in Spanien die Republik den Bürgerkrieg gegen den Faschismus auch deshalb verloren habe, weil AnarchistInnen die Versuche der Zentralisierung von Armee und Produktion sabotiert hätten. Haben nicht auch ArbeiterInnen den Kampf gegen den Faschismus verraten, wenn sie sich 1937 weigerten, auf den Sommerurlaub zu verzichten, während Zehntausende GenossInnen in den Streitkräften der Republik und Internationalen Brigaden an der Front starben?

Seidmans Argumente regen zum Nachdenken an, allerdings sind sie nicht vollständig überzeugend: Haben wirklich Millionen organisierte ArbeiterInnen in Paris und Barcelona nur ans Blaumachen und Bummeln gedacht oder waren nicht einige auch von den großen Zukunftsvisionen des Kommunismus und Anarchismus beeinflusst? Im Vorwort von 2011 lobt Seidman die „gesunde Skepsis der einzelnen Lohnabhängigen gegenüber verschiedenen Ideologien – Nationalismus, Faschismus, Sozialismus, Kommunismus und Anarchosyndikalismus, die sie beziehungsweise ihn davon überzeugen wollen, sich für eine Sache zu plagen“ (S.16). Existieren diese Ideologien nur außerhalb der Individuen und Klassen? In Seidmans Buch erscheint es, dass nur die FunktionärInnen an das große Ganze dachten, während die ArbeiterInnen nur individuellen Interessen nachgingen. Das scheint fast wie Lenins These aus „Was tun?“, der sagte, dass ArbeiterInnen von sich heraus nur gewerkschaftliches Bewusstsein entwickeln könnten. Seidman ist natürlich kein Leninist und steht in diesem Konflikt wohl eher auf der Seite der bummelnden ArbeiterInnen. Die binäre Gegenüberstellung von ArbeiterInnen und FunktionärInnen erscheint im Buch oft künstlich.

Fragwürdig ist auch eine Analyse der Situation in Barcelona, die den Bürgerkrieg nur am Rande erwähnt. Der spanische Bürgerkrieg war damals der größte militärische Konflikt in Europa nach dem 1. Weltkrieg und kostete über 500.000 Menschen das Leben. Auf der Seite Francos standen das faschistische Italien und Nazideutschland, die Waffen und Elitentruppen für den kommenden Weltkrieg probten. Die zeitweilige Regierungsbeteiligung der CNT und auch die Notwendigkeit in manchen Fällen gegen die eigene Basis handeln zu müssen, ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Zentral für die Bildung und das Ende der Volksfronten in beiden Ländern war auch die Außenpolitik der Sowjetunion. Wurden die großen weltpolitischen Ereignisse in den Betrieben damals nicht diskutiert oder hat sich Seidman beim Lesen der Protokolle dafür nicht interessiert?

Pflichtlektüre für alle, die sich für die Geschichte der linken Bewegungen interessieren, ist Gegen die Arbeit dennoch. Es macht nachdenklich, wenn ArbeiterInnen neue Freiräume (aus)nutzen, um sich der Arbeit zu entziehen und damit die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums für alle schmälern, statt zu Sitzungen der Fabrikkomitees zu gehen. Die Frage, wie eine Gesellschaft ohne Zwang und die Androhung von Arbeitslosigkeit, Produktivität und ein Mindestmaß an Disziplin auf Dauer aufrechterhalten kann, ist in der Praxis bisher noch unbeantwortet. Ohne sich zu plagen, wird es wohl nicht gehen.

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