Robert Zöchling
Dezember
1991
Versatz

Geister-Austreibung

„Im Bewußtsein der bedeutenden Rolle der Universitäten für die Zukunft unseres Landes“ hat sich das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung ein „Reformkonzept: Die neue Uhniversitätsstruktur“ ausgedacht. Das Konzept selbst wie auch die eher flach dümpelnde als hohe Wellen schlagende Diskussion darüber zeigen aber vor allem eines: daß es ein ausgeprägtes „Bewußtsein der bedeutenden Rolle der Universitäten“ erstens für die Zukunftund zweitens für unser Land nicht gibt.

Es ist schlechterdings eine Voraussetzung für das Entstehen dieses Konzepts, daß den Universitäten ihre traditionelle Bedeutung abhanden gekommen und eine zukünftige nicht erkennbar ist. Wäre es anders, so würde eine Diskussion über die Struktur der Universitäten mit einer Debatte über deren gesellschaftliche Aufgaben untrennbar verknüpft sein.

Das Busek-Papier selbst ist entgegen der versuchten Suggestion des ersten Satzes der Präambel kein Versuch der Wiederbelebung der Universität als bedeutende gesellschaftliche Institution, sondern ein Konzept für den Umgang mit Leichenteilen.

Wie die Universität ihre traditionelle Bedeutung für „das Land“ verlor, darüber gibt Klaus Heinrich, Mitbegründerder Freien Universität Berlin, ausführlich Auskunft: [*] Der Staat als ein Instrument nicht so sehr bestimmter Einzelinteressen im Kapitalismus, sondern der Gesamtinteressen dieser Gesellschaftsordnung, bedarf in immer geringerem Maß des Geistes der Universität zur Ideologiebildung und Repräsentation. Heinrich spricht von einer „realhistorischen Veränderung von noch gar nicht absehbarer Reichweite: der Einführung einer nicht länger der symbolischen Repräsentation bedürftigen flächendeckenden Herrschaftsmacht und Kontrolle“ — die bereits in den 60er Jahren recht gut funktionierte: „Daß der Aufruhr, den jene Studentengeneration in die Universitäten brachte, dem Staat nicht ungelegen kam, ihn vielmehr zur schnellen Durchsetzung seines technokratischen Reformmodells befähigte, machte symptomatisch einen sehr viel weiter reichenden Zusammenhang klar: das Bedürfnis, sich des Geistes der Universitäten zu versichern, war bereits erloschen. Nicht mehr ein Gegen-Geist, sondern bloß noch die Funktionsstörung, der Sand im Getriebe wurde wahrgenommen — jedenfalls dort, wo nicht erotische Beziehungen zur Alma Mater auch den Blick der Reformer trübten und sie dem Ideal einer demokratischen Erneuerung der Universität, wieder einmal einer von Grund auf, nachjagen ließen. Aber derartige Ideale verflogen schnell oder blieben doch nur als, mit Hegels Wort, der Eigensinn zurück, den der ins Private rückgewendete Anteil des ehemals Allgemeinen, Allgemeinverbindlichen behauptet.“ Die Hochschulpolitik der gegenwärtigen österreichischen Bundesregierung markiert das endgültige Ende solchen Eigensinns. Der Geist soll nun vollends denen ausgeliefert werden, die damit zwar am allerwenigsten anfangen können, aber: „Der Ort der geistigen Präsenz ist heute die analphabetische Massenpresse ..., sie ist das Zerrbild der täglich sich erneuernden Universalität, die eine Universität nicht mehr herzustellen vermag, und hält ihr den Spiegel vor, ähnlich wie, seit der Departementalisierung des Bildungsbegriffs, die Halbbildung der Bildung.“ Die Universität, endlich vom Geist befreit, kann nun als Wissenschaftsbetrieb zur Marktfähigkeit geführt werden. Bilden wir aus einschlägigen Elementen des vorliegenden Strukturreform-Konzepts eine sinnfällige Stichwortkette: Zuteilung von „Globalbudgets“ an die einzelnen Universitäten durch den Wissenschaftsminister — Aufforderung an die Universitäten, „nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten ihre finanzielle und sachliche Ausstattung durch Akquirierung von Drittmitteln ... zu verbessern“ — „autonome“ Zuteilung von Budgetmitteln und (teilweise) Personal durch das Universitäts-„Präsidium“ an die Fakultäten und Studienrichtungen „Evaluierung des Mitteleinsatzes durch die Universitäten“ und „Evaluierung der Qualität von Forschung und Lehre im Zusammenwirken mit der jeweiligen Universität“ durch den Minister (Variante II: durch die „Universitäten-Holding“) — neuerliche Zuteilung eines Globalbudgets im nächsten Jahr (wobei die „Evaluierung“ wohl eine nicht näher bezeichnete Rolle spielen wird). Die Universität, die sich der Logik dieses Vorganges entzöge, müßte schon über ein enormes Maß an Hegelschem Eigensinn verfügen. Auch wenn es sich gerade nicht um Drittmittelforschung handelt, steht nicht mehr „das Bewußtsein ihrer selbst, das die Universität der Gesellschaft geben könnte, so daß deren demokratischer und dieser ihr szientifischer Fortschritt letztlich einer sind“ auf dem Spiel, sondern „Verweildauer, Semesterwochenstunden, Kapazitäten“. Und „statt sich Gedanken zu machen, was z.B. die Aufgabe einer Universität sein könnte, wird geforscht“. Also: „Die Forschung und das Forschungsvorhaben, die Planung und die planerische Effizienz“ statt „Bedeutung“ — für „die Wirtschaft“ wohl eher als für „unser Land“ und ein ministerielles Bewußtsein ist weitgehend verzichtbar — außer für eine Präambel vielleicht.

Wenn die Universität als Institution ihren Geist aushaucht, wird dann auch jener Gegen-Geist verzichtbar, von dem vorhin die Rede war? Sicher nicht: Er wird sich als Geist gegen eine geistlose Herrschaft behaupten müssen. An diesem Punkt — und ich halte mich nicht für paranoid — muß ich stets an François Truffauts Film „Farenheit 451“ denken: Julie Christie als Mitglied einer Widerstandsorganisation in einer Gesellschaft, in der das Lesen zum revolutionären Akt geworden und staatlich verboten ist (Farenheit 451 ist der Flammpunkt von Papier): Sie treffen sich im Wald, um Bücher auswendig zu lernen. Und Oskar Werner als dem Konsum frönender Feuerwehrmann, der zufällig hineingezogen wird und im Verlauf des Films auch begreift. Aber noch müssen wir ja nicht in den Wald flüchten: Noch gibt es Geister — selbst kritische — an den Universitäten (wo sie allerdings schon jetzt um die notwendigsten Ressourcen ringen müssen), in Arbeitskreisen, wissenschaftlichen Vereinen, Verlagsprojekten (wo allerdings die Ressourcenkrise auch der Dauerzustand ist). Wir werden uns bei der Formierung dieses Geistes zu gesellschaftlicher Kraft künftig noch weniger auf die Universität beziehen können, sondern uns entschiedener auf ein ungewisses Feld außerhalb dieser Institution begeben müssen. Überlassen wir auch das Schlußwort, für seinen Beitrag dankend, Klaus Heinrich: „Das Ende der Universitätsutopie ist beileibe nicht das Ende der Utopien. Ein institutioneller Abschnitt unserer Wissenschaftsgeschichte ist vorbei. Vielleicht gewinnen wir einen klareren Kopf, wenn wir nicht länger den Geist einer Institution zu retten versuchen, sondern uns selbst.“

[*Klaus Heinrich: Zur Geistlosigkeit der Universität heute. Vortrag, gehalten im Rahmen einer Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Studienberater an der Universität Oldenburg im März 1987. Zitiert nach der Veröffentlichung in „Das Argument“ 173/1989. Alle — im weiteren nicht näher bezeichneten — Zitate von Klaus Heinrich stammen aus diesem Text.

aus: Juridikum 5/91, Seite 48

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